A. Krieg 1870/71 – Reichsgründung

A. DEM SIEGREICHEN DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN KRIEG VON 1870/71, IN DEM AUS DER GROßEN SCHAR DER INS FELD GERUFENEN SÖHNE WIMPFENS SECHS IHR LEBEN GEBEN MÜSSEN UND IN DER FÜR FRANKREICH VERLOREN GEHENDEN UMFASSUNGSSCHLACHT BEI SEDAN MIT DEM UNGLÜCKLICH AGIERENDEN „SEDANGENERAL“ EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN EIN ANGEHÖRIGER DES DAMALS ÜBER VIELE STAATEN EUROPAS VERBREITETEN ADELSGESCHLECHTES DERER VON WIMPFFEN IN DAS BEWUSSTSEIN DER MENSCHEN UND GANZ BESONDERS DES NAMENSGLEICHEN HESSISCHEN KLEINSTÄDTCHENS WIMPFEN TRITT, ENTWÄCHST DIE VEREINIGUNG DER LÄNDER DEUTSCHLANDS DURCH DIE GRÜNDUNG DES DEUTSCHEN KAISERREICHES UNTER FÜHRUNG PREUßENS; UND IN DEREN GEFOLGE FINDEN DIE ERSTEN REICHSTAGSWAHLEN STATT UND KOMMT ES ZU EINER INITIATIVE ZUR BESEITIGUNG DES ALS URSACHE FÜR DIE STAGNATION WIMPFENS ANGESEHENEN EXKLAVENVERHÄLTNISSES DURCH DIE EINGLIEDERUNG IN DEN NACHBARSTAAT WÜRTTEMBERG BEI ZUERKENNUNG DES CHARAKTERS EINER BEZIRKSSTADT, DIE JEDOCH IN DEN ANFÄNGEN STECKEN BLEIBT.

  1. Anders als im Österreich-Preußischen Krieg von 1866 finden im siegreichen Krieg der Länder des Norddeutschen Bundes und der Staaten Süddeutschlands gegen den „Erbfeind jenseits des Rheins“ Frankreich drei der als hessische Soldaten unter der Führung des Prinzen Ludwig von Hessen in den Kampf gezogenen Söhne Wimpfens in der verlustreichen Schlacht bei Gravelotte den Tod und sterben drei solche an den Folgen der in demselben erlittenen Strapazen.

Nunmehr gilt es, an Ludwig Frohnhäusers seherisch anmutender Eintragung in der Pfarrchronik der Evangelischen Kirchengemeinde des Jahres 1866 anzuknüpfen (siehe diese Ende des Bandes 2 auf Seite 633 sowie in der letzten der dortigen Abbildungen Nr. I 2, Seite 635 unten) und damit zu zeigen, dass dieser den vier Jahre danach ausgebrochenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 vorausgeahnt hat. Und wie dort bereits oben auf Seite 530 berichtet, hat dieser das Vorwort seiner in der Zeit dieses Krieges erschienenen „Geschichte der Reichsstadt Wimpfen“ mit der für die Menschen dieser Zeit erinnerungsträchtigen Eintragung „Am Tage der Kapitulation Straßburgs. 1870“ versehen. Damit ist der 27. September 1870 gemeint. Über den Beginn und den Ausgang dieses für die Deutschen siegreichen Krieges erfahren wir aus der Chronikeintragung dessen Nachfolgers Stadtpfarrer und Dekan Wilhelm Scriba[1] Folgendes:

„Auf dieses Jahr kann, wie unser ganzes deutsches Volk, so auch insbesondere die Gemeinde Wimpfen nur mit dem innigsten Dank gegen Gott zurückblicken. Was der Herr Großes gethan hat dem deutschen Volk in dem Kriege gegen den Erbfeind jenseits des Rheins ist hier nicht zu verzeichnen, denn das gehört der Weltgeschichte an. Aber eine große Bangigkeit herrschte in Wimpfen, nachdem der Krieg erklärt war, denn Niemand zweifelte, daß Süddeutschland und also auch unsere Gegend, den ersten Anprall der Franzosen auszuhalten hätten und die Schrecken des Krieges erfahren würden. Als dann am 30 und 31 Juli große Truppendurchzüge mit der Eisenbahn, täglich 12 große Bahnzüge, statthatten, als die ersten Siegesnachrichten über die Schlachten bei Wörth, Spichern etc. eintrafen, da wurden die schweren Herzen wieder leichter und der Geist demüthiger Buße, der an dem Kriegsbettag am 27 Juli in feierlichem und besuchten Gottesdienst sich kundgethan hatte, durfte sich nun zu aufrichtigem Dank gegen den barmherzigen Gott heben.“

Dass der Chronikschreiber Frankreich als „den Erbfeind jenseits des Rheins“ bezeichnet und von der bangen Erwartung der Menschen berichtet, jetzt nach fast sechs Jahrzehnten der Verschonung wieder von den Schrecken des Krieges unmittelbar getroffen zu werden, geht zum einen auf die Rolle Frankreichs als Feind und Tod und Zerstörung bringender Aggressor in den Zeiten von König Ludwig XIV. und von Napoleon I. zurück. Zum anderen wurde Frankreich durch die am 19. Juli 1870 von seiner Seite gegenüber Preußen erfolgte Kriegserklärung als Verursacher des Krieges angesehen, wenngleich der Kanzler des Norddeutschen Bundes Otto von Bismarck durch seine Unterstützung der Kandidatur der Hohenzollern-Sigmaringer (katholischen) Linie auf den Königsthron Spaniens sowie durch die von ihm verkürzte und dadurch verschärfte sowie in Extrablättern verbreitete sog. Emser Depesche die Kriegserklärung durch Frankreich bewusst provoziert und somit die kriegerische Auseinandersetzung mit dem als Bedrohung empfundenen Nachbarland als Mittel der angestrebten Vereinigung der Länder Deutschlands unter preußischer Führung bei Ausschluss Österreichs ins Kalkül genommen hatte. Und dass im in den ersten Augusttagen beginnenden Krieg anstatt des allgemein befürchteten Einfalls der französischen Truppen in südwestdeutsches Gebiet erste Siegesmeldungen der von den in drei Armeen aufgegliederten und von der Pfalz aus über die Grenze Richtung Metz und Straßburg vordringenden deutschen Truppen gewonnenen Grenzschlachten (4. August: Weißenburg im Nordelsass; 6. August: Wörth am Rhein im Unterelsass sowie Spichern in Nordlothringen) eintrafen, ist im Zusammenwirken folgender begünstigender Umstände zu suchen:

  1. Die seit 1866/67 in geheimen Schutz- und Trutzbündnissen mit dem Norddeutschen Bund stehenden süddeutschen Staaten (Großherzogtum Baden, Königreich Württemberg, Königreich Bayern) traten auf die Seite des Norddeutschen Bundes, wozu auch die nicht in diesen vor allem wegen dem von Kaiser Napoleon III. an der Mainlinie Halt gebotenen Vereinigung der Länder Deutschlands einbezogenen hessen-darmstädtischen Provinzen Rheinhessen und Starkenburg (mit u. a. Wimpfen) gehörten. Somit wurden diese Provinzen laut Verordnung des Großherzogs Ludwig III. sowie der Regierung vom 22. Juli 1870 ebenfalls als im Kriegszustand befindlich erklärt. Daraufhin beschloss der Gemeinderat der Stadt Wimpfen auf der Grundlage des unmittelbar danach eingegangenen Mobilmachungsbefehls und der Bekanntgabe des Gesetzes über einzubringende Kriegsleistungen durch das Kreisamt am 27. Juli, im Falle von Einquartierungen der Gemeinde obliegende Naturallieferungen an Brot und Fleisch vorläufig selbst zu beschaffen, anstatt diese von der Militärverwaltung gegen Bezahlung zu beziehen.
  2. Die mit Erfolg angezielte Mobilmachung in kürzester Frist wurde, wie das laut Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde am 30. und 31. Juli jeweilig durchfahrende Dutzend Bahnzüge spüren lässt, insbesondere durch die seit langem vorbereitete Beförderung der Truppen mit der Eisenbahn bewerkstelligt. Nur so ist es auch zu verstehen, dass im August 1870 im nordwestlich der Stadt gelegenen ehemaligen alten Salinehaus ein Lazarett eingerichtet wurde, in dem 8 leichverwundete fremde Soldaten bis zum Spätherbst bis zu ihrer vollen Gesundung verpflegt wurden. Aus dem Bezirk Wimpfen mussten im gesamten 66 Mann Felddienst leisten, darunter großteils eigens dazu „eingezogene“ sog. Reserve- und Landwehrmänner, von denen z. B. die Frauen von LUDWIG KAUTTER, WILHELM STAUDINGER, FRIEDRICH WEYHING und KARL MÜNCH vom Tage des Ausmarsches an bis zur Rückkehr ihrer Männer eine wöchentliche Unterstützung von je 2 fl 30 kr von der Gemeinde zugewiesen bekamen. Das durch den Klingelbeutel erhobene Kirchenopfer ab August wurde für die im Kriege Verwundeten und die Angehörigen derselben bestimmt, wie überhaupt nach Angabe des Chronisten der Evangelischen Kirchengemeinde noch andere Leistungen zur Linderung der Kriegsnot sehr reichlich ausgefallen sind. Hinzu kamen noch 10 Mann, die sich „in Garnison“, d. h. in Ausbildung befanden, welche die Mehrzahl der Männer nach dem Erreichen des 20. Lebensjahres abzuleisten hatte.
  3. Keiner der deutschen Staaten besaß ein sog. Stehendes Heer (Berufsheer), sondern es bestand dort für diese überall die sog. allgemeine Wehrpflicht. Somit besaß die Mehrzahl der zum Kriegsdienst Herangezogenen eine militärische Ausbildung. Dieses System machte es möglich, in kürzester Zeit das für einen großen Krieg benötigte Massenheer aufzustellen. Ganz im Gegensatz hierzu setzte Frankreich auf ein Stehendes Heer (Kaderheer), das nach der Wehrreform vom Herbst 1866 die Zahl von 400.000 gut ausgebildeten und z. T. durch Einsatz in den afrikanischen Kolonien auch kriegserfahrenen Berufssoldaten umfasste. Zwar sollte eine ebenso starke Reserve und Nationalgarde hinzutreten. Doch blieb die ausgebildete Reservetruppe klein, so dass dieses System für die rasche Bildung eines Massenheeres nicht geeignet war. Die allgemeine Wehrpflicht verlieh im Verein mit dem Vorhandensein eines Kernes von Berufsoldaten, welche die Führungsränge einnahmen und, was die Offiziersstellen angeht, sich aus dem Adel rekrutierten, den Heeren der deutschen Staaten eine gewisse Überlegenheit.[2]
  4. Das unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie sowie Chefs des Generalstabes HELMUTH VON MOLTKE (* am 26. Oktober 1800 in Parchim/Mecklenburg – † am 24. April 1891 in Berlin) stehende deutsche Heer war weit besser geführt als das französische Heer. Moltke hatte wesentlichen Anteil an den preußischen Siegen im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 gehabt und galt als genialer Stratege, der z. B. schon früh die entscheidende Bedeutung des modernen Transport- sowie Nachrichtenmittels der Eisenbahn und des Telegrafen für die Beförderung und die Lenkung der großen Heere erkannt hat. Sein berühmtes Motto lautete: „Erst wägen, dann wagen.“ Während der verlangsamt-zögerliche Aufmarsch der französischen Hauptarmeen lediglich im Bereich des von der ersten deutschen Armee verteidigten Saarlandes mit der vorübergehenden Eroberung von Saarbrücken am 02. August erfolgreiche Angriffe brachte, war es Moltkes von Erfolg gekröntes Ziel, raschestens den Angriff weiter südlich im Bereich der zweiten und dritten Armee über Metz/Lothringen und Straßburg/Elsass in Richtung Paris zu führen.

Dass hier mit

  • Abb. A 1: Helmuth von Moltke in der Uniform des Generals der Infanterie[3]

sogar ein Konterfei dieses viel gerühmten und viel bewunderten Feldherrn präsentiert ist, wird erst an späterer Stelle verständlich werden.

Die hessischen Truppen bildeten die 25. Division. Diese stand unter der Führung von GENERALLEUTNANT PRINZ LUDWIG (des späteren GROßHERZOGS LUDWIG IV. ab 1877) VON HESSEN und bildete zusammen mit der dem Generalleutnant von Wrangel unterstellten 18. Division das unter dem Kommando von GENERAL VON MANSTEIN stehende IX. Armeekorps, an dessen Kämpfen das hessen-darmstädtische Kontingent „rühmlichen Anteil“ nahm.[4]

Für diese und damit auch für die meisten Kriegsteilnehmer aus Wimpfen stellte die ganz besonders verlustreiche Schlacht bei Gravelotte und St. Privat de la Montagne vom 18. August 1870 die wohl schwerste Prüfung des Deutsch-Französischen Krieges dar. Die namengebende französische Ortschaft, um welche die Hauptmasse der französischen Armee lagerte, findet sich im Département Moselle in der Region Lothringen, rund 15 km westlich der Stadt Metz. Dort griffen unter dem Oberbefehl von KÖNIG WILHELM VON PREUßEN um die 170.000 Deutsche mit 732 Geschützen rund 90.000 unter dem Befehl von MARSCHALL FRANÇOIS ACHILLE BAZAINE stehende Soldaten der französischen Rheinarmee mit 520 Geschützen an. Die schlimmen Gesamtverluste an Verwundeten und Toten dieser mörderischen Schlacht sollen auf deutscher Seite rund 900 Offziere und rund 19.000 Mann, davon 310 bzw. 3.905 Mann an Gefallenen, auf französischer Seite an Toten und Verwundeten rund 11.500 Mann gekostet haben.[5] In Anspielung auf den schweren gegenseitigen Beschuss, wo das französische Chassepotgewehr mit seiner überlegenen Reichweite und die gefürchtete französische Schnellfeuer-Wunderwaffe, die Mitrailleuse („Kugelspritze“), gegen das preußische Zündnadelgewehr sowie beidseitig unzählige Geschütze der Artillerieeinheiten aller Kaliber gegeneinander Verderben spieen, ließen in Frankreich nach diesem grausigen Schlachtengeschehen die folgenden beiden Redewendungen entstehen, die vor allem verwendet wurden, wenn es besonders heftig regnete: „Ça tombe comme à Gravelotte“ bzw. „Ça pleut comme à Gravelotte“ („Das kommt runter …“ bzw. „Es regnet wie bei Gravelotte“).[6]

Nach zähen Kämpfen, in denen die Deutschen bei nach vorgefasstem Plane herbeigeführter verkehrter Front sich in Richtung Ost über meist aufsteigendes Plateau-Gelände gegen den großteils auf den Höhen, in Fermen (alleinstehenden Bauerngehöften) und Ortschaften verschanzten Feind vorkämpfen mussten, gelang es diesen, die Franzosen zurückzuwerfen. Dadurch wurde diesen alle Wege nach Westen versperrt und konnte die Belagerung der Festungsstadt Metz begonnen werden, die fünf bis sechs Wochen später vom 20. August bis 27. Oktober ging und mit einer vernichtenden Niederlage der dort eingeschlossenen französischen Truppenteile endete.

Was den Einsatz der Großherzoglich-Hessischen 25. Division in dieser Schlacht betrifft, so findet sich dieser in Band 1 des großartigen dreibändigen Werkes des deutschen Schriftstellers THEODOR FONTANE, „Der Krieg gegen Frankreich 1870 – 1871“ ausführlich beschrieben:[7] Hiernach hatten am 18. August von den drei Brigaden derselben zwei heftige und verlustreiche Gefechte im und nördlich vom Bois de la Cusse zu bestreiten, der infolge seiner Lage zwischen dem rd. 10 km südsüdwestwärts entfernten Gravelotte und dem rd. 5 km nordnordostwärtig gelegenen St. Privat de la Montagne und damit an der linken Flanke der Mittelzone des Schlachtgeländes lag. Es handelte sich um die 49. Brigade des Majors von Wittich (bestehend aus dem 1. Hessischen Leib-Garde-Regiment unter Oberstleutnant Coulmann, dem 2. Hessischen Infanterie-Regiment unter Oberst Kraus und dem 1. Jäger-Garde-Bataillon unter Major Lautenberger) sowie um die 50. Brigade unter Oberst von Lyncker (bestehend aus dem 3. Hessischen Leib-Regiment unter Oberstleutnant Stamm, dem 4. Hessischen Infanterie-Regiment unter Oberst Zwenger und dem 2. Jäger-Leib-Bataillon unter Major Winter), dazu noch um 2 Abteilungen Hessischer Feldartillerie und dem halben Feldartillerie-Regiment Nr. 9 (5 Batterien). Das Ziel des Einsatzes war die Einnahme des von General L’Admirault verteidigten und nahe der Südostspitze des Bois de la Cusse gelegenen Ortes Amanvillers im Verein mit der 35. Infanteriebrigade (36. Magdeburgisches Füsilier- und 84. Schleswigsches Infanterie-Regiment) und einem Teil der 36. Infanterie-Brigade (85. Holsteinisches Infanterie-Regiment sowie 9. Lauenburgisches Jäger-Bataillon) unter dem bereits o. a. Generalleutnant von Wrangel.

In der

  • Abb. A 2: Kartenskizze zum Haupt-Einsatzgebiet der hessischen 49. und 50. Division in der Schlacht bei Gravelotte und St. Privat de la Montagne am 18. August 1870 mit dem im Zentrum des Kampfgebiets gelegenen Bois de la Cusse und dem diesem nahen Amanvillers (Kolorierung und ergänzende Beschriftung durch den Verfasser)[8]

lässt sich, was die Landstriche und Orte angeht, die nachstehend gegebene Schilderung des schrecklichen Schlachtengeschehens nachverfolgen. Aus einem Bericht der „Bad Wimpfener Zeitung“[9] zum Tod des letzten damals sog. „Altveteranen“ des Krieges von 1870/71  FÖRSTER I. R. ADOLF GROßLAUB im Alter von 92 Jahren von ausgangs April 1938 kann entnommen werden, dass dieser nach seinem Militärdienst der Jahre 1867 bis 1868 an den dortigen Gefechten als Angehöriger der 3. Kompanie des o. a. 2. Hessischen Jäger-Leib-Bataillons als Teil der 25. (Großherzoglich Hessischen) Division teilgenommen hat.

Die Verbände der 25. Division hatten gegen 9 Uhr früh linkerhand der oben beschriebenen Truppenteile der 18. Division die Caulre Ferme (anderswo: Cautre Ferme – siehe im Plan ganz unten links) erreicht und um 10 ½ Uhr rückten die letztgenannten Verbände, gefolgt von den erstgenannten, Richtung Verneville. Dabei umging die 25. Division fast den ganzen Südrand des Bois Doseuillons, schwenkte dann kurz vor Verneville nach links und passierte schließlich jene auf Anoux la Grange hinführende waldtorartig sich zwischen den beiden Waldungen öffnende Lichtung. Während von dort aus 5 Batterien der Divisions-Artillerie avancierten und zwischen Habonville und dem Bois de la Cusse Aufstellung nahmen, schwenkten die beiden Brigaden jetzt nach rechts Richtung Armanvillers aus. Während die 49. Brigade in den kaum 500 Schritt breiten Raum zwischen dem Wäldchen und dem nordwärtig sich hinziehenden tiefen Einschnitt der Eisenbahn Metz-Verdun vorrückte, schob sich die 50. Brigade als linke Flankendeckung der bereits im Feuer stehenden Korps-Artillerie in den Bois de la Cusse selbst.

Beide Brigaden, die eine im, die andere am Wald, hatten heiße Gefechte zu führen. Dies ist dargestellt im Uniform- und Schlachtenbild

  • Abb. A 3: Richard Knötel (1867 – 1914): Die Hessen am Bois de la Cusse (Schlacht bei Saint Privat am 18. 8. 1870)[10].

Der Schöpfer dieser Darstellung, der Schlachten- und Uniformmaler, Lithograf und Schriftsetzer RICHARD KNÖTEL (* am 12. 01. 1867 in Glogau, † am 26. 04. 1914 in Berlin) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Historienmaler. Vom Rand des Bois de la Cusse aus feuert eine Abteilung hessischer Truppen hinaus über offenes Gelände des Plateau Amanvillers auf den französischen Feind. Ein Baumkrepierer und darunter ein fallender hessischer Soldat sowie ein getroffen am Boden liegendes Pferd deuten den schweren Beschuss und die Verluste an.

In Anbetracht der stündlich sich mehrenden Gefahr für die zur Bekämpfung des aus sicherer Deckung feuernden Gegners unentbehrbaren Artillerie-Verbände wurden zur Verstärkung der 50. Brigade von der 49. Brigade das 1. Jäger-Bataillon sowie das Bataillon des 2. Infanterie-Regiments rechts in den Wald gezogen. Wir können annehmen, dass sich unter den Beteiligten am Waldgefecht auch der o. g. Wimpfener ADOLF GROßLAUB befunden hat. Welche Wimpfener und in welchen Einheiten solche ebenfalls im oder beim Bois de la Cusse im Kampf standen, wissen wir nicht. Die der 49. Brigade verbliebenen 3 Bataillone wurden zwischen 3 und 4 Uhr von ihrem Kommandeur MAJOR VON WITTICH persönlich hin zu dem langen beidseits von einem Drahtzaun eingefassten Eisenbahnabschnitt geführt, der am Ostende des Bois de la Cusse in einen bis Amanvillers sich erstreckenden Damm von 15 Fuß Höhe überging und genau wie der Einschnitt unter starkem feindlichem Feuer stand. Die Männer dieser Brigade hatten bereits zwei Tage zuvor am 16. August in der vorausgegangenden mörderischen Schlacht bei Vionville und Mars la Tour, wo sie sich ein gutes Stück ostwärtig von den genannten Orten im Bois des Ognons neben Rezonville, rund 15 km südwärtig der jetzigen Position, festgesetzt hatten, bitteren Tribut in Gestalt des Verlustes von einem Offizier und 120 Mann an Toten und Verwundeten zahlen müssen.[11] Als gegen 4 Uhr die ebenfalls auf Amanvillers angesetzte Garde-Artillerie des auf der linken Flanke des Schlachtengeländes eingesetzten Garde-Korps vom XII. Königlich Sächsischen Armeekorps den Angriff einleitete, befahl der Kommandeur, den Eisenbahneinschnitt zu verlassen und hinter einem jenseits derselben gelegenen kleinen Gehölz Stellung zu beziehen. Von den ihm zur Verfügung stehenden 12 Kompanien hatten dies trotz der Tiefe des Einschnitts und der Steilheit der Böschung sowie des oben plötzlich einkommenden Mitrailleusenfeuers sukzessive in zugweisem Laufschritt die Hälfte geschafft, als dem Positionswechsel Halt geboten wurde. Jenseits wurde unter Leitung von OBERST KRAUS zum Schutze der hessischen Batterien das Gefecht mit den nordwestlich von Amanvillers postierten feindlichen Schützen aufgenommen. Erst als gegen abends 6 Uhr man drei der vier Infanterie-Brigaden des oben genannten Sächsischen Garde-Korps auf St. Privat la Montagne vorgehen sah, wurde MAJOR VON WITTICH erlaubt, die restlichen 6 Kompanien hinüber zu den anderen zu führen.

Nunmehr drei Bataillone stark und von der Divisions-Artillerie trefflich unterstützt, setzte der Kommandierende in dem Moment zum Sturme an, als, herkommend vom oben beschriebenen Waldtor, die zur Unterstützung des IX. Armeekorps herangezogene 3. Sächsische Garde-Brigade KNAPPE VON KNAPPSTÄDT herbeikam, welche die Queue des o. g. Sächischen Garde-Korps bildete. Gemeinsam schritt man nun um 6 ½ Uhr zum Angriff:

– am linken Flügel die 3 hessischen Bataillone (MAJOR VON WITTICH),
– im Zentrum das Garde-Schützen-Bataillon (MAJOR VON FABECK),
– am rechten Flügel: das Regiment Kaiser Alexander (OBERST VON ZEUNER).

Noch zurück blieb von der 3. Garde-Brigade das erst am Schluss herangekommene Regiment Königin Elisabeth unter OBERST VON ZALUKOWSKI.

Alle in erster Linie kämpfenden und Fühlung untereinander zu halten versuchenden Truppenteile hatten so enorme Verluste, dass der mit Elan (von den Offizieren zu Pferd!) vorgetragene Angriff aufgegeben werden musste. Am härtesten betroffen wurde das in der Mitte vorandringende sächsische Garde-Schützen-Bataillon. Es verlor die Hälfte der Mannschaften; alle Offiziere samt dem Kommandeur kamen zu Tode oder wurden verwundet. Ein nachgeschobener Sturmversuch des Regiments Elisabeth, der unter Hurrarufen über die zusammengebrochene Linie der ersten Angreifer hinaus vordringen konnte, brach ebenfalls zusammen. So musste ein Fähnrich die Reste aus dem Gefecht ziehen und auch die weniger dezimierten hessischen Bataillone wurden von ihrem Kommandeur zurückgeführt.

Ausschnitte des Berichts eines Offiziers des am schlimmsten mitgenommenen sächsischen Garde-Schützen-Bataillons mag den Jammer verdeutlichen:

„Vergebens sahen wir Offiziere uns um, woher das heftige Feuer auf uns eigentlich komme; kein Franzose war zu sehen. Noch gingen alle Kugeln zu kurz. Der Feind mußte die flach ansteigende Höhe vor uns besetzt haben, also mindestens 1.800 Schritt entfernt sein. Dort also war unser Ziel. Im Laufschritt vor in Tirailleurlinien, so lange der Athem hält. Der Kugelregen wurde furchtbar; die Leute begannen schon bedeutend zu stürzen; noch sahen wir den Feind nicht. Der Athem ist fort. Halt! Noch 1.000 Schritt. Keinen Schuß verschwendet. Vorwärts bis ins Kartoffelfeld dort! Halt! Jetzt ein paar Schuß! Dann weiter! – Aber schon Viele, Viele waren gefallen. ….. Weiter, weiter, die Entfernung ist noch zu groß für unsere Büchse. Heran bis auf 500 Schritt. ….. Plötzlich erschien Adjudant Wussow, dessen Pferd erschossen war, mit einer Hand voll Leute bei uns. (Wahrscheinlich war Major von Fabeck schon tot.) Da wird Hagen durch den Kopf geschossen, drei bis vier Leute neben mir ebenfalls. ….. Hinter uns auf 700 bis 800 Schritt Entfernung nichts als Todte und Verwundete. ….. Die Linien nähern sich schnell. Da wird Massow durch den linken Arm geschossen, auch die Schützenlinie wird immer dünner. Vorwärts, näher heran! Jetzt stehen wir noch 300 Schritt vor den rothen Mützen, aber nur 30 bis 40 Mann hatte ich bis hierher vorbringen können. ….. Die Leute waren brillant, völlig ruhig und todesmuthig. Jetzt hatten wir auch einen sicheren Schuß; wir konnten’s heimzahlen. Ich selbst schoß mit. Die Franzosen lösten ihre Tirailleure viermal ab, was sie leicht konnten, da sie hinter und auf der Höhe standen. Sie lagen in Schützengräben, deren sie vier hintereinander angelegt hatten. Das Feuer war kolossal. Da entsteht der Ruf an der Schützenlinie: ‚Die Patronen sind alle!’ ….. Es begann, dunkel zu werden. Da ertönte das Signal: Hahn in Ruh. ‚Nun geht’s zur Attake!’ Ich springe auf: wir müssen alle mit! Aber, o Schrecken, meinem Rufe antworten nur drei Stimmen: Alles ist todt oder verwundet. Das schlug mir so aufs Herz, daß ich das Attakiren vergaß und auf meinem Posten blieb. ….. .“[12]

Obgleich der Sturm abgeschlagen wurde, räumte zu späterer Stunde zwischen 8 und 9 Uhr zum Glück der kommandierende GENERAL L’ ADMIRAULT seine um und in Armanvillers eingenommene Position. Der Grund war, dass gegen 7 ¾ Uhr St. Privat de la Montagne unter den Angriffen des XII. Sächsischen Armeekorps gefallen und damit die Entscheidung herbeigeführt war. Somit war seine rechte Flanke preisgegeben und er glaubte, seine Position dadurch nicht mehr halten zu können.

Ein Stabsarzt schreibt über sein dortiges Erleben und Tun u. a. wie folgt:

„Das Regiment beklagt allein 500 Verwundete. Ich arbeitete in dem brennenden St. Privat bis nachts um ein Uhr, ganz allein, ohne Gehülfen, die alle zerstreut lagen. Zwei Franzosen engagirte ich zur Aushülfe, und ich muß sie sehr loben; denn sie zeigten sich äußerst willig und geschickt. Den Jammer zu schildern ….. bin ich nicht im Stande. Die Franzosen zeigten gräßliche Verwundungen, die zum großen Theil durch Granatsplitter erzeugt waren. Bei vier verwundeten Franzosen schnitt ich Kugeln heraus, ….. außerdem mehrere Grantsplitter. Einer davon war ein ungefähr 1 Quadratzoll großes zerrissenes Eisenstück. Denken Sie sich die Wunde dazu, die solche Stücke nothwendig machen müssen, – die Feder sträubt sich Derartiges zu schildern.- Ich verband mit den beiden Gefangenen bis ein Uhr Nachts und machte mir dann unter den Todten ein Lager aus mehreren Bund Weizen. ….. unmuthig erhob ich mich bereits um drei Uhr Morgens vom Lager, die Tagesarbeit wieder beginnend. Viele der Schwerblessirten waren in der Nacht gestorben, ohne Hülfe, von Schmerz und Durst gequält. Zweimal übermannte mich das Entsetzen über den gräßlichen Zustand der Schwerverwundeten, die, vom Schmerz gefoltert, oft wüthend sich erhoben und darauf todt niederstürzten. Erst gegen Mittag (am 19.) kam mancherlei Hülfe und besserte sich die Lage.“

Die hier zu schildern versuchte Grauenhaftgkeit der Verwundungen und des Leids der Betroffenen bei Freund wie Feind sowie auch die ihnen zu geben mögliche völlige Unzulänglichkeit der Hilfe ist bildlich zu dokumentieren versucht durch eine in

  • Abb. A 4: Nach der Schlacht bei Gravelotte – die Barmherzigen Schwestern kamen aufs Schlachtfeld, um den Verwundeten beizustehen; Farbdruck mit Bilderklärung in Englisch und Deutsch[13]

gezeigte Darstellung ungeklärter Herkunft und Hand. Die englische Version der Bilderklärung lautet: „After the Battle of Gravelotte. Sisters of Mercy arriving on the battle field to succour the wounded“. Die dramatische Szene spielt in der Tat, wie links oben der aus der aufragenden Masse der Gewehrläufe dringende dichte Pulverdampf und die brennenden Häuser darüber zeigen, in nächster Nähe des Schlachtfeldes. Die im Zentrum des Bildes auf einem Wagen herangefahrene Gruppe Barmherziger Schwestern leistet ihre Hilfs- und Pflegedienste, wie die roten Kreuze auf weißem Grund der von einem Gebäude herabhängenden Fahne und der Armbinden ausweisen, im Namen und unter dem Schutz das Internationalen Roten Kreuzes. Dessen Wirken zur Linderung des im Vordergrund in realistischer Drastik dargestellten unsäglichen Leides der Verwundeten macht zwischen Freund und Feind, wie an den vielfach an ihren roten Hosen oder roten Käppis erkennbaren französischen Verwundeten zu sehen ist, keinen Unterschied.

Dieses ergreifende Bild stellt eine Art Fliegendes Werbeblatt dar, das an die Menschen appelliert, dem Beispiel der im Krimkrieg (1853/54 – 56) von der britischen Krankenschwester FLORENCE NIGTHINGALE (1820 – 1920) geleisteten Pflegehilfe für Verwundete und Kranke sowie des 1863 durch den Schweizer Philanthropen HENRY DUNANT unter dem Eindruck des in der Schlacht bei Solferino (1859) erlebten schrecklichen Elends ins Leben gerufenen Internationalen Roten Kreuzes zu folgen.

Dass die Hilfeleistungen durch die Militärärzte und die gezeigten anderen Helfer den maßlosen Leiden der Betroffenen jedoch bei weitem nicht gerecht werden konnten, lässt sich vor allem aus den gewaltigen Verlustzahlen der vorstehend natürlich nur ausschnittmäßig schilderbaren und auf den Einsatz der hessischen Einheiten und deren nächsten Kampfnachbarn beschränkten Geschehnisse ableiten: „Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen“, so schließt der Brief von KÖNIG WILHELM VON PREUßEN vom 19. August 1870 an die Königin. Seit der Völkerschlacht bei Leipzig des Jahres 1813 war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hatte. Bezogen auf die gesamte Schlacht betrugen diese:[14]

Bei einer Gesamtstärke von ca. 170.000 eingesetzten deutschen Soldaten betrugen die Gesamtverluste fast ein Achtel derselben. Die Verluste der Franzosen betrugen 595 Offiziere und 11.083 Mann an Toten und Verwundeten. Im Hinblick auf nur ca. 90.000 eingesetzte Soldaten ergibt sich ebenfalls der Verlust von einem Achtel ihrer Stärke. Genau wie KÖNIG WILHELM VON PREUßEN, der die Franzosen „einen gleich braven Feind“ nennt, lässt auch THEODOR FONTANE diesen Gerechtigkeit widerfahren, indem er am Schluss seiner Ausführungen über die Schlacht bei Gravelotte und Saint Privat schreibt:
Die französische Armee, was nicht oft genug gesagt werden kann, war glänzend. Nie hat das Kaiserreich, weder das erste noch das zweite, etwas  B e s s e r e s  ins Feld gestellt. Der Feind unterlag einer Macht, die ihm an Zahl, an Rechtsbewusstsein und allerdings auch an Führung überlegen war. D i e  A r m e e n  s e l b s t  waren ebenbürtig.“ [15]

Als noch blutiger, insbesondere verursacht durch die antiquierten selbstmörderischen Reiterattacken, ist die zwei Tage zuvor am 16. August stattgefundene Schlacht bei Vionville und Mars la Tour anzusehen; denn diese wurde mit nur halb so großer Mannschaft ausgeführt, während die Verluste von 640 Offizieren und 15.170 Mann an Toten und Verwundeten jedoch 83 % jener der Schlacht bei Gravelotte und Saint Privat betrugen. Die beiden nur einen Tag auseinander liegenden Schlachten als Einheit sehend, erhebt THEODOR FONTANE über deren furchtbaren beidseitigen Blutzoll mit den folgenden ergreifenden liedhaften Reimzeilen erschütternde Klage:[16]

Ein weiteres in der

  • Abb. A 5: Gedicht von Ferdinand Freiligrath „Die Trompete von Vionville“[17]

gezeigtes Reimwerk über diese Schlacht wurde in das „Hessische Lesebuch für Realschulen“ unter dem veränderten Titel „Die Trompete von Gravelotte“ aufgenommen. Dieser Umstand zeigt neben dem Bemühen, hier die Heldentaten hessischer Truppen der Nachwelt ins besondere Licht zu rücken und zu verklären, dass die aufopferungsvoll-verlustreichen Schlachten bei Vionville/Mars la Tour und bei Gravelotte/Saint Privat in der Tat allgemein als eine Art Doppelschlacht betrachtet worden sind.

Dass mit den vorstehenden langen Ausführungen über dieses in weiter Ferne und in fremdem Land erfolgte Schlachtengeschehen eigentlich der Erwartung zuwiderläuft, in dieser auf die Ortsgeschichte gerichteten Betrachtung allein Geschehnisse im Bannraum Wimpfens und seiner Nebenorte zu erfahren, geschah aus den folgenden Gründen:

Nicht nur, dass wohl mehrere Dutzend Söhne Wimpfens, wovon wir leider nach nunmehr beinahe 150 Jahren Konkretes fast nichts mehr wissen und berichten können, diese Schlacht miterlebt haben und sicherlich dabei schlimme Strapazen erdulden und außer vielen ausgestandenen Ängsten vielerlei Schmerzen erleiden mussten; von dem Bangen der Angehörigen in der Heimat um ihre Lieben und deren durch den Krieg und das Fehlen der besten Hände gegebene gewaltige Arbeitsüberlastung im Einzelnen hier nicht zu reden! Darüber hinaus blieb es in Anbetracht der geschilderten schweren Tribute an Gesundheit und Leben nicht aus, dass in dieser Schlacht auch drei Kriegsteilnehmer aus Wimpfen ihr Leben lassen mussten und drei solche an den in diesem Krieg erlittenen Strapazen gestorben sind. Dies geht aus der Pfarrchronik der Evangelischen sowie aus dem Sterberegister der Katholischen Kirchengemeinde hervor. In der erstgenannten Dokumentation bringt PFARRER WILHELM SCRIBA die oben zitierte Eintragung für das Jahr 1870 folgendermaßen zu Ende:

(Anmerkungen:
a. Die Namen sind hier in Fettscbrift herausgehoben.
b. Die in Klammer und Aufrechtschrift wiedergegebenen Textpartien stellen Einlassungen des Verfassers dar.
c. Diese Textstelle findet sich an späterer Stelle in der Abb. A 7 wiedergegeben.)

„Von Angehörigen der evangelischen Gemeinde Wimpfen, die zum Militärdienst einbeordert waren, sind folgende drei junge Männer in der Schlacht bei Gravelotte gefallen:

  1. Carl Wilh. (diese zwei Vornamen sind durchgestrichen und es folgt:) Gottlieb (es müsste aber heißen: Ludwig FriedrichMaisenhälder, Sohn von Georg Friedrich Maisenhälder, Ackermann in Wimpfen im Thal, geboren am 15 April 1846.
  2. Jacob Georg Jaeckle, Sohn von Johann Jakob Jäckle, Ackermann in Wimpfen am Berg, geboren am 14 December 1846.
  3.  Johann Jacob Henninge, Sohn von Johann Jakob Hennige, Weingärtner zu Wimpfen am Berg, geboren am 14 November 1849.“

Die Eintragung berichtet weiter: „Infolge der Strapazen des Feldzugs sind gestorben:

  1. Carl Wilhelm Schnell, Sohn von Johann Matthäus Schnell, Ackermann zu Wimpfen im Thal, geboren am 25 Juli 1846, gestorben zu Darmstadt im Lazareth am 19 September 1870 an der Ruhr.
  2. Carl Johann Kniessel, Sohn des verstorbenen Johann Friedrich Knießel, zu Wimpfen am Berg, geboren am 13 Mai 1846, gestorben dahier am 3 März 1871 an Tuberkulose der Lunge.“

Die Ruhr und die Tuberkulose, dazuhin, wie wir später noch sehen werden, auch die Pocken, breiteten sich damals wegen der im Gefolge des Krieges bei den Soldaten wie den Zivilisten aufgetretenen Perioden des Nahrungsmangels sowie der fehlenden Hygiene, der Verseuchung des Wassers und der körperlichen Überforderungen epidemisch aus und bildeten im und nach dem 1870/71er-Krieg häufige Todesursachen. Über den oben unter 5. genannten Carl Johann Kniessel ist allerdings im Sterberegister gesagt, dass er an Typhus gestorben sei. Laut Gemeinderatsprotokoll vom 17. 01. 1871 hat die Gemeindekasse für die Verpflegung des bei der Schlacht bei Gravelotte verwundeten Musketiers Christoph Schöffel sowie des aus dem Feld krank zurückgekehrten (und oben als gefallen genannten) Kanoniers Karl Knießel von Wimpfen, die vom 3. Oktober bis 24. Oktober bzw. vom 22. August bis 8. Oktober bei ihren Eltern in Privatverpflegung gewesen sind, an deren gering vermögende Eltern, nämlich die Witwe des Fr. Knießel und die des Heinrich Schöffel, vorlagsweise aus der Gemeindekasse 23 fl bzw. 10.30 fl Unterstützung gereicht. Da der Staat diese Beträge in Höhe von insgesamt 33.30 fl nicht ersetzt hat, wurden diese schließlich definitiv auf die Gemeindekasse übernommen. Durch diese Angaben sowie über den bereits an früherer Stelle erwähnten Jäger Adolf Großlaub ist uns ebenfalls überliefert, welcher der verschiedenen Waffengattungen die beiden Genannten angehörten. Dies gilt auch laut Eintrag im Sterberegister für den oben unter 1. Genannten Gardejäger im Großh. Hess. Jäger-Bataillon 2 Johann Ludwig Maisenhälder, wonach dieser am 18. 08. 1870 im Lazarett verstorben ist; allerdings wird dessen Alter dort (wohl irrtümlicherweise) mit 27 (statt mit 24) Jahren sowie dessen Vorname (wohl richtigerweise – siehe die unter Abb. A 8a gezeigte Gedenktafel, wo nur „Ldg.“ = Ludwig erscheint) mit „Johann Ludwig“ angegeben. Von diesem hat sich eine in der Zeit der Ableistung seiner Militärdienstpflicht entstandene Fotografie erhalten, die in der nachstehenden

  • Abb. A 6: Ludwig Maisenhälder aus Wimpfen im Tal, geb. am 15. April 1846, in seiner Dienstzeit als Soldat[18]

gezeigt ist.

Sicherlich hat manch anderer der im Felde gestandenen, doch den Krieg im Gegensatz zu dem Vorgenannten überlebten Wimpfener Soldaten ebenfalls eine Verwundung erlitten. Von den oben aufgeführten fünf zu Tode Gekommenen gehörten allein vier dem Jahrgang 1846 an.

Der Chronist beendet seinen in der

  • Abb. A 7: Eintragung in der Pfarrchronik der Evangelischen Kirchengemeinde Wimpfen über die Opfer des Krieges von 1870/71

wiedergegebenen Bericht mit der folgenden Mahnung: „Diese fünf jungen Opfer des Krieges möge die Gemeinde Wimpfen in dankbarem Andenken behalten.“

Um das geforderte Andenken für künftige Generationen zu bewahren, hat der nach dem Deutsch-Französischen Krieg hauptsächlich unter der Initiative von ehemaligen Teilnehmern dieses Krieges 1873 gegründete „Kriegerverein Wimpfen“ zur Bewahrung der Erinnerung an diesen und vor allem an seine Opfer für künftige Generationen im Jahr 1898 aus Anlass seines 25-jährigen Stiftungsfestes zusammen mit Stadt Wimpfen zwei Gedenksteine in Form marmorner Namenstafeln gestiftet, die damals am Rathaus auf dem Mauerstreifen beidseitig über dem Haupteingang angebracht worden sind und heute, umschlossen jetzt von einem Zierrahmen aus Sandstein, die Flanken der Kriegergedächtnisstätte am Nordrand des ehemaligen Alten Friedhofs einnehmen.

Diese seien gezeigt in den

  • Abb. A 8a und 8b: Die Texttafeln der beiden im Jahr 1898 vom Kriegerverein Wimpfen zum Andenken an die Teilnehmer und Opfer des Krieges von 1870/71 gestifteten Gedenksteine.

Die Mitte der aus unten einem gekreuzten Degenpaar und darüber zwei sich kreuzenden Fahnenbündeln sowie einem Eichenlaubkranz bestehenden Drapierung wird vom Orden des von König Wilhelm von Preußen zum Beginn des Krieges 1870/71 erneuerten Eisernen Kreuzes eingenommen. Betitelt mit „DIE STADT UND DER KRIEGERVEREIN WIMPFEN DEN TAPFEREN KÄMPFERN VON 1870/71“ sind in zwei Spalten alphabetisch insgesamt 4 x 19 = 76 Nach- und Vornamen aufgeführt, darunter zuerst, betitelt mit „Gefallen und an den Strapazen gestorben“, 2 x 3 = 6 solche, dann überschrieben mit „Im Felde gestanden“, 2 x 30 = 60 solche, am Schluss, überschrieben mit „In der Garnison gestanden“, 2 x 5 = 10 solche. Außer den in der Evangelischen Kirchenchronik genannten 3 + 2 = 5 Namen Gefallener bzw. an den Strapazen des Feldzuges Gestorbener ist auf der ersten Tafel an fünfter Stelle ein weiterer und damit ein 6. dem Krieg zum Opfer Gefallener aufgeführt, nämlich:

  1. Karl Pfoh. Bei diesem handelt es sich um einen Angehörigen der Katholischen Kirchengemeinde. Deren Sterberegister weist diesen durch die folgende Eintragung als ebenfalls an den Folgen der Strapazen Gestorbenen aus: „16. August 1871 nach siebentägigem Krankenlager an Herzschlag gestorben Karl Wilhelm Pfoh, Sohn des Ignaz Melchior Pfoh, 21 Jahre und 5 Monate alt.“ Demnach sind insgesamt drei der Kriegsteilnehmer gefallen und drei an den Strapazen gestorben.

Zu finden sind auch die bereits im Text erschienenen Soldaten Adolf Großlaub (in der ersten Tafel) und Christoph Schöffel (in der zweiten Tafel). Bei den jeweils drei im Felde Gestandenen namens Ohr und Schnell handelt es sich um Söhne des Ackersmannes Georg Ohr aus Hohenstadt bzw. des Steinhauers Johannes Schnell aus Helmhof, deren Familien natürlich in den Kriegsmonaten ganz besondere Sorgen und Lasten auferlegt gewesen sind. Allen aus dem 1870/71er Krieg heimgekehrten Soldaten wurde eine Kriegs-Denkmünze überreicht, was die

  • Abb. A 9: Urkunde über die Anerkennung der Teilnahme am siegreichen Feldzuge 1870 – 1871 für den Kanonier Ludwig Ohr vom 21. Januar 1872

ausweist.
Leider kennen wir keine der Stellen, wo die Wimpfener Gefallenen und wissen wir auch nicht, auf welche Weise diese von ihrem traurigen Schicksal ereilt worden sind. Ebenso wenig wissen wir, in welchem der vielen mit Kreuzen, Steinen und anderem Schmuck übersäten Totenfelder bzw. Soldatenfriedhöfe der Plateaulandschaft um Gravelotte und St. Privat die drei in französischer Erde Gebliebenen ihr Grab gefunden haben.

  1. In der für die vierte deutsche Armee siegreichen Umfassungs- und Artilleriechlacht bei Sedan erlangt der dem sog. Franzens-Zweig der ursprünglich den bürgerlichen Namen Hermann tragenden und 1658 in den Adelsstand erhobenen Familie derer Von Wimpffen entwachsene französische General Emmanuel Félix de Wimpffen durch seine unglückliche Rolle des in der hoffnungslosen Endphase der fast vollzogenen Einschließung an die Stelle des durch Verwundung ausgeschiedenen Oberbefehlshabers General Mac-Mahon Getretenen sowie des Bevollmächtigten für die Führung der Übergabeverhandlungen und Unterzeichners der Kapitulationsurkunde traurige Berühmtheit und wird mit dem Schimpfnamen „Sedangeneral“ belegt.

a. Wie – ganz anders als dies die Familientradition sieht sowie namhafte Genealogen im ausgehenden 18. bis 19. Jahrhundert es nahezu übereinstimmend darstellen – aus der in den Anfängen des 15. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich von Wimpfen als Fernkaufleute des Namens Hermann oder Hörmann nach Augsburg und ein starkes Jahrhundert später in der 4. Generation von dort nach Nürnberg ausgewandern und dort 1658 in der 8. Generation unter den Brüdern JOHANN FRIEDRICH VON WIMPFFEN (1615 – 1668) und JOHANN DIETRICH VON WIMPFFEN (1616 – 1679) den Adelsstand der Reichsfreiherren erlangen, schließlich aus den sieben Söhnen des JOHANN GEORG VON WIMPFFEN (1689 – 1767) der 10. Generation fünf sog. Zweige herauswachsen und ein Teilzweig 1797 sogar vom Kaiser in den Grafenrang erhoben wird; wie zudem im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Angehörige derselben in hohe bis höchste Positionen vor allem im Militärwesen der Großstaaten Europas wie vieler Länder des Heiligen Römischen Reiches bzw. Deutschen Bundes erreichen und großen Ruhmesglanz auf den Schlachtfeldern gelangen.

Die vorstehende komplexe Überschrift lässt ahnen, dass im Fortgang der Blick abermals zunächst in die Ferne gelenkt werden soll (und muss): Und zwar auf die in den Nieder-Ardennen an der Maas unweit der belgischen Grenze gelegene Festungsstadt Sedan und die dort knapp zwei Wochen nach dem Treffen bei Gravelotte und Saint Privat am vom 31. August/1. September 1870 stattgefundene weitere Schlacht, aus der die überlegenen deutschen Truppen abermals siegreich hervorgingen. In dieser standen sich die dem Oberkommando von GENERAL HELMUTH VON MOLTKE unterstellte – neu aus preußischen, sächsischen, bayrischen und württembergischen Truppenverbänden der ersten und zweiten Armee gebildete – vierte sog. Maas-Armee in Stärke von etwa 185.000 Mann und an die 800 Geschützen und die französische sog. Armee von Chalon (en Champagne) gegenüber, die mit ihren knapp 130.000 Mann und fast 400 Geschützen noch die einzige im Felde stehende französische Armee gewesen ist und Mitte August dem Oberbefehl von GENERAL MAC-MAHON unterstellt worden war. Es braucht hier nicht ausgebreitet werden, warum auf deutscher Seite eine Umgliederung der Streitkräfte stattgefunden hat und wie es dazu kam, dass die bei Reims versammelte Armee Mac-Mahon der eingeschlossenen Festung Metz keine Hilfe bringen konnte und schließlich nach aufreibenden Märschen mit mehrfachen Zieländerungen, verlorenen Gefechten sowie dem Vorspiel der Niederlage in der Schlacht bei Beaumont unter GENERAL DE FAILLY sich erschöpft und demoralisiert am 30. August ca. 80 Kilometer nordwestlich des Ausgangsraumes ringförmig nord- bis südostwärts um sowie in Sedan selbst zu sammeln begann. Das gilt auch für die Einzelheiten der zur Abdrängung und Umklammerung des Gegners durch die vierte und Teile der dritten Armee vorgenommenen berühmten Rechtsschwenkungen Richtung Nord und damit die Abkehr vom Vormarsch in Richtung der Hauptstadt Paris. Wichtig ist allerdings vorausnehmend zu sagen, dass sich bei dieser nunmehr so genannten Sedanarmee auch KAISER  NAPOLEON III. mit der schicksalsschweren Folge seiner späteren Gefangennahme eingefunden hatte.

Demgegenüber erscheint die Beschreibung des als „das große Kesseltreiben“ bezeichneten Endgeschehens der Schlacht bei Sedan selbst unvermeidbar, weil die französische Armee in der letzten Phase der beinahe vollzogenen Einschließung und damit des so gut wie verlorenen Kampfes unter das Kommando des (offenbar, wenngleich mit ff geschrieben, den Namen der Stadt Wimpfen in seinem Familiennamen tragenden!) sog. Sedangenerals BARON EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN (1811 – 1884) gestellt worden und diesem die schmachvolle Aufgabe zugefallen ist, mit dem (um das jetzt schon anzudeuten: mit ihm verwandten) OBERBEFEHLSHABER GENERAL HELMUTH VON MOLTKE und dem PREUßISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN OTTO VON BISMARCK die Bedingungen der Kapitulation auszuhandeln und schließlich auch zusammen mit dem Erstgenannten die Kapitulationsurkunde zu unterzeichnen.

Bereits sechs Jahrzehnte zuvor hatte, wie in Band 1, S. 224, nachzulesen, bereits ein anderer Angehöriger des Adelsgeschlechts derer VON WIMPFFEN, dessen Name ebenfalls jenen Wimpfens in sich trägt, europäische Berühmtheit (dieser allerdings in positivem Sinne) erlangt: Nämlich der ebenfalls im Militärdienst – und zwar dem Österreichs – gestandene FREIHERR MAX(IMILIAN) VON WIMPFFEN (1770 – 1854), der ein Vetter des Vaters des Sedangenerals gewesen ist und sich als Generaldjudant von ERZHERZOG KARL und Chef des Generalstabes der österreich-russischen großen Armee in den Schlachten bei Aspern und Wagram (1809) ganz besonders (und in vielen anderen Schlachten mehr) ausgezeichnet hat, später sogar mit dem Orden vom Goldenen Vlies dekoriert worden ist und auf der Gedenkstätte Heldenberg Kleinwetzdorf neben dem berühmten Feldmarschall Radetzky seine Grablege gefunden hat. Und im Blick auf die hier behandelte Geschichtsepoche Wimpfens der sog. deutschen Kaiserzeit von 1870/71 bis 1918, das sei hier schon angedeutet, wird auch noch an späterer Stelle auch des 1875 mit seiner Familie nach Wimpfen gezogenen und auch dort 1879 gestorbenen KÖNIGLICH-WÜRTTEMBERGISCHEN KAMMERHERREN UND RITTMEISTERS A. D. FREIHERR WILHELM VON WIMPFFEN (1820 – 1879) in ganz besonderem Maße gedacht werden müssen, zumal dieser und der „Sedangeneral“, da deren Väter FRIEDRICH WILHELM VON WIMFFEN (1784 – 1845) bzw. FÈLIX DE WIMPFFEN (1778 – 1814) Brüder waren, zueinander Vettern gewesen sind .

Das Inerscheinungtreten dieser drei den Adelsnamen VON WIMPFFEN tragenden Militärpersonen, von denen der Letztgenannte sogar in seinen letzten Lebensjahren in Wimpfen gelebt hat und auch dort gestorben und zur Ruhe gebettet worden ist, macht es zweifelsfrei notwendig, zunächst die folgenden sich aufdrängenden zentralen genealogischen Fragestellungen klarzulegen:

  1. Besteht tatsächlich ein Konnex zwischen der Namengebung „Von Wimpffen“ und dem Namen des Ortes „Wimpfen“?
  2. Wie ist diese Adelsfamilie entstanden?
  3. Auf welche Weise hat sich der Aufstieg deren Glieder vor allem im Militärwesens der wichtigsten Staaten Europas sowie Länder Deutschlands vollzogen?
  4. Wie sieht die im Laufe ihres Werdens vollzogene Gliederung in Geflecht von Zweigen, Linien und Nebenlinien aus?

Die Klärung dieser Fragen ist bei der vor Jahren begonnenen Erstellung des Textentwurfes dieses Teiles 3 dadurch geschehen, dass zunächst eine komplette und somit kaum übersehbare Darstellung des Werdens und der Bedeutung derselben unter Heranziehung einer fast unüberschauren Zahl sekundärer und primärer allgemeiner wie auch örtlicher Quellen erfolgt ist. Dies zu tun, erschien mir auch deshalb unumgänglich, weil, wie oben schon angedeutet, Angehörige der Württembergischen Nebenlinie des sog. Franzens-Zweiges derer Von Wimpffen sich in der Mitte 1870er und damit in der im Fokus dieser Untersuchung stehenden „Kaiserzeit“ in Wimpfen angesiedelt haben. Doch wuchs der damit gegebene sowie durch Fehlen wie durch die Fragwürdigkeit mancher der vorliegenden Untersuchungen noch verstärkte Forschungsdrang sich so aus, dass fürs Erste ein völlig überdimensionierter Part in den Text hineingepresst wurde, der schließlich dazu führte, eine – natürlich somit noch weiter anschwellende – gesonderte Abhandlung des Titels „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen in Bezugsetzung insbesondere zum namengebenden Ort Wimpfen am Neckar in Wort und Bild“ zu erstellen, welche schließlich sogar die Fertigstellung der hier vorliegenden Arbeit sehr verzögert hat. Diese ist 2013 – 2016 entstanden und findet sich nunmehr gesondert an vierter Stelle meiner im Internet unter „wimpfen.geschichte.de“ zu findenden Arbeiten unter dem folgenden Titel dargestellt:

Diese die Kapitel A – Z umfassende Arbeit, auf die im Fortgang immer wieder Bezug genommen werden muss, findet sich mit der folgenden Kurzform bezeichnet: „Erich Scheible, 2013 – 2016“.

Somit kann sich nunmehr, entgegen dem ursprünglichen Plan und Modus, die notwendige Beantwortung der obigen Fragestellungen auf eine Zusammenschau in Form einer chronologischen Aufreihung der wichtigsten Fakten des 2 ¼ Jahrhunderte umspannenden Forschungsgeschehens mit längstens bis zu den ausgehenden 1970er Jahren so gut wie unwidersprochen gebliebenen kolossalen Fehlergebnissen beschränken, wobei die obige viergleisige Fragestellung sich durch die Wahl der chronologischen Abfolge aufheben wird:

Hier seien eröffnend die folgenden grundlegenden Feststellungen getroffen:

  • Erstens: Das Adelsgeschlecht derer Von Wimpffen gehört weder zu den alten, noch zu den ursprünglich rittermäßigen solchen. Denn es stimmt nicht, was diese selbst, so u. a. insbesondere FRANÇOIS LOUIS (FRANZ LUDWIG) DE (VON) WIMPFFEN (1732 – 1800) in seiner 1788 in Paris erschienen Selbstbiographie „La vie privée et militaire de Général Baron de Wimpffen“[19], und auch eine ganze Reihe maßgeblicher Genealogen des letzten Viertels des 18. bis ausgehenden 19. Jahrhunderts (so: Aubert de la Chesnaye Des Bois 1778; Ernst Heinrich Kneschke 1853; Christoph Cellarius und Julius Gerhard Goldtbeeg im „Gotha“ 1853; Constantin von Wurzbach 1888)[20] übereinstimmend konstatieren: Das Adelshaus derer Von Wimpffen habe bereits im Hohen Mittelalter, und zwar versippt mit den berühmtesten damaligen Adelsgeschlechtern, bestanden und die spätere Reichsstadt Wimpfen am Berg und im Tal habe sich bereits ab dem beginnenden 10. bzw. 11. Jahrhundert im Besitz desselben befunden; es sei jedoch durch einen DAGOBERT VON WIMPFFEN 1044 an das Bistum Worms verkauft, schließlich von einem Wormser Domherren namens CONRAD VON WIMPFFEN die Zustimmung gegeben worden, diese 1329 an Kaiser und Reich abzutreten und zwei Neffen des Vorgenannten hätten vergeblich versucht, diese zurückzufordern. Dieses alles ist nicht nur als urkundlich nicht belegbar, sondern als den historischen Tatsachen zuwiderlaufend anzusehen. Der Umstand, dass Wurzbach im Vorspann seines Werkes, bezogen auf diese vorgenannten frühen Träger des Namens derer Von Wimpffen, sagt, dass diese „in die vorurkundliche Zeit gehören“, macht das Fehlen jeglicher Basis eines Nachweises deutlich.[21]
  • Zweitens: Bei den demgegenüber im ausgehenden Hochmittelalter ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (am Ende der sog. Stauferzeit) vereinzelt und vermehrt im Spätmittelalter bis zur beginnenden Neuzeit des sog. Humanismus des 15. und anhebenden 16. Jahrhunderts zu findenden Namensträgern, bei denen einem Vornamen „von Wimpfen“ oder „de Wimpina“ o. ä. angehängt ist, handelt es sich nicht um Adelsbezeichnungen, sondern um nicht mehr als Bezeichnungen der Herkunft oder auch des Ortes der jeweiligen Tätigkeit des Namensträgers. Somit erscheint es widersinnig, aus der Existenz solcher Namensträger die damalige Existenz einer Adelsfamilie des Namens Von Wimpffen ableiten zu wollen. Dieses gilt z. B. auch und gerade für den Namen des von 1222 bis 1253 in Wimpfen bzw. Hagenau im Elsass sowie der nahen Reichsburg Trifels mit den wechselnden Betitelungen Reichsvogt, Königlicher Verwalter, Schultheiß, Burggraf o. ä. sowie als Gründer des Spitals Wimpfen und Schenker an dasselbe nachgewiesenen WILHELM VON WIMPFEN (WILHEMUS DE WIMPINA) und dessen nachweisbare Kinder. Und das gilt auch, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, für den von Wimpfener Eltern namens KOCH abstammenden und gegen 1465 geborenen Konventsbruder und späteren Lektor des Dominikanerklosters Wimpfen sowie Gründungsrektor der Universität Frankfurt an der Oder und Verfasser der 95 den Thesen Luthers geltenden Gegenthesen namens CONRAD(US DE) WIMPINA. Dasselbe trifft auch für die unzähligen in den Universitäts-Matrikeln von 1385 bis 1529 unter der Nachnamensbezeichnung „DE WIMPINA“ oder in anderer Nenn- und Schreibweise wie WYMPINA oder WINPINA u. v. a. m. auftauchenden Studenten zu.[22]
  • Drittens: Übereinstimmend weisen die vorgenannten Genealogen alle einen SIG(IS)MUND HE(E)R(E)MANN VON WIMPFFEN (laut Aubert Des Bois: SIGISMOND-HERMANN DE WIMPFFEN) als denjenigen aus, von dem aus sich eine lückenlose Generationsfolge bis zur Gegenwart fortsetzen lasse. Dieser sei wegen seiner Tapferkeit im Kampfe von Kaiser Karl IV. 1373 (oder laut Aubert Des Bois 1363) auf dem Reichstag zu Worms zum Ritter geschlagen (beim Vorgenannten noch zum Reichsfreiherren ernannt) worden. Tatsache ist jedoch, dass laut der Liste der Hof- und Reichstage (nach neuerer Erkenntnis kann bis 1496 nur von sog. Hoftagen die Rede sein) den in die Regierungszeit von Kaiser Karl IV. (ab 1346 König, ab 1355 Kaiser, gest. 1378) fallenden 21 solchen kein einziger solcher in Worms abgehalten worden ist[23], so dass man die diesem von allen den vorgenannten Genealogen konstatierte Zuerkennung der Ritter- und Adelseigenschaft, mit der auch die Vermehrung des diesem als Kriegsmann schon vorhanden gewesenen Widderwappens durch ein vom diesem Wappentier gehaltenen Kreuz verbunden gewesen sein soll, fraglos mehr als nur bezweifeln muss. Wie sich natürlich erst an späterer Stelle eindeutig zeigen wird, ist die Wappenverleihung der Familie zweifelsfrei erst 1555 in der fünften, das Adelsprädikat erst 1658 in der siebten Generation und die Wappenvermehrung mit einem Kreuze erst 1781 in der elften Generation zugekommen. Fast alle die vorgenannten Genealogen führen, um wieder zum vorgenannten SIG(IS)MUND zurückzukehren, falscherweise, wie es sich später ergeben wird, eine L(O)UISE oder auch LUDOVICA VON K(H)EIT als seine Gemahlin sowie z. T. noch eine SUSANNA VON EBLINGEN (als erste solche) aus. Außerdem konstatieren alle (ebenso falscherweise), dass dieser sesshafter Besitzer der Herrschaften Brixenstein, Zabietstein und Ebershausen usw. (mit Letzterem ist das gemeint, was Aubert Des Bois mit „et autres lieux“ = „und andere Orte“ umschreibt) in Schwaben gewesen sei.[24]
  • Viertens: Und im Weiterschreiten weist die von Aubert Des Bois in seine Gegenwart und damit bis zur Generation XIII und durch Kneschke, Cellarius-Goldtbeeg und von Wurzbach in ihre Gegenwart bis Generation XVII fortgeführte Genealogie gleichgerichtet bis hin zur Generation VIII, was die angegebenen Namen der jeweiligen Stammträger wie ggfls. der Geschwister sowie deren Lebensdaten, Tätigkeiten und die alle dem Adel zugeordneten Gattinnen betrifft, als durchweg unzutreffend zu konstatierende Angaben auf. Dies gilt natürlich auch für die von den vorgenannten Genealogen allen Stammhaltern bis hin zur Generation VIII und damit über rund 2 ½ Jahrhunderte hinweg zugeschriebenen ungeteilten Besitz der vorgenannten drei und gar mehr Orts- und Burgherrschaften.[25] Diese Negativbewertung lässt sich insbesondere durch die 1981/84 in einem Vortrag und einer Veröffentlichung vorgestellten insbesondere auf Nürnberger Archivunterlagen basierenden Forschungsergebnisse der Historikerin und Publizistin Dr. Lore-Sporhan-Krempel (1908 – 1994) belegen.[26] Denn die Vorfahren derer Von Wimpffen, so geht aus den zweifelsfrei stimmigen genealogischen Aussagen dieser Autorin hervor, trugen den bürgerlich-nichtadligen Namen HERMANN oder (anders geschrieben) auch HÖRMANN. Der laut Familientradition vom Kaiser zum Ritter geschlagene SIGMUND HERMANN deren Generation I, so Sporhan-Krempel, sei kein Ritter gewesen, sondern er habe der Ehrbarkeit (auch Zweiter Stand genannt) angehört und Handel getrieben und sei zu Beginn des 15. Jahrhunderts von Wimpfen nach Augsburg gekommen; und dessen Frau sei AGNES PRACHERIN gewesen. Was diese Autorin im Weitergang auf der Basis ihrer vorwiegend sich auf Nürnberger primäres und sekundäres Urkundenmaterial stützenden genealogischen Betrachtungen über die diesem Stammträger der ersten Generation nachfolgenden solchen samt Frauen sowie Geschwistern usw. bis hin zur Generation 9 (wir bezeichnen – richtigstellend! – fortab diese Generationen zur Unterscheidung von der Zählung nach Aubert Des Bois bis Wurzbach mit arabischen Zahlzeichen) darlegt, das stimmt so gut wie voll mit jenen Angaben überein, die ca. 1750/60, also schon 1 ¼ Jahrhundert früher, der Nürnberger Zeichner und Stecher JOHANN WILHELM STÖR (1705 – 1765) in seinem den, wie er schreibt, HÖRMANN VON WIMPFFEN geltenden und ebenfalls über 9 Generationen reichenden Stammbaum von um ca. 1750/60 darlegt.[27] Dieser sei nachfolgend zuerst in seiner Gänze, dann in einem vergrößerten Ausschnitt der untersten drei Generationsbänder gezeigt:

  • Abb. A 10a: Der unbetitelte und undatierte Stammbaum der Familie Hörmann von Wimpffen; Kupferstich des Johann Wilhem Stör (Gestalter), geboren 1705 und gestorben 1765 jeweils in Nürnberg, und Atanias (Stecher) von ca. 1750/60, versehen in der Senkrechte mit der Zählung der neun dargestellten Generationen sowie in der Waagrechte mit der Positionierung der einzelnen Glieder mittels Buchstaben, im Generationsband 9 mit vorgenommenen Ergänzungen;

  • Abb. A 10b: Die Wurzelzone des vorgenannten Stammbaumes mit darüber den Generationen 1, 2 und 3.

Dieser ebenso mächtige wie kunstvolle Stammbaum des J. W. Stör kann fortab bei der Verfolgung des Werdens derer Von Wimpffen als Leitschnur gelten. Diesem sei zur Seite gestellt:

  • Abb. A 11: Die „I. Stammtafel der Freiherren und Grafen v. Wimpffen. Aeltere Linie“ des Constantin von Wurzbach von 1888, hier zum Zwecke der Vergleichung versehen mit Generationenzählung (links nach Aubert Des Bois etc. in römischen, rechts nach Sporhan-Krempel sowie Stör in arabischen Zahlzeichen) sowie mit auf den Mittelbereich beschränkten Korrekturen in Rot und Ergänzungen in Grün, dazuhin mit Veränderungen der Position der Teilung in zwei Äste durch Pfeilführungen.

Bei der Erschließung der Genealogie der HERMANN oder HÖRMANN und späteren VON WIMPFFEN wird die notwendige permanente Vergleichung dieser I. Stammtafel des Constantin von Wurzbach einerseits mit dem Stammbaum des J. W. Stör einschließlch der Angaben der Abhandung von Sporhan-Krempel andererseits zeigen, dass hinsichtlich der ersten acht Generationen einzig und allein, wenngleich mehr oder minder auch hier eingeschränkt, bei der Generation I bzw. 1, d. h. bei Person des Stammvaters, Übereinstimmungen zu entdecken sein werden. Dass dabei auf die Einbeziehung der älteren Autoren-Dreiergruppe des Aubert Des Bois (1778), Kneschke (1853) und Cellarius-Goldtbeeg (1853) in der Regel verzichtet wird, dient nicht nur dem Zwecke der notwendigen Raffung des Stoffes, sondern erscheint auch unerheblich; denn diese unterscheiden sich untereinander so gut wie in nichts, was seinen Grund darin findet, dass letztlich die von Aubert Des Bois ausgehenden und von den Autoren der vorgenannten Dreiergruppe sukzessive übernommenen falschen Fakten in diejenigen des von Wurzbach münden.

Es sei nun begonnen mit der Beschreibung der

Um nunmehr die Vergleichung in Gang zu setzen, müssen wir beim Stammbaum von J. W. Stör den Blick nach unten auf den Fuß des Baumes hin zu (arabisch) 1a und in der I. Stammtafel des C. v. Wurzbach nach oben auf den Beginn der Generations-Reihung bei (römisch) I richten. Vergleicht man diese, und zwar unter Einbeziehung der nachstehend aufgeführten Angaben von Sporhan-Krempel:

Name: SIGMUND HERMANN,
Beruf: Handelsmann, Datierung: 1512 = Einwanderung (von Wimpfen kommend) in Nürnberg,
Gattin: AGNES PRACHERIN,

so ergibt sich überraschenderweise das Ergebnis der Hinneigung des Stör eher zu Wurzbach als zu Sporhan-Krempel; denn gleich ist bei beiden sowohl der Name, hier Sigmund Hörman von Wimpffen – da Sigismund Heeremann von Wimpffen, als auch der Beruf, hier: Ritter (siehe dessen mit Rüstung, abgelegtem Helm und Wappenschild am Fuß des Baumes ruhende Gestalt) – da: Ritter (dies geht aus der hier nicht gezeigten, doch in der mit „[38]“ gekennzeichneten Lebensbeschreibung hervor, die ihn als zum Rittersmann geschlagenen Kriegsmann bezeichnet); außerdem liegen die auf die beiden Ehepartner bezogenen Datierungen nahe beieinander, hier: „† 1393“ – da: „vixit A(nno) = lebte im Jahr: 1377“. Nur der Name der Gattin geht auseinander und stimmt mit jenem von Sporhan-Krempel angegebenen überein; nämlich hier wie da: Agnes Pracherin bzw. Bracherin (ob mit „P“ oder mit „B“ beginnend, spielt keine Rolle). Dieses dem eröffnend behaupteten Zusammengehen von Sporhan-Krempel einerseits und Stör andererseits Widersprechende wird sich bei der im Fortgang sich zeigenden so gut wie totalen Übereinstimmung der beiden auflösen. Zur Entlastung von Stör ist zu sagen, dass dieser den Stammbaum zweifelsfrei im Auftrag derer Von Wimpffen gefertigt und diesen wohl ehrerbietig und unterwürfig den erwarteten Gefallen getan hat, den von diesen unter allen Umständen erwünschten Nachweis (wohl besser gesagt wenigstens Anschein von einem Nachweis) der ritterschaftlichen sowie altadligen Herkunft durch diese seine imponierende Darstellung des Stammahnen als Rittersmann am Fuße des Stammbaumes zu liefern. Ungeachtet von Störs Kotau, erscheint es durchaus richtig, dass im Rahmen meiner vorgenannten Abhandlung das diesem SIG(IS)MUND der Generation I bzw. 1 geltende Kapitel B der Kurztitel „Sagenahn“[29] gegeben worden und damit die mehr als zweifelhaft erscheinende Ausweisung dieses Stammahnen als Ritter etc. herausgestellt ist. Dies geschah aber auch aufgrund des Umstandes, dass es bis jetzt noch nicht gelungen ist, die Existenz dieses laut Familienüberlieferung am Anfang der Vorfahrenkette Stehenden urkundlich und damit wirklich zweifelsfrei nachzuweisen. Dessen bislang nur ansatzweise vorgenommene Suche müsste erstrangig in der Vergangenheit des angeblichen ursprünglichen Herkunftsortes Wimpfen, aber auch in Augsburg, jenem Ort der behaupteten Einwanderung zu Anfang des 15. Jahrhunderts, erfolgen.

Wenn wir nunmehr zur Darlegung der Folgegenerationen weiterschreiten und jeweils die Angaben von Sporhan-Krempel und von Stör einerseits sowie von Wurzbach andererseits vergleichen, so stoßen wir bei den zwei Erstgenannten ganz im Gegensatz zu jenen des Letztgenannten, auf so gut wie vollste Übereinstimmung, ein Umstand, der die Richtigkeit der Angaben von Sporhan-Krempel und Stör verifizieren hilft:

Laut Sporhan-Krempel hieß einer der Söhne des Stammahnen Sigmund Hermann LEONHARD und dessen Frau BARBARA ENTZINGIN, was mit Stör insofern übereinstimmt, als bei diesem (siehe 2a) als Stammträger LIENHARD und damit eine alte Parallelform des Vornamens erscheint. Wenn beim Letztgenannten (siehe 3a) ANNA ENTZIN und somit ein völlig abweichender Vorname angegeben ist, so dürfte dies so zu erklären sein: Diese haben evtl. sogar aus derselben Quelle geschöpft; da aber üblicherweise in der Regel dem zur Welt gekommenen Kind eine ganze Reihe notierter Vornamen gegebenen worden sind, dürften daraus unterschiedliche Hauptvornamen ausgelesen worden sein. Und was den Unterschied im Nachnamen, hier ENTZINGIN und da ENTZIN, betrifft, so steht zu vermuten, dass im ersten Fall nichts anderes und nicht mehr als eine klangvollere Erweiterung der damals (und teilweise bis heute) üblichen dem Nachnamen der Frau zur Herausstellung deren Weiblichkeit angehängten Nachsilbe „in“ vorliegt. Bezeichnenderweise finden sich im Stammbaum des J. W. Stör wie bei Sporhan-Krempel alle Namen der von den Stammträgern sowie deren Brüdern erheirateten Frauen mit dieser Nachsilbe „in“ erweitert. Der nunmehr notwendige Blick in die I. Stammtafel des von Wurzbach, Generation I, stößt, wie angekündigt, generell auf totale und, worauf schon hingewiesen wurde, unstimmige Abweichungen: Stammträger KARL AUGUST, k. (kaiserlicher) Feldhauptmann, geb. 1352; als dessen dem Adel angehörige Gattinnen sind angegeben: 1) MARIA EVA VON RUSECK und 2) LISA VON WILDECK. Wie beim Vater erscheint auch hier dessen Zuordnung zum Kriegshandwerk als ein Mittel, den Wimpffen-Ahnen die Eigenschaft des rittermäßigen Adels unterzuschieben. Von den angegebenen Geschwistern, auch jenen von Sporhan-Krempel und Stör aufgeführten solchen, sei hier zwecks Stoffraffung – wie teilweise auch im Fortgang – nicht geredet.

Der Umstand, dass der Vater des Leonhard Handel trieb und, wie sich zeigen wird, die Folgegenerationen sich voll von ganz speziell als (Fern-) Handel Treibende erweisen werden, induziert die sicher erscheinende Annahme, dass auch dieser als Handelsmann tätig gewesen ist.

Bei Sporhan-Krempel wie Stör erscheinen als Stammeltern übereinstimmend die Namen HEINRICH (später genannt DER ÄLTERE) und ANNA REITERIN (siehe 3a), dagegen bei Wurzbach FRIEDRICH AUGUST, geb. 1385, verheiratet mit LUDOVICA THERESIA VON WOLFSKEHL, der „Senator der Stadt Nürnberg“ gewesen sein soll. Die Dienstfunktion eines Senators hat es jedoch im ständischen Regimentswesen der Freien Reichsstadt Nürnberg nicht gegeben; es dürfte damit die höchstgestufte Mitgliedschaft im sog. Inneren oder Kleinen oder Engeren Rat gemeint sein, was jedoch bei der festgefügten Ständeordnung Nürnbergs nur einem Angehörigen des Ersten Standes, umschrieben auch mit Patriziat, nicht einem solchen des Zweiten Standes, auch Ehrbarkeit genannt, offen stand. Hier sei bekräftigt, was Sporhan-Krempel feststellt: Die Hermann oder Hörmann waren Angehörige der Ehrbarkeit (= des Zweiten Standes) sowie Kaufleute und zwar Fernkaufleute. Die Richtigkeit dieser Eingliederung wird sich bei der Betrachtung der Folgegenerationen immer wieder bestätigen.

Wie sein Vater, so Sporhan-Krempel und Stör, hieß deren Stammvater HEINRICH (siehe 4a), deshalb auch als DER JÜNGERE erscheinend. Verheiratet war dieser laut der Erstgenannten mit ANNA DAXIN, laut dem Zweitgenannten mit URSULA DAXIN. Der ungleiche Vorname dürfte sich wiederum aus der unterschiedlichen Herauswahl aus einer urkundlichen Vornamenkette erklären. Dieser sei, so Sporhan-Krempel, 1512 nach Nürnberg ausgewandert; so dürfe man schließen, dass er etwa 1485 geboren worden ist. Die Familien-Genealogie sage, „‚er sei der erste gewesen der nach Nürnberg gekommen sei und sich ‚Hermann von Wimpffen’ genannt habe, vermutlich doch wohl zur Unterscheidung von den andern Hermännern. Diesen Zusatz übernahmen dann auch die anderen Mitglieder der Familie. Manchmal wird aber auch die Beifügung weggelassen; denn mit der Zeit wurde das ‚von Wimpffen’ immer wichtiger und ‚Hermann’ trat zurück. Er habe, so berichtet Sporhan-Krempel weiter, das Prädikat „Ehrbar“ geführt, sei 1515 dort Bürger und auch Genannter des Größeren Rats geworden, im August 1532 gestorben und auf dem St. Johannesfriedhof begraben worden. Die vorgenommene Einsicht in im Druck vorliegende Nürnberger Chronik-Unterlagen bestätigten die Richtigkeit der letztgenannten beiden Datierungen und der daran geknüpften vielerlei Umstände. Die daraus ableitbare Tatsache, dass das Von-Wimpffen-Geschlecht erst im beginnenden 16. Jahrhundert unter dem bürgerlichen Namen „Hermann“ nach Nürnberg gekommen ist, verträgt sich mit dem von Wurzbach, bezogen auf die dritte Generation, konstatierten Nürnberger Senator Friedrich August von Wimpffen des 14./15. Jahrhunderts nunmehr auch zeitlich in keiner Weise. Und was das durch von Wurzbach und der Familientradition ihren ersten beiden Stammträgern gegebene Metier des Kriegsmannes und Ritters bzw. des kaiserlichen Feldhauptmannes betrifft, so steht in der Weiterführung von Sporhan-Krempel in Bekräftigung des schon über den Erstahnen Sigmund Gesagte das völlig Andere zu lesen, nämlich dass „die Hermann Kaufleute, Fernhändler waren“. Als Beleg dient ihr nicht nur die Auswanderung des (älteren) Heinrich von (der Handelsstadt Augsburg nach der ebensolchen) Nürnberg, sondern sie verweist auch auf die folgenden in den Nachfolge-Generationen 5, 6 und 7 geschehenen (wir kommen auf insgesamt sechs) Fälle der Einheirat in Fernhändler-Familien, womit wir zeitlich weit vorausgreifen müssen:[33]

– Erstens: Heinrichs Bruder HANß (siehe 4f), später DER ÄLTERE, heiratete BARBARA LINDENMAIERIN (Sporhan-Krempel: ANNA LINDERIN; wahrscheinlich stammend aus der gleichnamigen Nürnberger Fernhändler-Familie), zog nach Italien und ließ sich 1504 in Venedig nieder, d. h. in jener prachtvollen Stadt, die den Levantehandel beherrschte.

– Zweitens: Die Vorgenannten hatten einen Sohn namens WILHELM (siehe 5d); dieser kehrte laut Sporhan-Krempel in die alte Heimat nach Augsburg zurück und heiratete dort im Jahr 1529 MAGDALENA SCHMUCKERIN, deren Name in der Tat auch bei Stör zu finden ist, wobei wohl SCHMÜCKERIN zu lesen steht. Im Jahr der Heirat sei Wilhelm, wie es ausdrücklich in alten Aufzeichnungen heiße, „allda in die Herrenstube gelanget“. Diese sog. Herrenstube war eine Augsburger gesellschaftliche Korporation, in der Patrizier und auch durch Heirat herrenstubenfähig gewordene Nichtpatrizier aufgenommen waren. Die SCHMUCKER, die durch Barchenttuchhandel reich gewordene weberzünftige Kaufleute waren und zu den reichsten Augsburger Bürgern mit ganz beträchtlichem auswärtigem Streubesitz in Form mehrerer arrondierter Grundherrschaften gehörten, sollen 1538, d. h. bald nach der Heirat des Wilhelm, ins Augsburger Patriziat aufgenommen worden sein, in dem sie sich aber nur kurz hätten halten können. Unabhängig von den Angaben von Sporhan-Krempel ist in der Weiterverfolgung deren Kinder im Stammbaum von Stör (siehe 6l, 6m, 6n, 6o, 6p) die folgende Fortsetzung der Einheirat in Fernkaufmanns-Familien zu finden: Der dritte Sohn (siehe 6n) CHRISTOFF (ca. 1540 – 1611) heiratet 1564 die aus Augsburg stammende SUSANNA WALTERIN (geb. 1542), die Tochter des Augsburgerr Patriziers und Bürgermeisters BERNHARD I. WALT(H)ER (1500 – 1559) und der FELICITAS WALTHER geborene REHLINGER (1504 – 1579), deren beider Familien in Zusammenarbeit mit bzw. in Diensten der im Fernhandel und Geldwesen führend tätigen Augsburger FUGGER und im Falle der REHLINGER sogar in engem Verwandtschaftsverhältnis zu diesen standen.[34]

– Drittens: Die Vorgenannten hatten eine Tochter namens SYBILLA (siehe 5 c). Diese heiratete (laut Fleischmann[35] 1530 in Venedig) den dort als Fernhändler tätigen und aus einer der Ersten Geschlechter Nürnbergs stammenden sowie dort im Engeren oder Kleineren Rat sitzenden BALTHASAR DERRER (bei Stör als DÖRRER erscheinend). Diese betrieben erfolgreich ein zwischen Nürnberg, Wien und Venedig operierendes Handelsgeschäft. Später siedelten die beiden nach Nürnberg über und Balthasar wurde dort nach einer langen Karriere im Stadtregiment schließlich 1580 Vorderer Losunger und begleitete somit eines der wichtigsten dem Einzug der Steuern sowie der Finanz- und Vermögensverwaltung dienenden Ämter im Stadtregiment.

– Viertens: Einer der Söhne dieses Hanß, der ebenfalls HANß (siehe 5b; dort noch mit DER JÜNGER bezeichnet) hieß. Laut Sporhan-Krempel verheiratete dieser sich mit CLARA DIOTÄT aus Cypern; so müsse man mit Recht annehmen, dass die Hermann in Venedig mit Cypern Handel trieben. Wenn man allerdings im Stammbaum Stör (siehe 5b) den Namen nachliest, stößt man auf CLARA CLAUDIA AUS ZIPERN und damit auf einen völlig anderen Zunamen, doch immerhin auf deren von Sporhan-Krempel konstatierte Mittelmeer-Insel-Herkunft.-

– Fünftens: Sporhan-Krempel gibt weiterschreitend an, dass einer deren Söhne namens LEONHARD die Ehe mit einer Italienerin eingegangen sei. Dieses bestätigt sich dadurch, dass dieser im Stammbaum Stör in der Tat links außen unter 6b als LIENHARD erscheint, dem zwei Brüder namens HANß (siehe 6c) und CHRISTOFF (siehe 6d) folgen, und dessen Gattin sich mit PIARINA DI ALDI entziffern lässt, was in der Tat eindeutig italienisch klingt.

– Sechstens: Der Sohn dieser beiden, so schreibt Sporhan-Krempel weiter, habe sich mit ANNA MARIA TUCHERIN, also wieder nach Nürnberg, verheiratet. Die Nachschau, jetzt in Generation 7, erbringt sage und schreibe vier Söhne (siehe 7b, 7g, 7l und 7n) und neun Töchter (7c, 7d, 7e, 7f, 7h, 7i, 7j, 7k, 7m), worunter bei 7l tatsächlich HANß und PHILIPINA TÜECHERIN erscheinen. Laut Wolfgang Reinhard[36] findet sich denn auch, was die Angaben von Stör bestätigt, ein 1593 in Venedig wohnender und von 1599 bis 1601 dort als Mitglied der Kaufleutestube sowie 1606 dort gestorbener HANS HOERMANN mit Ehefrau PHILIPPINA GEB. TUCHER. Die TUCHER VON SIMMELSDORF gehörten zu den ganz großen Geschlechtern der Reichsstadt Nürnberg, die dort 1309 zum ersten Mal genannt und 1340 in den Engeren Rat eingezogen sind. Diese waren in europäischen Handelszentren wie z. B. in Venedig tätig gewordene Großkaufleute, die sich ganz besonders im Safranhandel hervortaten. Ihren Namenszusatz bekommen sie schließlich 1697 von Kaiser Leopold sogar als Adelsname unter Immatrikulation im Ritterkanton Gebürg der Reichsritterschaft in Franken anerkannt. Indem die Eheschließung von HANß HOERMANN mit PHILIPPINA TUCHER zwei aus jeweils einem alten Fernkaufsmanngeschlecht stammende Partner zusammenbrachte, fand deren beider über viele Generationen zurückreichende Herkunft aus solchen quasi eine Potenzierung. Bei Hanß dürfte diese lückenlos von seiner Generation 7 zurück bis zur Generation 1 gehen!

Was die wiederum abweichende Nennung des von Wurzbach betrifft, so treffen wir mit dem beim Stammträger dessen Generation IV ausgewiesenen Namen HANS I (geb. 1418, gest. 1491) zwar auf den bei Sporhan-Krempel und Stör vielerorts ab der Generation 4 bis hin zu Generation 9 zu findenden gleichen Namen. Da dessen Person mehrfach im 5. Buch des „Chronikon Alsatiae II. Edelsasser Cronik“ des Bernhart Hertzoger genannt ist, kann man davon ausgehen, dass ein solcher unter dem Namen HANS VON WIMPFFEN im Hagenau im Elsass des 15. Jahrhunderts gelebt hat. Doch lässt sich dieser in keinerlei Weise in die Genealogie der Augsburg/Nürnberger HERMANN (VON WIMPFFEN) einfügen, was im Einzelnen im vorgenannten Kapitel I meiner Abhandlung „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen …“ nachgelesen werden kann. Und hier sei – der Einfachheit halber zusammenfassend und die angegebenen Geburts- und Todesdaten sowie (mit einer Ausnahme) auch die adligen Gattinnen etc. unbeachtet lassend – ein großer Sprung über die nächsten vier Generationen hinweg (siehe diese alle in Abb. A 11: I. Stammtafel) gemacht, dessen bei von Wurzbach als Stammträger angegebener gleichnamiger Sohn JOHANNES II. (Gen. V), Enkel JOHANNES III. (Gen. VI), dazuhin Urenkel FRIEDRICH, nach Anderen aber SEBASTIAN (Gen. VII) sowie Ururenkel JOHANN JACOB VON WIMPFFEN mit Gemahlin MARIE DOROTHEA VON SCHWARZENBERG (Gen. VIII)) ebenfalls nicht mit den von Sporhan-Krempel nachgewiesenen Stammträgern zu vereinen sind und samt Gattinnen als inexistent betrachtet werden müssen. Wir werden auf das letztgenannte (sich als irreal erweisende) Stammträger-Paar bei der Behandlung der Generationen 7 und 8 zurückkommen.

Dass der Beruf des Fernkaufmanns auch für Leonhards Großonkel DOMINICUS HERMANN oder HÖRMANN (siehe 5a) zutrifft, zu dem wir nunmehr, weiterschreitend zum Stammträger der nächsten Generation, gelangen, das zeigen die folgenden von Sporhan-Krempel gegebenen Fakten und Daten: Ähnlich wie Wilhelm und Sybilla, die Kinder des Italienfahreres Hanß, so habe auch DOMINIK, wie sie diesen nennt und schreibt, eine „glanzvolle Heirat“ geschlossen. Am 12. Februar 1537 sei er zu St. Sebald mit URSULA GROLAND, der Tochter des NIKLAS GROLAND, getraut und im Jahr der Eheschließung auch Genannter (gemeint des Größeren Rates) geworden. Von ihm könne man mit Sicherheit sagen, dass er Fernkaufmann war; denn in den sog. „Fresslisten“, in denen eine Art Geleitsabgabe festgehalten worden sei, werde er mehrmals als ein Besucher der Frankfurter Messe ausgewiesen. Dass Sporhan-Krempel von einer glanzvollen Heirat spricht, ergibt sich daraus, dass die GROLAND (VON OEDENBERG) sich in Nürnberg schon 1305 ersterwähnt und ab 1346 im Inneren Rat finden. Sie betrieben Fernhandel und waren u. a. im flandrischen Tuchzentrum Tournai vertreten. Das der Gattin URSULA beigegebene Wappen der Groland führt im Zentrum eine fünfblättrige Rose, aus der drei Sensenklingen hervorgehen. Wie wichtig diese Eheverbindung für die Hermann von Wimpffen gesehen wurde, das geht aus dem Umstand hervor, dass im Stammbaum von J. W. Stör (siehe in Abb. A 10a) links unter der mächtigen Baumkrone eine gegenüber diesem auf den Kopf gestellte genealogische Darstellung in Rosettenform der Patrizierfamilie Groland eingebracht ist, in der am unteren Ende rechtsaußen der Vorname der URSULA (zu ergänzen: GROLAND) zusammen mit dem vollen Namen des in die Familie eingeheirateten Gatten DOMINICUS HÖRMANN und darunter beider Wappenzeichen erscheinen.-

Wie es einem Ansehen errungenen und offenbar auch vermögend gewordenen Fernhandelskaufmann geziemte, bewohnte dieser eine zwischen der Nürnberger Sankt Sebald-Pfarrei und deren Pfarrkirche oberhalb des Rathauses und neben dem Herrnmarkt gelegene und den Raum zwischen zwei Gassen füllende sowie aus Vorder-, Mittel- und Hinterhaus bestehende langgestreckte Behausung. Bereits 1533, demnach schon vier Jahre vor der sein Ansehen mehrenden Heirat, kann er sich von dem berühmten Nürnberger Bildhauer und Medailleur MATTHES GEBEL, der Mode vieler damaliger Adliger wie Patrizier folgend, eine sein Kopfprofil zeigende Medaille (Schaumünze) prägen lassen.[38]

Und etwas mehr als zwei Jahrzehnte später gelingt es ihm sogar, einen königlichen Wappenbrief zu erlangen. Dessen aufschlussreicher Text ist nachstehend gezeigt in der mir von Dr. Hans H. von Wimpffen zur Verfügung gestellten Unterlagen:

  • Abb. A 12a und A 12b: Abschrift der Urkunde der Wappenverleihung vom 18. August 1555 mit angeschlossener Transkription.

Hiernach wird von „Ferdinand Von Gottes gnaden Röm. König” dem „Dominicus Herman“ ein Wappen mit einem roten oder rubinfarbenen Schild verliehen. In diesem ist – in Anspielung auf seinen Namen – eine aufrecht und vorwärts zum Sprung geschickte Gestalt eines sog. Herman (im Sinne von Hörnermann) oder Widder mit gelben Klauen und einwärts gekrümmten gelben Hörnern und roter ausgeschlagener Zunge sowie darüber einem Stechhelm gezeigt. Indem als Name nur Dominicus Herman und nicht auch die schon von seinem Vater verwendete Herkunftsbezeichnung „von Wimpffen“ erscheint, ist jeglichem Anschein der Verleihung eines Adelswappens begegnet. Denn es handelt sich bei diesem Wappen um nicht mehr als ein Bürgerwappen, so wie es damals in der Ständischen Gesellschaft Nürnbergs in Vielzahl auch den dortigen Angehörigen des sog. Ersten Standes der sog. Patrizier verliehen worden ist, wobei dem Urnamen jeweils eine Herkunftsbezeichnung beigegeben wurde, die sich in der Regel nach deren im Nürnberger oder dem sonstigen Umland gelegenen Herrensitzen richteten. Zwar gehörten die sich seit der Generation 4 „Hermann von Wimpffen“ Nennenden nur dem sog. Zweiten Stand der Nürnberger sog. Ehrbarkeit an. Doch erscheint durch ihre Tätigkeit als Fernhändler wie auch durch Einheirat in den Ersten Stand der sogenannten Patrizier (siehe vorausgehend 1529 in jenen der Augsburger SCHMUCKER, 1530 in jenen der Nürnberger DERRER bzw. DÖRRER und jetzt 1537 in jenen der Nürnberger GROLAND) deren Vermögendheit und vor allem auch Ansehen so gewachsen, dass sie für wappenwürdig befunden wurden.

Leider fehlt uns die im originären Brief der Wappenverleihung sicherlich angefügt gewesene Wappendarstellung und somit die Urform dieses Herman(n)-Wappens. Doch dürfen wir uns wohl zunächst ersatzweise mit jenem solchen behelfen, die in der der Abb. A 10b zu finden ist und das, J. W. Stör, um es noch einmal klar herauszustellen seinem „Sagenahn“, fälschlicherweise zwei Jahrhunderte vorausnehmend und freilich nur farblos in Schwarz-Weiß, in den Ritterschild gesetzt hat. Dort stößt man auch auf die im Urkundentext umschriebene Wappenzier des vom Stechhelm beidseitig ausgehenden sog. gleichfarbenen Bausches und auf die darüber sich mit nach außen offenen Mundlöchern und einem Lindenblättchen erhebenden zwei (roten) Büffelhörner sowie die beidseits von diesen ausgehenden vier Lindenäste mit, nach unten hängend, oben einem, bei den zwei mittleren zwei und dem unteren drei (gelben) Lindenblättlein sowie dazwischen dem Vorderteil wiederum „eines weißen Hermanns oder Widdergestalt“.

Als vollwertiger Ersatz kann eine um rund 2 ½ Jahrhunderte jünger als jenes Urwappen von 1555 einzustufende farbige Wappendarstellung gelten, die nach Wappenzeichen und -zier sowie Farbdetails mit Ausnahme der „rot ausgeschlagenen Zunge“ ganz genau der obigen Beschreibung der Urkunde der Wappenverleihung entspricht. Siehe dazu die

  • Abb. A 13: Das in einen kreisförmigen grünen Blattkranz auf blauen Hintergrund gesetzte und von einer Heros- und Heroinengestalt präsentierte Wappen der als Familie von Adel ausgestorbenen sog. Dänischen Linie der Freiherren von Wimpffen (Detail einer Wand- oder Urkundendarstellung ca. der Zeit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert unbekannter Herkunft).

Es verwundert, dass man bei Lore Sporhan-Krempel diesen bedeutsamen Akt der Wappenverleihung nicht erwähnt findet, was wohl damit zu erklären ist, dass sie diesen übersehen oder, darum wissend, kurzerhand auf dessen Erwähnung verzichtet hat. Dass die Wappenverleihung auch bei von Wurzbach und seinen Vorgängern nicht erscheint, hat einen tieferen Grund, nämlich: Bei diesen ist ja weder Dominicus noch sind dessen Vor- und Nachfahren existent.

Dominik fand im Nachjahr der Wappenverleihung am Dreifaltigkeitstag, d. h. am 30. Mai 1556, so Sporhan-Krempel, ein tragisches Ende, und zwar bei einer auf dem Tullnauer Weiher bei Wöhrd nächst Nürnberg mit einen Floß zusammen mit zweien seiner im Stammbaum Stör unter 6h, 6i, 6j und 6k zu findenden vier Töchter, einem jungen Gesellen aus Breslau und einer Magd unbeschwert angefangenen Lustfahrt. Wie es dazu kam, dass das Floß kenterte und alle außer der Magd ertranken, das steht in einem im Kapitel G meiner Abhandlung „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen …“ wiedergegebenen Bericht des Nürnberger Chronisten Johannes Müllner zu lesen. Dominiks Witwe URSULA verkaufte die Behausung und Hofraithe beim Herrnmarkt 1559 an den Bürgermeister und Rat der Stadt Nürnberg für 5.113 Gulden und starb, so Sporhan-Krempel, viele Jahre später als ihr Gatte am Weinmarkt und wurde am 15. September 1570 begraben.

Nun zur Folgegeneration weiterschreitend, sind im Stammbaum Stör neben den vorgenannten vier Töchtern des Dominik und der Ursula noch drei Söhne zu finden, nämlich HEINRICH (siehe 6e), NICLAS (siehe 6f) und der Stammträger CHRISTOFF zusammen mit seiner Frau REGINA BÖHEIMIN (siehe 6a). Laut Sporhan-Krempel, die CHRISTOPH schreibt und vom ÄLTEREN spricht, ist dieser am 21. April 1552 in Sankt Sebald getauft worden und fand die Trauung mit REGINA BEHEIM am 20. Dezember 1577 statt. Deren Vater MICHAEL habe dem Inneren Rat angehört und sei oberster Bauherrr der Stadt Nürnberg gewesen. Die BEHAIM AUF KIRCHSITTENBACH (die sehr unterschiedliche Namensschreibweise tut nichts zur Sache), wie diese im Verzeichnis des Nürnberger Patriziats erscheinen, sind bereits 1285 ersterwähnt, finden sich im Inneren Rat ab 1319 und erhalten später um den Beginn des 18. Jahrhunderts sogar unter Vermehrung ihres Wappens von Kaiser Leopold I. den Adelstitel. Somit setzt sich hier das Einheiraten der Hermann (von Wimpffen) in die sog. Ersten Nürnberger Familien fort. Und die dieser Heirat wiederum beigemessene große Bedeutung findet im Stammbaum des J. W. Stör abermals ihren Niederschlag dadurch, dass auf der Gegenseite der Darstellung des Stammbaumes der GROLAND, d. h. rechtsaußen unter der Baumkrone, in einer ebensolchen Halbrunddarstellung auch der Stammbaum der BÖHEIM festgehalten ist. Dort erscheinen unten ganz rechts (das jeweils zu Ergänzende findet sich in Klammer gesetzt) CHRIST(OFF) HÖRMAN V. WIMPF(EN) und REGINA (BÖHEIM), dazu beider Wappenzeichen, nämlich der Widder und das auf gespaltenem Schildgrund schräg laufende geschlängelte Stück eines Flusses (siehe dieses Wappenzeichen auch bei 6a). Welcher Tätigkeit dieser nachgegangen ist, darüber erfahren wir nichts. Wahrscheinlich war er wie sein Vater Dominik, der langen Tradition folgend, Fernhandelskaufmann. Im „Extract Mullneri Analium” ist 1608 als das Jahr dessen Erhebung zum Genannten des Größeren Rats angegeben. Er starb laut Sporhan-Krempel im März 1619 in einem Haus beim Gelben Löwen am (Nürnberger) Bonersberg. Laut Stammbaum Stör hatten Christoff der Ältere und Regina vier Kinder, drei Töchter namens MARGARET (siehe 7c) , REGINA (siehe 7b) und SUSANNA (siehe 7q) sowie einen nach dem Vater benannten Sohn CHRISTOFF (siehe 7a). Die Töchter, so Sporhan-Krempel, seien früh verstorben: die 1579 geborene ANNA REGINA achtzehnjährig in Köln, wo sie vielleicht Verwandte besucht hatte; ihre viel jüngere, erst 1591 geborene, Schwester SUSANNA im März 1601 am Fischbach.

Überraschenderweise entpuppt sich NICLAS (siehe 6f), der bei Sporhan-Krempel NIKLAS geschrieben und laut dieser am 22. März 1539 in Sankt Selbald getauft worden ist, als der gegenüber seinem Bruder CHRISTOPH bzw. CHRISTOFF um 13 Jahre Ältere. Indem dieser, so Sporhan-Krempel, sich am 15. Juni 1568, wie auch im Stammbaum Stör zu lesen steht, mit ANNA PFINTZINGERIN, der Tochter des MARTIN PFINTZING, verheiratete, setzte sich „die Reihe der erfolgreichen Ehen fort“. Denn die PFINZING (1554 mit dem Zusatz „VON HENFENFELD”) waren im 13. und 14. Jahrhundert das größte und auch einflussreichste Geschlecht Nürnbergs gewesen und unstrittig staufisch-ministerialer Abstammung und hatten mehrfach in Nürnberg sogar das höchste Amt des Reichsschultheißen innegehabt. Deren früher Reichtum war vor allem dem Fernhandel entwachsen. Wir können davon ausgehen, dass ANNA PFINZING eine der sieben Töchter der ersten Ehefrau des MARTIN I. PFINZING (1490 – 1552) namens ANNA GEBORENE LÖFFELHOLZ (1498 – 1543) gewesen ist. Diese sieben Töchter alle unter die Haube zu bringen und diese damit vor immerwährender Jungfernschaft und gar dem lebenslangen Eintritt in ein geistliches Fräuleinstift zu bewahren, dürfte nicht einfach und so im Falle der Anna der Preis dafür die Verheiratung in den nächstniederen Stand gewesen sein. Aus dem mütterlichen Erbe hatte die Mutter das prächtige Haus „Zum Lindwurm” in markanter Lage unterhalb der Lorenzkirche (Königstraße 12) in die Ehe gebracht. Inwieweit die eingeheirateten Hermann von Wimpffen davon profitiert haben, bleibt natürlich offen. Sicher ist, dass Niklas ein Jahr nach seiner Eheschließung Genannter des Größeren Rates geworden und im selben Jahr (1569) als Assessor ans Bauerngericht und damit in ein Stadtamt gelangt ist, wo er bis zu seinem Tod im August 1597 im Alter von 58 Jahren und damit 28 Jahre tätig gewesen ist. „Er wertete“, so Sporhan-Krempel abschließend, „das ‚Image’ seiner Familie sehr auf.“ NICLAS tritt also in eine nürnbergische Amtsstellung ein, was sich in der nächsten beiden Generationen, um das vorwegzunehmen, jeweils sogar beim Stammträger fortsetzen wird.

Der Stammträger der Generation 7 CHRISTOFF bzw. CHRISTOPH DER JÜNGERE (siehe 7a) geht 1607 die Ehe mit ANNA MARIA SEMLER(IN), der Tochter des „ehrbaren und fürnehmen“ DIETRICH SEMLER ein. Somit gehörte dessen Familie zwar „nur“ dem Zweiten Stand der sog. Ehrbarkeit an; doch stellte diese ein angesehenes und vermögliches Glied der Nürnberger Kaufmannschaft dar. Trotzdem dürfte das Zustandekommen dieser Heirat wohl ohne eine bereits erreichte höhergestellte gesellschaftliche Positionierung derselben in der Nürnberger hierarchischen Gesellschaft nicht zustande gekommen sein. Dem Familienansehen brachte die Heirat weiteren Gewinn. Christoph erreichte nämlich wie sein Onkel Niclas später eine Nürnberger Amtsposition, nämlich die eines Unterpflegers in Gostenhof. Das heute an die Nürnberger Altstadt grenzende Gostenhof war damals ein Vorort Nürnbergs, wo ein mit Oberpfleger und Unterpfleger besetztes sog. Pflegamt bestand. Im reichsstädtischen Nürnberg des 16./17. Jahrhunderts oblag, bestimmt durch die Almosenordnung unter der Aufsicht von vier Ratsmitgliedern als Oberpfleger, neun Unterpflegern, entsprechend derselben Anzahl der Pfarreien der Stadt, zusammen mit vier vereidigten besoldeten Knechten die Erfassung und Beaufsichtigung der Almosenempfänger sowie die wöchentliche Verteilung der sog. Almosen, bestehend hauptsächlich aus Almosengeld. Die Zahl der in Nürnberg 1523 ermittelten Hausarmen betrug etwa 400. Die Klienten des Almosens waren verpflichtet, ein Zeichen zu tragen und ihre Wohnung durch einen Schild zu kennzeichnen.

Bevor wir zur Nachfolge-Generaton, weiterschreiten, sei noch darauf verwiesen, dass – wie bereits angekündigt – C. von Wurzbach in seiner der Generation 7 gleichzusetzenden Generation VIII das Stammträger-Paar völlig anders benennt, nämlich mit JOHANN JACOB, geb. 1547, und MARIA DOROTHEA SCHWARZENBERG, was meinerseits per Durchstreichen und die dazugesetzten richtigen Namen in Rot herausgehoben ist und worüber Beweiskräftiges im Rahmen der nun anstehenden Folgegeneration zu sagen sein wird.

Christoph der Jüngere und seine Frau Anna Maria, geb. Semler, der Generation 7 hatten, so stellt Sporhan-Krempel fest, elf Kinder. Mit diesen Angaben geht der Stammbaum Stör genauestens einher, der hier der Verbesserung der Lesbarkeit wegen noch einmal, begrenzt auf den oberen Hauptbereich, gezeigt werden soll. Siehe dazu die

  • Abb. A 14: Eingegrenzte und dadurch vergrößerte Darstellung sowie auf die Generationen 4 bis 9 (inklusive 10) beschränkte Darstellung des Stammbaumes von ca. 1750/60 des J. W. Stör.

Denn dort finden sich sieben Knaben (siehe 8g, 8h, 8i, 8j, 8k, 8a, 8o) und vier Mädchen (siehe 8l, 8m, 8n, 8p), also tatsächlich elf Kinder, verzeichnet. In der langen Namenreihe wird sich nicht nur deren Stammträger JOHANN FRIEDRICH (siehe 8a) mit seinen beiden Gemahlinnen SUSANNA CATHARINA FÜRLERGERIN und SUSANNA KREßIN, sondern auch dessen jüngerer Bruder JOHANN DIETRICH (siehe 8j) mit seinen ebenfalls zwei Gemahlinnen MARIA MAG(DALENA) LÖFFELHOLTZIN und MARIA BART(HOLOMEA) LÖFFELHOLTZIN als relevant erweisen.

Überraschenderweise stimmen, entgegen bisheriger Nichtübereinstimmung aller Namensangaben des Von Wurzbach (inklusive Aubert Des Bois sowie Epigonen) einerseits und Sporhan-Krempel (inklusive Stör und Waldau) andererseits, sowohl die Namen des vorstehend als Zielpersonen herausgestellen Brüderpaares als auch der vorgenanten Namen der jeweils zwei Gemahlinnen überein. Denn in der I. Stammtafel des C. von Wurzbach (zu finden in Abb. A 11) heißt es (übereinstimmend mit den dazugehörigen Biografien Nr. 29 und 28) wie folgt:

– Mittig links:
„Aelterer Hauptast:
JOHANN FRIEDRICH [29]
kais. Feldoberster
geb. 1581, gest. 13. November 1668.
1) SUSANNA KATHARINA FÜRLEGER
2) SUSANNA KREß VON KRESSENSTEIN, geb. 16. August 1622, gest. 5. Juli 1682.“

Der links neben dem Namen von Johann Friedrich angegebene Bruder SEBASTIAN, geb. 1580, lässt sich in der o. Geschwisterreihe des Stammbaumes Stör nicht finden.

– Mittig rechts:
„Jüngerer Hauptast:
JOHANN DIETRICH [28]
kais. Feldoberster
geb. 1583
1) MARIA MADALENA v. LÖFFELHOLTZ
2) KATHARINA BARTHOLOMEA V. LÖFFELHOLTZ
3) SABINA VON CREMONI
4) ANNA VON ROSENBACH
(siehe II. Stammtafel).“

Die rechts neben dem Namen des Johann Dietrich angegebene Schwester ELISABETH, geb. 1587, lässt sich in der o. a. Geschwisterreihe des Stammbaumes Stör nicht finden.

In den unter den Einzelbiografien Nr. 29 und 28 auf der Seite 11 des Werkes des Constantin von Wurzbach zu findenden Lebensläufen, welche die Angaben des I. Stammbaumes ergänzen und die an späterer Stelle immer immer wieder zur Sprache gebracht werden, heißt es u. a. übereinstimmend, dass diese beiden Brüder JOHANN FRIEDRICH und JOHANN DIETRICH Söhne von JOHANN JACOB aus der Ehe mit MAR. (gemeint MARIA) DOROTHEA VON SCHWARZENBERG gewesen seien. Dementsprechend findet sich dieser unter Beigabe von „geb. 1547“ auch in der I. Stammtafel als Stammträger der Generation VIII. Dass dieses Paar, wie schon gesagt, der Realität entbehrt und deshalb von mir in Rot durchgestrichen und durch die Namen CHRISTOPH DER JÜNGERE und ANNA MARIA SEMLER ersetzt worden ist, ergibt sich fürs Erste aus Sporhan-Krempel wie auch aus Stör, bei denen die Vorgenannten ja zweifelsfrei als die Eltern des Brüderpaares JOHANN FRIEDRICH und JOHANN DIETRICH ausgewiesen sind. Dass diese Zuordnung den Tatsachen entspricht, das geht schlagend aus den nachfolgend gezeigten zwei Nürnberger Urkunden-Kopien hervor, die ich von Dr. Hans H. von Wimpffen erhalten konnte:

  • Abb. A 15a und A 15b: Die Kopien von im Stadtarchiv Nürnberg unter S I Lade 149 Nr. 6 unter vielen anderen bewahrten Urkundenabschriften, deren obere die am 12. Oktober 1645 proklamierte Eheschließung (in heutiger Sprache das sog. Aufgebot) des Johann Friedrich von Wimpffen mit Susanna Catharina Fürleger und deren untere dasjenige vom 4. April 1658 des Johann Dietrich von Wimpfen mit Maria Magdalena Löffelholtz notiert.

In beiden Urkunden-Texten steht, von mir jeweils durch rote Unterstreichung hervorgehoben, zwischen oben dem jeweiligen Gebrüder-Namen „Johann Friedrich Von Wimpfen” bzw. „Johann Dietrich Von Wimpfen” und unten dem jeweiligen Brautnamen „Susanna Catharina” bzw. „Maria Magdalena“ jeweils „Christoph Hermann Von Wimpfen ehelch. Sohn“ bzw. „Ehlicher Sohn” vermerkt, was diesen unbezweifelbar als Vater des Gebrüderpaares ausweist. Genau so sind in der Generationsreihe IX der I. Stammtafel des C. von Wurzbach die Namen und Geburtsdaten der dort an den Flanken zu findenden beiden Geschwister der Gebrüder Johann Friedrich und Johann Dietrich namens Sebastian und Elisabeth als falsch zu deklarieren. Des Weiteren ist die beiden Brüdern beigegebene Berufsbezeichnnung „kais. Feldoberster“ und sind auch die diesen zugeordneten Geburtsjahre 1581 und 1583 sowie die angegebenen Ehen 3) mit SABINA VON CREMONI und 4) mit ANNA VON ROSENBACH als unrichtig anzusehen.

Denn wie aus Sporhan-Krempel „Zur Geschichte der Fam. Hermann von Wimpffen“ (1981/84) zweifelsfrei hervorgeht und an späterer Stelle noch genauer darzulegen sein wird, ist das vorgenannte in Nürnberg geborene Brüderpaar dort um eine ganze Generation später zur Welt gekommen: JOHANN FRIEDRICH, der Ältere der beiden, erst 1615 und JOHANN DIETRICH, der Jüngere der beiden, erst 1616. Und gestorben ist der Erstgenannte am 13. Dezember (nicht November) 1668 (und zwar in Nürnberg) und der Zweitgenannte am 17. November 1679 (und zwar in Durlach; Näheres dazu später)! Und was die in der I. Stammtafel des C. von Wurzbach beiden zugewiesene falsche Tätigkeitsbezeichnung „kais. Feldoberster“ betrifft, so war der Ältere Johann Friedrich im Nürnberger zivilen Ämterwesen beschäftigt, wo er schließlich den beachtlichen Rang des Losungsamtmannes erreichte. In der diesem geltenden Biografie Nr. 29 schreibt von Wurzbach zwar richtigerweise „war Losungsamtmann zu Nürnberg“, fügt aber dann, wieder total neben der Realität liegend, „und zuletzt kaiserlicher Feldoberster“ an.

Und der Jüngere Johann Dietrich war zwar zunächst Militär, brachte es aber nur bis zum Rang eines „Lieutenant“. Und später übte dieser, wie später zu zeigen sein wird, allerlei zivile Tätigkeiten aus, so zuletzt, wie selbst von Wurzbach in seiner diesem geltenden Biografie Nr. 28 aufzeigt, diejenige eines Kämmerers und Oberhofmeisters der Markgräfin von Baden-Durlach. Ganz offenkundig hat von Wurzbach dem Brüderpaar wider die Wahrheit ganz bewusst und gleichgerichtet den Anstrich höherrangiger und dazuhin adliger Militärs zu verleihen versucht. All dieses im Generationsband IX der I. Stammtafel festzustellende Fehlerhafte findet sich in Rot durchgestrichen und Fehlendes teilweise in Grün ergänzt. Dazuhin wurde es für notwendig befunden, die Zuordnungen der Generation X bzw. 9 „Aelterer Hauptast“ und „Jüngerer Hauptast“ durch rote Pfeilführungen weg von Johann Friedrich bzw. Johann Dietrich hin zu des Erstgenannten Kindern GEORG ABRAHAM und HANS KARL zu führen, was die notwendige Erklärung erst an späterer Stelle finden wird.

Richtig jedoch erscheinen bei von Wurzbach, mit Ausnahme der dem Jüngeren (siehe oben) noch zugewiesenen adligen Ehefrauen 3) und 4), die jedem der beiden Brüder zugeordneten zwei Ehefrauen, die – mit einer Ausnahme – Nürnberger Familien des Ersten Standes der sog. Patrizier angehörten, welche im 17. bzw. 16. Jahrhundert sogar in den Adelsstand erhoben worden waren und alle hochvermögend gewesen sind. Im Einzelnen sah das so aus (Näheres siehe bei Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel L. Adelswerdung; dort insbesondere Genealogische Übersicht I):

– Die beiden Ehefrauen von JOHANN FRIEDRICH waren:

1) SUSANNA (auch SUSANNE) KATHARINA FÜRLEGER (Heirat 1645):
Diese soll 60.000 bis 70.000 Gulden in die Ehe gebracht haben. Denn die FÜRLEGER gehörten zwar wie der Ehemann „nur“ dem Zweiten Stand der sog. Ehrbarkeit an, waren aber reiche Handelsleute, die z. B. in Verona eine Handelsniederlassung besaßen und 1625 sogar den Adelstitel zuerkannt bekommen hatten.

2) SUSANNA KREß VON KRESSENSTEIN (Heirat 1660 und jetzt in der 3. Ehe stehend):
Demgegenüber gehörten die KREß (auch KRESS) dem Vordersten Stand der sog. Patrizier an, die als erfolgreiche Kaufleute 1418 erstmals ratsfähig im Sinne des Engeren oder Kleineren Rates geworden waren, aber mehr und mehr sich dem Staatsdienst als Diplomaten und als Kriegsleute zugewandt und schon 1531 vom Kaiser das Adelsprivileg mit der Namenserweiterung KRESS VON KRESSENSTEIN zuerkannt bekommen hatten. Susannas wohl von ihrer Herkunft herstammende Begehrtheit manifestiert sich auch darin, dass sie nach dem Tod von Johann Friedrich sogar noch eine vierte Ehe eingehen konnte.

– Die beiden Ehefrauen von JOHANN DIETRICH waren:

1) MARIA MAGDALENA VON LÖFFELHOLTZ (Heirat 1658) und
2) KATHARINA BATHOLOMEA VON LÖFFELHOLTZ (Heirat 1663).

Diese waren Schwestern, deren Vater im Zusammenhang mit der ersten Eheschließung als „Rat (im Sinne vom Engeren Rat) allhier“ und in der Nürnberger Vorstadt „Basteihof“ bestellter Unterpfleger tituliert ist. Somit gehörten die LÖFFELHOLTZ ebenfalls zu den Ersten Geschlechtern Nürnbergs, die im Engeren Rat seit 1418 saßen, viele Besitzungen vor allem in Form von Herrensitzen bzw. sogar Schlössern in und um Nürnberg hatten und schon 1515 in Anerkennung des Namenszusatzes VON KOLBERG AUF STEINACH den Adelsrang erlangt hatten.

Mit diesen erneuten beiden Einheiraten in Nürnberger Erste Geschlechter, jetzt in Generation 9, fand das, was der sich selbst mit „ält. Hospitalprediger“ betitelnde GEORG ERNST WALDAU in der von ihm in der Stadt seiner Tätigkeit Nürnberg im Selbstverlag herausgegebenen Veröffentlichung „Vermischte Beyträge zur Geschichte der Stadt Nürnberg“ in Heft XV des sog. Zweyten Bandes vom November 1787 des Titels „Vom Losungsamtmann Johann Friedrich von Wimpfen und dessen Familie“ im Blick auf den von Augsburg nach Nürnberg gekommenen HEINRICH HÖRMANN VON WIMPFEN, wie er schreibt, der Generation 5 im Blick auf die über fünf Generationern hinweg betriebene Heiratspolitik dessen Geschlechtes konstatiert hat, nämlich (die Namen sind hier durch Großbuchstaben hervorgehoben): „Seine Nachkommen haben sich bei uns bald mit den besten adelichen und rathsfähigen Familien, den DÖRRERN, GROLAND, PFINZING, BEHAIM, KREß, LÖFFELHOLTZ, TUCHER u. a. verheirathet und verschwägert.“[42] Diese von Waldau auf der Grundlage seiner Kenntnis sowie Erforschung der Nürnberger Geschlechter gewonnene Namenskette erscheint bestens geeignet, die Stimmigkeit all der bislang von Sporhan-Krempel und Stör übernommenen genealogischen Setzungen im Gegensatz zu jenen des von Wurzbach, bei dem bezeichnenderweise in den davorliegenden Generationen jeweils völlig andere Namensnennungen erscheinen, verifizieren zu helfen.-

Nunmehr die Vergleichung der Angaben des Constantin von Wurzbach mit jenen von Sporhan-Krempel und Stör über das hier behandelte Brüderpaar der Generation IX bzw. 8 weiterführend, sei eine Stelle aus der bereits angesprochenen dem JOHANN DIETRICH geltenden Biografie Nr. 28 zitiert. Diese lautet: „Ihm und seinem oben erwähnten Bruder (gemeint JOHANN FRIEDRICH) verleiht Kaiser Leopold am 13. November 1658 einen schönen Wappenbrief, welcher auf Schloss Kainberg in Steiermark verwahrt wird.“ Mit dieser Feststellung begeht von Wurzbach den einem Genealogen gar nicht anstehenden schrecklichen Lapsus, völlig zu übersehen (oder gar zu überspielen), dass es sich bei dem in der Tat vom vorgenannten Kaiser und unter genau dem vorgenannten Datum den beiden Brüdern zugekommenen Akt nicht um die bloße Zuerkennung eines Wappenbriefes, sondern um die diesen beiden auf den Antrag des Älteren JOHANN FRIEDRICH hin zugesprochene Verleihung des Adels mit gleichzeitiger sog. Besserung des 1556 dem Dominikus der Generation 5 verliehenen Widderwappens gehandelt hat.

Dieser Sachverhalt ergibt sich zweifelsfrei aus Lore Sporhan-Krempel, die in ihrer Abhandlung des Titels „Zur Geschichte der Familie Hermann von Wimpffen“ ja dem Vorgenannten (unter Einschluss seiner vier der Ehe mit der Fürlegerin hervorgegangenen Söhne) nicht weniger als 7 ½ Seiten[43] widmet und u. a. über diesen Folgendes schreibt: „In diesem Zusammenhang (gemeint sind von Johann Friedrich an verschiedene Nürnberger Kirchen erfolgte Schenkungen und Stiftungen) gehört auch ein Antrag in Wien mit der Bitte um Aufnahme in die Ritterschaft des Kantons Altmühl. Es gelang ihm. Eine Urkunde bestätigt feierlich, daß Kaiser Leopold I. dem Hans Friedrich und Hans Dietrich von Wimpffen, genannt Hermann, ein Wappen verliehen und bestimmt habe, daß die Empfänger ‚in ewige Zeiten rechtgeborene Lehens-Turniergenossen und rittermäßige Edelleut sein’. Diese Verleihung datiert vom 13. November 1658.“ Glücklicherweise konnte ich von Dr. Hans H. von Wimpffen eine Serie Kopien erhalten, die den genauen Text der vorgenannten Verleihungsurkunde wiedergeben und von mir transkribiert worden sind. Siehe hierzu:

  • Abb. A 16a, 16b, 16c: Die Kopien (auswahlweise) der Seiten 5 und 7 (mit Wappendarstellung) sowie der Schlussseite 11 des Briefes über die von Kaiser Leopold I. „den … gebrüdrn Johan Friderich vnd Johan Dietrich von Wimpfen genant Herman” verliehene Adelseigenschaft mit Wappenerweiterung vom 13. November 1658.

Der für den Normalsterblichen bestenfalls nur stellenweise entzifferbare und in Wiederholungen sowie in schwer verständlichen Amtsfloskeln schwelgende Adels- und Wappenbrief, auf dessen siebter der elf Seiten sich, wie dort gesagt, „vermehrt und verbessert“ Wappen dargestellt ist, findet sich in meiner Abhandlung „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen …“ in Kapitel „L Adelswerdung“ in Teilen in den Abb. 35a, 35b und 35c gezeigt und danach ist eine lückenlose Transkriptiion aller elf Seiten angefügt, was alles zum genauen Nachlesen empfohlen sei. Hier sei nur auf das Wesentlichste verwiesen:

– Erstens: Auf den (hier nicht zu sehenden) Seiten 2 bis 4 wird zunächst u. a. auf die Voreltern des Geschlechts „gnand Hermanner“ verwiesen und dem „Johan Friderich und Johan Dietrich von Wimpfen gnand Herman gebrüdere“ die alte Herkunft von Stand, adeligen Tugenden, Sitten, Wandel und Wesen sowie deren vor undenklichen Zeiten in der Freien Reichsstadt Augsburg und danach bei an die hundertfünfzig Jahre in Nürnberg als unter den Vordersten Stand geachtet (nicht im Sinne von zu diesem gehörend, sondern nur von zu diesem gerechnet!) beschrieben. U. a. wird dann über Johann Friedrich anerkennend gesagt, dass er vom Geheimen Rat der Reichsstadt Nürnberg in den Rang eines Losungsamtmannes erhoben worden sei, was nur alten geschlechtsfähigen Personen anvertraut würde. Und über Johann Dietrich wird lobend zum Ausdruck gebracht, dass er zuerst lang vor dem Frieden von Münster und Osnabrück (d. h. im Dreißigjährigen Krieg) Kaiser Ferdinand III. und danach dem König Philipp IV. von Spanien als Lieutenant Kriegsdienste in vielen blutigen Okkasionen, Scharmützeln, Belagerungen, Treffen, Einnehmungen und somit beispielhaft dem Heiligen Römischen Reich und dem Hause Österreich Devotion geleistet habe.

– Zweitens: Dort, wie auch u. a. zu sehen auf Seite 5 sowie auf der Schlusseite 11, findet sich der einstige bürgerliche Urname (hier Herman statt in der Regel Hermann) als eine Art Beibezeichnung hinter dem jetzt von hinten nach vorne gerückten ehemaligen Herkunfts- und nunmehrigen Adelsnamen von Wimpfen (statt in der Regel von Wimpffen) verzeichnet. Und auf Seite 5 und im Fortgang wird konstatiert, dass die Gebrüder zu (umgesetzt in die heutige Sprache und Rechtschreibung) „recht gebornen Lehens- und Turniersgenossen und rittermäßigen Edelleuten geadelt … und der Schw. (= Schwäbischen) Gesellschaft zugesellt werden“.

– Drittens: Die in Abb. A 16b zu findende Wappendarstellung, die in eine (hier nicht wiedergegebene) genaue Beschreibung eingebettet ist, gleicht in allen ihren Teilen (beidseitiger Bausch, Schild, Widder als Wappentier, beidseitige Büffelhörner mit Lindenast- und Lindenblättchen-Musterung), auch was die Farben betrifft, jener der Wappenverleihung an Dominicus des Jahres 1555 (siehe in Abb. A 12a und A 12b), doch mit dem Unterschied, dass der frühere einfache Stechhelm zu einem – wie es heißt – „offenen adeligen Turnierhelm mit goldfarbener Königskrone“ wird. Es handelt sich hier demnach um ein Wappen, das auf der Grundlage des früheren solchen, wie es heißt, „vermehrt und verbessert“ worden ist. Das Wappentier, der silberfarbene Widder, ist hier wieder mit „silberfarben Herman oder Widergestalt“ bezeichnet, d. h. der Ursprungsname „Herman(n)“ ist wiederum als „Hörnermann“ verstanden. Immer noch fehlt das, was von Wurzbach bereits seinem angeblichen Ritter SIG(IS)MUND falscherweise der ersten Generation zuordnet, nämlich das vom Widder gehaltene Kreuz, welches, um es noch einmal zu sagen und wie erst an späterer Stelle einsichtig werden wird, erst 1781 in das Wappen der nunmehrigen Adelsfamilie Von Wimpffen gekommen ist.

Aus dem hier zugrundegelegten Kapitel „L. Adelswerdung“ meiner Abhandlung „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen …“ sei nunmehr die auf der Basis der Abhandlungen von Dr. Lore Sporhan-Krempel (1981/84) sowie Georg Ernst Waldau (1787) in ausführlichster Art und Weise dargestellte Chronologie des Lebensganges des JOHANN FRIEDRICH in geraffter Form wiedergegeben. Daraus wird zunächst dessen im Nürnberg des 17. Jahrhunderts erfolgter grandios anmutender ansehens-wie auch rang- und vermögensmäßiger Aufstieg und schließlich sein durch außerordentliche Hoffart und Unterschlagungen sowie Bestechungen erfolgter unrühmlicher Abstieg offenbar werden, der schließlich in der Kerkerhaft und dem dort geheimnisumwitterten Tod und im gerüchteumwobenen Verscharrtwerden endet. Dabei werden die bereits dargelegten Teilfakten, eingefügt in chronologischer Entsprechung, wiederkehren.

-September 1615: Geburt und Taufe in Nürnberg (in von Wurzbachs Biografie Nr. 29 falscherweise zu Hirschbach 1581!) als Sohn des Unterpflegers Christoph Hermann (von Wimpffen) und der dem Zweiten Stand (der sog. Ehrbarkeit) angehörenden Anna Maria geb. Semler

-03. 11. 1645: Verheiratung mit der dem Ersten Stand (der sog. Patrizier) entstammenden reichen Nürnbergerin SUSANNA CATHARINA FÜRLEGER; damals ist er als Gegenschreiber im städtischen Leihhaus tätig

-1646: Geburt des ersten Sohnes Johann Jacob und Bestellung zum Genannten des Größeren Rates

-1648: Geburt des zweiten Sohnes Georg Abraham

-1651: Tätigkeit im Nürnberger Leihhaus (Pfandhaus). Seine Gattin wird vom Rat mit einer Strafe von 10 Gulden belegt, weil sie eine nur dem Ersten Stand zustehende goldene Haube getragen habe. Er setzt nun alle Hebel in Bewegung, um den Nachweis zu erbringen, dass seine Familie und er als dem Ersten Stand gleichgeachtet sei, indem er nicht nur konkret auf die Stellung seiner Eltern und Voreltern verweist, sondern auch in der Stadt deren Herkunft in Augsburg Auskünfte einholt. Er erreicht schließlich, dass der Rat erklärt, man lasse es zwar geschehen, dass er und die Seinen sich dem ersten Stand gemäß kleiden dürften und diesem gleich geachtet und als gerichtsfähig, jedoch nicht als ratsfähig (gemeint im Sinne des Engeren Rates) betrachtet seien.

-1652: Geburt des dritten Sohnes Hans Christoph

-1654: Geburt des vierten Sohnes Hans Karl. Damals ist er weiterhin im Städtischen Leihhaus, jetzt als Kassier, beschäftigt. In diesem Jahr nehmen Bürgermeister und Rat einen Kredit bei seiner Frau und nach deren Tod bei deren Nachfahren weitere solche, bis 1667 insgesamt 15.600 Gulden, auf.

-1655: Er kommt, so Sporhan-Krempel, „als Amtmann in die Losungsstube, wir würden etwa sagen, in die Finanzverwaltung“. Sein Titel Losungsamtmann darf nicht verwechselt werden mit dem höhergestellten und diesem vorgesetzten Amt des sog. Losungers, das nur Angehörigen der Ersten Geschlechter zugänglich gewesen ist.

-1657: Er geriert sich ganz nach dem Muster der Ersten Familien als Stifter in St. Egidien gut dotierter Fastenmessen. Und er beabsichtigt, die sieben Kirchentüren von Sankt Sebald neu machen zu lassen, wenn er dort sein Wappen anbringen dürfe. Das wird ihm aber abgeschlagen, und so lässt er dort nur zwei Türen, die Ehetür und die Leichanschreibtür auf seine Kosten erneuern. Und er erwirbt um 10.000 Gulden das 40 km nördlich von Nürnberg gelegene stattliche Dorf mit Herrensitz Eschenbach.

-1658: Wie oben bereits unter Einbringung der Abb. A 16a, A 16b und A 16c dargestellt, gelingt es ihm jetzt sogar, vom Kaiser für sich und seinen Bruder das Adelsprädikat des Turniergenossen und der rittermäßigen Edelleute der Gesellschaft Schwaben mit der Wappenverbesserung mittels goldener Königskrone auf dem offenen Turnierhelm zu erlangen.

-1659: Jetzt lässt er das schöne Geländer um den Hauptaltar von Sankt Sebald für 800 Gulden aufführen. Dieses alles kann er nur finanzieren, weil die Fürlegerin über das eingebrachte Vermögen hinaus noch beträchtliche auf etliche 20.000 Gulden belaufende Lehengüter und jährliche Einnahmen beträchtlicher Mengen Gült und Zehenden hat.

-1660: Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet er die ebenfalls aus dem Vordersten Stand kommende schwerreiche Witwe JOHANNA KRESSIN bzw. KRESS VON KRESSENSTEIN. Dadurch wird der Erwerb weiterer Besitztümer im Nürnberger Umland befördert. Es gehören ihm jetzt schon des Weiteren die Herrensitze Finstermühl und Rothenbruck bei Neuhaus an der Pegnitz, wo im Vorjahr das aus Schloss, Hammer und Mühle bestehende, doch im Dreißigjährigen Krieg zerstörte, sog. Hammergut durch die mit ihm verwandten Nürnberger Patrizier Löffelholtz, Kress und Tetzel wieder aufgebaut wurde. Außerdem nennt er auch das kleine mittelfränkische Grünreuth und im ostwärtig an das Gebiet der Freien Reichsstadt Nürnberg angrenzenden Fürstentum und Landgericht Sulzbach einen ansehnlichen hohen und niederen Wildbann sein Eigen.

-1661: Zehn Jahre nach dem an seine erste Gattin ergangenen Straferlass erregen der Aufwand und Prunk sowie das allzu hochgestochene Auftreten Hans Friedrichs abermals den Unwillen des Rates. Zwar belässt der diesbezügliche Ratsbescheid die frühere Erlaubnis, dass sich die Wimpfen wie die vom Ersten Stand kleiden und halten dürfen; doch habe er durch seine bisher übermächtige Pracht, seine Hoffart und seinen Übermut sich den ratsfähigen Geschlechtern nicht nur gleichhalten, sondern diesen noch etwas bevortun wollen. Dazuhin habe er noch sonderbare Monumenta und Gedächtnisse mit seinen beigefügten Wappen in die beiden Pfarrkirchen ohne Vorbewilligung der Herren Älteren und des Kirchenpflegers „eingeschlichen”. Dadurch und die gegenüber diesen und Anderen gebrauchten Anmaßungen und Anordnungen habe er nicht allein seinem anvertrauten Amt, sondern auch sich selbst böse Nachrede verschafft. Unter dem Ausdruck des Missfallens wird er ermahnt, sich seines Stands und Amts besser zu erinnern und zu fernerer Ahndung nicht weitere Ursache zu geben.

-1662: Ungeachtet dieser Ermahnung, stiftet er auf den hohen Altar von Sankt Sebald ein schweres silbernes Kruzifix und der Spitalkirche ein hölzernes solches. Sporhan-Krempel stellt mit Recht die Frage, ob dies alles wirklich allein zur höhern Ehre Gottes, oder vielleicht doch nur zum eigenen Ruhm, geschehen sei. Und Waldau urteilt: „Man hielt ihn also billig für einen angesehenen Mann; er affectirte aber auch den rechtschaffenen, und wusste sich den Schein der liberalen Frömmigkeit zu geben.”

-1665: Nunmehr wird ihm vom Rat nahegelegt, in Geldsachen behutsam zu sein und für sich selbst ohne Zutun und Wissen und Befehl der Herren Losunger nichts zu unternehmen, was darauf hinweist, dass man Misstrauen ob der ehrlichen Wahrnehmung seiner Amtsgeschäfte hegt.

-1666: Als der Patrizier Jakob Christoph Waldstromer und seine Ehefrau Susanna etliche Rechte auf ihrem Hirschbacher Gut verkaufen, tritt Johann Friedrich als Käufer auf und erwirbt schließlich in Hirschbach den Herrensitz Hammerschloss um 2.000 Gulden. Ein anschauliches Bild dieser bedeutsamen Liegenschaft vermittelt der Text der Kopie des Kaufvertrages, der von „Schloß oder Herrensitz im obern Hirschbach, mit Hammerwerk, Papier-, Schlag- und Mahlmühle, mit Mauern, Türmen” spricht. Hierzu sei nachfolgend eine instruktive zeitgenössische Darstellung gezeigt:

  • Abb. A 17: Ansicht von Hammerwerk und Herrensitz Oberhirschbach, Anonymer Kupferstich aus dem frühen 17. Jahrhundert.

-1668/1669: Trotz der Bemisstrauung entleihen die Stadtoberen bei ihm wiederum Geld, nämlich 1.400 Gulden. In Anbetracht seiner den Nürnbergern vor Augen geführten finanziellen und gesellschaftlichen Potenz kann es nicht verwundern, dass gerade von ihm ein in der Österreichischen Nationalbibliothek vorhandene Bilddarstellung desselben erhalten geblieben ist. Siehe diese in:

  • Abb. A 18: Bildnis des Johann Friedrich Hermann von Wimpffen, Bürger und Losungsamtmann in Nürnberg, Kupferstich des Nürnberger Kupferstechers Johann Friedrich Leonhard von 1772; Erstdruck spätestens im Todesjahr des Abgebildeten 1668.

Die gepflegte Haartracht, die weiße Halskrause und der wohl lange schwere Mantel mit Pelzumschlag kennzeichnen dessen Streben nach Darstellung in der Art der Vordersten Nürnberger Geschlechter.

-1668: Doch erfüllt sich in diesem Jahr für diesen in prächtiger Robe Dargestellten sein trauriges Schicksal. Der Ablauf des dramatisches Geschehens ist im Endteil des Kapitels „L. Adelswerdung“ meiner Abhandlung über die Von Wimpffen auf der Grundlage von L. Sporhan-Krempel und G. E. Waldau in großer Ausführlichkeit wiedergegeben und sollte dort nachgelesen werden. Davon sei hier nur das wörtlich wiedergegeben, was in der Waldau zusammenfassend, ausgehend von Johann Friedrichs Gönnertum, erklärend und wertend berichtet:

„Allein alle diese Stiftungen und andere Frömmeleien konnten seine Untreue und Schalkungen nicht bedecken, die endlich an das Tageslicht kamen, und ihm Gefängniß und Inquisition (gemeint: verschärfte Gefängnishaft) zuzogen. Er hatte sich bisher vor andern, die höheren Standes gewesen, sehr hervorgethan und noch kostbarer, als dieselben, oder ihnen doch gleich, gelebet, womit er sich, wie es unter Menschen zu geschehen pflegt, wenig Freunde gemacht, sondern vielmehr verlasset, desto genauer auf ihn zu sehen und keine Gelegenheit zu versäumen, bei welcher er möchte erniedriget und gedemüthiget werden können. Und so geschah es denn, daß er 1668. Freitags den 12. Jun. Abends ganz ongefähr durch den 4. Provisoner (Gehilfen) von der obern Losungstube hinabgeführet und bei dem Rathausvogt in Verwahrung gesetzet, den 23. Jul. aber zu Nachts auf den Wasserthurn in ein enges Gefängniß gebracht wurde. Die Inquisitions-Acta sind mir nicht zu Händen gekommen; aber aus andern guten Nachrichten ergiebt sich, daß durch viele wider Pflicht und Eid von ihm begangene schwere Verbrechen er dem Aerarium (Stadtkasse) einen beträchtlichen Schaden zugefüget habe, weswegen denn auch die Obrigkeit sich aller seiner Habe und Güter bemächtiget und solche eingezogen, jedoch seinen Söhnen ihr auf 48.595 Gulden berechnetes Vermögen herausgegeben und ihnen auch die Lehengüter überlassen hat. Während der Inquisition (gemeint: während des verschärften Arrestes) wurde er krank, und befand sich laut eines Originalbriefs seines ältern Sohnes, Georg Abrahams, den 7. Sept. schon, wie die eigenen Worte lauten, in miserablen Zustand, und ist auch noch vor Endigung der Inquisition ausser allem Zweifel natürlichen Todes im Gefängniß gestorben, den 13. Dec. 1668.”

Wie es im Einzelnen zu der Inhaftierung zunächst im Rathaus und später im sog. Wasserturm Männereisen an der Pegnitz gekommen ist, was sich während dieser alles abgespielt hat und welche Legenden sich um den auch heute noch als mysteriös erscheinenden Tod wie auch um sein im Geheimen geschehenes Begräbnis rankten, das sollte am oben angeführten Ort nachgelesen werden. Davon seien nur noch zwei Fakten herausgestellt:

– Zum einen: Vier Tage nach seinem Tod wurde sein Leichnam auf Bitten der Angehörigen freigegeben. Durch ein früher als gewöhnlich geöffnetes Stadttor wurde dieser heimlich im Wagen vor Einbruch des Tages hinaus und nach dem Wimpffen’schen Herrensitz Eschenbach (nicht, wie im Umlauf, nach Hirschbach) gebracht und dieser dort ohne Sang und Klang außerhalb von Kirche und Friedhof begraben.

– Zum anderen: Als dann einige Tage nach der Bekanntgabe des Todes des Johann Friedrich in Nürnberg die Nachricht umging, dass der Leichnam desselben zur Nachtzeit nach Hirschbach abgeführt worden sei, da hieß es, man habe diesen, weil auf dem Turmgefängnis kein Platz zum Köpfen vorhanden sei, erwürgt und dann von Schützen auf einem Karren fortfahren und in eine Schiefergrube werfen lassen. G. E. Waldau hat 1787, d. h. zwölf Jahrzehnte nach Johann Friedrichs Tod und heimlichem Verscharren, der immer noch grassierenden und sogar in die Literatur aufgenommenen „Volkssage“ von der Hinrichtung des Johann Friedrich durch Erwürgen dadurch zu wehren versucht, dass er in seinem Aufsatz über diesen in neun umfänglichen Abschnitten zur Ehrenrettung der Nürnberger Obrigkeit den akribischen Nachweis zu führen suchte, dass dieser nicht getötet worden sein kann, sondern diesen „kranken, gedemüthigten und beschimpften Mann ohne Zweifel ein heftiger Schlag getroffen und ihn sogleich getödtet” habe. Allerdings lässt sich Dr. Hans H. von Wimpffen durch die Masse der von Waldau als Beweis für einen natürlichen Tod Johann Friedrichs aufgeführten Argumente nicht von seiner Meinung abbringen, dass dabei Gewalt im Spiel gewesen sei.-

Dazuhin drängt es mich, noch darauf hinzuweisen, dass weder bei Aubert Des Bois, noch im Gotha, noch bei von Wurzbach und auch nicht bei Kneschke der gesellschaftliche Absturz und Tod von Johann Friedrich in der Nürnberger Kerkerhaft Erwähnung findet, d. h. alle seinem schlimmen Ende mit totalem Ausschweigen begegnen und darüber hinaus ganz im Gegensatz zu Waldau und Sporhan-Krempel dessen Lebensbeschreibung kaum – und zudem größtenteils falsch – Raum gönnen. Das geschieht sicher wohl, um diese Negativ- bis Unperson und diesen schwarzen Flecken aus der ruhm- und ehrerfüllten Genealogie derer Von Wimpffen auszuscheiden. So erwähnt z. B. Aubert Des Bois wenig mehr als seinen Namen (JEAN FRÉDERIC) und (genau wie von Wurzbach) „né en 1581“ = geboren 1581, und weist dann ohne weitere Namensnennung mit „dont la postérité est établie à Saugershausern es Saxe“ auf dessen angeblich in „Saugershausen en Saxe” (gemeint: Sangershausen in Sachsen) niedergelassene Nachkommenschaft hin, wohin man aber keinen der vier Söhne und auch niemand aus deren Nachkommenschaft hinzuverorten vermag. Obgleich JOHANN FRIEDRICH VON WIMPFFEN zweifelsfrei derjenige ist, dem sein Geschlecht die Adelserhebung verdankt, erniedrigt Constantin von Wurzbach diesen des Weiteren dadurch, dass er ihn in seiner I. Stammtafel zu nicht mehr als zum Stammvater seines sog. Aelteren Hauptastes, dafür jedoch dessen durch seine Initiative geadelten jüngeren Bruder JOHANN DIETRICH VON WIMPFFEN – wider (wie erst an späterer Stelle richtig einsichtig gemacht werden kann) die Realität – zum Gründer seines sog. Jüngeren Hauptastes deklariert. Damit wird dieser unrichtigerweise an Stelle seines älteren Bruders Johann Friedrich zu jenem Wimpffen-Spross gestempelt, aus dem in der Generation 11 vor allem die späteren sog. fünf Zweige berühmter bis berühmtester Militärs in den wichtigsten Staaten Europas und Ländern Deutschlands herauswachsen werden! Und somit steht in von Wurzbachs Biografie Nr. 28 fälschlicherweise zu lesen, Johann Dietrich sei „der Stifter des jüngeren nach ihm benannten Hauptastes der Familie Wimpffen und somit der Ahnherr aller heutigen Wimpffen in Oesterreich, Frankreich, Preußen, Bayern und Russland“,[44] was jedoch zweifelsfrei nicht für diesen, sondern für dessen Bruder Johann Friedrich zutrifft, aber erst nach und nach beim Durchschreiten mehrerer der nachfolgenden Generationen und schließlich erst nach dem vollendeten Kennenlernen der vorstehend erwähnten, wie sich zeigen wird, aus einem Dutzend Glieder bestehenden und somit überlangen Generationsreihe 11 durchblickt werden kann.

Nach diesem schlaglichtartigen Vorausblick in die Folgegenerationen gilt es, zur Generation 8 zurückzukehren und nun auch den Lebensgang des JOHANN DIETRICH darzustellen. Da Sporhan-Krempel[45] diesem nur eine Drittelseite widmet und zusätzliche über die bloßen Namenswiedergaben des Stammbaumes Stör sowie die Urkunde der Adelsverleihung hinaus verlässliche Quellen mir nur wenige vorliegen, muss diese sehr viel knapper als die des Bruders und, was seine militärischen Tätigkeiten sowie seinen späten Lebensabschnitt betrifft, mit gewissen Unklarheiten behaftet ausfallen:

-1616: Geburt in Nürnberg (nicht wie von Wurzbach sagt 1583!); Eltern wie bei Johann Friedrich.

-Vor 1848 (d. h. Im Dreißigjährigen Krieg): Er dient laut Adelsverleihungsurkunde lang vor dem Frieden von Münster und Osnabrück zuerst Kaiser Ferdinand III., danach als Lieutenant dem König (Philippp III.) von Spanien. Laut Waldau stand er, was von dieser Urkunde teilweise abweicht, zuerst in kaiserlichen und spanischen Diensten als Lieutenant zu Ross, dann in Nürnbergischen Diensten als solcher zu Fuß. Und diesen Angaben nahestehend, doch kürzer gefassst, sagt Sporhan-Krempel, dieser habe zuerst dem Kaiser in Spanien, dann den Nürnbergern als Leutnant zu Fuß gedient.

-1658: Verheiratung mit der dem Ersten Stand entstammenden vermögenden Nürnbergerin MARIA MAGALENA VON LÖFFELHOLTZ. Damals erscheint Johann Dietrich urkundlich, rückblickend auf seine Militärzeit und in Bestätigung desselben als ehemaliger Militär, als „der Römischen Kaiserlichen Majestät und Hochfürstlichen Durchlaucht zu Florenz gewester Lieutenant zu Ross“. Laut dem originären Stammbaum von Stör entwächst dieser Ehe nur eine Tochter namens MARIA MAGDALENA (siehe im Stammbaum des J. W. Stör bei 9b). Zwar ist aus Waldau zu erfahren, dass Johann Dietrich mehrere jung verstorbene Kinder gehabt habe; ob diese aus dieser oder der zweiten Ehe hervorgegangen sind bzw. wie diese sich auf die beiden Ehen verteilen, lässt sich dieser Aussage natürlich nicht entnehmen.

-1859: Er wird laut Waldau Genannter des Größeren Rats und soll sich meistens auf seinem Gut in Happurg (in der Hersbrucker Schweiz in Mittelfranken gelegen) aufgehalten haben.

-1663: Nach dem Tod seiner ersten Frau verheiratet er sich mit deren Schwester KATHARINA BARTHOLOMEA VON LÖFFELHOLTZ. In diesem Jahr ist er in den Akten des Happurg nahegelegenen Hammerwerkes Rothenbruck bei Neuhaus an der Pegnitz als Hammerbesitzer und Hammermeister überliefert, wo 1659 die Löffelholtz und andere Nürnberger Patrizier mit ihrer Finanzkraft 1659 den kriegszerstörten Hammer wieder aufgebaut hatten. Laut dem Stammbaum Stör entwächst der zweiten Ehe der Sohn JOHANN PAULUS (siehe 9c).

Demgegenüber berichten Sporhan-Krempel und Waldau über eine aus der zweiten Ehe stammenden Tochter des Namens SUSANNA, die 1694 den RATSKONSULENTEN DR. FRIEDRICH ERNST FINCKLER bzw. CONSULENTEN FRIEDRICH ERNST FINKLER geheiratet habe; laut Waldau ist diese schon 1696 gestorben. Demzufolge wurde im Stammbaum Stör am linken Rand des Generationsbandes 9 eine entsprechende mit 9g bezeichnete Nachtragung deren beider Name im doppelten Wappenschild vorgenommen und der Abstammungszweig von dort zur Mutter Katharina Bartholomea hingeführt. Laut Nürnberger Totenbuch des Jahres 1688 ist im April des genannten Jahres die edle und tugendreiche Jungfrau ANNA CATHARINA, des Edlen gestrengen und mannfesten Johann Dietrich von Wimpfen wohledlen und hochweisen Rats und gewesenen Lieutenants selig hinterlassene Tochter, gestorben und damit noch eine dritte Tochter des Johann Dietrich belegt. Deren in den Stammbaum Stör rechts neben den Bruder Johann Paulus nachgetragener Name mit Wappenschild (siehe 9h) wurde der zweiten Ehefrau zugeordnet, obgleich Susanna auch aus dessen erster Ehe stammen könnte. Somit kommt man auf insgesamt vier Kinder. Da jedoch Waldau schreibt, es seien mehrere der Kinder des Johann Dietrich jung verstorben, ist mit Sicherheit anzunehmen, das diese Liste unvollständig ist.

Nunmehr nach Belegen über die Endperiode dessen Lebens und schließlich dessen Todes suchend, was weder von Sporhan-Krempel angesprochen wird, noch aus Nürnberger Urkunden schöpfbar ist, stößt man bei von Wurzbach im Johann Dietrich geltenden Lebenslauf Nr. 28 auf die mehr als nur fragwürdige Feststellung, dieser habe, nachdem er (was richtig) längere Zeit in Nürnberg gelebt und sich dort „mit Töchtern angesehener Patrizierfamilien (vergl. die Stammtafel) vermält“ hatte, 1650 diese Stadt verlassen und sich in der Pfalz angesiedelt. Aus dem in Klammern angefügten Verweis auf seine (gemeint I.) Stammtafel ist mit Sicherheit zu schließen, dass von Wurzbach nicht allein seine dort zunächst aufgeführten und ihm nachweislich wirklich in Nürnberg angetrauten beiden Gattinnen 1) und 2) aus dem adligen und Ersten Geschlecht der Löffelholtz meint, sondern auch die dort noch vermerkten zwei weiteren Gattinnnen 3) SABINA VON CREMONI und 4) ANNA VON ROSENBACH. Die Letztgenannte erscheint übrigens auch bei Aubert Des Bois, und zwar ohne alle anderen und somit einzige solche sowie etwas anders als die angeblich im Jahre 1617 (!) in Nürnberg geheiratete MARIE DE ROSENBACH, welche die Mutter von 1. CÉSAR-AUGUSTE (geb. 1618) und JEAN-CHRISTOPHE (geb. 1620) sei. Nicht nur, dass das von Aubert Des Bois diesen beiden Söhnen zugeordnete jeweilige Geburtsjahr mit dem deren Mutter zugeordneten Heiratsjahr beinahe zusammenfällt, sondern dieses müsste ja ein tüchtiges Stück später hinter dem Jahr von Johann Dietrichs zweiter Heirat 1663 liegen. Und die Feststellung, dieser habe 1650 Nürnberg verlassen und sich in der Pfalz angesiedelt, geht mit dem vorstehend aufgezeigten bisherigen auf Nachweisen beruhenden Lebensgang des Johann Dietrich in keiner Weise zusammen, wobei der Umstand, dass die an späterer Stelle behandelte Tatsache der Niederlassung von Johann Dietrichs jüngstem Neffen HANS KARL im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken als Geheimer Rat und Oberamtmann zu Guttenberg irritierend hineinspielen dürfte. Sonach müssten die von C. von Wurzbach angesprochenen Heiraten ins Nürnberger Patriziat vor 1650 stattgefunden haben, was der vorstehend dargestellten Realität (1658 und 1663) total widerspricht. Wir müssen ja davon ausgehen, dass von Wurzbach das Bruderpaar Johann Friedrich und Johann Dietrich falscherweise für im Jahr 1581 und 1583 statt richtigerweise 1615 und 1616 und damit um eine ganze Generation früher geboren wähnte. Hiernach wäre Johann Dietrich im angeblichen Jahr seines Wechsels in die Pfalz bereits 67 Jahre alt gewesen; realiter erreichte er jedoch in diesem Jahr das Alter von erst 34 Jahren. Demgegenüber ist als glaubhaft die davor gemachte andere, dazuhin mit Cellarius-Goldtbeeg im Gotha übereinstimmende, Angabe des von Wurzbach anzusehen, wonach Johann Dietrich nach seiner Dienstzeit als kaiserlicher Feldoberster Kämmerer und Obersthofmeister der Markgräfin von Baden-Durlach geworden sei. Zwar folgen, wie gezeigt, seiner Dienstzeit als Lieutenant (nicht Feldoberster) mit Sicherheit zunächst über einen längeren Zeitraum hinweg, in den auch die beiden Heiraten fallen, nachgewiesenermaßen längere Aufenthalte und Tätigkeiten im Nürnberger Umraum (Happurg und Rothenbruck). Dennoch dürfte diese Feststellung des von Wurzbach letztendlich mit der Wirklichkeit einhergehen. Denn dafür sprechen zwei Umstände:

-Erstens: In Gene-Allnet ist als Datum und Ort von Johann Dietrichs Tod das genannt, was sich in der I. Stammtafel, Generation IX. bzw. 8, in Grün von mir, Zeichen der Bestätigung, vermerkt findet, nämlich:

– gestorben 17. November 1679 in Durlach.

-Zweitens: Wenige Jahre später, und zwar 1685, sind, was an späterer Stelle genauer zu erfahren sein wird, zwei der Neffen des Johann Dietrich, nämlich HANS CHRISTOPH und HANS KARL, als in Durlach lebend, dem Herrscher- und Regierungssitz der Markgrafen von Baden-Durlach, ausgewiesen. Und 1691, also 6 Jahre später, hält sich der Erstgenannte der beiden Brüder nachweislich in Badenweiler auf, wo die Markgrafen von Baden-Durlach ein von ihnen vielbesuchtes Schlösschen besitzen, und zwar wohl, wie Sporhan-Krempel meint, als Mitglied deren Hofes.

Damit kann die Darlegung des Lebensganges von JOHANN DIETRICH als abgeschlossen gelten. Zweifelsfrei besteht bezüglich desselben noch ein großer Klärungsbedarf, der wohl nur durch Nachforschungen vor Ort, d. h. insbesondere in Fürstlich Öttingen’schen sowie Baden-Durlacher Urkundenbeständen, zu Erfolgen führen dürfte.

Damit treten wir in die bereits punktuell mehrfach angesprochene Folgegeneration ein, wo sich zeigen wird, dass bezüglich dieser ebenfalls manche Wissenslücken bestehen und damit ebenfalls erheblicher Klärungsbedarf zu folgern sein wird.

Um zunächst nun zu den Lebenbeschreibungen der im Zusammenhang des vorschriebenen tragischen Lebens ihres Vaters JOHANN FRIEDRICH schon verstreut berührten vier Söhnen zu kommen, ist zunächst zusammenschauend zu sagen, dass diese alle in Nürnberg geboren worden sind und alle aus der ersten Ehe mit SUSANNA KATHARINA FÜRLEGER stammen. Laut Waldau haben von diesen drei überlebt. Wie aus dem von Sporhan-Krempel ausgiebig geschilderten dem Tode deren Vaters gefolgten schwierigen Vermögens- und Erbauseinandersetzungen zu schließen, ist JOHANN JACOB, der 1642 geborene Älteste, zur Zeit des Todes des Vaters nicht mehr am Leben gewesen. Nach der Inhaftierung des Vaters im Juni 1668 wurde den noch unmündigen drei Söhnen Pfleger und Vormünder gesetzt und gingen die Inventierung dessen Vermögens sowie die diesbezüglich wie anderweitig notwendigen Nachforschungen bis ins das nächste Jahr 1669 hinein. Bei dem schließlich mit den Erben geschlossenen Vergleich wurde das mütterliche aus den Händen der zweiten Gattin MARIA BARBARA KRESS VON KRESSENSTEIN gekommene Erbgut herausgegeben, das sich nach Abzug des Johann Friedrich zugefallenen Teils, auf, wie schon gesagt, 48.595 Gulden belief, jedoch abzüglich 3.000 Gulden für die Befriedigung von Passivschulden des verstorbenen Vaters. Die eingezogenen von Johann Friedrich neu erkauft gewesenen Lehen Finstermühl, Rothenbruck und Grünreuth u. a. m. wurden ebenfalls freigegeben und alle von den drei Brüdern GEORG ABRAHAM, HANS CHRISTOPH und HANS KARL (wir bedienen uns hier wie bisher der in der I. Stammtafel des von Wurzbach verwendeten Schreibweise) verkauft. Diese gaben das Bügerrecht zu Nürnberg auf und zogen laut Waldau „von dannen“, was in Anbetracht des entehrenden Geschehens verständlich erscheint und im Sommer 1679, das heißt ein starkes Jahrzehnt nach ihres Vaters Tod, geschehen ist. Was das Hammergut Hirschbach anbelangt, so wurde dieses zunächst vom Ältesten Georg Abraham den Brüdern Hans Christoph und Hans Karl um 6.100 Gulden in bar und 100 Gulden Leihkauf mit allen Rechten und Gerechtigkeiten abgekauft.

  • GEORG ABRAHAM (geb. 1648), der älteste der überlebten drei Brüder, um nun allein zu diesem zu kommen, übernahm das Hirschbacher Gut und zog mit seiner Familie nach dorthin hinaus. Doch gab er dieses mit allen Rechten und Gerechtigkeiten nach einem Jahrzehnt im November 1679 an seine beiden jüngeren Brüder JOHANN CHRISTOPH und HANS KARL durch Verkauf zurück. Der Nürnberger Rat wollte diesem Verkauf zunächst nicht zustimmen, da die Käufer wegen Wegzugs nicht mehr das Nürnberger Bürgerrecht hätten. Georg Abraham erklärte, dass der Kauf schon im Mai, als seine Brüder noch in Nürnberg gewesen, abgeschlossen worden sei, und er könne dieses nicht länger behaupten, da er für seine Kinder dorthin keinen guten Präzeptor bekommen könne und er wolle diese auch nicht in die Kost nach Nürnberg tun. Schließlich stimmte der Rat im Herbst 1680 dem Verkauf denn doch unter der Bedingung zu, dass die Brüder eine Erklärung abgeben, dass das Gut nicht in fremde Hände, sondern an steuerzahlende Nürnberger Bürger falle. Georg Abraham hatte sich, wie Waldau berichtet, mit ANNA KATHARINA VIATIS (siehe im Stammbaum Stör bei 9a deren im ursprünglich leeren Frauenschild vermerkter Name), der Tochter der ANNA MARIA VIATIS, GEB. GUTHÄTERIN, und BARTHOLOMÄUS VIATIS DEM JÜNGEREN, verheiratet und somit eine beste Partie gemacht. Des Letztgenannten gleichnamiger Vater BARTHOLOMÄUS VIATIS DER ÄLTERE gilt nämlich als der hochbewunderte Erfinder des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und Gründer der 1621 im Nürnberger Rathausgewölbe (bis 1827 in Betrieb gebliebenen) „Banco publico“ sowie Besitzer eines riesigen Vermögens und des durch Größe und Dekor vielgerühmten sog. Nürnberger Viatishauses. Aus der Ehe ging die Tochter MARIA HELENA hervor (siehe im Stammbaum Stör den Nachtrag deren Namens in der am oberen Rand hinzugefügten Generationsreihe 10, bezeichnet mit 10b). Georg Abraham zog offenbar nach Nürnberg zurück; denn er wurde dort laut Waldau 1681 noch Genannter des Größeren Rates, bald hernach aber Fürstlich Öttingischer Rat und Amtmann im am Rande des Nördlinger Rieses gelegenen Ort des durch die Hochadelsfamilie von Öttingen gegründeten, doch der Reformation unterworfenen und nach dem Dreißigjährigen Krieg von dieser aufgelösten Karthäuserklosters Christgarten. Helena starb dort bereits 1684. Von der oben mitzitierten Textpartie „für seine Kinder“ muss man eigentlich erwarten, dass Georg Abraham noch mehr Kinder gehabt hat.

Folgen wir von Wurzbachs I. Stammtafel (dort Generation X bzw. 9), so war dieser nämlich (auch noch?) mit ANNA VON TRAUTTENBERG verheiratet und gingen aus der Ehe mit dieser vier Söhne, nämlich (siehe Generation XI bzw. 10) KARL BERNHARD, der Stammträger HANS CHRISTOPH, JOHANN CHRISTIAN und FRIEDRICH FERDINAND hervor. Wie dem auch sei: Unbezweifelabr richtig erscheint, dass aus Georg Abrahams Nachfahren der sog. DÄNISCHE ZWEIG derer Von Wimpffen herausgewachsen ist. Als dessen Begründer ist der im I. Stammbaum des von Wurzbach in dessen Generation XIII als Stammträger aufgeführte TOBIAS PETER (geb. 7. Jänner 1767 – gest. 10. November 1813) anzusehen. Deshalb wurde dort über dessen Namen von mir der Nachtrag „Begründer des Dänischen Zweiges“ gesetzt. Dieser findet sich in der I. Stammtafel des C. von Wurzbach über die Generationsbänder XIII bis XV hinweg dargestellt. Zwar ist dieser ist als Adelszweig in der Generation XV ausgestorben, setzte sich jedoch als heute noch bestehender bürgerlicher Zweig des Namens WIMPFEN-BRAESTRUP fort. Aus der allerletzten Nennung der I. Stammtafel am Ende der Generationsreihe XV geht hervor, dass eine MARIE (VON WIMPFFEN), geb. am 24. Dezember 1852, sich mit ANDREAS BRAESTRUP vermählt hat.

Einzelheiten lassen sich im Kapitel „M. Dänischer Zweig“ meiner Arbeit über die Von Wimpffen nachlesen. Als Quelle hierfür diente mir zunächst über die Generationsbänder XII – XV des II. Stammbaum des C. von Wurzbach hinaus insbesondere dessen dem Stammvater Tobias Peter geltende Biografie Nr. 40. Deren Angaben können – im Gegensatz zu jenen inakzeptablen vorausgehenden der Generationsreihen II bis VIII und teilweise auch noch IX – infolge seines nunmehrigen Schöpfenkönnens aus zeitnah-zuverlässigen Quellen als so gut wie fehlerfrei anerkannt werden. Hinzu traten dann noch die hauptsächlich aus verlässlichen dänischen Quellen geholten Betrachtungen von Dr. Hans H. von Wimpffen insbesondere über den Stammträger der Generation XIV namens KARL WILHELM ANTON (geb. am 27. Dezember 1802 – gest. bereits am 4. April 1839) und dessen Nachkommen.

Infolge der logischerweise herzustellenden Parallelität zwischen JOHANN JACOB, dem Ältesten der vier Söhne des JOHANN FRIEDRICH, und dem Jüngsten desselben HANS KARL, der an Stelle seines Onkels JOHANN DIETRICH mittels Verschiebung durch Pfeilführung zum Ahnherren vom Jüngeren Hauptast zu deklarieren befunden worden ist, erschien es unumgänglich notwendig, GEORG ABRAHAM an Stelle seines Vaters JOHANN FRIEDRICH als Ahnherr des Aelteren Hauptastes (siehe in der I. Stammtafel die Korrektur ebenfalls durch Pfeilführung) zu klassifizieren. Inwiefern die Notwendigkeit bestand, diesen Eingriff in die I. Stammtafel vorzunehmen, wird sich erst im Durchschreiten der nächsten beiden Generationen einsichtig machen lassen.

  • HANS CHRISTOPH, bei Stör HANß CHRISTOFF und bei Waldau JOHANN CHRISTOPH (geb. 1652): Dieser muss zunächst zusammen mit seinem jüngeren Bruder HANS KARL gesehen werden. Denn diese beiden hatten laut Sporhan-Krempel und Waldau am 17. März 1878, also knapp ein Jahrzehnt nach ihrem ca. im Sommer 1669 erfolgten Verlassen Nürnbergs, in einem Brief aus Nimwegen in den Niederlanden an ihren Onkel JOHANN DIETRICH geschrieben, dass sie beabsichtigten, morgen die Reise nach England mit einem Empfehlungsschreiben Ihrer Durchlaucht des Kurprinzen zu Pfalz an Prinz Ruprecht in England antreten und von dort nach Frankreich gehen wollten. Sie hofften, es möge das harte Verfahren gegen sie und das Ihrige sich glücklich ändern und das Kaiserliche Kammergericht einsehen, wie in ihrer Sache und in der anderen mit ihrem seligen Vater gehandelt worden sei. Gemeint war der in der bezüglich ihres sowie ihres in der Haft gestorbenen Vaters Erbgutes 1669 geschlossene Vergleich, gegen den die Brüder schließlich beim Reichskammergericht einen Prozess angestrengt hatten, über dessen Ausgang jedoch Sporhan-Krempel aus den ihr vorliegenden familiären Unterlagen nichts erfahren konnte. Wo die beiden Brüder sich damals bleibend aufhielten und ob es damals wirklich zu einer solchen Reise gekommen ist, bleibt offen. Sicher ist, dass beide sich schließlich in den Dienst der Markgrafen von Baden-Durlach begeben haben, wo sie 1685 als in deren damaligem Regierungssitz Durlach lebend auftauchen. Denn von dort aus boten sie damals dem Rat der Stadt Nürnberg wieder das immer noch in ihrem Besitz befindliche Hammergut Hirschbach zum Kauf mit dem Ziel an, dass man sich von dort um einen Käufer bemühen würde. Doch kam es dazu nicht, weil vor allem in Nürnberg der Verdacht bestand, die Gebrüder von Wimpffen wollten ihr Gut statt an einen Nürnberger Bürger an Kurbayern verkaufen. Diese setzen in ihrem Gut zu Hirschbach damals einen Verwalter ein, mit dem und um den es mancherlei Streitigkeiten gab, die durch Christoph gegenüber dem Pfleger zu Velden sowie dem Nürnberger Rat per Briefe von Durlach aus Behandlung fanden. Und Anfang 1691, nachdem sich der Nürnberger Rat wieder mit dem Verkauf des immer noch im Besitz der beiden Brüder stehenden Hirschbacher Gutes befasst hatte, schrieb Christoph laut Sporhan-Krempel in der Sache aus Badenweiler, dem Kurort, wo die Markgrafen von Baden-Durlach ein von ihnen oft besuchtes Schlösschen besaßen und dieser sich höchstwahrscheinlich als Mitglied des markgräflichen Hofes aufhielt, einen Brief. Doch war 1699 das Hammergut Hirschbach immer noch im Besitz der beiden Von-Wimpffen-Brüder, bis 1703 schließlich die früheren Herren desselben, die Ebner von Eschenbach, als deren Eigentümer erscheinen, nachdem JOBST WILHELM EBNER es über die Vermittlung des Nürnberger Rates erkauft hatte. Während sich jetzt der Blick auf Hans Christoph verliert, der in Sachen Hammergut Hirschbach stets die Interessen des jüngeren Bruders Hans Karl mitgewahrt hatte, ist über denselben das zu sagen, was im nachfolgenden allein diesem geltenden Abschnitt an Weiterem ausgeführt ist.
  • HANS KARL, bei Stör HANß CARL und bei Waldau JOHANN CARL (geb. 1654, beim Letztgenannten 1656): G. E. Waldau weiß über diesen, sich am Schluss auf das „Albrechtische genealogische Adelshandbuch beziehend (gemeint: Neues Genealogisches Handbuch auf das Jahr MDCCLXXVIII. enthaltend die Geschlechtstafeln des in- und ausser dem H. R. Reich blühendern Adels etc. Erster Theil. Mit Röm. Kays. und Chur = Sächs. Freyheit. Frankfurt am Mayn in Verlag des adelichen Handbuchs = Comptoirs 1778) folgendes Aufschlussreiche zu sagen (die Stellen in Aufrechtschrift stellen meinerseitige Anmerkungen dar): „Dieser jüngere Sohn, Johann Carl von Wimpfen (geschrieben also – so wie bei Waldau grundsätzlich – nur mit f statt mit ff), den 30. Oct. 1656, kam auch wirklich in Pfälzische (allerdings nicht kurpfälzische, sondern pfalz-zweibrücken’sche) Dienste, wurde Herzogl. Zweibrückischer Geheimer Rath und Oberamtmann zu Guttenberg, vermählte sich zuerst mit Kathar. von Weidmann, dann mit Eva von Zollern und pflanzte sein Geschlecht in der Pfalz fort. Sein Sohn, Johann Georg von Wimpfen, war auch Zweibrückischer Geh. Rath, und seine zum Theil noch lebende Enkel in den ansehnlichsten Kriegsposten, als Haubtleute, Obersten, Generale, Hof- und andern wichtigen Chargen (= Dienstgraden), wovon das Albrechtische genealogische Adelshandbuch S. 408 f. nachgesehen werden kann.“

Sporhan-Krempel, die als Geburtsjahr 1554 ohne Nennung des Tagesdatums angibt, aber bezüglich dessen späteren Tätigseins dasselbe Herrschaftsgebiet und die gleiche Betitelung sowie hinsichtlich der beiden Gattinnen dieselben Namen angibt, sagt am Schluss im Blick auf dessen Nachkommen Folgendes: „Seine Kinder und Enkel bekleideten hohe Posten an fürstlichen Höfen.“ Wir kommen an späterer Stelle auf diese den Nachkommen geltenden wertschätzenden Äußerungen zurück.

Mit der Vorstellung der vier Söhne des JOHANN FRIEDRICH VON WIMPFFEN sowie des sog. DÄNISCHEN ZWEIGES, dessen Entstehung über den zweitältesten Sohn und Begründer des sog. „Älteren Hauptastes“ GEORG ABRAHAM führt und der drei Generationen später aus TOBIAS WILHELM ANTON VON WIMPFFEN (1802 – 1839) herausgewachsenen ist, kann die Betrachtung der I. Stammtafel des Constantin von Wurzbach als abgehandelt gelten. Allerdings kann damit die in Gang befindliche Betrachtung der Generation 9 noch nicht als abgeschlossen angesehen werden. Denn es steht noch die genauere Betrachtung auch der Kinder dessen Bruders JOHANN DIETRICH VON WIMPFFEN aus. Im Gegenatz zu den vier Söhnen dessen Bruders führt von Wurzbach diese erst in seiner II. Stammtafel auf. Deshalb ist es notwendig, diese nachstehend – und zwar in ihrer nachbearbeiteten Form – zu zeigen:

  • Abb. A 19: Die „II. Stammtafel der Freiherren und Grafen von Wimpffen. Jüngerer Hauptast“ des Constantin von Wurzbach sowie dessen I. Stammtafel derselben nachträglich mit Generationenzählung und mit Korrekturen sowie Ergänzungen versehen, dazuhin die in Generationsreihe XIII bzw. 11 erfolgende Aufgliederung in die fünf Zweige a) bis e) durch Farbunterscheidung kenntlich gemacht, außerdem die in der Generationsreihe XIV bzw. 12 einsetzende Gräfliche Linie, Russisch-Preußische Seitenlinie und Württembergische Nebenlinie sowie der in der Generationsreihe XV bzw. 13 beginnende Französische Nebenzweig und der Zweig der Wimpffen-Mollberg durch Pfeilbeschriftung herausgehoben, schließlich noch der letztgenannte Nebenweig und die Gräfliche Linie in Teilbereichen bis zur Gegenwart weitergeführt.

An deren Spitze ist in Erfüllung des in der Generationsreihe IX seiner I. Stammtafel dem Namen mit Personalien des JOHANN DIETRICH unten in Klammern beigefügten Weiterweisung „siehe II. Stammtafel“ die genealogische Klassifikation „Jüngerer Hauptast“ gesetzt. Dieses geschieht in der Konseqenz seiner weiter oben am Ende der Biografie Nr. 28 des JOHANN FRIEDRICH wiedergegebenen und hier der Klarheit wegen wiederholten (keineswegs stimmigen) Aussage, JOHANN DIETRICH sei „der Stifter des jüngeren nach ihm benannten Hauptastes der Familie Wimpffen und somit der Ahnherr aller heutigen Wimpffen in Oesterreich, Frankreich, Preußen, Bayern und Russland“. Richtigstellend musste diese Weiterweisung zum jüngsten Sohn HANS KARL des JOHANN FRIEDRICH hin verschoben und im II. Stammbaum somit der Name mit Personalien des an der Spitze stehenden JOHANN DIETRICH durch In-Klammer-Setzung ausgeschieden und rechts daneben HANS KARL samt Personalien gesetzt werden. Es liegt auf der Hand, dass die notwendige Erkenntnis der Richtigkeit dieses massiven Eingriffes in die I. wie II. Stammtafel sich erst im Rahmen der Behandlung der Folgegenerationen XI und letztlich auch XII der Zählung nach von Wurzbach bzw. 9 und 10 der Zählung von Stör und Sporhan-Krempel einstellen wird. Was die Begründung der ins Auge springenden plötzlich bei Generation XII bzw. 10 nicht mehr nur 1, sondern jetzt 2 betragende Differenz anbelangt, so gilt das im vorangehenden Satz Gesagte.

Vorrangig gilt es nun, die in der II. Stammtafel aufgeführten Kinder des JOHANN DIETRICH zu sichten und dann mit den diesbezüglichen Angaben des Stammbaums Stör, Sporhan-Krermpel und Waldau wertend gegenüberzustellen. Es finden sich sechs Namen, darunter drei Söhne und drei Töcher in der folgender Reihung aufgeführt:

CÄSAR AUGUST (geb. 1618); JOHANN CHRISTOPH (geb. 1619, †; laut Biografie Nr. 27 unverheiratet gewesen und in kaiserlichen Kriegsdiensten gefallen, doch in welchem Jahre und in welcher Schlacht, darüber fehlten die Angaben); als Stammträger JOHANN PAUL (geb. 1625, † 1685; Gattin: SALOME VON KREITER AUF DIETSCH); MARIA MAGDALENA (ohne weitere Angaben) ; MARIA LUDOVICA (geb. 1626; vermählt mit N. GRAF VON SAYN).

Demgegenüber weist der Stammbaum Stör hinsichtlich der Kinder des JOHANN DIETRICH nur zwei Namen aus, nämlich den bei von Wurzbach auf dem Platz des Stammträgers an dritter Stelle zu findenden – wie er schreibt – JOHAN PAULUS (siehe 9c) und die bei von Wurzbach an der vierten Stelle stehende MARIA MAGDALENA (siehe 9b). Und Sporhan-Krempel wie Waldau berichten diesbezüglich nicht mehr als von einer weder bei von Wurzbach noch bei Stör erscheinenden Tochter desselben namens SUSANNA (siehe im Stammbaum Stör nachgetragen unter 9g). Letzteres hängt damit zusammen, dass der Forschungsschwerpunkt von Sporhan-Krempel die Generation 8 gewesen ist und dort erstrangig Johann Friedrich und dessen Nachkömmlingen galt. Von dieser Diskrepanz der Angaben her die Existenz der vier allein bei von Wurzbach erwähnten Kinder bezweifeln zu wollen, wäre falsch. Denn immerhin spricht Waldau von „mehreren jung verstorbenen Kindern“, was man wohl auf den nur mit Geburtsdatum versehenen Erstgenannten CAESAR AUGUST wie auch auf den als gefallen bezeichneten Zweitgenannten JOHANN CHRISTOPH, ebenso auf die ohne Daten bleibende Drittgenannte MARIA MAGDALENA wie die Sechstgenannte und mit als Kind gestorben bezeichnete ANNA BARBARA anwenden kann. Sicher ist, dass die im II. Stammbaum des von Wurzbach in fünf der sechs Fälle beigegebenen Geburtsjahre 1618, 1619, 1625, 1626 und 1629 nicht mehr als 2, 3, 9, 11 und 13 Jahre vom wirklichen Geburtsjahr ihres Vaters JOHANN DIETRICH 1616 entfernt liegen, was natürlich total neben der Realität liegt. Hinzu kommt erschwerend, dass von dem als Stammträger ausgewiesenen JOHANN PAUL her eine Verbindung hin zum nachweislich existent gewesenen Stammträger der Generation XII (nach von Wurzbach) bzw. 10 (nach Stör und Sporhan-Krempel) namens JOHANN GEORG (1689 – 1767) sich nicht ziehen lässt. Demgegenüber lässt sich zu diesem hin eine solche in Form der Vater-Sohn-Beziehung vom jüngsten der vier Söhne des JOHANN FRIEDRICH namens HANS KARL (HANß CARL) der Generation 9 her schlüssig nachweisen, womit dieser als der wirkliche Stammahn der laut Waldau und Sporhan-Krempel späteren zahlreichen in hohe und höchste Militär- wie Hofposten eingerückten Glieder derer von Wimpffen erkannt wird und sein Vater JOHANN FRIEDRICH die ihm gebührende Aufwertung erfährt.

Damit stehen wir bei

  • Generation 10:[47]

Hier ergibt sich zunächst die Komplikation, dass in der II. Stammtafel parallel zu dieser sich zwei Generationen eingetragen finden, nämlich XI und XII:

Generation XI:

– JOHANN GEORG I., geb. 30. Oktober 1856, † 1. Juli 1721, 1) KATHARINA WEIDMANN VON EHRENFELS, 2) EVA VON ZOLLERN

Generation XII:

– JOHANN GEORG II., geb. 2. Juli 1689, † 2. December 1767, ANTOINETTE DOROTHEA MAZILLES DE FOUQUEROLLES. Hinzu kommt die diesem geltende Biografie Nr. 30, in der zwar, was die angegebene Abstammnung von einem Johann Georg I. her sowie der Geburtssort Mollberg und das angebliche dortige Familienbesitztum betrifft, zunächst Unrichtiges hineingepackt ist, ab der Mitte jedoch so gut wie vollkommen Richtiges zu lesen steht: Johann Georg II. (geb. zu Mollberg 2. Juli 1689, gest. zu Weißenburg 2. December 1767), vom jüngeren (Johann Dietrich’schen) Hauptaste. Der älteste Sohn Johann Georgs I. aus dessen erster Ehe mit Katharina Weidmann von Ehrenfels. Nach dem Besitzthume Mollberg, auf welchem er geboren worden, nahm die spätere ungarische Linie der Freiherren von Wimpffen das Prädicat Mollberg an. Er stand bis 1714 als Hofjunker in Diensten des Pfalzgrafen Gustav Samuel, darauf bis 1719 in jenen des Königs von Polen; dann trat er nach seinem Vater die Oberamtmannschaft zu Guttenberg und Lützelstein an und wurde zuletzt pfalzzweibrücken’scher adeliger Geheimrath. Seine Gemahlin Antoinette Dorothea Mazille de Fouquerolles, mit welcher er sich im Jahre 1719 vermählt hatte, schenkte ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft, nämlich zwölf Kinder, darunter acht Söhne, deren mehrere wesentlich zum späteren Glanze des Hauses Wimpffen in den verschiedenen Ländern des Continents beitrugen.“

Merkwürdigerweise decken sich das von Wurzbach dem Stammträger seiner Generaton XI. JOHANN GEORG I. zugeordnete Geburtsdatum (30. Oktober 1656), ebenso die Namen der beiden Gattinnen (1. Katharina Weidmann von Ehrenfels, 2. Eva von Zollern) und auch das aus der obigen Biografie dessen Sohnes hervorgehende Berufsfeld desselben (Oberamtmann in Guttenberg-Lützelstein) fast genau mit jenen, die G. E. Waldau dem Stammträger seiner Generation 9 namens JOHANN CARL (siehe weiter oben) zuordnet, nämlich: Geburtsdatum: 30. Oktober 1656; Berufsangabe: Oberamtmann zu Guttenberg-Lützelstein; Gattinnen: 1) Katharina von Weidmann, 2) Eva von Zollern). Und auch L. Sporhan-Krempel geht mit diesen Angaben (siehe oben) einher, ausgenommen, dass sie als Geburtsjahr 1654 (ohne Nennung eines genauen Tage angibt und die komplexere Berufsbezeichnung „Herzoglich Zweybrückenscher Geheimrat und Oberamtmann zu Guttenberg“ verwendet. Wie in Kapitel „N. Umorientierung“ ausführlichst dargestellt, handelt es sich bei der Nennung dieses JOHANN GEORG I. um eine Art von nicht existent gewesenem „Lückenfüller“, dessen Grunddaten von Wurzbachs von JOHANN CARL, dem jüngsten Sohn des JOHANN FRIEDRICH, hergeholt sind. Dessen Einbringung in die Generationsfolge ist gezwungenermaßen aus dem Umstand herausgewachsen, dass von Wurzbach das Brüderpaar JOHANN FRIEDRICH und JOHANN DIETRICH und dann auch des Letztgenannten stammhaltenden Sohn JOHANN PAUL mit Geschwistern irrtümlicherweise um eine ganze Generation älter gesehen hat.

Anders verhält es sich, wie schon angeklungen, bei von Wurzbachs JOHANN GEORG II., dem man allerdings aufgrund des vorstehend Gesagten die Zählung „II.“ absprechen muss, was notwendig machte, in derr II. Stammtafel diese in Rot einzuklammern und somit auszuscheiden. Der Umstand jedoch, dass dort die übrigen Daten desselben (Geburts- und Todesdatum, Name der Gattin) wie auch die Namen und Daten der daneben angegebenen beiden Brüder desselben FRANZ LUDWIG (geb. 1693) und GUSTAV LEOPOLD (geb. 1698) unangetastet geblieben sind, lässt die Zutreffendheit derselben erkennen. Als falsch ist allerdings dessen angebliche von JOHANN DIETRICH über dessen Sohn JOHANN PAUL sowie einen nicht existent gewesenen JOHANN GEORG I. gehende Abstammung zu deklarieren. Denn dieser war, wie angezeigt, zunächst in der I. Stammtafel durch Verschiebung der Klassifikation „Jüngerer Hauptast“, dann in der beginnenden II. Stammtafel durch Einklammerungen und Ersetzungen sowie Pfeilführungen, ein Sohn von JOHANN CARL und damit ein Enkel von JOHANN FRIEDRICH und nicht, wie aus der Verfolgung des Generationenganges I. und II. Stammtafel des von Wurzbach hervorgeht, ein Urenkel des JOHANN DIETRICH. Das Verständnis für die Notwendigkeit dieser Eingriffe dürfte jetzt voll gegeben sein. Und aus der erkannten Nichtexistenz des durch von Wurzbach in die Generationsfolge unstatthaft eingeschobenen sog. JOHANN GEORG I. wächst jetzt auch das Verständnis für die bei der Vergleichung der Generationenzählung laut Wurzbach einerseits und der von Stör und Sporhan-Krempel andererseits plötzlich beim sog. JOHANN GEORG II. sich ergebende Differenz von – 2 statt bislang – 1.

Was das nunmehr genauer zu umreißende Leben des Stammträgers der Generation 10 JOHANN GEORG betrifft, so ist dieses ausführlichst in Kapitel „O. Johann Georg“ meiner Abhandlung „Die Freiherren und Grafen von Wimpffen …“ dargestellt und zum Nachlesen sehr empfohlen. Wenn von Wurzbach schreibt, dieser sei am 2. Juli 1689 auf dem Besitztum Mollberg geboren, wonach die spätere ungarische Linie der Freiherren von Wimpffen ihren Namen angenommen habe, so liegt er bezüglich des Geburtsortes, nicht des Geburtsdatums, total falsch. Als Sohn des laut Waldau Herzoglich Zweibrückischen Geheimen Rates und Oberamtmanns zu Guttenberg ist dieser am Ort dessen Amtssitzes Minfeld, einem in der Oberheinebene nördlich vom Bienwald und ca. 18 km ostnordöstlich des elsässischen Weißenburg gelegenen kleinen Ort, geboren und zwar im dortigen türmereichen ehemaligen Wasserschloss, genannt „Schloss der sieben Türme“, in dem das vom Vater geleitete zweibrücken’sche Verwaltungsamt Guttenberg-Lützelstein untergebracht gewesen ist. In diesem Landstrich der südlichsten Pfalz war seit 1680 der französische König Ludwig XIV. der oberste Souverän. Wie Wurzbach sagt, war dieser in jungen Jahren, währendem der Vater noch amtete, im Dienst als Kavalier (Hofjunker) der Pfalz-Zweibrücken-Kleeburger Landesherren, zuerst (bis 1714) des späteren Landesfürsten Gustav Samuel Leopold, dann (bis 1719) in den des als König von Polen seines Thrones enthobenen und dann nach Pfalz-Zweibrücken ins Exil gegangenen Stanislaus I. Leszczyński gestanden, um danach das Amt seines Vaters zu übernehmen. Zu dieser Zeit heiratete er die aus einer Adelsfamilie angeblich der Picardie stammende (ANTOINETTE) DOROTHEE (MAZILLE) DE FOUQUEROLLE (der Nachname im Gegensatz zu von Wurzbach nach dem Muster dessen Sohnes Franz Ludwig ohne Schluss-s geschrieben). Die laut von Wurzbach aus dieser Ehe hervorgegange zahlreiche Nachkommenschaft von 12 Kindern, darunter 8 Söhne, findet sich bei von Wurzbach in seiner quer durch die gesamte II. Stammtafel gehenden Generationsreihe XII (in Wirklichkeit laut Sporhan-Krempel und Stör 11) – und zwar jetzt fehlerfrei – dargestellt. Von Wurzbach schreibt über diese Söhne abschließend, dass „deren mehrere wesentlich zu dem späteren Glanze des Hauses Wimpffen in den verschiedenen Ländern des Continents beitrugen“. Das entspricht dem, was auch Sporhan-Krempel mit ihrer auch noch auf Johann Georgs Enkel bezogenen Aussage, es hätten „seine Kinder und Enkel hohe Posten an fürstlichen Höfen“, schreibt. Und das passt auch mit dem zusammen, was Waldau allerdings Johann Georgs Enkeln zuordnet, das aber im Endeffekt denn doch auf dessen Kinder hinauskommt. Das ergibt sich aus seinem Hinweis auf das zugrunde gelegte Albrechtische Genealogische Handbuch von 1778, in dem sich der bei von Wurzbach fehlerhafterweise in die Genealogie eingeschobene und von Waldau deshalb als existent gesehene Johann Georg I. ebenfalls aufgeführt findet. Indem er allerdings erstrangig von Nachkommen spricht, die „in den ansehnlichsten Kriegsposten, als Haubtleute, Obersten, Generale“ gestanden hätten, und dann erst von „Hof- und andern wichtigen Chargen“, gibt er richtigerweise den im Militärwesen in die Höhe Gekommenen den Vorrang.-

Wie aus der Selbstbiografie von Johann Georgs fünftältestem Sohn (siehe in der II. Stammtafel in der Mitte der Generationsreihe 11) namens FRANÇOIS LOUIS oder FRANZ LUDWIG (1732 – 1800) des Titels „La vie privée et militaire du Général Baron de Wimpffen, écrits par lui même“ (Paris 1788) hervorgeht, ist es der Vater Johann Georg gewesen, der durch seine harte spartanische Erziehung aller seiner sieben Söhne planvoll anstrebte, dass diese alle die „carriere militaire” (Militärlaufbahn) mit dem Ziel anstrebten, „haute faîte de grandeur et d’illustration” (Gipfelhöhe der Größe und Berühmtheit) zu erlangen. Wie diese Form der Erziehung vonstatten gegangen ist, dazu seien drei Stellen dieser Biografie in Übersetzung zitiert:

– „Mit fünf meiner Brüder für den Waffendienst bestimmt, wurde unsere Erziehung von Konsequenz beherrscht, und ohne uns in das Wasser des Styx (A. d. V.: Fluss in der Unterwelt, Wasser des Grauens) zu tauchen, um uns unverwundbar zu machen, mussten wir vor all den Übeln bewahrt werden, die einer zu sanften Erziehung folgen.”

„Während der Winterzeit ähnelte das Schloss, das mein Vater bewohnte, einem Kriegsschauplatz. Wir machten dort unsere militärischen Übungen; wir legten uns zum Schlafen auf die bloße Erde in einem vom Wohnbereich getrennten Haus, in den vier Winden gelegen, in einem Zimmer, wo es nichts gab, keinen Ofen, keinen Kamin, ohne Felle, ohne Pelzwerk, nichts als eine leichte Decke, und wir wälzten uns beim Verlassen des Bettes oft im Schnee.”

– „Wir waren so gesund und robust, unsere jungen Körper waren derart auf die Strapazen vorbereitet, dass wir für gar nichts anderes zugänglich waren als für diese Entbehrungen. Mit dieser körperlichen Ausstattung allein, befördert durch die Ermahnungen der Autoren unserer Tage, deren Vorschriften wir anbeteten, haben wir die jungen Leute und unsere Kameraden weit hinter uns gelassen, selbst jene, deren Erziehung wie die unsrige ebenfalls einfach und entbehrend gewesen ist.”

Johann Georgs  Erziehungsziele und -methoden zeitigten solch nachhaltige Erfolge, dass über drei und teilweise noch mehr Generationen hinweg die männlichen Glieder des Von-Wimpffen-Geschlechtes großteils hohe bis höchste Stellungen im Militär-, Hof- und auch Staatsamtswesen vieler Staaten Europas wie Länder Deutschlands erreichten. Er gab seine Berufslaufbahn erst mit 77 Jahren auf und wurde nach seinem Tod im Alter von 78 ½ Jahren in nahen nordelsässischen Weißenburg in der Kirche Saint Jean begraben. Dort ruht an seiner Seite eine Gemahlin DOROTHEE, GEB. FOUQUEROLLE.

  • Generation 11:[48]

In der Generationsreihe XIII (richtigerweise 11) der II. Stammtafel des Constantin von Wurzbach, die deren gesamte Breite einnimmt, finden sich in Fettschrift die Namen von zwölf Kindern des Johann Georg, acht Söhnen (einschließlich eines früh verstorbenen solchen) und vier Töchtern (einschließlich einer früh verstorbenen solchen), verzeichnet. Darunter sind bei vier Söhnen die von diesen im Militärwesen erreichten hohen Ränge angegeben. Die dann folgenden Lebensdaten weisen den weiten Umfang von 1721 beim Ältesten (Stanislaus Gustav Ludwig) bis 1744 beim Jüngsten (Felix Ludwig) auf. Fünf der sieben überlebten Söhne sind sog. Zweige entwachsen, die jeweils am Kopf derselben angezeigt sind, benannt nach den Vornamen ihrer Urheber. Deren jeweiliger genealogischer Verlauf ist von mir durch unterschiedliche Farbgebung herausgestellt worden. Diese Zweige heißen:

1. der Stanislaus-Zweig (blau gekennzeichnet)

Begründer: STANISLAUS GUSTAV LUDWIG (1721 – 1793); dieser trat nach Kriegsdiensten (so schon im Kindesalter Teilnahme am Österreichischen Erbfolgekrieg) in die Nachfolge seines Großvaters und Vaters als Erb-Oberamtmann zu Guttenberg-Lützelstein ein.

2. der Josephs Zweig (gelb gekennzeichnet)

Begründer: JOSEPH PHILIPP (1728 – ?); über die Laufbahn dieses offenbar früh Verstorbenen ist nichts bekannt .

3. der Franzens Zweig (rot gekennzeichnet)

Begründer: FRANZ LUDWIG (1732 – 1800); General

4. der Georgs Zweig (braun gekennzeichnet)

Begründer: GEORG SIEGMUND DOMINIK (1733 – 1816), kk. Feldmarschall-Lieutenant

5. der Felix’ Zweig (orange gekennzeichnet).

Begründer: Felix Ludwig (1744 – 1814); Französischer Generallieutenant

Der nicht zum Zweiggründer gewordene Zweitälteste CHRISTIAN PETER (1725 – 1781) ist als Maréchal de Camp (Feldmarshall) vermerkt. KARL HERMANN (geb. 1727), der Drittälteste, war von den sieben überlebten Söhnen der Einzige, der nicht den Militärdienst aufgenommen hat, sondern, wie zu lesen steht, Canonicus (Klosterangehöriger) zu Weißenburg geworden ist. Was die in der II. Stammtafel noch aufgeführten Namen der Gattinnen derselben betrifft, so lassen sich diese in der II. Stammtafel nachlesen, was auch für die Angaben über die fünf hier übergangenen Töchter in ihrer Gesamtheit gilt. Herausgestellt sei noch, dass den Zweiggründern vom a) Stanislaus Zweig, c) Franzens Zweig und d) Georgs Zweig sowie dem Zweitältesten Christian Peter jeweils Folgendes beigefügt ist: „Freih. 1781“. D. h., dass diesen im vorgenannten Jahr vom Kaiser der Erbadelsrang eines Reichsfreiherren verliehen worden ist, womit eine sog. Besserung des Wappens durch ein goldenes Kreuz, gehalten von den Vorderfüßen des Widders, verbunden war. Siehe dazu:

  • Abb. A 20: Schwarz-Weiß-Darstellung des Wappen derer Von Wimpffen, so wie es durch die Verleihung des Reichfreiherren-Ranges des Jahres 1781 und der damit verbundenen sog. Wappenbesserung durch ein vom Wappentier des Widders gehaltenes goldenes Kreuz geworden ist; dazugegeben die im Genealogie-Werk des Constantin von Wurzbach des Jahres 1888 gegebene Wappenbeschreibung, in der auch die in der Darstellung fehlenden Wappenfarben angegeben sind.

Unter diesen fünf Zweiggründern ist der in der Mitte der II. Stammtafel zu findende Gründer vom c) Franzens Zweig FRANZ LUDWIG VON WIMPFFEN bzw. FRANÇOIS LOUIS DE WIMPFFEN (geb. am 2. April 1732 in Minfeld in der Südpfalz – gest. am 24. Mai 1800 in Mainz), verheiratet mit MARIE KUNIGUNDE VON GOY (1744 – 1820), derjenige, der die meisten Kinder gehabt hat, nämlich (wie im II. Stammbaum Generationsband XIVc bzw. 12c zu sehen) zwölf an der Zahl, je sechs Söhne und Töchter. Von diesen sechs Söhnen sind fünf in den Militärdienst getreten, aus denen vier sich über vielerlei Staaten Europas sowie Länder Deutschlands verbreitende Nebenlinien oder -zweige herausgewachsen sind. Somit wird verständlich, warum Sporhan-Krempel bei ihrer Herausstellung des Aufstieges der Nachfahren des JOHANN GEORG über dessen Kinder hinaus auch dessen Enkel einbezogen hat. Franz Ludwigs bereits herangezogene aufschlussreiche Selbstbiografie „La vie privée et militaire …“ von 1788 bildete die Hauptquelle von Kapitel „P. Zweiggründer Franz Ludwig“ meiner Arbeit über die Von Wimpffen, was sich zu lesen lohnt. Genau wie drei seiner Brüder wurde er schon im Kindesalter inmitten des von 1741/42 bis 1748 gegangenen Österreichischen Erbfolgekrieges in die französische Armee gegeben; ohne Namensnennung berichtet er, dass sie beim Eintritt 10, 11, 12 und 15 Jahre gewesen seien. Danach absolviert er wie diese Brüder die Offiziersausbildung, die bei allen in einem der sog. deutschen Regimenter D’Alsace, De la Marck, De Royal Deux-Ponts und De Bouillon erfolgt. 1756, d. h. zu Beginn des bis 1663 gegangenen Siebenjährigen Krieges verlässt er mit ca. 24 Jahren das Régiment d’Alsace als Sekondehauptmann und übernimmt das Kommando einer Grenadierkompanie des Régiments Royal Deux Ponts (Zweibrücken). Wie sein Leben in diesem Krieg, in dem er ein Auge verliert, mit dem Orden des Heiligen Ludwig erster Klasse ausgezeichnet wird, in Frankfurt seine o. a. hugenottische Gattin kennenlernt, 1759 im Feldlager des nordhessischen Jesberg heiratet, das lässt sich alles im o. a. Kapitel nachlesen. Auch wie er ca. 1760 ins Herzogtum Württtemberg überwechselt, wo er in den rund anderthalb Jahrzehnten seines dortigen Aufenthaltes zum Mitglied des prunkvoll-verschwenderischen Hofes von Herzog Karl Eugen wird und schließlich sogar ein württembergisches Regiment seinen Namen erhält und er zum Leiter des Kriegsdepartements mit doppeltem Gehalt aufsteigt, aber bald in Ungnade fällt und das Land wieder verlässt. Das gilt auch für sein weiteres bizarres Leben als immer wieder neue Aufgaben als Militär nunmehr in anderen Staaten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation Suchender und seine in den ausgehenden 1780er Jahren der beginnenden Revolution erfolgte Rückkehr in sein Heimatland Frankreich, wo er, die Verfolgungen der eskalierenden Revolution überstehend, wieder in das Heer Napoleons als Generallieutenant tritt, sich auch als militärerzieherischer Schriftsteller betätigt, 1800 als französischer Divisionsgeneral und Präsident des militärischen Revisionsgerichts stirbt und dort auf dem Friedhof der Peterskirche begraben wird.

Mit der Betrachtung seiner Söhne sind wir in die Folgegeneration gelangt.

  • Generation 12 (einschließlich vieler Hinweise, die sich auf Folgegenerationen 13, 14 und 15 beziehen):[49]

Die besondere Bedeutung des FRANZ LUDWIG als Vater von zwölf Kindern und fünf von sechs in den Militärdienst getrenenen Söhnen aus denen vier sog. Nebenlinien oder –zweige wachsen, ist in der II. Stammtafel daran zu erkennen, dass das Grün des nach ihm benannten Franzens Zweiges ab der Mitte derselben dominiert, indem das Generationsband 12c und die nachfolgenden Generationsbandbereiche 13c und 14c deren ganze Breite füllen. Hinzu tritt darunter die aus dem drittältesten Sohn FRANZ KARL EDUARD VON WIMPFFEN (1773 – 1842) herausgewachsene sog. Gräfliche Linie, die weiter unten mit ihrem Rot ebenfalls über drei Folgegenerationen hinweg wieder die ganze Breite der Stammtafel einnimmt. Dieser wurde in Österreich-Ungarn ansässig und 1797 durch Diplom in den Grafenstand erhoben. Im Rahmen dieser Arbeit ist es unmöglich, im Einzelnen darzustellen, welche hohen Rangstufen im Militär- und Staatswesen und welchen stattlichen Besitzstand dieser und dessen Kinder, Enkel und Urenkel erreicht haben. Aus dem Ältesten GEORG VON WIMPFFEN (1760 – 1807), der vom französischen in den russischen Militärdienst wechselte, es dort bis zum Generallieutenant brachte und an einer in der Schacht bei Austerlitz empfangenen Verwundung tragischerweise in Gefangenschaft seines französischen Heimatlandes gestorben ist, wuchs die sog. Russisch-preußische Seitenlinie. Und aus dem Zweitältesten FRANZ KARL EUGEN VON WIMPFFEN (1762 – 1835), der als Einziger der Bruderreihe nicht Militär, sondern französischer Wasserbauingenieur geworden ist, ging der sog. Französische Nebenzweig hervor, der in der II. Stammtafel sogar textmäßig (siehe 13c und 14c) umschrieben ist. Und dann ist noch die in der II. Stammtafel mittig ganz rechts zu findende und sich über die Generationen 12c, 13c und 14c erstreckende sog. Württembergische Nebenlinie zu nennen, deren Begründer der Älteste der Söhnereihe des Johann Georg namens FRIEDRICH WILHELM VON WIMPFFEN (geb. 1784 in Kirn an der Nahe, gest. 1745 in Stuttgart), verheiratet mit ELISE FREIIN VON MOLTKE (1793 – 1832), gewesen ist. Dieser findet sich im Kapitel „T. Württembergische Nebenlinie“ meiner Von-Wimpffen-Arbeit behandelt. Diese Nebenlinie ragt aus der Sicht von Wimpfen am Neckar aus allen diesen Nebenzweigen und -linien deshalb hervor, weil des Vorgenannten ältere der beiden Töchter KATHARINA VON WIMPFFEN (geb. 1818 in Stuttgart – gestorben 1875 in München) sich im Alter dort niederzulassen und dort ein ausgedehntes arrondierteds Gut zu gründen gedachte, was sich jedoch durch ihren überraschenden Tod zerschlug. Dafür zog der ältere ihrer beiden Brüder, der ehemalige Stuttgarter Kammerherr und Rittmeister a. D. WILHELM VON WIMPFFEN (geb. 1820 in Stuttgart – gest. 1879 in Wimpfen-Hohenstadt auf dem Feld bei der Jagd), mit Familie im Jahr des Todes der Schwester (1875) nach dorthin und bezog deren dort erworbenes und am Beginn des Burgviertels neben dem Rathaus gelegenes Hausanwesen (späteres Haus Breuninger, heute: Burggasse 1). Sein überraschender Tod durch Herzschlag brachte es mit sich, dass seine Gattin AMALIE (AMELIE) VON ROUX-DAMIANI (geb. 1837 in München, gest. 1925 in Graz) mit ihren beiden Kindern SOPHIE (geb. 1861 in Stuttgart, gest. 1907 in Reval) und MAXIMILIAN (geb.1863 in Stuttgart, gest. 1917 in Wien) in den Anfängen der 1880er Jahre nach Österreich wegzog. Diesen wenigen Wimpfener Jahren derselben ist das Kapitel „W. Wilhelm von Wimpffen“ meiner Arbeit über die Von Wimpffen gewidmet, das sich hier an späterer Stelle in Kapitel G fast unverändert übernommen findet. Dort wird auch von dem denkwürdigen Besuch des über die Mutter des Wilhelm von Wimpffen verwandten Generalfeldmarschalls HELMUT VON MOLTKE in Wimpfen im Jahr 1876 sowie über die 1880 in Wimpfen im Beisein zahlreicher Angehöriger des Geschlechtes derer Von Wimpffen vollzogene und später aufgelöste unglückliche Eheschließung der o. a. SOPHIE VON WIMPFFEN mit dem baltischen Baron THEODOR ENGELHARD RUDOLPH VON UNGERN-STERNBERG (geb. 1857, zwischen 1918 und 1923 in Russland verschollen) zu reden sein. Hinzu tritt die Darstellung des Lebens und Sterbens des aus dieser Ehe hervorgegangenen und sowohl als Befreier der (äußeren) Mongolei vom Joch Chinas als auch „Blutiger Baron“ in die Geschichte ebenso ruhmvoll wie unrühmlich eingegangenen unguten älteren Sohnes namens ROBERT VON UNGERN STERNBERG alis ROMAN UNGERN VON STERNBERG (geb. 1885, hingerichtet 1921 durch Erschießen), dem in meiner Von-Wimpffen-Abhandlung das Kapitel „X. Robert alias Roman“ gewidmet ist. Außerdem wird im Unterkapitel G.3 noch kurz aufzuzeigen sein, wie die Freiherren von Wimpffen durch die Heirat der jüngeren Schwester des Wilhelm von Wimpffen namens PAULINE VON WIMPFFEN (geb. 1822 in Stuttgart, gest. 1900 in Mainz) mit ADOLF FELIX GRAF WIMPFFEN (1805 – 1880) außer der blutsmäßigen jetzt auch eine heiratsmäßige und damit sozusagen doppelgleisige Verwandtschaft zwischen der Württembergischen Nebenlinie der Freiherren von Wimpffen und den Grafen von Wimpffen zustandegekommen ist (Näheres siehe in meiner vorgenannten Arbeit in Kapitel „U. Verwandtschaftliche Verknüpfungen“). Nicht übersehen werden darf die dem k. k. Obersten DAGOBERT (1763 – 1836), dem zweitältesten der drei Söhne des Begründers des d) Georgs Zweiges GEORG SIEGMUND DOMINIK (1735 – 1816), entwachsene und in Ungarn sesshaft und hochvermögend gewordene Linie der Wimpffen-Mollberg, der auch der in den beginnenden 1980er Jahren in Bad Wimpfen am Neckar sesshaft gewordene DR. HANS HERMANN FREIHERR VON WIMPFFEN (geb. am 13. 11. 1934 in Budapest) entstammt (siehe diesen in der II. Stammtafel ganz oben links unter „ERGÄNZUNG“ als Angehöriger der Generation 17d aufgeführt; zu finden in meiner vorgenannten Arbeit in Kapitel „X. Georgs Zweig“).

b. Wie der spätere „Sedangeneral“ Emmanuel Félix de Wimpffen mutter- und vaterlos aufwächst und, der Familientradition folgend, ab dem 10. Lebensjahr die Militärvorschule und ab dem 18. Lebensjahr die berühmte Offiziersschule Saint-Cyr besucht, die er 1833 als Unterleutnant verlässt.

Wenn nunmehr dem drittältesten Sohn des bislang übergangenen Gründers des Franzens-Zweiges FRANZ LUDWIG VON WIMPFFEN (1732 – 1800) namens FÉLiX DE WIMPFFEN (1778 – 1813), gesondert in einem ungewöhnlich umfänglichen Unter-Kapitel, ganz besondere Aufmerksamkeit zugewandt wird, so hat das ganz besondere Gründe: Wie der Blick in die Generationsreihe XIVc bzw. 12c der II. Stammtafel, wo dieser an 8. Stelle dessen 12-köpfiger Kinderschar zu finden ist, zeigt, ist dieser im Gegensatz zu seinen oben unter a) bis e) aufgeführten fünf Brüdern zwar kein Zweiggründer geworden; doch handelt es sich bei diesem um den Vater jenes GENERALS EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN (1811 – 1884), der am Beginn des Unter-Kapitels A.1.a als der Verlierer der Schlacht bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bezeichnet und somit abschätzig als der „Sedangeneral“ in die Geschichte eingegangen ist. Dessen gesamtes Leben und innerhalb desselben seine tragische Rolle in dieser Schlacht von Sedan soll nunmehr nicht nur kurz gestreift, sondern in allen Einzelheiten geschildert werden. Diese Gründlichkeit erscheint aus doppeltem Grund angesagt:

  • Zum einen: Wie an späterer Stelle offenkundig wird, war dieser ein Vetter jenes oben herausgestellten Geschwisterpaares KATHARINA und WILHELM VON WIMPFFEN, das in den 1870er Jahren und damit im ersten Jahrzehnt nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 für das hessische Exklavenstädtchen Wimpfen am Neckar durch den Erwerb eines Hausanwesens und eines Grundstücksareals bzw. die Wahl zum Alterswohnsitz ganz besondere Bedeutung erlangte.
  • Zum andern: Als der unglückliche Verlierer der Schlacht bei Sedan und sein dadurch gedemütigtes Vaterland Frankreich vertretender Unterzeichner der Kapitulationsurkunde hat er sowohl die Geschichte dieses Krieges als auch den Weitergang der Geschichte hinsichtlich des Verhältnisses seines Vaterlandes Frankreich zum nunmehr die Einheit erringenden Nachbarland Deutschland und damit das neue Gesicht desselben entscheidend mitgeprägt.

Der vorstehend bereits genannte Vater FÉLIX (VICTOR EMMANUEL CHARLES) DE WIMPFFEN ist laut C. von Wurzbach am 02. 11. 1778 auf der Bornburg (Günthersburg) nächst Frankfurt a. M. geboren und am 24. Februar 1814 zu Frankfurt am Main, laut J. P. Allart richtigerweise jedoch am 21. 07. 1813 in Paris gestorben. Aus Wurzbach ist noch zu erfahren, dass er wie sein Vater FRANZ LUDWIG (und wie fast alle seine Oheime, um dies ergänzend zu sagen) in die französische Armee eintrat, in der er als Oberst des 2. Linien-Infanterie-Regimentes starb. Er sei zwar vermählt gewesen, doch sei der Name seiner Gemahlin, welche ihm einen Sohn EMANUEL FELIX gebar, nirgends ersichtlich. Wie aus GeneAll.net, der einzigen aufgefundenen Quelle, in der diesbezüglich eine Angabe zu finden war, hervorgeht, ist dieser mit MARIA ENGELTHAL VON EHRENHORST verheiratet gewesen. Angaben über deren Geburt, Herkunft und Tod fehlen.

Die Unklarheiten haben sich, vor allem, was die Mutter und was die Umstände der Geburt dieses einzigen Sohnes EMMANUEL FÉLIX (geschrieben hier und im Fortgang immer nach dem Vorbild der nachgenannten Veröffentlichung mit Doppel-M) und auch dessen Werden zum französischen Offizier betrifft, neuerdings nun doch dadurch gelichtet, dass ich Anfang Dezember 2013 während der Schaffung des den Freiherren und Grafen von Wimpffen geltenden Textes von Dr. Hans H. von Wimpffen freundlicherweise die erst kurz zuvor im Vorjahr 2012 veröffentlichte Abhandlung von Jean-Pierre Allart „Le général de Wimpffen (1811 – 1884). L’autre homme de Sedan“ erhielt. Deren mit „Les années d’apprentissage (1811 – 1832)“ überschriebenes erstes Kapitel legt klar, dass die Mutter des Emmanuel Félix nicht die o. a. Gattin seines Vaters namens Maria Engelthal von Ehrenhorst gewesen ist, sondern ein junges 19 Jahre altes Mädchen namens CORNÉLIE BRÉDA (geb. 1792) aus Leeuwarden, dem damaligen Haupt- und Garnisonsort des Départements de la Frise in den Niederlanden. Der 32-jährige Colonel (Oberst) FÉLIX (VICTOR EMMANUEL CHARLES) DE WIMPFFEN hatte dieses, als er sich dort in Garnison befand, im Dezember 1810 kennengelernt. Als dieses von ihm ein Kind erwartete, zögerte er zunächst zwar, unter den gegebenen Umständen dieses als das seine anzuerkennen, trug jedoch nach seiner Rückkehr nach Frankreich Sorge, Cornélie in Laon bei einem Waisenhaus-Arzt niederkommen zu lassen, der in nächster Nähe seiner Schwester namens ADÉLAÏDE CUNÉGONDE DOROTHÉE und deren Gatten FRANÇOIS GUILLAUME MARQUETTE DE LA VIÉVILLE, dem einstigen Schwadronschef, jetzt stellvertretenden Richter am Schwurgerichtshof des Départements de l’Aisne, Mitglied des Wahlvorstandes und Ritter der Ehrenlegion, wohnte. Die Suche in von Wurzbachs II. Stammtafel lässt diese beiden in der dortigen durchgehenden grünen Generationslinie XIVc bzw. 12c an der sechsten Stelle als ADELHEID (DE WIMPFFEN), geb. am 5. November 1772, vermählte DE LAVIÉVILLE, gestorben 1814, erscheinen. Damit sind wir bei einem Kind des oben behandelten Gründers des c) Franzens-Zweiges FRANZ LUDWIG VON WIMPFFEN angekommen, und zwar bei seiner viertältesten Tochter, die wie einige deren Geschwister in Stuttgart im Zeitraum dessen Aufenthaltes im Herzogtum Württemberg geboren ist. Laut Civilregister von Laon gebar, wie dieser Waisenhaus-Arzt am Folgetag der Behörde meldete, Cornélie Bréda, gebürtig zu Leeuwarden, am 13. September 1811 um 10 Uhr abends einen Sohn, dem diese die Vornamen Emmanuel Félix gab.

Als der leibliche Vater am 25. Juni des Folgejahres 1812 als Oberst des zweiten französischen Linieninfanterie-Regiments im Begriff ist, in russisches Feindgebiet vorzudringen, will er seine privaten Angelegenheiten in Ordnung bringen und verfasst ein Testament, in dem er für den Fall, dass er zu Tode kommt, dem von „Mademoiselle Breda“ geborenen und von ihm anerkannten Sohn Emmanuel alles überlässt, was er besitzt. In der Tat erleidet er am 18. August bei einem Feuerüberfall vor Polotsk am linken Fuß eine Verwundung, die zwar nicht tödlich ist, ihn aber ganz erheblich einschränkt. Er darf nach Besançon, dem Standort seines Regiments, heimkehren und erhält am 2. April 1813 die Erlaubnis, in den Ruhestand treten zu dürfen. Dann zieht er nach Paris, wo er jedoch bereits am 21. Juli 1813 im 34. Lebensjahr stirbt. Letzteres lässt Allart die folgende – die Peinlichkeit der unehelichen Mutterschaft und Herkunft überspielende – Feststellung treffen: „Voici Cornélie veuve, avant d’être mariée, et Emmanuel Félix, orphelin.“ Frei übersetzt: So ist also Cornélie Witwe, ehe sie überhaupt verheiratet ist, und Emmanuel Fèlix Waise.

Hier sei nun der weitere Lebensgang des Sedangenerals unter Voranstellung der Lebens- und Heiratsdaten dargestellt:

-EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN, der am 13. 09. 1811 in Laon (Département Aisne) unter den oben geschilderten widrigen Umständen von der 19-jährigen CORNÉLIE BRÉDA aus Leeuwarden in den Niederlanden geboren worden und am 25. Februar 1884 in Paris gestorben ist und sich dort am 18. 08. 1839 vermählt hat mit der 20-jährigen

-ADÈLE (ADELHEID) EUPHROSINE QUESNEL, geb. 1818, gestorben am 18. 08. 1878 in Vorges/Département Aisne.

Als ADÉLAÏDE CUNÉGONDE DOROTHÉE MARQUETTE DE LA VIÉVILLE von dem Tod ihres Bruders FÉLIX DE WIMPFFEN erfährt, beschließt sie, ihren Neffen EMMANUEL FÉLIX zu sich zu holen und seine Erziehung zu übernehmen. Das Schicksal will es, dass am 6. Januar 1814, d. h. rund ein halbes Jahr danach, ihr Gatte stirbt und sie nunmehr drei Kinder aufzuziehen hat. Da die Folgejahre in finanzieller Hinsicht schwierig sind, entschließt sie sich 1821 in Übereinkunft mit ihrem jüngeren Bruder DAGOBERT SIGISMUND DE WIMPFFEN (1782 – 1862; siehe diesen in der II. Stammtafel in der Generationsreihe XIVc bzw. 12c an 11., d. h. zweitletzter Stelle der Geschwisterreihe), der damals Oberstleutnant der Königlichen Gardedragoner gewesen ist, für ihren Neffen einen Platz in der mit großer Härte und Disziplinierung erziehenden „École royale militaire préparatoire de La Flèche“ (auch „Prytannée militaire“ = Militärvorschule) zu erwirken. Damit würde diesem, der Tradition des Wimpffen-Geschlechts folgend, die bestmögliche Förderung mit dem Ziel der Ausbildung zum Offizier des französischen Heeres zuteil werden. Das Gesuch wird nicht nur befürwortet, sondern mit Rücksicht auf die besonderen Erziehungsumstände sowie darauf, dass der verstorbene Vater den Rang eines Obersten erreicht hatte, darf die Ausbildung des gerade 10 Jahre alt Gewordenen auf Staatskosten erfolgen. Die vom Direktor nach der am 29. September 1821 erfolgten Aufnahme getroffene Feststellung, dass Emmanuel Félix einen für die Aufnahme unzureichenden Bildungsstand besitze, weil er zwar hinreichend lesen könne, doch keinerlei Kenntnisse in Latein und Französisch (Deutsch war demnach seine und immer noch seiner Tante und deren Eltern Mutter- und Umgangssprache gewesen!) aufweise, wird durch eine sechsmonatige Zurückstellung mit Sonderkursen zur Aufholung des Rückstandes überwunden, so dass ein halbes Jahr später die definitive Aufnahme erfolgen kann. Dort bleibt er bis zu seinem 18. Lebensjahr und tritt nach bestandener Abschlussprüfung am 14. November 1829 in die 1802 von Napoleon gegründete berühmte „École royale spéciale militaire Saint-Cyr“ über, deren Devise „Ils s’instruisent pour vaincre“ (Sie lernen, um zu siegen) lautet. Emmanuel Félix gehört dort zusammen mit 146 anderen Offiziersschülern 1830 – 1832 der „Promotion du Firmament“ an. Da er, so stellt er später selbst bedauernd fest, seine Studien vernachlässigt, besteht er die Abschlussprüfung nicht, muss deshalb ein drittes Jahr absolvieren, klassifiziert sich jedoch abschließend unter 122 Schülern an 102. Stelle.

c. Wie Emmanuel Félix de Wimpffen in seiner Militärkarriere bis zum Divisionsgeneral und schließlich zum Oberbefehlshaber der algerischen Provinz Oran aufsteigt und infolge seiner Tapferkeit, Tüchtigkeit und vor allem mehrheitlich in Algerien verbrachten Diensttätigkeit im August 1861 sogar den Titel und Grad des „Grand officier de la Légion d’Honneur“ erlangt.

Er kann sich jetzt Unterleutnant nennen und tritt als solcher im Oktober 1832 in das in Straßburg stationierte 49. Linienregiment ein. Im Sommer 1834 wechselt er in das in Algier stationierte 67. Infanterie-Linienregiment über und wird damit Angehöriger der Armee in Afrika, die im Sommer 1830 mit der Eroberung und Unterwerfung sowie Kolonialisierung von Algerien begonnen hat und insbesondere auf den erbitterten Widerstand der Berberstämme unter Führung des arabischen Emirs Abd el-Kader gestoßen ist. Mit dem Erreichen seines Regiments in Algier ausgangs August 1834 beginnt er dort seinen Dienst, der zunächst zwar nur bis März 1835 geht, dem aber noch drei weitere Verwendungen in Algerien folgen werden, womit er letztlich dort rund 17 Jahre in höchst verdienstvoller Weise für sein Vaterland Frankreich tätig sein wird. Er erlebt seine Feuertaufe im Herbst 1834 im Schlachtengeschehen bei Bouffarick (Westalgerien), in dem sein Regiment ganz besonders der hervorragend kämpfenden arabischen Kavallerie-Guerilla der sog. Hadjoutes die Stirn bietet. Nach weiteren Kampfeinsätzen insbesondere gegen die aufständischen Rif-Kabylen wird sein Regiment im April 1835 nach Frankreich zurückverlegt, wo er dann in wechselnden Garnisonsstädten öd empfundenen Kasernendienst leistet, in seiner Freizeit sich aber im Militärischen fortbildet, mehrere Jahre die Schulungen seines Regiments leitet und im Frühjahr 1837 zum Leutnant des 67. Linienregiments befördert wird. 1839 lernt er bei einem Aufenthalt in Paris die aus einer ehrbaren Familie stammende 20-jährige ADÈLE EUPHROSINE QUESNEL kennen, die er im August heiratet und die 60.000 Francs in die Ehe bringt. Im September danach wird er im vorgenannten Regiment zum Hauptmann befördert.

Zur Durchsetzung der Eroberung Algeriens sowie der Unterdrückung der immer wieder aufflammenden Aufstände wird zunächst neben mehreren Kavallerieregimentern des Namens Chasseurs d’Afrique ein aus drei Bataillonen bestehendes Infanterie-Korps aus einheimischen Söldnern gebildet, den nach einem Kabylen-Stamm benannten sog. Zuaven, deren malerische Uniform an die türkisch-orientalische Tracht angelehnt gewesen ist. 1841 kommt noch ein Bataillon der sog. Tirailleurs algériens indigènes d’Alger et de Titteri hinzu, die wegen ihrer ebensolchen Tracht mit dem Spitznamen Turkos belegt werden. Die Mannschaften dieser Einheiten unterstehen natürlich französischen Offizieren und großteils auch französischen Unteroffizieren. Hauptmann de Wimpffen wird im Juni 1842 der letztgenannten Einheit zubeordert und kehrt somit nach Nordafrika zurück, wo er dann ein Jahrzehnt bleiben und seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen wird. Sein auffallender Mut, sein Draufgängerrtum und seine große Tapferkeit bei verschiedenen Einsätzen insbesondere der Eroberung von Stützpunkten der Aufständischen führen dazu, dass er ausgangs Juni 1844 auf Veranlassung des Generalgouverneurs von Algerien Marschall Bugeaud zum „Chevalier de la Légion d’honneur“ („Ritter der Ehrenlegion“) ernannt wird, womit die Verleihung der ersten (= untersten) Stufe des auf der Brust getragenen Ordens am Band verbunden ist. Und auch in den Folgejahren sticht den Vorgesetzten immer wieder die große Liebe zu seinem Metier und die große Tapferkeit ins Auge, die Hauptmann de Wimpffen bei den geführten vielerlei Gefechten an den Tag legt. Schließlich wird er im April 1847 zum Bataillonschef im 44. Linieninfanterie-Regiment und im Juli 1848 zum solchen seiner früheren Einheit der Tirailleurs indigènes d’Algier ernannt. Diese bildet er, der von seinen Turkos verehrend Ba-Ba (Papa) genannt wird, im Rahmen der vielen Kämpfe in den erneut aufflammenden Unruhen zu einer herausragenden Truppe heran. So wird er ausgangs Juli 1849 zum „Offizier der Ehrenlegion“ (zweite Stufe) ernannt und dadurch das Band seines Ehrenkreuzes auf der Brust mit einer Rosette ausgestattet. Nachdem er bei den anschließenden Operationen gegen den immer wieder sich der französischen Beherrschung widersetzenden Volksstamm der Kabylen große Kompetenz und Tapferkeit und sein Turko-Bataillon sich gleichwertig mit französischen Bataillonen bewiesen hat und er 1851 als „ein ausgezeichneter … Offzier von hoher Intelligenz und konstanter Hingabe für alle seine höchsten Erfolg bringenden Reformvorhaben“, der „Beförderung verdient“, bewertet wird, erfolgt im September 1851 seine Ernennung zum Oberst im ebenfalls in Algerien stationierten 68. Linieninfanterie-Regiment. Im August des Folgejahres 1852 wird er zum in Paris stationierten 13. Linieninfanterie-Regiment versetzt und erhält die Erlaubnis, sich 30 Tage nach Laon, seinem Geburtsort, zu begeben.

Als 1853 das Osmanische Reich (Türkei) Russland wegen dessen Vordringens auf dem Balkan den Krieg erklärt und Frankreich und England im März 1854 sich angeschlossen haben und so der sog. Krimkrieg (1853/54 – 1856) im Entstehen begriffen ist, erklärt der Oberst de Wimpffen, befragt wegen seiner Sachkenntnis und Erfahrung, dass die Turkos, die Zuaven eingeschlossen, mit den allerbesten Truppen Frankreichs und selbst auf europäischen Kampfesfeldern Schritt halten könnten. So kommt ihm der Auftrag zu, sich wieder nach Algerien zu begeben und aus diesen und weiteren Freiwilligen ein Regiment zusammenzustellen. Es umfasst zwei Bataillone, nämlich das weniger große Bataillon de Constantine und das größere Bataillon d’Alger et d’ Oran mit insgesamt 2.000 Mann und erhält den Namen „Régiment de Tirailleurs algérien“, dessen Kommando ihm im März 1854 übertragen wird. Von Kaiser Napoleon III. bekommt dieses am 9. März 1854 eine Fahne gestiftet, die von Emmanuel Félix de Wimpffen im Rahmen einer großen Militärparade im nordalgerischen Kolea von Marschall de Saint-Arnaud, dem Kommandanten des französischen Korps, übergeben wird. De Wimpffens Regiment landet bald danach in den Dardanellen bei der Halbinsel Gallipoli an, nimmt am Krimkrieg teil und zeichnet sich wie sein Kommandant in den folgenden Kampfabschnitten aus:

-Zunächst in der Schlacht nahe Sewastapol am Fluss Alma im September 1854, wo die französich-britisch-türkisch-piemontesischen Verbündeten den russischen Truppen gegenüberstehen und in den letzten Phasen des Schlachtengeschehens insbesondere die Zuaven der Armée d’Afrique entscheidend zum Sieg beitragen.

-Dann in der im November 1854 stattfindenden Schlacht bei Inkerman (Festung im Südwesten der Halbinsel Krim), in der bei der Verfolgung des Feindes de Wimpffens Pferd unter ihm getötet wird und nach der General Bosquet in seinem Bericht anerkennend schreibt, dass „der Oberst de Wimpffen an der Spitze seiner Schützen springend gleich Panthern mitten durch das Dickicht auf die Russen losstürzte“.

-Danach bei der im September 1855 erfolgten blutigen Erstürmung des Forts Malakow bei Sewastopol, wo die zunächst in Reserve stehende Brigade de Wimpffen am Schluss in den wachsend verbissenen Kampf tritt und nach der Eroberung des Forts die bedrängenden russischen Gegenangriffe in der Schlucht von Malakow insbesondere durch den harte Zurückschlagen der Tirailleurs d’algériens zurückgewiesen werden.

-Zuletzt bei der Eroberung der drei Forts der einstigen Felsenfestung Kinburn an der Mündung des Dnjepr im Oktober 1855.

Oberst de Wimpffens und seines 2. Turko-Bataillons Einsatz in den vorgenannten Kämpfen zieht bereits im Oktober 1854 nach der Schlacht an der Alma seine Ernennung zum „Kommandeur der Ehrenlegion“ (3. Stufe) nach sich, woraus sich jetzt das Tragen des Ordens am Halsband ergibt. Die vorbildhafte Führung seiner Truppe in der Schlacht bei Inkermanm bringt ihm im März 1855 den Rang eines Brigadegenerals ein. Und im Februar 1856 wird ihm die Kommandantur der in Paris stationierten 2. Infanterie-Brigade der Kaiserlichen Garde der 1. Infanterie-Division übergeben, die er im Juni nach dem Friedensschluss übernimmt.

Im mit Österreich geführten sog. Italienischen Krieg 1859 (auch Sardinischer Krieg oder Zweiter italienischer Unabhängigkeitskrieg) nimmt er insbesondere an der Schlacht bei Magenta und Buffalora (in der Provinz Mailand) am 4. Juni 1859 mit den vier von ihm kommandierten Regimentern der Kaiserlichen Garde teil, wo er am Fuß leicht verwundet und der Sieg teuer mit hohen Verlusten auch seiner Chasseurs d’Afrique erkauft wird.

Hier sei mit der

  • Abb. A 21: Emmanuel Félix de Wimpffen, Ausschnitt aus dem Gemälde „Chasseurs d’Afrique“ von Clara von Wimpffen, geb. Both von Botfalva und Bajna (geb. am 12. Dezember 1907 in Iklad-Domony/Ungarn, gest. am 27. Mai 2000 in Bakonyság/Ungarn)

eine Darstellung eingefügt, die aus der Hand der Mutter des in Bad Wimpfen 1982 Wohnsitz genommenen damaligen Stellvertretenden Leiters der Abteilung Gesundheit im Bayrischen Fernsehen Dr. Hans H. von Wimpffen stammt. In dieser ist die Person des Genannten, der im Italienischen Krieg des Jahres 1859 im Rahmen seiner Funktion als Kommandeur einer Infanteriebrigade der Kaiserlichen Garde auch das Kommando der Chasseurs d’Afrique innnegehabt hat und fünf Jahre zuvor mit dem Halsorden des Commandeur de la Légion d’Honneur ausgezeichnet worden ist, einfühlsam und gekonnt nachempfunden.

Der von ihm am Tag der Schlacht gezeigte beständige Einsatz und die gewohnte Tapferkeit bewirken, dass er am Folgetag zum Divisionsgeneral der ersten Abteilung des Generalstabs der Armee ernannt wird. Als solcher wird ihm das Kommando über die für eine Landung in Venedig bestimmten Truppen aller Gattungen anvertraut und gelangt er in der zweiten Juliwoche an Bord des Admiralsschiffes von Rimini an der Adria her bis vor diese Stadt. Zur Landung lässt es jedoch der wenige Tage danach geschlossene Friede nicht mehr kommen. Mitte August 1856 wird ihm, seinen Wünschen entsprechend, das Kommando über die 1. Infanterie-Division der Armee von Lyon übertragen. Er darf dann in der ersten Hälfte des Januar 1860 an einem in Genf stattfindenden Familientreffen teilnehmen, wo einer seiner vielen Vettern, der österreichische GENERALFELDZEUGMEISTER FRANZ EMIL LORENZ GRAF VON WIMPFFEN (1797 – 1870), damals Militärgouveneur der österreichischen Provinz Triest, der 19-jährigen GRÄFIN KAROLINE VON LAMBERG (1830 – 1883) seinen Sohn ALPHONS GRAF VON WIMPFFEN (1828 – 1866; gestorben nach seiner schweren Verwundung im preußisch-österreichischen Krieg) verspricht. Hier sitzen sich am Tisch friedlich zwei Generäle des Namens von Wimpffen gegenüber, die sich im kurz zuvor zu Ende gegangenen Italienischen Krieg als Gegner gegenübergestanden haben. In den Folgejahren 1861 bis 1864 übt Emmanuel Félix de Wimpffen die Funktion eines Generalinspekteurs zuerst des 16., dann des 17., später des 5. Infanterie-Arrondissements aus, was die laufende Inspektion einer Vielzahl von in Städten Frankreichs stationierten Lineninfanterie-Regimentern erforderlich macht. Dazwischen, im August 1861, wird er zum „Grand officier de la Légion d’Honneur“ ernannt (4. Stufe) und trägt jetzt zusätzlich zum Orden am Band auf der linken Brust noch einen Ordensstern auf der rechten Brust. Hierzu sei gezeigt:

  • Abb. A 22: R. Brendamour, General Emmanuel Félix de Wimpffen, undatierte Portraitdarstellung.

Diese zeigt diesen auf der Höhe seines Ruhmes mit seinen vielen Ordensauszeichnungen, darunter dem Orden am Band am Hals mit Ordensstern auf der rechten Brust des Grand Officier de la Légion d’Honneuer (Großoffizier der Ehrenlegion), über welchem nur noch das Großkreuz (Grand-Croix de la Légion d’Honneur) mit Ordensstern auf der linken Brust, dazu Ordensband, getragen über der rechten Schulter, als 5. und höchste Stufe dieser Ordensreihe stand.

Außerdem führt er vorübergehend das Kommando über die 3. Infanterie-Division des 1. Armeekorps in Paris. Auf seine Bitte hin wird ihm im März 1865 das Amt des Oberbefehlshabers der Provinz Algier in Vertretung von General Yusuf übergeben. Somit kehrt er im April nach Algerien zurück, das seit seinem Weggang vor 12 Jahren einigermaßen befriedet und mehr und mehr von hauptsächlich in den Städten lebenden Kolonisten besiedelt ist. Einige Wochen nach seiner Ankunft wird ihm das Amt des Generalinspekteurs des 23. Infanterie-Arrondissements übertragen, das ihm auch in den Folgejahren bis 1870 zuerkannt bleibt. In dieser Funktion hat er vor allem zahlreiche in Algerien stationierte Regimenter und Kompanien zu inspizieren, jedoch nach einem Dekret des Jahres 1864 auch zivile Aufgaben zu erfüllen. Er vertritt die Ansicht, dass an die Stelle der militärischen Beherrschung die Entwicklung der Landwirtschaft und des Gewerbes treten müsse, und sucht, den ihm alle seine Zeit beanspruchenden Tätigkeiten, wie er zu sagen pflegt, nach dem Wahlspruch „Paix et justice aux vaincus“ (Friede und Gerechtigkeit den Besiegten) nachzukommen. Im Juni 1869 wechselt er von der ostalgerischen Provinz Algier in die westwärtige der zwei Provinzen Algeriens über, nachdem er zum Oberbefehlshaber der Provinz Oran, General Deligny ersetzend, bestellt worden ist. Dort kommt er bald zu der Erkenntnis, dass die Bevölkerung der Südgebiete von den feindseligen marokkanischen Stämmen, insbesondere der großen gewalttätigen Sippe der Ouled-Sidi-Cheikh, dazu von algerischen Dissidenten bedroht wird. Immer wieder wird die Habe der Bevölkerung geplündert und manchmal werden Teile derselben sogar gezwungen, ihre Wohnplätze zu verlassen. Da die französischen Militäreinheiten die in die Wüste flüchtenden Plünderer nicht fassen könnten und die Autorität der Franzosen dadurch verspottet werde, müsse, so De Wimpffen, mit harter Bestrafung dagegengehalten werden. Es gelingt ihm, den Generalgouverneur in Algerien MARSCHALL MAC-MAHON von der Notwendigkeit der sog. „Expédition de l’Oued Guir“ (Oued Guir ist ein Wadi im algerisch-marokkanischen Grenzbereich) zu überzeugen. So bricht er Ende Februar 1870 mit sage und schreibe 1.800 bis 2.000 Infanteristen, 1.200 Reitern, 600 bis 700 einheimischen Söldnern, 3 Abteilungen Artillerie und für den Transport des Materials, der Nahrung und des Wassers 2.200 Kamelen Richtung Südwest auf und legt jeden Tag 17 – 25 km zurück. Der Hauptkampf im Zielbereich des Oued-Guir zwischen der Truppe De Wimpffen und jener der Rebellenstammes zur Verfügung stehenden 8.000 Bewaffneten, die sich in den Dünen über dem Wadi festgesetzt haben und höchsten Widerstand leisten, findet Mitte April 1870 statt und endet mit dem Verlust von 24 Toten und 27 Verwundeten auf französischer Seite und zwischen insgesamt 400 bis 500 solchen auf der Seite der arabischen Stammesangehörigen und deren teilweiser Unterwerfung. Die Strafexpedition, bei der die Truppe fast 1.500 Kilometer zurücklegt, bewirkt in dem aufrührerischen Gebiet allerdings nur eine momentane, keinesfalls dauerhafte Ruhe.

d. Wie Emmanuel Félix de Wimpffen innerhalb von acht dramatischen Tagen den Aufstieg in den Rang des Generals eines Armeekorps der französischen Sedanarmee sowie noch weiter des Oberbefehlshabers derselben in der Endphase der unaufhaltbar verloren gehenden Schlacht erringt.

Im Laufe des Mai 1870 nach Oran zurückgekehrt, wird Emmanuel Félix de Wimpffen von der Möglichkeit eines Krieges mit Preußen informiert und am 19. Juli setzt die französische Kriegserklärung diesen in Gang. Wie in diesem Krieg die deutschen Truppen unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie und Chef des Generalstabes und großen Strategen HELMUT VON MOLTKE (1800 – 1891) in beiderseits verlustreichen Schlachten im August siegreich in Frankreich eindringen und nun die Festungsstadt Sedan einzuschließen beginnen, in die sich der französische Kaiser Napoleon III. zu seiner jetzt Sedanarmee genannten Armee von Chalon hineinbegeben hat, ist am Ende des vorangehenden Teilkapitels A.1 bereits ausführlich auf dem Hintergrund der sich in Wimpfen damals abgespielten Ereignisse geschildert worden.

Die nunmehr beginnende genaue Schilderung des, wie die nachfolgend fett hervorgehobenen Datenangaben zeigen, auf kaum zehn Tage beschränkten Vorganges des gewaltigen plötzlichen Aufstieges des Emmanuel Félix de Wimpffen zum Oberbefehlshaber der Sedanarmee wie seines ebensolch raschen Fallens stützt sich großteils auf die höchst umfangreiche Dokumentation des Journalisten und Schriftstellers Theodor Fontane „Der Krieg gegen Frankreich 1870 – 1871, Band 1“, 1873, S. 476 – 633. Dieser versteht es, das Drama mit Verve minutiös zu schildern und die Handlungsweise sowie Persönlichkeit desselben unter Berücksichtigung des Für und Wider psychologisch klar und überzeugend ins Bild zu setzen und zu beurteilen. Dazu muss man wissen, dass der Autor im Krieg 1870/71 den Kriegsschauplatz um Paris besucht hat, sogar unter falschem Verdacht als Spion verhaftet und erst nach zwei Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt worden ist und dann im April 1871 die Stationen des Feldzuges in Nordfrankreich und Elsass-Lothringen aufgesucht und auch darüber in einem Buch berichtet hat. De Wimpffens Ehrgeiz, so Fontane, geht vom Beginn des Krieges an dahin, an die Spitze eines Armeekorps oder doch mindestens einer vor dem Feinde stehenden Division gestellt zu werden. MARSCHALL MAC-MAHON, bislang in Algier ihm vorgesetzt als General-Gouverneur Algeriens amtierend, doch jetzt zum Oberbefehlshaber der Armee von Châlons aufgestiegen, weiß ihn aber in Algerien zurückzuhalten. Ob hier Eifersüchtelei im Spiel ist, wie Wimpffen selbst meint, und Mac-Mahon Wimpffen als Nebenbuhler fürchtet oder umgekehrt dieser bei Wimpffen ein Missverhältnis zwischen Anspruch und Begabung erkennt, muss offen bleiben. Fontane: „Unter der Versicherung, daß Algerien ‚durchaus einen Mann von Kriegserfahrung und Charakter erheische’, hat der Marschall wiederholentlich auf die Dienste Wimpffen’s verzichtet.“ Nach der Niederlage von Wörth unter GENERAL DE FAILLY, die man diesem zu Unrecht anlastet, sieht Wimpffen jedoch seine Stunde gekommen und er bittet KRIEGSMINISTER GRAF PALIKAO in einem Brief erneut um seine Verwendung vor dem Feinde. Die positive Antwort in einem am 22. August 1870 eingegangenen Telegramm lautet, er solle sich sofort nach Paris begeben, es handle sich darum, General de Failly im Kommando des 5. Korps zu ersetzen. Am 28. August über Marseille in Paris mit der Eisenbahn angekommen, bespricht der Kriegsminister mit ihm rückhaltlos die prekäre militärische Lage und richtet dann die Frage an Wimpffen, ob er es nicht doch vorziehe, auf das Kommando des 5. Korps zu verzichten und das in Bildung begriffene 14. Korps zu übernehmen. Doch der lehnt das Angebot ab. Und somit kann Wimpffen am 29. August in Begleitung zweier ihm zugeordneter Offiziere per Eisenbahn nach Sedan zur Übernahme seiner neuen Funktion aufbrechen. Und er hat sogar ein ihm vor der Abreise zugestelltes dienstliches (folgenschweres!) Schreiben Palikaos bei sich, das ihn, den Ältesten unter den Korps-Generalen, ermächtigt, für den Fall, dass GENERAL MAC-MAHON ein Unglück zustoßen sollte, den Befehl über die diesem unterstellten Truppen zu übernehmen.

In Soissons im Département Aisne, seiner speziellem Heimat, angekommen, erlässt er kurzerhand an die Bewohner eine patriotische Proklamation und reist dann raschestens weiter nach Reims. Im Kriegswirrsal des Bahnhofstreibens entdeckt er dort einen für die Rückkehr nach Paris bestimmten Kavallerie-Trupp von 25 Mann. Fontane: „Mit jener raschen Entschlossenheit, die einen Hauptzug seines Charakters bildete, bemächtigte er sich dieses Husarentrupps, änderte die Marschrichtung desselben und befahl dem Leutnant … und seinen Leuten, ihm als Escorte zu folgen. Dies geschah. … Vor allem aber glaubten wir dieses Vorganges … wie auch der zu Soisson im Nu abgefaßten Proclamation … deshalb erwähnen zu müssen, weil sich hierin genau dasselbe Verfahren zu erkennen giebt, das er drei Tage später … auf dem Schlachtfelde von Sedan inne hielt. Ein ebenso dem Temperament wie der Gewohnheit entsprechendes, energisches Drunterfahren, das in kleinen Verhältnissen meist Wunder wirkt, aber freilich nicht ausreicht, eine mit 300,000 Soldaten gespielte Schachpartie zu gewinnen.“ In Rethel kaum angekommen, läuft der Schreckensruf „Des Ulans“ durch die Straßen. Doch kann die schwache preußische Patrouille durch den Schutz der vereinnahmten Husarenescorte de Wimpffen nichts anhaben. Jetzt wird die bisherige Eisenbahnfahrt zu Pferd durch Gebiete fortgesetzt, die bereits von den Heereseinheiten schleierartig weit vorausgeschickter preußischer Kavallerie durchschwärmt sind. Eine in einem Waldstreifen entstehende plötzliche Kollision, bei der Wimpffen vom Pferde geworfen wird, entpuppt sich glücklicherweise als Begegnung mit einer Gruppe Franctireurs (französischer Freischützen) und nicht, wie zunächst geglaubt, mit preußischer Kavallerie. Im Dorfe Signy-L’Abbaye gibt sich der Maire (Bürgermeister) als der zu erkennen, der das Freischützenkorps gebildet und an der Waldecke postiert hat. Diesem schüttelt Wimpffen die Hand und beglückwünscht ihn zu seinem patriotischen Eifer. Fontanes Einschätzung: „Eine kleinlicher geartete, minder enthusiastische Natur würde außer Stande gewesen sein, den Zwischenfall, der halb unbequem, halb lächerlich war, so frank und frei und so mit Worten der Anerkennung zu behandeln.“

Als am 30. August frühmorgens das rd. 20 km nordwestwärtig von Sedan gelegene Mezières (siehe die ab hier genannten Orte etc. großteils in der nachfolgenden Abb. A 23) erreicht ist, gesellt sich dort ein Rittmeister zu der nun vier Offiziere als Adjudantur und Ordonnanz umfassenden Begleitgruppe und geht die Reise wieder per Eisenbahn weiter. Gegen Mittag fährt der Zug merkwürdigerweise ohne Halt über den Zielort Sedan hinaus bis zu dem rd. 3 km südsüdöstlich davon gelegenen Bazeilles, wo nun eine Art Vorspiel zum Drama um den Aufstieg Wimpffens zum Korps-General durch Verdrängung de Faillys und schließlich Ersetzung Mac-Mahons als Oberbefehlshaber der Sedan-Armee beginnt. Denn dieser steigt jetzt wieder kurzentschlossen zu Pferd und rekognostiziert in einem Ritt, der über die Ufer der Maas hüben und drüben und weit über den ostwärtigen Nebenfluss Thiers hinweg südostwärtig bis zum um die 10 km entfernten Amblimont geht und ihn in den Mittagsstunden Augenzeuge des auf die Festung Sedans zugehenden fluchtartigen Rückzugs der französischen Truppen werden lässt. „Wimpffen – auch darin wieder ganz sich selbst – vermochte diesem tristen Schauspiel nicht anzuwohnen, ohne einzugreifen und die Fluth der Flüchtigen zurückzustauen. Binnen kürzester Frist hatte er mehrere Tausende, die den verschiedensten Corps angehörten, um sich versammelt, nahm mit ihnen starke Position in der Nähe von Mairy und schickte mehrfach schriftliche Meldung an den Marschall, worin er diesem anzeigte, daß er da sei, daß er mit einigen tausend Mann die Position zwischen Mairy und Amblimont halte und daß er um Befehle bitte. Endlich um 9 Uhr Abends kam Ordre: Rückzug auf Sedan. – Auch hier wieder hatte er sich bewährt und mit der ihm eigenen Impetuosität (wobei Anderer Anordnungen sehr oft gekreuzt wurden) gehandelt und durchgegriffen. In Allem spricht Eifer und Umsicht, patriotischer guter Wille und rasches Erkennen des local und momentan Nöthigen, aber doch auch zugleich ein Selbstvertrauen und befehlerischer Hang aus, der von den übrigen Generalen, und ganz besonders vom Marschall selbst, fast wie eine Beleidigung, gewiß wie eine Bedrückung empfunden werden mußte. Er war noch nicht eingeführt, war kaum etwas anderes als ein ‚General auf Reisen’ und nahm aus dem Stegreif Allüren an, als sei er erschienen, um endlich nach dem Rechten zu sehen und den ewigen rückgängigen Bewegungen ein Ende zu machen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß der Marschall die Dinge von diesem Gesichtspunkt aus ansah und am Morgen des 1., als er, um seiner Verwundung willen, das Commando abgeben mußte, auch aus einem persönlichen Antagonismus Wimpffen überging und Ducrot zum Nachfolger wählte.“

Am späten Abend des 30. in Sedan eingetroffen und nach langem Suchen in der überfüllten Stadt in einem Zimmer des Hotels „Croix d’or“ mit seinen vier Ordonnanz-Offizieren untergekommen, stellt er sich am 31. früh 9 Uhr dem MARSCHALL MAC- MAHON vor und wird ziemlich kalt empfangen. Er bittet, ihn dem 5. Korps vorstellen zu wollen, zu dessen Kommandant er ernannt worden sei. Im Wissen darum, dass er von den Generalen der Sedanarmee wie eine Art Eindringling angesehen und in der Erwartung, dass die Notwendigkeit einer Ersetzung Mac-Mahons aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht eintreten werde, schweigt er sich über das empfangene Schreiben der Übertragung des Oberbefehls an ihn im Falle des Ausfalls von Marschall Mac-Mahon aus. Der Marschall verspricht, der Bitte Wimpffens nachzukommen, und steigt zu Pferd. Als dieser bis um 1 Uhr offenbar noch nichts in dieser Sache getan hat, geht Wimpffen selbst zum Vieux Camp, dem an die Festungsstadt im Nordosten angelehnten Lagerpatz des 5. Korps, hinaus und gibt sich den Offizieren und Soldaten als ihr neuer Oberbefehlshaber zu erkennen. In eben diesem Augenblick erscheint General DE FAILLY, der von seiner Absetzung weder Ahnung noch Kunde hat. Der peinlichen Situation folgen bittere Worte, die sich freilich zunächst mehr gegen die Urheber der Maßregel als gegen Wimpffen richten, diesen aber immerhin mittreffen müssen. Danach kehrt Wimpffen in die Stadt zurück, um sich KAISER NAPOLEON vorzustellen. Dieser nimmt ihn bei der Hand und fragt ihn unter Tränen nach den Gründen der dauernden Niederlagen. Wimpffen meint dazu, dass die Armeekorps in Nähe des Feindes immer in zu großer Entfernung voneinander stünden und Befehle schlecht gegeben und schlecht ausgeführt worden sind. Auf Wimpffens Frage, warum er so spät zur Übernahme eines Kommandos berufen worden sei, weist der Kaiser auf Mac-Mahon hin, der darauf bestanden habe, ihn in Algerien zu belassen, um die Ruhe in der Provinz zu gewährleisten. Die Zwiesprache endet wie folgt: „Ich bedaure, Sire, erst nach so schweren Mißgeschicken eintreffen zu dürfen. Aber rechnen Sie auf meine Energie; ich werde Alles daran setzen, die Unfälle auszugleichen.“ – Der Kaiser: „Ich weiß, daß ich darauf rechnen kann.“

Nach einer jetzt folgenden kurzen Begegnung mit dem Marschall begibt sich Wimpffen wieder hinaus in das Lager des 5. Korps, um einzelne Ordres zu geben; dann sucht er den Schlaf. Doch das unbequeme Lager, die Kälte und noch mehr die Erregungen über die beiden Begegnungen mit der mehr abgeneigten denn wohlwollenden Haltung sowie vor allem dem Ausschweigen des Marschalls über seine Vorhaben verweigern ihm die Ruhe. „Endlich“, so schreibt er selbst, „stieg die Morgenröthe des 1. September herauf. Um 4 Uhr hört’ ich lebhaftes Gewehrfeuer von Bazeilles her. Die Schlacht hatte begonnen.“ Der gegenüber Wimpffen schweigsame Oberbefehlshaber MAC-MAHON weiß, was die Kartendarstellung der

  • Abb. A 23: Der Vollzug der Einkreisung der Französischen Armee von Chalon durch die Deutsche Vierte sog. Maas-Armee in der Schlacht von Sedan vom Abend des 31. August bis zur Mittagszeit des 1. September sowie deren weiteres Vordringen am Nachmittag desselben Tages

zeigt: Dass nämlich der von den rasch vordringenden deutschen 6 Armeekorps und deren zahlreichen Batterien Artillerie gezielt angesetzte Einschließungsgring sich im Raum Illy im Norden mehr und mehr zu schließen beginnt und es somit jetzt nicht mehr um einen Sieg, sondern nur noch um ein Entkommen gehen kann. Wie der Marschall später aussagt, verfolgt er den ihm am aussichtsreichsten erscheinenden Plan, im Südosten bei Bazeilles durchzubrechen, wo der beidseits ungewöhnlich harte Entscheidungskampf gegen die südöstliche Eckbastion um Sedan in der Morgenröte des 1. September tobt, und sich zum belagerten Metz durchzuschlagen. Dessen ein Stück westlich von La Moncelle um 6 ¼ Uhr durch einen Granatsplitter eintretende Verwundung mit nachgefolgten Ohnmachten bewirken, dass die Ausführung dieses Planes, wenn er überhaupt bestanden hat, sich um ca. 3 Stunden verzögert.

Wieder zu sich gekommen, sucht er zu entscheiden, wem er den Oberbefehl übertragen soll. In Unkenntnis der von Kriegsminister Palikao an Wimpffen ergangenen Weisung entscheidet er sich, die Anciennität Wimpffens hintenan stellend, für den das 1. Korps führenden zweitältesten GENERAL DUCROT. Denn Wimpffen ist vor kaum zwei Tagen bei der Armee eingetroffen, kennt nach Lage der Dinge weder das Terrain, noch die Stellung der Truppen in ihrer Gesamtheit. Hinzu kommt die mangelnde persönliche Sympathie. Um 7 Uhr wird der sich weiter nördlich bei seiner Truppe befindliche General Ducrot ins Bild gesetzt und der nimmt die Bestellung an. Nach der Einschätzung Fontanes ist diese Entscheidung vom französischen Standpunkt aus eher als ein Glück denn als ein Unglück zu betrachten. Denn dieser sieht die Gesamt-Situation mit anderen Augen an als Mac-Mahon, und zwar mit den richtigen Augen. Er sieht, dass im Norden um Illy die Mausefalle der Einschließung noch offen ist und setzt somit auf den Abzug über diesen Ort mit anschließendem Flankenmarsch Richtung West auf Mezières. Sofort erlässt er die dementsprechenden Befehle: Das Gros der französischen Armee beginnt Richtung des nordwärtigen Illy abzurücken, während die verbleibenden Einheiten die Sicherung dieses Abzugs übernehmen und später gestuft nachrücken sollen. Als KAISER NAPOLEON gegen 8 Uhr von seiner Besichtigung von Stellungen auf der Höhe von La Moncelle zurückkehrt, bemerkt er zu seinem Erstaunen den plötzlichen Abzug von Truppen, die er zuvor noch unerschüttert in starken Stellungen wähnte. Als er sich von Ducrot den Grund dafür mitteilen lässt, gibt er sich, ohne den Plan Ducrots zu durchkreuzen, zufrieden.

Nicht so GENERAL DE WIMPFFEN. Dieser erhält zwar um 7 ¼ Uhr Kenntnis von den Vorgängen um Mac-Mahon und Ducrot, unternimmt aber zunächst nichts, seine aus dem dienstlichen Schreiben des Kriegsministerts Palikao sich ergebenden Ansprüche auf das Kommandeuramt der Armee bei Ducrot unverzüglich geltend zu machen. Der Grund: Genau wie der Kaiser und wie der außer Gefecht gesetzte Mac-Mahon sieht er die Rückwärtsbewegung der Einheiten im Südostbereich bei Bazeilles als eine durch nichts motivierte Aktion an. Und so tritt er fürs Erste gegen 8 ¼ Uhr oder etwas später den aus ihrer Bazeille-Position eben abziehenden Regimentern der DIVISION GRANDCHAMP entgegen, legitimiert sich diesen als ernannter Oberfeldherr „der Armee von Chalon“ und gibt Befehl, in die alten, eben aufgegebenen, Stellungen zurückzukehren. Dann erst, um etwa 8 ½ Uhr, macht er sich daran, Ducrot eine schriftliche Meldung folgenden Inhalts zu schicken: Er sei seitens des Kriegsministers Palikao zur Übernahme des Kommandos, für den Fall, dass Marschall Mac-Mahon von einem Unfall betroffen werde, autorisiert worden. Indem er sich vorbehalte, nach der Schlacht mit dem General noch weitere mündliche Rücksprache zu nehmen, bemerke er doch schon jetzt, dass er das Aufgeben der Stellung Bazeilles-Givonne in einem Augenblick, wo der Feind hier keine Fortschritte mache, nicht gutheißen könne. Er habe daher abziehende Regimenter des 12. Korps in ihre alten Positionen zurückbeordert. Das Schreiben schließt mit der Aufforderung, das 1. Korps in der ihm zugewiesenen Gefechtslinie bei Givonne zu belassen und das rechts neben diesem fechtende 12. Korps lebhaft zu unterstützen.

Ducrot, der dieses unerwartete Schreiben um ¾ 8 Uhr in die Hände bekommt, begibt sich sofort zu Wimpffen und erklärt demselben gegen etwa 9 Uhr oder wenig später, dass er sich seinem Befehl unterstellen wolle, erklärt aber zugleich Folgendes: Er glaube den Feind und dessen Absichten besser zu kennen und beschwöre ihn um des Wohles der Armee willen, die Rückzugsbewegung Richtung Nord auf Illy weiter fortsetzen zu lassen. Es sei zu befürchten, dass das 1. Korps auf seinem linken Flügel bald umgangen sein werde. Die Bestätigung seiner Befürchtung gehe aus einem Brief des Maire von Villers Cernay hervor, der den Durchmarsch starker feindlicher Massen melde. Ducrots Beschwörungen sind umsonst. Wimpffen, dem Ducrot nach seiner späteren Buchaussage sogar erklären muss, wo Illy liegt und welche strategische Bedeutung dieses in Bezug auf den schmalen Raum zwischen der Maasschleife und der nahen belgischen Grenze besitzt, sieht die Notwendigkleit eines Rückzugs nicht ein. 12. und 1. Korps seien stark genug, um alles écrasieren (vernichten) zu können, was der Feind ihnen entgegenstelle. Nachdem aber der anwesende Kommandierende des 12. Korps, GENERAL LEBRUN, mehr auf Wimpffens Seite tritt, ordnet sich Ducrot schließlich doch unter und sagt zu, die bereits abgerückten Divisionen in ihre alten Stellungen zurückbeordern zu wollen. Dazu die Einschätzung Fontanes: „In gewissem Sinne war das Einrücken Wimpffen’s in das Obercommando nichts anderes als die Wiederaufnahme des Mac-Mahon’schen Plans, der durch die fünfviertelstündige oder ausgedehntesten Falls durch die zweistündige ‚Episode Ducrot’ blos unterbrochen worden war. Wimpffen erwies sich nur um eben so viel zuversichtlicher, als er unvertrauter mit der thatsächlichen Lage und mit der doppelt überlegenen Kraft des ihm gegenüberstehenden Feindes war. Mac-Mahon hatte bei Bazeilles nur siegen wollen, um seiner Armee an dieser Stelle den Durchbruch zu ermöglichen; Wimpffen gab sich, wenigstens auf kurze Zeit, dem Wahne hin, auf der Linie Bazeilles-Givonne überhaupt einen Sieg erringen zu können. Er wollte den Sieg nicht um des Rückzugs, er wollte den Sieg um des Sieges willen.“

Hier sei ein bei Theodor Fontane angehängter Abschnitt, in dem dieser seinen Unwillen über die widersprüchlichen Aussagen der sich gegenüberstehenden Parteien und Personen sowie der Letztgenannten (insbesondere jener von Wimpffen) in sich allgemein und teilweise konkret auslässt, aus Platzgründen übergangen. Was KAISER NAPOLEON betrifft, der von der Unterredung Wimpffen-Ducrot erfährt und das Hin und Her der obersten Befehlsgebung – sicherlich mit Recht – für ein schweres Unglück, eine Zerbröckelung der Kraft und eine Lockerung der Disziplin hält, so scheint dieser nach der Meinung Fontanes in diesen dramatischen Morgenstunden des Schlachtentages die Erkenntnis gewonnen zu haben, dass das von Ducrot Gewollte das allein Richtige sei. Wohl lässt er, Wimpffens Kehrtwende – so wie er zuvor diejenige von Ducrot hingenommen hat – zunächst, ohne ihm die mutmaßlich vorhandenen Bedenken entgegenzuhalten, geschehen. Doch findet er im Laufe eines am Vormittag unternommenen dreistündigen Rittes über das Schlachtfeld zweimal Gelegenheit, dem neuen Oberfeldherren von Wimpffen diese Anschauung zu erkennen zu geben; freilich bleibt dies ohne Wirkung:

-Zunächst zwischen 9 und 10 Uhr: „Auf dem Terrain westlich von Daigny traf er den General Wimpffen, der eben von Balan kam. ‚Wie steht die Schlacht?’ fragte der Kaiser. Der General antwortete: ‚Sire, die Dinge gehen so gut wie irgend möglich und wir gewinnen an Terrain.’ Auf die nun folgende Bemerkung des Kaisers, daß Meldung eingegangen sei, ein starkes feindliches Corps umgehe bereits die französische Linke, erwiderte Wimpffen, ohne in seiner Zuversicht erschüttert zu werden: ‚Gut! Desto besser; man muß sie gewähren lassen; wir werden sie in die Maas werfen und die Schlacht gewinnen’“

Dann ca. eine halbe Stunde später, worüber GENERAL PAJOL berichtet: „Wir waren eben, in Nähe des Bois de la Garenne (A. d. V.: Waldgebiet westlich von Givonne), eine Höhe hinangeritten, um einen Ueberblick zu gewinnen, als ein Chasseur-Offizier von der Division des Generals Goze aus den Reihen trat und zum Kaiser sagte: ‚Sire, ich bin hier zu Hause und kenne die Gegend vollkommen; wenn der Wald von Garenne umgangen ist, ist die Armee eingeschlossen und wir befinden uns in der bedenklichsten Lage.’ Diese Worte, fährt General Pajol fort, verfehlten nicht den Eindruck auf uns Alle. Der Kaiser ließ dem General Wimpffen sofort Mittheilung davon machen. Aber dieser voll derselben Zuversicht, die er eine halbe Stunde vorher im Gespräch mit dem Kaiser gezeigt hatte, antwortete dem Ordonnanz-Offizier: ‚Sagen Sie dem Kaiser, er möge beruhigt sein; in zwei Stunden habe ich sie in die Maas geworfen.’ General Castelnau, so schließt Pajol seine Mittheilung, drückte mir, als der Ordonnanz-Offizier diese Antwort Wimpfffen’s überbrachte, die Hand und sagte: ‚Gott gebe, daß wir nicht hineingeworfen werden.’“

Wimpffens Antworten, man werde den Feind in die Maas werfen und die Schlacht gewinnen, huldigen weniger einem echten, sondern eher einem Zweck-Optimismus, es sei denn, diese sind aus Ermangelung von Argumenten als bloße leere Floskeln anzusehen. Sicher erscheint, dass in ihm im Laufe des späten Vormittags mehr und mehr die Erkenntnis wächst, dass die Armee in der Tat eingeschlossen und verloren sei. Sein Ahnen findet Nahrung, als er gegen 11 Uhr in Vernachlässigung seiner Fixierung auf den Durchbruch bei Bazeilles am Ende des rechten Flügels nun doch den linken Flügel und damit GENERAL DOUAY, den Kommandeur des 7. Korps, aufsucht und von diesem Folgendes hören muss: „Wir schlagen uns nur noch für die Ehre unserer Waffen. Folgen Sie mir, General; es wird leicht sein, Sie davon zu überzeugen.“ Zum Höhenrand zwischen Floing und Illy geführt, wird er der jenseits versammelten Truppenmassen gewahr und erlebt die überlegene Feuerkraft und Präzision der zwischen St. Menges und Fleigneux feuernden Artillerie des Feindes. „Avec un coeur navré“ (mit blutendem Herzen) kehrt er nach dem Vieux camp in Sedan, dem Zentralpunkt der französischen Stellung, zurück.

Inzwischen hat am späten Vormittag des 1. September auch der KAISER NAPOLEON nach seinem dreistündigen Aufenthalt auf dem Schlachtfeld sein Pferd gewendet, um nach Sedan zurückzukehren. Unterwegs gewahrt er bereits Unordnungen in Gestalt einzelner Militärabteilungen, die dreifachem Artilleriefeuer von Nordwest, Ost und Süd ausgesetzt gewesen sind und jetzt fluchtartig in die Festungsstadt drängen. Und als er gegen 11 Uhr in der Stadt den Turenne-Platz erreicht, wächst der Beschuss dort von Minute zu Minute und es beginnt Verwirrung. „Der Kaiser hielt ruhig zu Pferde, ruhig, fast apathisch. Er war körperlich und geistig erschöpft. In seiner Seele mochte er lesen: Der Kaiserreichs letzter Tag !“ Gegen 12 Uhr ist der Einschließungsring um die Stadt und den diese von Nordwest bis Südost umgebenden Verteidigungsgürtel geschlossen. Nahezu 500 Geschütze feuern jetzt fast unablässig auf die Truppenverbände in den Stellungen um und auch in die Festungsstadt selbst, die durch ihre niedriges Höhenniveau von den Hügelketten ringsherum sich offen und schutzlos darbietet. Es können sich jetzt bestenfalls nur noch kleinere Abteilungen bei Illy, Givonne oder Bazailles durchwinden oder durchschlagen. Dieses glückt nordwärtig in der Tat einer Gruppe von gegen 5.000 Mann, die sich größtenteils nach Belgien retten. Der zweite Teil der Schlacht hat begonnen.

Gegen 1 Uhr beginnen die von GENERAL DUCROT angeordneten und geleiteten vier großen Kavallerie-Angriffe, die nicht mehr auf den Ausbruch gerichtet sind, sondern allein darauf, seine unmittelbar nördlich von Floing auf Illy zu stehenden hart bedrängten Bataillone zu unterstützen und Zeit für die Heranziehung frischer Brigaden zu gewinnen. „Da auf einmal bebte der Boden unter den Hufen der heranbrausenden feindlichen Cavallerie.“ In 4 Wellen bei Intervallen von je einer Viertelstunde bis 20 Minuten reiten gegen die preußischen Einheiten, die den Hügel nordwestlich des Holzes de la Garenne zu erstürmen sowie die Vorstadt Cazal zu erreichen suchen, in todesmutiger Verzweiflung Attacke: Zuerst zwei Eskadronen Lanciers, dann mehrere Schwadronen Kürassiere (Chasseurs d’Afrique) auf Berber-Schimmelhengsten, danach zwei Eskadronen Chasseurs à cheval, schließlich mehrere Eskadronen Husaren und wieder Chasseurs á cheval. Sie branden gegen die heftig feuernden Schützenlinien der preußischen Infanterie- und Jägerverbände, bei denen nach dem Zeugnis von Fontane auch der 13. Kavallerie-Brigade zugehörige hessische Husaren Stellung bezogen haben. Deren Linien werden zwar mehrfach durchbrochen und es kommt stellenweise bei den Verteidigern zu harten Verlusten, doch brechen die Angriffe unter den Schnellfeuersalven meist zusammen; zu Hunderten fallen Ross und Mann. Und die durchgebrochenen Kolonnen werden vor Ort zusammengehauen oder kommen auf der Flucht großteils zu Tode. Für den KÖNIG WILHELM VON PREUSSEN und dessen Begleiter, die zur Beobachtung die Höhe von Frénois aufgesucht haben und denen sich nach Auflösung der morgendlichen dichten Nebeldecke der Blick bei strahlendem Sonnenschein in die hügel- und plateauumsäumte Maasschlingen-Landschaft eröffnet, wirken diese Kavallerieattacken bei aller Furchtbarkeit des Geschehens „wie ein großartig in Scene gehendes Schauspiel“. Die nachfolgende farbige Darstellung aus unbekannter Hand versucht, den Ansturm der Chasseurs d’Afrique auf ihren Schimmelhengsten (mittig rechts) und die Abwehr durch preußische Jäger (vorne und links) nachzuempfinden:

  • Abb. A 24: Hessen verhindern in der Schlacht bei Sedan am 1. September 1870 den Durchbruch der „Afrikanischen Jäger“ bei Floing.

Das Vorandringen der deutschen Belagerer geht also weiter. Um 1 1/4 Uhr, also um die Zeit der ersten Reiterwelle, schickt Wimpffen, heimgesucht von Verzweiflung und Wut und ungeachtet oder gerade wegen der sich abzeichnenden Niederlage und Sorge um das Schicksal des Kaisers, an diesen nach Sedan hinein ein Billet, das folgendermaßen lautet: „‚Sire, ich gebe dem General Lebrun den Befehl, einen Durchbruch in Richtung Carignan zu versuchen, und ich lasse ihm alle verfügbaren Truppen folgen. Ich befehle dem General Ducrot, diese Bewegung zu unterstützen und dem General Douay den Rückzug zu decken. Möge Euer Majestät in die Mitte Ihrer Truppen kommen; sie werden es sich zur Ehre anrechnen, Ihnen einen Durchweg zu öffnen. 1 ¾ Uhr v. Wimpffen.’ – Es war 1 ¾ Uhr, als das Billet zu den Händen des Kaisers kam. Das Bild, das sich dem letzteren in seiner unmittelbaren Umgebung bot, war nicht geeignet, ihn mit Vertrauen zu einem Schritte zu erfüllen, wie ihn General Wimpffen vorschlug. Die Zustände innerhalb Sedan waren bereits seit 12 Uhr aller und jeder Ordnung entkleidet.“ Die letztgenannte Feststellung illustriert eine von dem Amerikaner Linus Pierpont Brockett nach Berichten von Augenzeugen gegebene Schilderung, von der hier ungekürzt ein auf den frühen Nachmittag bezogener Ausschnitt dargeboten werden soll:

„Für Jemanden, der wie ich in die Stadt kam, gab es nicht länger eine Schlacht zu beschreiben. Es war anfangs ein Rückzug, und nur zu bald eine wilde Flucht. Ich hielt mich selbst für glücklich, von dem Schlachtfeld fortzukommen, wie es mir gelang; denn eine Stunde später war die Niederlage jener Truppen, welche in meiner Nähe gestanden hatten vollständig. Bereits stießen Soldaten in dem Kampfe, um in die Stadt hinein zu dringen, heftig gegeneinander an. Abgestiegene Reiter versuchten sogar über die Wälle zu klettern, nachdem sie von der Contrescarpe herunter gesprungen waren; Andere bahnten sich einen Weg durch die Hinterpförtchen. Aus einer Ecke in den Wällen, worin ich einen Augenblick ausruhte, sah ich auch Kürassiere – Mann und Pferd – in den Festungsgraben springen, wobei viele Pferde Beine und Rippen brachen. Soldaten drängten und kletterten rappelnd übereinander. Es waren Offiziere jeden Ranges – Obristen und selbst Generale in Uniformen, welche man unmöglich mißkennen konnte – in diesem schimpflichen Gewühl vermengt. Hinter Allem kamen Geschütze mit ihren schweren Lafetten und starken Pferden dahergerasselt, welche sich in das Gewühl hinein Bahn brachen und die Flüchtlinge zu Fuß verstümmelten und zerquetschten.- Um die Entsetzen zu vermehren, waren die deutschen Batterien inzwischen bis auf Schußweite vorgerückt, und die deutschen Bomben begannen, unter die um die Stadteingänge sich drängenden und ringenden Menschenmassen einzuschlagen. Auf den Wällen bemannten die Nationalgarden die Kanonen der Stadt und antworteten mit mehr oder weniger Wirkung den nächsten deutschen Batterien. Es war ein Schauspiel entsetzlich genug, um selbst die Phantasie eines Gustave Doré zu befriedigen. Ich konnte mir nur eine Vorstellung von der Lage unserer unglücklichen Armee machen – daß sie unten in einem siedenden Kessel stecke. – Ich eilte, so gut ich konnte, in mein Hotel zurück, indem ich den engsten Straßen folgte, wo die Bomben am unwahrscheinlichsten den Boden erreichen würden. Wo immer ein öffentlicher Platz war, stieß ich auf todte Pferde und Menschen, oder die noch zuckten, von platzenden Bomben in Stücke gerissen. Als ich mein Hotel erreichte, fand ich die Straße, worin es stand, wie die übrigen Straßen, mit Wagen, Kanonen, Pferden und Soldaten vollgepropft. Zum größten Glück bestrich in diesem Augenblick das deutsche Feuer nicht diese Straße; denn ein Zug von Munitionswagen, die mit Pulver gefüllt waren, versperrte den ganzen Weg, da er selbst nicht im Stande war, rückwärts oder vorwärts zu kommen. Es war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß diese Pulverwagen in die Luft fliegen würden, weil die Stadt bereits an zwei Orten in Flammen stand; und ich begann, Sedan für einen unbehaglicheren Platz zu halten als selbst das Schlachtfeld, über welches ein siegreicher Feind rasch vorrückte.“

Der Kaiser empfindet nicht anders und lehnt in seinem Inneren Wimpffens Vorschlag ab, an der Spitze seiner Truppen einen Ausfall Richtung Carignan zu wagen, schiebt aber sein „Nein“ zu diesem Verlangen hinaus. So wartet Wimpffen vergeblich und beginnt 2 ¼ Uhr, auf eigene Faust zu handeln; denn er empfindet:: „Es war höchste Zeit; es mußte etwas geschehen. Der Durchbruchsversuch, wenn er nicht all und jede Chance verlieren sollte, durfte nicht länger hinausgeschoben werden. Die Gegenwart des Kaisers würde Wunder gewirkt, meine Autorität gestärkt, die Widerwilligen mit fortgerissen haben; da sie nicht zu erzwingen war, so mußte es ohne ihn versucht werden.“ Und so begibt er sich zum Vieux Camp und findet dort in noch guter Haltung die Marine-Division, einige Zuaven-Bataillone und das 47. Linien-Regiment vor. Er gibt Ordre zum Avancieren und sofort setzen sich diese „braven Truppen“ in Stärke von 5 bis 6.000 Mann in Bewegung. Mit diesen zieht er durch das Haupttor von Balan in südöstlicher Richtung über den Fond de Givonne hinaus und nimmt gegen 2 ¾ oder 3 Uhr dort Stand, von wo aus er glaubt, die benachbarten Orte La Moncelle, Balan und Bazeille beherrschen zu können. Nicht wissend, dass die Reste des 12. und 5. Korps ca. 1.000 Schritt weiter östlich in Richtung Ost fechten, wundert er sich, weder auf dem passierten Terrain noch auf der Höhenposition französischen Truppenteilen zu begegnen. Da er diese jetzt in Balan vermutet, begibt er sich dorthin, um diese heranzuholen. Doch findet er dort das auf Sedan zuführende Tor geöffnet und den Ort leer und so weiß er, dass sich alle Truppen in die Festungsstadt Sedan zurückgezogen haben. Unter diesen ist auch General Lebrun.

Immer noch rechnet Wimpffen in fieberhafter Ungeduld auf den Kaiser. Und so begibt er sich wieder auf die Festung zu und trifft am Tor um 4 Uhr auf einen Beamten des Hofes, der ihm endlich einen Brief des Kaisers überreicht, aber gleichzeitig mitteilt, dass auf den Wällen bereits die weiße Fahne aufgezogen und er dazu ausersehen sei, mit dem Feinde zu parlamentieren. Wimpffen ist wie vom Donner gerührt und erklärt, keine Kenntnis von diesem Brief zu nehmen und auch nicht zu verhandeln. Nachdem ihn der Hofbeamte beschworen hat, den Brief zu empfangen und zu lesen, nimmt er diesen, öffnet ihn aber nicht. Mit dem Brief in der Hand reitet er dem Turenne-Platz zu und fordert unter dem Ruf „Vive la France! En avant!“ und „Bazaine greift gerade die Preußen im Rücken an“ einzelne Trupps auf, ihm zu folgen und einen letzten Versuch des Ausbruchs zu wagen. Sie begegnen General Lebrun, der von einem Mann mit Parlamentärfahne begleitet ist. Wimpffens Ordonnanzoffizier entreißt diesem die Fahne und wirft sie zur Erde und beeindruckt, wenngleich ohne wahre Hoffnung, schließt sich General Lebrun dem Zug an. Offiziere und Soldaten weisen größtenteils auf die weiße Fahne, von der sie wissen wollen, dass sie auf Befehl des Kaisers aufgehisst worden ist. Andere aber folgen freudig und guten Mutes, so dass Wimpffen schließlich mit „tapfern 2000“, wie er sagt, zum Balan-Tor hinauszieht. Die Einschätzung des oben bereits zitierten L. P. Brockett: „Von Seelenpein zum Wahnsinn getrieben, und in schnurgeradem Widerspruch mit den Befehlen des Kaisers, hatte der beschlossen, alle Mannschaften zu sammeln, soviel er konnte, und Widerstand zu leisten. Er konnte nicht wissen, daß er durch einen eisernen Ring von 300,000 Mann umspannt war.“

In Balan sind die Häuser bereits voll von Deutschen, die aus jedem Fenster auf die Franzosen feuern. Die Tür der von diesen besetzten Kirche wird von zwei herbeigeholten Kanonen eingeschossen und dort werden 200 Deutsche gefangen. Wie diese letzte Unternehmung Wimpffens weiter- und rasch erfolglos zu Ende geht, hört sich aus der – Vorwurf vor allem gegen die „Umgebung des Kaisers“ (gemeint die in der Stadt außer Lebrun befindlichen Generäle) erhebenden – Feder Wimpffens selbst folgendermaßen an: „So drangen wir bis über die Kirche von Balan hinaus vor. 5 Uhr.- Der Feind stand uns an dieser Stelle, nach Osten und Südosten zu, nirgends in geschlossenen Massen gegenüber. Ich ritt bis an die Maas vor, und überzeugte mich, daß nichts da war, was im Stande gewesen wäre, einem mit vollem Ernst gewonnenen Angriff zu widerstehen; aber in der Umgebung des Kaisers hatte man seit drei Stunden bereits jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben. Kein Zuzug, keine Hülfe kam. Als ich in Nähe der Kirche von Balan wieder eintraf, hatten sich die 2000 Mann, die Lebrun und ich gemeinschaftlich bis hierher vorgeführt hatten, bereits sehr verringert. Einzelne todt oder verwundet, die meisten zerstreut. So gingen auch wir zurück. Lebrun und ich waren die Letzten. Es war jetzt gegen 6 Uhr.“

Was er sieht, das ist Chaos. L. P. Brockett schildert das so: Mit Einbruch der Nacht verlief sich der Menschenhaufe ein wenig, und mit einiger Mühe war es möglich, sich einen Weg durch die Stadt zu bahnen. Das Schauspiel, welches sich darbot, war entsetzlicher als der Krieg selbst. Todte lagen überall – Bürgerliche und Soldaten in einem gemeinsamen Blutbade. In einer Vorstadt zählte ich mehr als fünfzig Leichen von Landleuten und Städtern – einige Frauen darunter und ein Kind. Der Boden war mit Bruchstücken von Bomben übersäet. Hungernde Soldaten zerschnitten todte Pferde, um sie zu kochen und zu essen; denn Lebensmittel fehlten uns abermals, wie Alles seit dem Anfang dieses Feldzuges gefehlt hat. Ich war froh, von dem Anblick unsres Unglückes hinwegzukommen und die Erinnerung daran in einigen Stunden des Schlafes zu verlieren.“ Dieses ist auch die Stunde, die Sonne ist hinter schwarzem Gewölk untergetaucht und es fängt schon an zu dunkeln, da auf der Höhe von Frénois, dem Beobachtungs- und Kommandopunkt von KÖNIG WILHELM VON PREUßEN und seiner großen Suite, darunter KANZLER OTTO VON BISMARCK, GENERALSTABSCHEF HELMUTH VON MOLTKE, KRIEGSMINISTER ALBERT VON ROON und GENERAL VON PODBIELSKI, gespannte Erwartung herrscht. Denn nachdem am Spätnachmittag gegen 5 Uhr auf der Zitadelle, den Wällen und am Tor nach Balan von Sedan die weiße Fahne, Zeichen der Kapitulation, erschienen ist, hat man OBERSTLEUTNANT BRONSART VON SCHELLENDORF in die Stadt gesandt, der mit der wie ein Lauffeuer sich verbreitenden Nachricht zurückgekommen ist, dass sich, deutscherseits hatte man davon keinerlei Ahnung gehabt, KAISER NAPOLEON in der Stadt befinde und alsbald ein Parlamentär kommen werde. Als solcher erscheint nunmehr per Pferd der französische GENERAL REILLE mit Begleitern und überreicht dem König den Degen seines Kaisers und ein Schreiben von Napoleon folgenden Inhalts: „Mein Herr Bruder! Da mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nur übrig, meinen Degen in die Hände Eurer Majestät zu legen. Ich bin Euer Majestät guter Bruder.- Sedan 1. September – Napoleon.“ (Der viel zitierte Kernsatz des französischen Texts lautet: „N’ayant pu mourir au milieu de mes troupes, il me ne reste qu’à remettre mon epée entre les mains de Votre Majesté.“) Tief bewegt gibt der König den Brief an Bismarck, der ihn dem Kronprinzen, Moltke und Roon vorliest. Diesem Akt der völligen Unterwerfung und Preisgabe antwortet der Kanzler im Namen des Königs, indem er dem GRAFEN VON HATZFELD die folgende Nachricht diktiert: Mit Bedauern über die Umstände nehme der König den Degen an und bäte um einen Bevollmächtigten für seine tapfere Armee. Der König bestimme General Moltke dazu von seiner Armee.

Was Wimpffen, der sich in Sedan zu seinem Hotel Croix d’or begibt, hört und ihn umtreibt, das sind die folgenden zwei Wörter: Kapitulation und Verrat. Entgegen seiner, wie er denkt, besseren militärischen Einsicht missbilligt er immer noch das Aufziehen der weißen Fahne und die Absendung eines Parlamentärs, das über ihn hinweg in völliger Missachtung seiner Funktion des Oberkommandierenden geschehen ist, und ist darüber tief gekränkt. Und er spürt, dass ihm nun zum Spott und Hohn für seinen bis zuletzt gezeigten Widerstandsmut noch Schlimmers droht: nämlich die trostlose Aufgabe, in dieser Funktion die Kapitulationsverhandlungen führen und die Unterwerfung besiegeln zu müssen. Solcher Schande sucht er zunächst zu entgehen, indem er an den Kaiser um 7 ½ Uhr abends folgendes Entlassungsgesuch richtet: „Sire! Ich werde niemals die Beweise von Wohlwollen vergessen, welche Sie mir gewährt haben, und ich würde sowohl im Hinblick auf Frankreich wie auf Sie glücklich gewesen sein, wenn ich den heutigen Tag mit einem glorreichen Erfolge hätte beenden können. Ich habe dieses Resultat nicht erlangen können und ich glaube, einem Anderen die Sorge, unsere Armee zu führen, überlassen zu müssen. Ich glaube zugleich in dieser Lage genöthigt zu sein, meine Entlassung als Obergeneral zu nehmen und meine Pensionirung zu verlangen. Ich bin     General v. Wimpffen.“

Diesmal schon um 8 Uhr trifft des Kaisers Antwort ein: „General! Sie können nicht Ihren Abschied nehmen, wenn es sich noch darum handelt, die Armee durch eine ehrenvolle Capitulation zu retten. Ich nehme Ihre Demission nicht an. Sie haben den ganzen Tag hindurch Ihre Schuldigkeit getan. Thun Sie es ferner. Es ist dies ein Dienst, den Sie dem Lande leisten werden. Der König von Preußen hat einen Waffenstillstand angenommen. Ich erwarte seine Vorschläge. Zweifeln Sie nicht an meiner Freundschaft.       Napoleon.“ General von Wimpffen schwankt zunächst, doch dann siegt unter dem Zuspruch seiner Begleiter, wie Fontane es sieht, „seine Liebe zu Armee und Vaterland über seine Selbsliebe“. Er begibt sich um 8 ¼ Uhr zum Schloss, wo der Kaiser Wohnung genommen hat und wo man ihm in den Vorgemächern den Eintritt mit der falschen Ausflucht, der Kaiser habe eine Konferenz mit dem Prinzen, zu verweigern sucht. Laute Unmutsäußerungen lassen ihn nun denn doch ins kaiserliche Kabinett gelangen, wo sich GENERAL CASTELNAU und verschiedene andere Generaladjudanten mit dem Kaiser beraten. Nach den späteren Schilderungen Wimpffens in seiner Verteidigungsschrift „Sedan par le Général der Wimpffen“ (Paris 1871) verlassen bei seinem Erscheinen allesamt bis auf GENERAL DUCROT das Zimmer und es entspinnt sich zwischen beiden der folgende Wortwechsel:

-DUCROT in großer Errregung: „General, da Ihr Ehrgeiz Sie dazu stachelte, mich der Ehren des Kommandos zu entheben, so möge Ihnen auch die Schmach der Kapitulation zufallen.“

-WIMPFFEN verteidigt sich: „Ich nahm das Kommando, um eine Niederlage zu vermeiden, die Ihre angeordneten Bewegungen unfehlbar herbeigeführt hätten. Was ich zu erreichen gedachte, habe ich nicht erreicht; aber alle meine Anstrengungen gehören auch in diesem Augenblicke noch der Armee. Im Übrigen, General, bin ich nicht an dieser Stelle erschienen, um mit Ihnen zu verhandeln. Lassen Sie uns.“

Nach den Feststellungen von Ducrot in seiner Verteidigungsschrift „La journée de Sedan par le Général Ducrot“ (Paris 1871), in der er sich auf das Zeugnis der angeblich anwesend gebliebenen Generäle (unter Namhaftmachung von GENERALSTABSCHEF GENERAL FAURE) beruft, spielte sich der Wortwechsel folgendermaßen ab:

-WIMPFFEN, hastig ins Zimmer getreten und die Arme gen Himmel hebend: „Sire, wenn ich die Schlacht verloren habe, wenn ich besiegt worden bin, dann liegt es einzig und allein daran, dass meine Befehle nicht ausgeführt wurden, dass Ihre Generale mir nicht gehorchen wollten.“

-DUCROT, aufspringend und sich mit einem Sprung vor Wimpffen stellend: „Was sagen Sie, wer hat Ihnen nicht gehorchen wollen? Auf wen spielen Sie an? Etwa auf mich? Ihre Befehle sind leider nur zu gut ausgeführt worden. Ihrer tollen Anmaßlichkeit haben wir unsere furchtbare Niederlage zuzuschreiben. Sie allein haben sie zu verantworten, denn wenn Sie die Rückzugsbewegung nicht aufgehalten hätten, trotz meiner Gegenvorstellungen, so wären wir jetzt mit Sicherheit in Mezières.“

-WIMPFFEN, etwas überrascht und außer Fassung gebracht durch diese Abfertigung: „Wohlan, wenn ich unfähig bin, so ist dies ein neuer Grund, auf das Kommando zu verzichten.“

DUCROT: „Sie haben sich heute Morgen des Kommandos bemächtigt, als Sie dachten, dass es Ehre und Nutzen bringen würde; ich habe es Ihnen nicht streitig gemacht, obgleich es vielleicht bestreitbar war. Zur Stunde können Sie sich nicht zurückziehen. Sie allein haben die Schande der Kapitulation auf sich geladen. …“

Fontane meint, dass Wimpffen wenigstens die letztgenannte Äußerung nicht gemacht haben könne, da er schon vorher entschlossen gewesen sei, im Kommando zu bleiben, um die Kapitulation und dadurch die Rettung der Armee zu ermöglichen.

Nach diesem Zwischenfall, wie dessen genauer Ablauf auch gewesen sein mag, verlässt General Ducrot das Zimmer und Wimpffen erklärt nunmehr dem Kaiser, die ihm zugefallene unglückliche Rolle auch zu Ende führen zu wollen. Der Kaiser zeigt sich bewegt. Es werden Pferde beordert und vorgeführt und Wimpffen erhält zu seiner Legitimation folgendes kaiserliche Handschreiben: „Der Kaiser Napoleon III., nachdem in Folge der Verwundung des Marschalls Mac-Mahon der General v. Wimpffen zum Ober-Commandanten durch ihn ernannt worden war, hat dem General v. Wimpffen Vollmacht ertheilt, über die Bedingungen für seine Armee zu verhandeln, von der der König anerkannt hat, daß sie sich tapfer geschlagen habe.“

Die fehlerhafte Feststellung, dass Wimpffen den Oberbefehl vom Kaiser empfangen habe, in Wirklichkeit hatte sich dieser (gestützt auf das dienstliche Schreiben Palikaos) desselben bemächtigt, bleibt von diesem unbeanstandet. Begleitet von GENERAL CASTELNAU, der bei den vorbereitenden Unterhandlungen die Interessen des Kaisers wahrnehmen soll, und GENERAL FAURE mit den jeweiligen Adjudanten, begibt sich Wimpffen nach dem wenige Kilometer westlich von Sedan an der Maas gelegenen Ort Donchery. In dessen Jagdschloss wird er auf seinen deutschen Widerpartner und gleichzeitig (bei der Begegnung wohl unausgesprochen geblieben) sogar Verwandten (Vetter seiner vor knapp 40 Jahren verstorbenen Tante ELISE VON WIMPFFEN, geb. VON MOLTKE), GENERAL HELMUTH VON MOLTKE mit Gefolge treffen, den der König von Preußen zum Bevollmächtigten der Kapitulationsverhandlungen bestimmt hat.

e. Wie Emmanuel Félix de Wimpffen bei den nächtlichen Verhandlungen über die Kapitulation mit General Helmuth von Moltke in Donchery vergebens versucht, den freien Abzug der geschlagenen Armee von Sedan durchzusetzen.

Etwa um 10 Uhr nachts des 1. September treffen diese am Jagdschloss von Donchery ein. Nach dem von CAPITAINE D’ORCET vom IV. französischen Cürassier-Regiment in den Wintermonaten 1870/71 während seiner Gefangenschaft in Stettin abgefassten ganz besonders ausführlichen Darstellung, die später von General Ducrot zur Verfügung gestellt und von diesem veröffentlicht wurde und sich mit den anderen vorhandenen Aufzeichnungen, insbesondere auch jener – allerdings wesentlich kürzeren – Fassung Wimpffens, im Ganzen vorzüglich deckt, geht die denkwürdige „Conferenz von Donchery“ folgendermaßen vonstatten (die Großschreibung sowie Unterstreichung von Namen und Wendungen stellen teilweise im Urtext in Sperrdruck präsentierte Hervorhebungen dar, denen jedoch vom Verfasser noch andere solche beigegeben sind):

„ … Wir wurden in ein Zimmer im Erdgeschoss geführt, wo wir 10 Minuten zu warten hatten, bevor GENERAL V. MOLTKE, GRAF BISMARCK, GENERAL V. BLUMENTHAL und einige andere preußische Offiziere eintraten. Nach einer kurzen Begrüßung stellte GENERAL V. WIMPFFEN die ihn begleitenden beiden Generale (FAURE und CASTELNAU) dem General v. Moltke vor. Auf die Frage des Letzteren, in welcher Eigenschaft die beiden Herren zugegen wären, antwortete zunächst General Faure, daß er als Chef des Generalstabes der ehemalig Mac-Mahon’schen Armee den General v. Wimpfen, jedoch ohne jeden offiziellen Charakter, begleitet habe. General Castelnau bemerkte, daß er eine mündliche, halboffizielle Mittheilung seitens des Kaisers zu machen wünsche, daß diese Mittheilung erst am Schluß der Verhandlungen, an denen er sonst in keiner Weise betheiligt sei, von Nutzen sein werde. General v. Moltke nannte darauf, sie mit der Hand bezeichnend, dem General v. Wimpfen den Grafen Bismarck und den General Blumenthal, worauf man sich setzte.

Das Arrangement war das folgende: Inmitten des Zimmers stand ein viereckiger Tisch mir rother Decke; an der einen Seite saß General von Moltke, links den Grafen Bismarck, rechts den General v. Blumenthal neben sich; ihm gegenüber und neben diesem – etwas rückwärts und fast im Schatten schon – die Generale Castelnau und Faure, sammt den sie begleitenden Adjudanten. Von preußischen Offizieren waren noch sieben oder acht zugegen, deren einer, auf einen Wink des Generals v. Blumenthal, sich neben den Kamin stellte, um, auf die Krönung desselben gestützt, eine Art Protokoll zu führen.

Ein momentanes Schweigen trat ein. Man fühlte, daß General v. Wimpffen in Verlegenheit war, wie er das Gespräch einleiten solle; aber General Moltke blieb unbeweglich und war entschlossen, seinem Gegner das erste Wort zu überlassen.

Es würde ihm lieb sein, begann v. Wimpffen endlich, die Bedingungen kennenzulernen, die Se. Majestät der König von Preußen gewillt ist, uns zu bewilligen.

Sie sind einfach genug, erwiderte General v. Moltke. Die Armee ist kriegsgefangen mit Waffen und Gepäck; man wird den Offizieren, in Anerkennung ihrer tapferen Haltung, den Degen lassen; aber sie sind kriegsgefangen wie die Truppen.

Diese Bedingungen sind hart, entgegnete General v. Wimpffen; die Haltung der französischen Armee hätte vielleicht bessere verdient. Wäre nicht eine Capitulation auf folgende Abmachungen einzuleiten: Der Platz und seine Artillerie wird übergeben; die Armee behält ihre Waffen, Fahnen, Gepäck, unter der Zusage in diesem Kriege nicht ferner gegen Preußen zu dienen; der Kaiser und die Generale verpflichten sich für die Arme, die Offiziere für sich selbst; Preußen bestimmt einen Theil Frankreichs (wenn nicht Algier vorgezogen wird), wohin sich die Armee bis zum Friedensschlusse zurückzuziehen hat.

Wimpffen fügte noch einiges Weitere hinzu; als er inzwischen wahrnahm, daß sein Gegner unerbittlich blieb, versuchte er die Sympathien desselben durch einen Hinweis auf seine (Wimpffens) persönliche Lage zu erwecken. ‚Vor zwei Tagen treff’ ich von Afrika hier ein; ein untadeliger militärischer Ruf bekleidet mich; mitten in der Schlacht übernehm’ ich den Oberbefehl und nun soll ich meinen Namen an eine Capitulation setzen, die das Resultat eines Kampfes ist, der von mir weder geplant noch eingeleitet wurde. Sie, der Sie selbst General sind, werden das Bittere meiner Lage besser empfinden, als irgend wer.’

General v. Wimpffen versuchte näher auf diese Dinge einzugehen und ein Bild der besonderen Vorkommnisse und Verlegenheiten zu entrollen, die ihn in das Oberkommando einführten und während desselben begleiteten, alsbald indessen wahrnehmend, daß dieser Appell an die menschliche Theilnahme des Gegners wirkungslos blieb, nahm er einen lebhafteren Ton an und erklärte: ‚Im Uebrigen, General, wenn keine anderen Zugeständnisse gemacht werden können, so sehe ich mich außer Stande, Ihre Bedingungen anzunehmen. Ich werde an meine Armee das Glück der Schlachten noch einmal appelliren, und entweder mich durchzuschlagen oder in Sedan mich zu vertheidigen wissen.’

Hier unterbrach ihn General v. Moltke: ‚Ich bin voll großer und besonderer Hochachtung vor Ihrer Person, ich würdige die Schwierigkeiten Ihrer Lage und ich bedaure, Ihren Forderungen nicht nachkommen zu können; was aber einen erneuten Durchbruchsversuch oder Ihren Entschluß angeht, sich in Sedan zu vertheidigen, so muß ich Ihnen bemerken, daß das eine so unmöglich ist, wie das andere. Gewiß, Sie haben noch immer über Bruchtheile einer ausgezeichneten Armee Verfügung, Ihre Elite-Truppen sind ersten Ranges, aber ein großer Theil Ihrer Infanterie ist demoralisirt, denn wir haben heut, im Laufe des Tages, über 20,000 unverwundete Gefangene gemacht. Sie haben noch 80,000 Mann; wir stehen Ihnen mit 240,000 Mann und 500 Geschützen gegenüber; bestimmen Sie einen Ihrer Offiziere, der sich von der Genauigkeit meiner Angaben überzeugen mag. Sie können nicht durch und können sich eben so wenig in Sedan halten, denn Sie haben keine Munition mehr und nur Lebensmittel auf 48 Stunden.’

General v. Wimpffen, als er seinen Gegner so wohl unterrichtet sah, suchte ihm von anderer Seite beizukommen. ‚Ich möchte doch glauben, fuhr er fort, daß es auch vom politischen Standpunkte aus angesehen, sich empfehlen würde, der mir unterstellten Armee ehrenvolle Bedingungen zu gewähren. Sie wünschen den Frieden, und über kurz oder lang werden Sie ihn haben. Was die französische Nation vor Allem kennzeichnet, ist ihre hochherzige und ritterliche Gesinnung; eine solche Gesinnung aber ist allemal erkenntlich für die Akte des Edelmuths, denen sie begegnet. Verfahren Sie umgekehrt, schreiten Sie zu den härtesten Maßregeln, so wecken Sie Zorn und Haß in den Herzen aller unserer Soldaten und verletzen die Eigenliebe der Nation aufs Empfindlichste. All die alten Leidenschaften und Gegensätze werden wieder wachgerufen und Sie gerathen in Gefahr, einen nicht enden wollenden Krieg zwischen Preußen und Frankreich entbrennen zu sehen.’

Hier fiel Graf Bismarck ein: ‚Ihre Argumentation, Herr General, scheint beim ersten Anblick ernstlich zu sein; aber sie scheint es nur und ist im Grunde unhaltbar. Man muß im Allgemeinen sehr wenig an die Dankbarkeit glauben, und am Allerwenigsten an die Dankbarkeit eines Volkes. Man kann zur Noth an die wohlwollenden Gesinnungen eines Souverains und seiner Familie glauben, ja man kann ihnen unter Umständen ein vollkommenes Vertrauen schenken; aber, ich wiederhole es, von der Dankbarkeit einer Nation ist nichts zu erwarten. Wenn das französische Volk wie ein anderes wäre, wenn es dauerhafte Einrichtungen hätte, wenn es, wie das unsrige, Verehrung und Achtung vor seiner Regierungsform und einem Souverain hätte, welcher fest auf seinem Throne sitzt, so könnten wir an die Dankbarkeit des Kaisers und seines Sohnes glauben und auf diese Dankbarkeit Werth legen; aber in Frankreich sind seit 80 Jahren die Regierungsformen so wenig dauerhaft gewesen, sie haben mit einer so seltsamen Raschheit gewechselt, daß es von Seiten einer benachbarten Nation Unverstand sein würde, Hoffnungen auf die Freundschaft eines französischen Souverains zu bauen. Ueberhaupt aber würde es Thorheit sein, sich einzubilden, daß Frankreich uns unsere Erfolge verzeihen könnte. Sie sind ein über die Maßen eifersüchtiges, reizbares und hochmüthiges Volk. Seit zwei Jahrhunderten hat Frankreich dreißig Mal Deutschland den Krieg erklärt, und diesmal, wie immer, aus Eifersucht, weil man uns unseren Sieg von Sadowa nicht verzeihen konnte, obgleich dieser Sieg Frankreich und seinem Ruhm keinen Eintrag gethan hatte. Aber es scheint, daß der Sieg eine dem französischen Volk allein vorbehaltene Apanage, daß er ein Monopol für dasselbe ist. Man konnte uns Sadowa nicht verzeihen, und man würde uns Sedan verzeihen? Nimmermehr! Wenn wir jetzt den Frieden schlössen, in fünf Jahren, in zehn Jahren, sobald Frankreich es vermöchte, würde es den Krieg wieder anfangen. Das ist die Dankbarkeit, die wir von der französischen Nation zu erwarten haben. Wir sind im Gegensatz dazu eine friedliebende Nation, welche in Ruhe zu leben wünscht und leben würde, wenn man uns nicht fortwährend reizte. Heute ist es genug. Frankreich muß für seinen eroberungslustigen Charakter gezüchtigt werden; wir wollen ausruhen, wir wollen die Sicherheit unserer Kinder wahren, und dazu ist es nöthig, daß wir zwischen Frankreich und uns ein Glacis, ein Territorium, Festungen und Grenzen haben, die uns für immer gegen einen Angriff schützen.’“

Hier sei die Wiedergabe des Berichts von d’Orcet unterbrochen, um darauf hinzuweisen, das laut Wimpffens Darstellung Graf Bismarck das, was im Protokoll des Vorgenannten als „Glacis“ erscheint, konkretisiert sowie vorher auch auf die Forderung einer Kriegsentschädigung in Geld hingewiesen hat. Diese Textpartie soll ihrer besonderen Bedeutung wegen hier zunächst im französischen Originaltext vorgestellt werden:

„Le comte de Bismarck, venant ensuite à parler de la paix, me dit que la Prusse avait l’intention, bien arrêtée, d’exiger non seulement une indemnité de guerre de quatre milliards, mais encore la cession de l’Alsace et de la Lorraine allemande, ‚seule garantie, pour nous menace sans cesse, et il faut que nous ayons, comme protection solide, une bonne ligne stratégique avancée.’ Je répondis q’on obtiendrait sans doute les milliards, mais q’on ne cédérait point une portion de territoire sans une lutte acharnée et que si la France devait y succomber se voir forcée, pour obtenir la paix, d’abendonner l’Alsace et la Lorraine, cette paix ne serait qu’une trêve durant laquelle de l’enfant au vieillard on apprendrait le maniement des armes pour recommencer avant peu une guerre terrible dans laquelle l’un des deux peuples disparaîtrait comme nation de la carte de L’Europe.“ Übersetzt: „Graf Bismarck, alsdann auf den Frieden zu sprechen kommend, erklärte mir sehr zurückhaltend, dass Preußen die Absicht habe, nicht allein eine Kriegsentschädigung in Höhe von 4 Milliarden zu fordern, sondern noch die Abtretung des Elsass und Deutsch-Lothringens, ‚einzige Garantie für uns’, fügte er bei‚ ‚denn Frankreich bedroht uns unaufhörlich, und es wäre notwendig, dass wir zum festen Schutz eine tüchtige vorgeschobene strategische Linie hätten.’ Ich erwiderte, dass man ohne Zweifel die Milliarden durchsetzen könne, aber nie wird man ein Stück eines Gebietes ohne verbissenes Ringen abtreten; und wenn Frankreich unterliegen und sich, um den Frieden zu erlangen, Elsass und Lothringen abzutreten gezwungen sehen müsste, würde dieser Friede nichts anderes als eine andauernder zäher Waffenstillstand sein, welcher vom Kind bis zum Greis den Umgang mit Waffen lehren würde, um binnen kurz oder lang wieder einen fürchterlichen Krieg zu beginnen, der eines der beiden Völker als Nation von der Karte verschwinden ließe.“- Fontane hat diese Partie vereinfachend und verkürzend folgendermaßen dargebracht: „Graf Bismarck schloß dann, auf das politische Gebiet übergehend, damit, daß, außer einer Geldentschädigung von vier Milliarden, nur in Abtretung von Elsaß und Lothringen eine wirkliche Friedensgarantie gegen das uns beständig bedrohende Frankreich zu finden sei.“

Man muss sich wundern, dass dieser für Frankreich besonders folgenschwere (natürlich erst im Vorfrieden zu Versailles vom 26. Februar 1871 formell bestätigte) Passus bei d’Orcet fehlt, zumal Wimpffens Bericht sonst eindeutig kürzer gehalten ist. Dass Wimpffens Ahnung der Folgen harter Kapitulationsbedingungen und gerade einer Abtretung des Elsass’ und Lothringens richtig waren, das zeigt uns die dadurch entstandene schwere in permanente Revanchegedanken gemündete Verletzung der französischen Seele.- Nunmehr sei der Bericht von d’Orcet forgesetzt:

General v. Wimpffen suchte hierauf geltend zu machen, daß Graf Bismarck ein früheres Frankreich, etwa das Frankreich von 1815, geschildert habe. Alle diese Dinge hätten seitdem eine große Wandlung erfahren; Jeder strebe nach Wohlleben, nicht nach Ruhm und Krieg, und der Wunsch der Nation ginge in der That dahin, eine Verbrüderung der Völker zu proclamiren. Ein Blick auf England beweise am besten, wie sehr das gegenwärtige Frankreich von dem vergangenen verschieden sei. Die Engländer seien jetzt die besten Freunde der Franzosen. So würde sich auch das Verhältniß zwischen Frankreich und Deutschland gestalten, wenn Deutschland verstände, edelmüthig zu sein.

An dieser Stelle griff Graf Bismarck, nachdem er schon vorher durch Mienen und Bewegungen seine Zweifel an den Auslassungen General v. Wimpffens ausgedrückt hatte, abermals das Wort. ‚Ich kann das nicht zugeben, General, daß sich diese Dinge bei Ihnen zum Besseren geändert hätten. Es war auch diesmal wieder Frankreich, welches den Krieg wollte; lediglich um der Ruhmesmanie der Nation zu schmeicheln und dadurch mittelbar die erschütterte Dynastie zu befestigen, lediglich aus diesem Grunde wurden wir durch den Kaiser provocirt. Wir wissen sehr wohl, daß ein vernünftiger, in seinem Kerne gesunder Bruchtheil Ihres Volkes diesen Krieg nicht wollte; aber auch diese ruhigeren Elemente gaben schließlich ohne sonderliches Widerstreben nach. Wir wissen auch, daß es nicht die Armee war, die vor allem zum Krieg drängte, es war vielmehr die Partei, die in Ihrem Land die Regierungen macht und stürzt. Das Straßenvolk und die Journalisten (und dies letztere Wort betonte er), die sind es, denen wir eine Lektion ertheilen müssen. Und dessentwegen müssen wir nach Paris. Wer will denn vorausbestimmen, wie sich die Dinge bei Ihnen entwickeln werden? Vielleicht bildet sich eine jener Regierungen, die ihre Aufgabe darin setzen, nichts zu respektiren; vielleicht wächst über Nacht ein Gouvernement auf, das willkürlich Gesetze macht und streicht, das die zwischen uns festgestellte Capitulation nicht anerkennt und die Offiziere zwingt, oder doch zu zwingen trachtet, ihr uns gegebenes Wort zu brechen. Dies ist von Wichtigkeit. Ein solches Gouvernement wird zum Aeußersten schreiten, auch in seinem Widerstande gegen uns. Man wird neue Armeen herzustellen beflissen sein und junge Soldaten aufzubringen, das wird gelingen; aber was nicht gelingen wird, das ist, so lange die alte Armee kriegsgefangen bleibt, die Herstellung eines Offiziercorps. Wir wollen einen Frieden, einen dauerhaften Frieden; um ihn zu erlangen, ist es nöthig Frankreich in die Unmöglichkeit ferneren Widerstandes zu versetzen. Das Glück der Schlachten hat uns die besten Soldaten, die besten Offiziere der französischen Armee überliefert; sie in Freiheit zu setzen, um sie aufs Neue gegen uns marschiren zu sehen, wäre Wahnsinn. Es würde den Krieg verlängern und dem Interesse beider Völker widersprechen. Nein, General, alle Theilnahme, die uns Ihre persönliche Lage einflößt, alle gute Meinung, die wir Ihrer Armee hegen, – beides darf uns nicht bestimmen von den Bedingungen zurückzutreten, die wir gestellt haben.’

‚Wohlan denn’, erwiderte General v. Wimpffen, ‚da es mir in gleicher Weise unmöglich ist, diese Bedingungen zu acceptiren, so möge der Kampf aufs Neue beginnen.’

An dieser Stelle nahm General v. Castelnau das Wort. Er bemerkte mit zögernder Stimme: ‚Ich halte den Augenblick für gekommen, mich meines Auftrags zu entledigen. Der Kaiser hat mich beauftragt, Sr. Majestä t dem König Wilhelm zu bemerken, daß er ihm seinen Degen ohne Bedingung geschickt und sich durchaus persönlich Ihm ergeben habe, aber nur in der Hoffnung, daß dies den König bewegen werde, der französischen Armee eine ehrenhafte Capitulation zu bewilligen.’

‚Ist das alles?’ fragte Herr v. Bismarck. ‚Ja.’ Aber welcher Degen ist es, den der Kaiser überreicht hat? Ist es der Degen Frankreichs oder sein Degen? Im ersteren Falle könnten die Bedingungen bedeutend verringert werden und Ihre Sendung würde von der größten Wichtigkeit sein.’ ‚Es ist einfach der Degen des Kaisers.’ ‚In diesem Falle’, bemerkte rasch und fast mit Freudigkeit General v. Moltke, ‚ändert es nichts an den Bedingungen.’ Und er fügte hinzu: ‚Der Kaiser wird für seine Person alles erhalten, was ihm belieben wird zu verlangen.’*

* Die am Seitenende in Kleinstschrift angefügte Fußnote lautet folgendermaßen: „Capitän d’Orcet macht hier eine Anmerkung, in der es heißt: ‚Es schien mir eine gewisse Meinungsverschiedenheit (une secrète divergence d’opinion) zwischen Graf Bismarck und General v. Moltke obzuwalten, die dahin ging, daß jenem eine Beendigung des Krieges nicht ungelegen gewesen wäre, während dieser (Moltke) die Fortsetzung des Kampfes wünschte.“

Auf diese Worte General v. Moltke’s wiederholte v. Wimpffen nur: ‚So werden wir denn die Schlacht wieder aufnehmen. Um 4 Uhr früh läuft der Waffenstillstand ab.’

(Moltke): ‚Ich werde um diese Stunde das Feuer auf die Stadt wieder eröffnen lassen.’

Die Unterhandlungen waren am Ende; Alles schien gescheitert; die Pferde wurden befohlen. Niemand sprach; es war ein eisiges Schweigen.“

Hier sei der Bericht des Rittmeisters d’Orcet abermals unterbrochen, um auf die nachstehend eingefügten drei Abbildungen hinzuweisen, welche die damals von der ganzen damaligen Welt beachteten nächtlichen Kapitulationsverhandlungen nachempfindend festhalten:

  • Abb. A 25: „Die Capitulation von Sedan“. Graf Moltke und General Wimpffen im Jagdschloss Donchery in der Nacht vom 1. zum 2. September 1870. Gedenkblatt zur fünfundzwanzigsten Wiederkehr des Tages von Sedan. 1870 – September – 1895 (nach dem gleichnamigen verschollenen Gemälde von Anton von Werner, Öl auf Leinwand, 3,20 x 4,20 m; 1885, Diorama im Sedan-Panorama); Eduard Thiele, Kunstverlag, Dresden; Blattgröße 28 x 30 cm, Bildgröße 17 x 22 cm.

  • Abb. A 26: Die Kapitulations-Verhandlungen von Sedan. Schwarz-Weiß-Druck; in: Arthur Mennell und Bruno Garlepp, Bismarck-Denkmal für das Deutsche Volk, Neudruck ohne Jahreszahl (Erstdruck 1895 zu Otto von Bismarcks 80. Geburtstag) Chicago. Berlin. London. Paris. Melbourne, 20 cm x 28,5 cm (nach der von Anton von Werner ca. 1890 erstellten Neufassung des vorgenannten Gemäldes des Jahres 1885).

  • Abb. A 27: Die Kapitulationsverhandlungen von Sedan, Gemälde von Clara von Wimpffen, geb. Both von Botfalva und Bajna, geb. 1907 in Iklad-Domony/Ungarn – gest. 2000 in Bakonság/Ungarn.

Anton von Werner (geb. 1843 in Frankfurt/Oder – gest. 1915 in Berlin), dessen zwei vorstehend aufgeführte Kolossal-Historiengemälde den abgebildeten beiden ersten Druckdarstellungen jeweils als Vorlage gedient haben, war der im Deutschen Kaiserreich bestgefragte Historienmaler, der es verstand, in meisterhafter Weise in einer höchst realistischen Manier die großen historischen nationalen Ereignisse und Begleitgeschehnisse sowie zeitgenössische große Persönlichkleiten der Politik und Gesellschaft darzustellen und diese den Menschen prägend in wilhelminisch-nationalem Geist zu vermitteln. Deshalb galt er auch als ein sog. Kunstpolitiker und fanden gerade die vorgenannten beiden Gemälde über die gesamte Zeit des Deutschen Kaiserreiches mittels Nachdrucks in Form von in den bürgerlichen Wohnungen aufgehängten gerahmten sowie in nationale Buchwerke aufgenommenen Schwarz-Weiß-Kunstdrucken gewaltige Verbreitung. Man beachte auf den beiden Druckdarstellungen die unten platzierten Namen und Ränge der sämtlichen den Beschauern vermittelten Handlungsträger. Die erstgenannte ältere der beiden Darstellungen zeigt im Scheine einer Petroleumlampe und zweier Kerzen den französischen obersten General und Verhandlungsführer EMMANUEL FÈLIX DE Wimpffen zusammengesunken in der Pose der Niedergeschlagen-, Unterlegen- und Verzweifeltheit auf seinem Stuhl am Verhandlungstisch sitzend, während die beiden preußisch-deutschen Kontrahenten, GENERAL HELMUTH VON MOLTKE und GRAF OTTO VON BISMARCK, hochaufgerichtet, stolzblickend stehend wie auch die Schar deren Begleiter auf den Unglücklichen niederblicken. Und von den die öde Langwand des Raumes belebend füllenden beiden kleinen Portraitbildern her müssen quasi Kaiser Napoleon III. und Kaiserin Eugénie der hier sich vollziehenden Erniedrigung der „Grande Nation“ zusehen. Als dieses im Mai 1885 und damit bald nach dem 70. Geburtstag von Reichskanzler Bismarck vollendete erste der Gemälde bald darauf im Rahmen des dreiteiligen mächtigen Dioramas „la nuit“ (gemeint: Die Nacht der Kapitulation) im Mittelgeschoss des Berliner Panoramagebäudes der Weltöffentlichkeit triumphierend präsentiert wurde, gab es nicht allein hohes Lob, sondern auch z. T. harsche Kritik, natürlich ganz besonders von Seiten Frankreichs. So schrieb das Pariser Blatt „Le soleil“ ausgangs Oktober 1885 u. a. erbost: „ … C’est écœrant. Celui que le peintre a le plus mal traité, c’est le général de Wimpfen. On dirait d’un homme, qui a perdu tout courage et toute dignité, d’un bandit, que l’on va prende.“ [„Es ist herzlos. Derjenige, welchen der Maler am schlimmsten dargestellt hat, das ist General de Wimpffen. Man möchte sagen wie ein Mensch, der jeden Mut und jede Würde verloren hat, wie ein Bandit, den man fassen (hängen) will.“] Selbst der Kaiser hat den Maler schließlich ermuntert, das Bild „abzumildern“. So kam es zu der dem zweitgezeigten Druck zugrundliegenden Neufassung: Diese hält jenen Augenblick fest, da die von de Wimpffen angestrebte Gewährung des Abzugs der Truppen in Waffen in einen noch zu bestimmenden Bereich mit der Versicherung, sich an keinen Kämpfen mehr zu beteiligen, abgelehnt worden ist und so die Verhandlungen zu scheitern drohen und dieser sich somit erhebt und zum Gehen anschickt. Zu beachten ist, dass hier jetzt die französische Seite weniger gedemütigt dargestellt ist und Graf Otto von Bismarck am Tische Platz genommen hat und so eher als weiser besonnener Staatsmann denn auf die Feinde gebieterisch und überlegen Herabblickender erscheint. Auch finden sich die Bilder des Kaiserpaares entfernt und an ihre Stelle das von Napoleon I. gesetzt. Die letzte der Abbildungen, die wie die bereits gezeigte Abb. 21 aus der Hand der Malerin Clara von Both-Wimpffen stammt, stützt sich auf Anton von Werners zweite Version des sich zum Aufbruch anschickenden Generals von Wimpffen, wobei sie jedoch nachempfindend und nachkorrigierend im Sinne der Angleichung an die damalige Realität das Bild Napoleons I. entfernt, General Moltke ebenfalls in Sitzstellung bringt und dieses alles so erklärt: Mit Sicherheit war ein solches Bild damals im Raum nicht vorhanden und es ist nicht anzunehmen, dass die Beteiligten stundenlang standen.

Jetzt sei der Bericht des Rittmeisters D’Orcet zu Ende geführt:

„In diesem Augenblick nahm Graf Bismarck noch einmal das Wort: ‚Ja, General, Sie verfügen über tapfere Soldaten und Ihre erneuten Anstrengungen werden uns neue, herbe Verluste verursachen; aber wozu kann es dienen? Morgen Abend werden Sie nicht weiter sein wie heute und nur das Bewußtsein wird Sie begleiten, das Blut Ihrer und unserer Soldaten nutzlos vergossen zu haben. Soll eine momentane Verstimmung über das Schicksal dieser Conferenz entscheiden! General v. Moltke wird Ihnen, wie ich hoffe, den Beweis führen, daß jeder Widerstand von Ihrer Seite vergeblich ist.’

Man setzte sich wieder. General v. Moltke nahm das Wort: ‚Ich bestätige aufs Neue, daß ein Durchbrechungsversuch nie und nimmer gelingen kann; denn abgesehen von unserer großen Ueberlegenheit an Truppen und Artillerie, verfügen wir auch über Positionen, von denen aus wir im Stande sind, Sedan in zwei Stunden in Brand zu schießen.’

‚O, diese Positionen sind nicht so stark, wie Sie sie schildern,’ unterbrach v. Wimpfen.

‚Sie kennen nicht die Topographie der Umgebung von Sedan,’ fuhr General v. Moltke fort, ‚und hier ist so recht ein Fall gegeben, um die Einbildungen Ihrer Nation an einem Musterbeispiel zu zeigen. Bei Beginn des Feldzuges sind Karten von Deutschland an alle Offiziere der französischen Armee vertheilt worden und so haben Sie sich selber des Mittels beraubt, in entscheidenden Momenten sich im eigenen Lande zurechtfinden zu können. Es ist, wie ich gesagt habe: unsere Positionen sind nicht nur sehr stark, sie sind unangreifbar.’

General v. Wimpffen fand keine Antwort; er fühlte zu sehr die Wahrheit dessen, was gesagt worden war. Nach einer Pause bemerkte er: ‚Ich würde gern von dem Anerbieten Nutzen ziehen, das Sie mir, General, bei Beginn unserer Unterredung gemacht habe; gestatten Sie mir, zur Kenntnißnahme Ihrer Positionen einen meiner Offiziere absenden zu dürfen. Nach seiner Rückkehr will ich meine Entscheidungen treffen.’

‚Schicken Sie Niemanden, es ist nutzlos,’ erwiderte General v. Moltke trocken, ‚Sie können mir glauben. Ueberdies bleibt nicht viel Zeit zu Ueberlegungen. Es ist Mitternacht, um 4 Uhr früh läuft der Waffenstillstand ab und ich kann Ihnen keine längere Frist bewilligen.’

‚Unter allen Umständen kann ich eine so wichtige Entscheidung nicht allein treffen,’ replizirte Wimpffen, ich muß meine Generale zu Rathe ziehen. Wo soll ich Sie zu dieser Stunde in Sedan finden; eine bestimmte Antwort bis um 4 Uhr zu geben, ist unmöglich; eine kurze Verlängerung des Waffenstillstandes scheint mir unerläßlich zu sein.’

Als General von Moltke dies verweigerte, neigte sich Graf Bismarck etwas nach rechts und flüsterte ihm einige Worte zu, die wahrscheinlich darauf hinwiesen, daß der König erst um 9 Uhr einträfe, und daß es nöthig sein werde, dies Eintreffen abzuwarten. Gleichviel, General v. Moltke wandte sich nach diesem kurzen, in gedämpfter Stimme geführten Zwiegespräch an v. Wimpffen, um ihm mitzuteilen, daß der Waffenstillstand bis 9 Uhr verlängert werden solle.

Hiernach war die Conferenz im Wesentlichen beendet; was noch gesprochen wurde, betraf einige Details, für den Fall eines Zustandekommens der Capitulation. Im Prinzip (diesen Eindruck gewann ich) war, als die Unterredung schloß, die Capitulation seitens des Generals v. Wimpffen angenommen. Daß er den sofortigen Abschluß vermied, geschah einerseits um den Schein zu retten, andererseits um die Verantwortlichkeit dadurch nach Möglichkeit zu verringern, daß er die übrigen Generale zu Mitträgern dieser erdrückenden Last machte.“

Damit bleibt die denkwürdig gewordene „Conferenz von Donchery“ für General von Wimpffen unter den zweifellos stimmigen und damit zwingend-erdrückenden Argumenten Moltkes und Bismarcks so gut wie ohne Erfolg. Wimpffen begibt sich zum Schloss und dort wird gegen nachts 1 Uhr des 2. September der Kaiser geweckt und über die hart erscheinenden Bedingungen unterrichtet. Dieser erklärt, er wolle um 5 Uhr früh das deutsche Hauptquartier aufsuchen und werde dann sehen, ob der König von Preußen günstiger gesonnen sei. Da Wimpffen im nun aufgesuchten Hotel keinen Schlaf findet, durchläuft er ruhelos die Stadt und wacht den Morgen heran. Um 7 Uhr versammelt sich der aus den anderen Korps-Kommandeuren DUCROT, DOUAY und LEBRUN sowie den zwei Divisions-Generalen und Kommandeuren der Artillerie und des Genie-Korps zusammengesetzte Kriegsrat. Dieser erkennt nach dem zusammenfassenden Bericht Wimpffens vor allem im Blick auf die fehlende Munition, Nahrung und Kommunikation sowie die Überfüllung der Stadt und die Umstellung durch die feindliche Artillerie der Forderung der Kapitulation (Waffenniederlegung, Kriegsgefangenschaft der Soldaten wie der Offiziere, die ihre Degen und Epauletten behalten dürfen) sich den Forderungen nicht zu verschließen. Die Unterschrift zum erstellten Protokoll, in dem die gestellten Bedingungen des Feindes unter Angabe der Gründe Anerkennung finden, wird allerdings von den beiden Divisions-Generalen mit der Begründung, diese seien unehrenhaft, verweigert. Noch vor 9 Uhr erhält das deutsche Hauptquartier Kenntnis von der Annahme der Kapitulation und deren Bedingungen, so dass der Wiederbeginn des Bombardements unterbleibt. Etwa um 9 Uhr kommt GENERAL VON MOLTKE dem KÖNIG WILHELM auf der Chaussee von Vendresse, dem Ort des Hauptquartiers, nach Donchery entgegen, legt diesem den Kapitulations-Entwurf vor und bekommt dessen Zustimmung.

Jetzt ist aber noch der genaue endgültige Wortlaut der Kapitulation festzulegen. Dazu begibt sich WIMPFFEN um 10 Uhr zum bei Frénois gelegenen Schlösschen Bellevue, wohin sich die preußischen Generale von Donchery aus begeben haben. Als er gegen 10 ¼ Uhr die Höhe von Frénois erreicht, begegnet er dort KAISER NAPOLEON, der sich ebenfalls nach dorthin aufgemacht hat. Dieser hat sich bislang vergeblich bemüht, auf KÖNIG WILHELM zu treffen, der eine Begegnung erst nach Abschluss der Kapitulation zulassen will. Stattdessen hat der Kaiser auf seinen Wunsch hin in aller Morgenfrühe ein eingehendes Gespräch mit dem Einverständnis des Königs mit GRAF BISMARCK führen können, das in dem und vor dem dadurch legendär werdenden einsamen sog. Weberhäuschen bei Donchery stattgefunden hat. Als Wimpffen neben dem Wagen des Kaisers hält, fragt er: „Was haben Ew. Majestät erhalten?“ Dieser erklärt: „Nichts. Ich habe den König noch nicht gesehen.“ Wimpffen meint darauf: „Dann bleibt es also bei den alten Bedingungen. Diese werden die Basis der Kapitulation bilden.“

Daraufhin setzt er seinen Weg Richtung Schloss Bellevue bei Frénois fort. Dort trifft er auf seine preußischen Widerpartner der Verhandlungen der Nacht. Um 12 Uhr ist alles geregelt, die Kapitulation abgeschlossen und das zweisprachige Protokoll mit „Gegeben zu Frénois, am 2. September 1870“ bzw. „Fait Frénois, le 2 septembre 1870“ sowie „v. Moltke“ – „v. Wimpffen“ unterzeichnet. Dessen Text (deutscher Teil) lautet:

„Protokoll.- Zwischen den Unterzeichneten, dem Generalstabschef des Königs Wilhelm von Preußen, Oberfeldherren der deutschen Armeen, und dem General en Chef der französischen Armee, Beide mit Vollmachten von Ihren Majestäten, dem König Wilhelm und dem Kaiser Napoleon versehen, ist die nachstehende Convention abgeschlossen worden:

  • 1. Die französische Armee unter dem Oberbefehl des Generals v. Wimpffen, giebt sich, da sie gegenwärtig von überlegenen Truppen bei Sedan eingeschlossen ist, kriegsgefangen.
  • 2. In Rücksicht auf die tapfere Verteidigung dieser französischen Armee werden alle Generale, Offiziere und im Range von Offizieren stehenden Beamten hiervon ausgenommen, sobald dieselben ihr Ehrenwort schriftlich abgeben, bis zur Beendigung des gegenwärtigen Krieges die Waffen nicht wieder zu ergreifen und in keiner Weise den Interessen Deutschlands zuwider zu handeln. Die Offiziere und Beamten, welche diese Bedingungen annehmen, behalten ihre Waffen und ihre ihnen persönlich gehörigen Effecten.
  • 3. Alle Waffen und Kriegsmaterial, bestehend in Fahnen, Adlern, Kanonen, Munition etc., werden in Sedan einer von dem französischen General eingesetzten militairischen Commission übergeben, die sie sofort den deutschen Commissären überantworten wird.
  • 4. Die Festung Sedan wird in ihrem gegenwärtigen Zustande und spätestens am 2. September Abends zur Disposition Sr. Majestät des Königs von Preußen gestellt.
  • 5. Die Offiziere, welche nicht die im Art. 2. erwähnte Verpflichtung eingegangen sind, sowie die Truppen, werden entwaffnet und geordnet nach ihren Regimentern oder Corps in militairischer Ordnung übergeben. Diese Maßregel wird am 2. September anfangen und am 3. beendet sein. Es werden diese Detachements auf das Terrain geführt, welches durch die Maas bei Iges begrenzt ist, um den deutschen Commissären durch die Offiziere übergeben zu werden, welche dann ihr Commando ihren Unteroffizieren abtreten.
  • 6. Die Stabsärzte sollen ohne Ausnahme zur Pflege der Verwundeten zurückbleiben.“

Gegenüber dem Ergebnis der in der Nacht verhandelten Kapitulationsbedingungen enthält dieser Text in Art. 2 und indirekt auch Art. 5 die Bewilligung der Entlassung der Offiziere auf ihr schriftliches Ehrenwort, was am Schluss des großen Berichts Bismarcks an den König von Preußen vom 2. September über seine Begegnung mit dem Kaiser Napoleon folgendermaßen gewertet wird: Die Bewilligung der Entlassung der Offiziere auf ihr Ehrenwort wurde mit lebhaftem Dank entgegenommen, als ein Ausdruck der Intentionen Ew. Majestät, den Gefühlen einer Truppe, welche sich tapfer geschlagen hatte, nicht über die Linie hinaus zu nahe zu treten, welche durch das Gebot unserer politisch-militärischen Interessen mit Nothwendigkeit gezogen war. Diesem Gefühle hat der General v. Wimpffen auch nachträglich in einem Schreiben Ausdruck gegeben, in welchem er dem General v. Moltke seinen Dank für die rücksichtsvollen Formen ausdrückt, in denen die Verhandlungen von Seiten desselben geführt worden sind.“

Jetzt steht einem Zusammentreffen zwischen dem siegreichen KÖNIG WILHELM und dem gefangenen KAISER NAPOLEON, die sich drei Jahre zuvor auf dem Höhepunkt dessen Macht anlässlich der großartigen Weltausstellung in Paris zuletzt begegnet sind, nichts mehr im Wege. Doch verbietet es sich, hier über das Tun und Ergehen des nun mit dem Schmähwort „Sedangeneral“ behafteten Emmanuel Félix de Wimpffen hinaus Näheres über das beide große Monarchen bewegende etwa viertelstündige Wiedersehen im Mittelsaal des Schlösschens zu berichten. Das gilt auch für das weite Feld der ungeheuren Wirkung des „Tages von Sedan“, der über den Weg in die Gefangenschaft des französischen Monarchen nach Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel hinaus auch die Gefangennahme von um die 100.000 Soldaten, 39 Generalen, unter diesen die beiden Oberfeldherren Mac-Mahon und Wimpffen und sämtliche Corpsführer und Divisionäre, dazu von 230 Stabsoffizieren, 2.095 Subalternoffizieren (500 Offiziere werden denn doch auf Ehrenwort entlassen) brachte. Dazu kamen an Kriegsbeute 12.000 Pferde, 350 Feldgeschütze, 70 Mitrailleusen, Trophäen (wie es heißt), überaus vieles Armeematerial u. v. a. m. Nicht zu übergehen: Der bittere, doch angesichts des glanzvollen Sieges als mäßig eingeschätzte Preis auf der deutschen Siegerseite von etwa 9.500 „Verlusten“ (Toten und Verwundeten). Kaum auch zu reden, von dem schlimmen Bild, dem Leid, der Not, das die Stätten der Kämpfe um Sedan und besonders auch die Stadt selbst nach dem Schweigen der Waffen als Resultat des Schlachtgeschehens boten.

Emmanuel Félix de Wimpffen kehrt nach Abschluss der Unterzeichnung der Kapitulation in Schloss Bellevue nach Sedan zurück. Folgt man seinen Aufzeichnungen, so haben sich Offiziere und Mannschaften in die deprimierenden Dinge geschickt; er habe kein bitteres Wort gehört. In Wirklichkeit befindet sich die Armee in völliger Desorganisation und ist alle Disziplin aufgelöst. Es geht drunter und drüber. Ein Bericht über das wüste Schauspiel jener Stunden der völliigen Demoralisation, Auflösung jeglicher Disziplin, Ausbrüche der Wut und Gewalt über die verlorene Schlacht etc. würde noch viele weitere Seiten füllen. Wimpffen sieht sich jedoch jetzt seiner Funktion und Pflichten als General und Oberbefehlshaber der Armee von Sedan enthoben und verabschiedet sich von seinen Truppen am Nachmittag über einen Aufruf. Dieser lautet:

P r o c l a m a t i o n.

„Soldaten! Gegen sehr überlegene Kräfte habt Ihr Euch gestern geschlagen. Von frühem Morgen an bis in die Nacht habt Ihr dem Feinde mit größtem Muthe Widerstand geleistet und Eure letzte Patrone verschossen. Erschöpft vom Kampfe, habt Ihr der Aufforderung Eurer Generale und Offiziere, Euch bis Montmedy durchzuschlagen und dem General Bazaine die Hand zu reichen, nicht nachkommen können. Zweitausend nur sammelten sich, um einen letzten Versuch zu wagen. Sie konnten über Balan nicht hinaus und kehrten nach Sedan zurück, wo Euer General sich mit Schmerz überzeugen mußte, daß weder Magazine noch Munition vorhanden seien.- Man konnte nicht daran denken, einen Platz zu vertheidigen, dessen ganze Lage ihn unfähig machte, einer zahlreichen und gewaltigen feindlichen Artillerie zu widerstehen.- Die innerhalb der Mauern der Festung vereinigte Armee vermochte diese weder zu verlassen, noch sie zu vertheidigen; ohne Lebensmittel, sei es für die Bevölkerung, sei es für die Truppen, mußte ich den traurigen Entschluß fassen, mit dem Feinde zu unterhandeln.- Mit Vollmachten seitens des Kaisers ins feindliche Hauptquartier geschickt, konnte ich mich nicht entschließen, die mir gestellten Bedingungen anzunehmen. Diesen Morgen erst, durch ein Bombardement bedroht, auf das wir außer Stande gewesen wären zu antworten, entschloß ich mich zu neuen Schritten und habe Bedingungen erhalten, in denen nach Möglichkeit jene verletzenden Formalitäten vermieden, die, nach Kriegsbrauch, bei ähnlichen Gelegenheiten dem Besiegten auferlegt werden.- Es bleibt uns, Offizieren wie Soldaten, nichts anderes übrig, als uns mit Ergebung in die Dinge zu finden, gegen die ein Ankämpfen unmöglich ist, da wir, um es zu wiederholen, ohne Munition und ohne Lebensmittel sind.- Mir verbleibt allein der Trost, ein unnützes Massacre vermieden und dem Vaterlande Soldaten erhalten zu haben, von denen es in Zukunft noch gute und glänzende Dienste gewärtigen mag.

Sedan, den 2. September 1870              Der General en Chef v. Wimpffen.“

Als die Proklamation angeschlagen wird, haben bereits Zustände Platz ergriffen, welche die Annahme nahelegen, dass diese von den Wenigsten gelesen worden ist. Wimpffen dankt auch in einem kurzen Schreiben der Einwohnerschaft Sedans für ihre grenzenlose Gastfreundschaft und hebt die harten Entbehrungen hervor, die dieser durch die Versorgung der Verwundeten und Kranken auferlegt ist.

Am 3. September richtet von Wimpffen an General von Moltke folgendes lange Schreiben, in dem er um die Erlaubnis bittet, seine Kriegsgefangenschaft in Württemberg verbringen zu dürfen. Dieses lautet:

„Ich habe die Ehre zu Ihrer Kenntniß zu bringen, daß ich als General en Chef einer kriegsgefangenen Armee die Pflicht zu haben glaube, das Schicksal dieser Armee zu theilen. So bitte ich denn Ew. Exzellenz, mich als Kriegsgefangenen ansehen und den Ort bestimmen zu wollen, wohin ich mich in Deutschland zu begeben habe. Wenn wir über die verschiedenen deutschen Staaten vertheilt werden sollten, so würde ich es als eine Vergünstigung ansehen, nach dem Königreiche Württemberg geschickt zu werden. – Ich hoffe, daß Sie vier Offizieren, die meiner Person attachirt sind, gestatten werden, die Gefährten meines Unglücks zu sein. Es sind:

– Graf d’ Ollone , Capitaine im 12. Jäger-Bataillon;
– Daram, Lieutenant im 92. Linien-Regiment;
– Desgrandchamps , Lieutenant im 6. Husaren-Regiment;
– Marquis de Laizer , Offizier in der Mobilgarde, Auditeur im Staatsrath.

Jeder dieser Offiziere würde von einem Diener begleitet sein; ich selbst habe einen Secretair und eine Ordonnanz.- Ich bitte Ew. Exzellenz, mich alle Maßnahmen in Betreff meiner Reise sowie in Betreff der Reise meines Gefolges wissen lassen zu wollen. Die Convention hat mit Rücksicht auf solche Offizierspferde, die Privateigenthum der betreffenden Offiziere sind, keine Festsetzung getroffen; ich glaube indessen, was mich persönlich angeht, zweier alter Pferde von mir Erwähnung thun zu dürfen, die alle Strapazen mit mir durchgemacht haben, in Italien und neuerdings noch in Afrika und Frankreich. Es sind dies alte Thiere, unfähig noch im Kriegsdienst verwandt zu werden, und so bitte ich denn, sie mir lassen zu wollen.- Ich habe die Ehre, Ihnen für die Wohlgewogenheit zu danken, die Sie nicht aufgehört haben, mir in den Beziehungen zwischen uns (schmerzlich wie dieselben für mich waren) zu bezeigen.- Sobald ich Ihre Entschließungen kenne, werde ich Alles thun, denselben zu entsprechen.

Empfangen Ew. Exzellenz die Versicherung etc.                                                   v. Wimpffen, Divisionsgeneral.“

f. Wie Emmanuel Félix de Wimpffen, seinem Wunsch entsprechend, die fünf Monate seiner Kriegsgefangenschaft in Stuttgart hinter sich bringen darf, während der er sich intensiv dem Studium der deutschen Schulerziehung widmet und woraus er die Grundzüge seiner nach seiner Rückkehr nach Frankreich herausgebrachten Rechtfertigungsschrift „Sedan, par le Général de Wimpffen“ entwickelt.

Die Affinität des EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN zu Stuttgart und darüber hinaus zum Königreich Württemberg geht sicherlich darauf zurück, dass im Zeitraum von 1762 – 1774 sieben der elf Geschwister seines Vaters, d. h. sieben seiner Oheime und Tanten, in Stuttgart oder in Ludwigsburg geboren sind, dazuhin im Zeitraum von 1761 bis 1865 sieben enge männliche Verwandte von ihm im Herzogtum bzw. ab 1806 Königreich Württemberg militärische und/oder auf Hofämter bezogene Karriere gemacht und vielfach hohe bis beinahe höchste Ämter bekleidet hatten, von denen zwei sogar in Stuttgart gestorben waren. Nicht zu vergessen dazuhin zwei weibliche solche, und zwar Kusinen desselben, die zumindest durch ihre Geburt in Stuttgart, davon in einem Fall zudem zeitweilige Tätigkeit als Kammerfrau am dortigen Hofe mit der württembergischen Residenz verbunden waren. Diese sollen nachfolgend alle mit Ausnahme von Nr. 1 ohne genauere Lebensbeschreibung nur unter Nennung von nur wenig mehr als dem Verwandtschaftsverhältnis und Namen, der Lebenszeit und des in Württemberg erreichten Ranges aufgeführt werden. Diese lassen sich alle unschwer in von Wurzbachs  II. Stammtafel ausmachen. Die unter Nr. 6, 7, 8 und 9 Aufgeführten werden später im Unterkapitel F.6 im Zusammenhang im Rahmen des dort geschilderten Zuzug nach Wimpfen und dortigen Tod der Jahre 1875 bis 1879 in Erscheinung treten.

  1. Sein bereits vorgestellter Großvater väterlicherseits FRANZ LUDWIG (1732 – 1800), der Begründer des c) Franzens-Zweiges, war – wie schon gezeigt – in jungen Jahren vom französischen in den württembergischen Militärdienst getreten, wo er von ca. 1761 bis 1776 verblieben, Angehöriger des engsten Kreises der Höflinge geworden war und es bis zum Leiter des Kriegsdepartements (Kriegsratspräsidenten) gebracht hatte. Diesem war sogar die hohe Ehre der Verleihung seines Namens an eines der württembergischen Regimenter zuteil geworden. In diesem Zeitraum waren zwei von dessen sechs Söhnen sowie fünf von dessen sechs Töchtern, d. h. zwei der Oheime und fünf der Tanten väterlicherseits des Emmanuel Félix, in Stuttgart bzw. Ludwigsburg zur Welt gekommen; und die zwei ältesten der Oheime desselben namens FRANZ GEORG (geboren 1760) und FRANZ KARL EUGEN (geboren 1762) waren dort sogar in die berühmte „Hohe Carlsschule“ aufgenommen gewesen.
  2. Der Sohn seines ältesten Großonkels STANISLAUS (1721 – 1793), d. h. der Großvetter von Emmanuel Félix desselben Namens FRANZ LUDWIG (1752 – 1823), hatte es bis zum Major und Ersten Kammerherren  der württembergischen Königinwitwe CHARLOTTE MATHILDE gebracht und war sogar in Stuttgart verstorben.
  3. Der nächstjüngere Sohn des vorgenannten Großonkels namens GERMAIN bzw. HERMANN (1754 – 1820), d. h. ein weiterer Großvetter des Emmanuel Félix, hatte nach der im August 1792 erfolgten Absetzung und Einkerkerung des Monarchen und dessen Familie seinem Land den Rücken gekehrt und war schließlich um 1800 ebenfalls in militärisch-diplomatische Dienste des Herzogs von Württemberg getreten, doch von Kaiser Napoleon 1812 wieder nach Frankreich zurückbeordert worden.
  4. Des Letztgenannten jüngster Bruder CHRISTIAN FRIEDRICH (1756 – 1824) war zunächst als Gardelieutenant und Hofjunker in herzoglich-württembergische Dienste getreten, jedoch bald in kaiserlich-österreichische Militärdienste übergewechselt und hatte sich dann in Böhmen niedergelassen.
  5. Der jüngste Onkel des Emmanuel Félix namens FRIEDRICH WILHELM (1784 – 1845), der Begründer der Württembergischen Nebenlinie des Franzens-Zweiges, war früh in württembergische Dienste getreten und hatte in Stuttgart die Funktionen eines wirklichen Kammerherren, Generalmajors und Adjudanten von König Wilhelm I. von Württemberg erlangt. Wie sein Vetter FRANZ LUDWIG ist er in Stuttgart verstorben.
  6. Der ältere der zwei in Stuttgart geborenen Söhne des Vorgenannten namens WILHElM (1820 – 1879), d. h. Vetter des Emmanuel Fèlix, hatte es zwar nur bis zum Rittmeister und württembergischen Kammerherren gebracht. Er und sein jüngerer Bruder
  7. DAGOBERT (1821 – 1881), d. h. der andere Stuttgarter Vetter des Emmanuel Félix, waren Jugendgespiele von KRONPRINZ (ab 1864 KÖNIG) KARL und somit in die Stuttgarter Hofgesellschaft fest integriert gewesen. Der Letztgenannte hatte den Rang eines Majors, Adjudanten sowie Reisemarschalls des Kronprinzen, dazuhin wie sein Bruder eines württembergischen Kammerherren erreicht.
  8. Von den beiden ebenfalls in Stuttgart geborenen Töchtern des FRIEDRICH WILHELM, d. h. Kusinen des Emmanuel Félix, KATHARINA (1818 – 1875) und PAULINE (1822 – 1900) war die letztgenannte in den 1840er Jahren vor ihrer Heirat mit dem Grafen Gustav ADOLF FELIX VON WIMPFFEN (1805 – 1880) im Stuttgarter Schloss wohnende Hofdame gewesen.
  9. Ausgangs der 1820er Jahre hatte FRIEDRICH WILHELMS fünftälteste der sechs Schwestern und Tante des Emmanuel Félix, das FREIFRÄULEIN AMALIE (geb. 1774), bei diesem und seiner Familie sowie später beim älteren ihrer beiden Neffen Wilhelm gewohnt und war in Stuttgart 1855 im Alter von rd. 80 Jahren verstorben.

General von Moltke entspricht, um nun wieder zum weiteren Schicksal des „Sedangenerals“ zurückzukehren, noch am selben Tag durch ein Schreiben allen seinen Wünschen und versieht ihn mit einem weiteren solchen, das ihm und seinen Begleitern freien Weg als Kriegsgefangener über Belgien und Aix-la-Chapelle nach Stuttgart bescheinigt und Anweisung erteilt, diesem auf seinem Weg keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten. Und so brechen Wimpffen und sein Gefolge bereits am 4. September aus dem völlig aus den Fugen geratenen Sedan nach Stuttgart auf. Sie übernachten im belgischen Dorfe Fays-sur-Veneurs, wo der Unglückliche am 5. September seinen ersten umfangreichen Bericht an den Kriegsminister über die Schlacht bei Sedan und die Kapitulation abfasst und seinem Freund eine Kopie davon schickt. Dem Letztgenannten sendet er am 6. September von Aix-la-Chapelle aus einen ergänzenden Brief, der am Schluss die folgende ebenso erbitterte wie wohl höchst fragwürdige Feststellung trifft: „Si l’Empereur avait répondu à mon appel, il est plus que probable q’une partie au moins de l’armée ne serait pas prisonnière, et moi je n’aurais pas eu cette tache d’une capitulation.“ Frei übersetzt: „Wenn der Kaiser auf meinen Appell reagiert hätte, wäre es mehr als wahrscheinlich, dass wenigstens ein Teil der Armee sich nicht in Gefangenschaft befände, und ich hätte nicht diesen Schandfleck einer Kapitulation auf mich geladen.“ Über Aachen geht die Reise weiter nach Stuttgart, dem Ort, der ihm, entsprechend seinem Wunsch, von Generalstabschef Helmuth von Moltke als derjenige seiner Gefangenschaft zugewiesen worden ist. Die in der

  • Abb. A 28: Bericht in „Schwäbische Kronik, des Schwäbischen Merkurs zweite Abtheilung. III. Blatt“ vom 11. September 1870 über die Ankunft und Unterbringung von General von Wimpffen mit seiner neunköpfigen Begleitung in Stuttgart

gezeigte Meldung lässt erkennen, dass dessen Ankunft dort am Abend des 9. September erfolgt und die gesamte Offiziersschar dort im bestrenommierten Hotel Marquardt, Ecke Königstraße/Schlossstraße (heute Bolzstraße; dort die „Komödie im Marquardt“), untergebracht worden ist. Unter den genannten neun begleitenden Offizieren befinden sich auch drei der vier im Brief an General von Moltke als Begleiter gewünschten Offiziere; es fehlt nur Lieutenant Desgrandchamps. Leider wird die Hoffnung betrogen, Weiteres über den Ablauf dieser rund fünf Monate in Stuttgart vollzogenen Gefangenschaft aus diesem auf die Ereignisse des engeren Raumes gerichteten Blattes oder dem weitgesteckt berichtenden „Schwäbischen Merkur“ zu erfahren. Offenbar bestand in der Öffentlichkeit kein Interesse oder gar Abneigung, sich mit dem als Feind betrachten französischen höchsten Offizier und seinen Begleitern weiterhin zu befassen, zumal ja der Krieg trotz des glänzenden Sieges in der Schlacht bei Sedan sorgenbeladen weiterging. Letzteres ist zu spüren aus den der Meldung angehängten Sätzen über die gleichzeitige Ankunft verwundeter deutscher sowie die Rückkehr einer mit Gefangenen angekommenen Gruppe bayrischer Soldaten zu ihren in Frankreich weiter im Kampf stehenden Regimentern.

Umgekehrt hüllt sich EMMANUEL FÈLIX DE WIMPFFEN ebenfalls, was die äußeren Umstände der Monate der Gefangenschaft angeht, in etwa zwei Jahre danach in Paris erschienenen 76-seitigen Schrift, deren Titel in der nachfolgenden

  • Abb. A 29: Souvenirs de captivité – DE L’INSTRUCTION EN ALLEMAGNE par un officier Général – Paris E. Lachaud Libraire-Éditeur 4, Place du theatre – Français, 4 – 1872 (Erinnerungen an die Gefangenschaft. Von der Ausbildung in Deutschland von einem Offizier General – Paris E. Lachaud, Buchherausgeber, Place du Theatre Français, 4 – 1872)

dargelegt ist, fast völlig in Schweigen. Aus dem Vorwort derselben ist zu schließen, dass der Militär aus Passion und familiärem Herkommen EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN nach dem (wie er sagt) „Desaster“ der militärischen Niederlage seines Vaterlandes mächtigst von der Frage umgetrieben wurde, warum es Preußen, seines Landes „glühendstem Feind“, und den anderen deutschen Staaten möglich gewesen war, „die Größe und Überlegenheit der Nation durch die Stärke der Waffen zu erreichen“ und „ein Volk wie das unsere zu besiegen“. Und so entschloss er sich, „die Muße einer schmerzlichen Gefangenschaft dem gründlichen Studium der Sitten und Institutionen unserer Sieger zu widmen“, und dies in der Weise, dass er versuchte, „ein getreues Abbild der öffentlichen Bildung, der sittlichen und körperlichen Erziehung der breiten Masse und der gehobenen Schichten der Gesellschaft in Deutschland aufzuzeigen“. Die von ihm „bei ausreichender Kenntnis der Landessprache im Verstehen und Sichverständlichmachen“ unternommenen Besichtigungen einer großen Zahl von Bildungseinrichtungen, so Primarschulen (gemeint: Volksschulen), Gymnasien, Berufs- und Polytechnischen Schulen, dazu Gefängnisschulen, werden, was den weltlichen und religiösen Unterricht, die Erziehung, die Lehrer, die Schulgebäude etc. angeht, ausführlich und vergleichend mit Frankreich beschrieben und beurteilt. Doch bleiben die Namen der besuchten Schulen völlig und die Orte derselben fast ausschließlich ungenannt und somit vollständig in der Anonymität. Nur an zwei Stellen (S. 53 und 58) wird auf „S….“ (gemeint: Stuttgart) als den Ort einer der dort besuchten Schuleinrichtungen hingewiesen und nur einmal (S. 68) durch die Wendung „Pendant ma captivité à S….“ verschlüsselt auf die Stadt Stuttgart als Ort der Gefangenschaft (Préface, S. 3) durch die Wendung „Interné dans une des grandes villes de la Confédération d’Allemagne“ (interniert in einer der großen Städte des Deutschen Reiches) hingewiesen. Seinen dortigen Aufenthaltsort, das Hotel Marquardt, das ihn und seine zahlreiche Begleiter in schwieriger Zeit aufzunehmen und zu verköstigen hatte, erwähnt er mit keinem Wort. Lediglich dem Wohnquartier, in dem sich dieses Hotel befindet, erteilt er auf Seite 53, bezugnehmend auf eine der von ihm besuchten auf die Berufsausbildung gerichteten Schulen, die folgende Lobspendung: „Dans un des beaux quartiers de la ville, qui m’avait été assigné pour résidence pendant ma captivité se trouve une de ces écoles.“ (In einem der schönen Quartiere der Stadt, die man mir als Wohnsitz während meiner Gefangenschaft angewiesen hatte, befindet sich eine dieser Schulen.)

Angekündigt unten auf S. 73 durch den Satz „Suivant les considérations que je viens d’émettre, j’arrive aux conclusions suivantes“ (Den nachstehend ausgebreiteten Erwägungen folgend, komme ich zu folgenden Schlussfolgerungen), stellt der Autor fünf Leitsätze einer nach seinen Erkenntnissen in Frankreich anzustrebenden Unterrichtung und Erziehung heraus. In diesen spricht er sich unter Verweis auf das deutsche Vorbild für die Wahl und Anstellung der Lehrkräfte (Laien wie Geistlichen) durch die Gemeinden und die Gleichschaltung ihrer Examen und Überprüfung sowie deren gute Bezahlung aus, dazu für die Einführung der Schulpflicht, außerdem die Aufgabe der sog. Kasernierung (gemeint: der Internatsunterbringung) der Schüler durch deren Belassung in der Familie. Hier sei im Wortlaut nur der letzte seiner appellativ gefassten Vorschläge aufgeführt, der den Schluss des Buchtexters bildet:

„50 Dans les établissements de l’État, dans les écoles professionelles, dans l’instutitions des particuliers, des études théoriques développant les facultés physiques, de façon à ce qu’à vingt ans, à vingt et un ans au plus tard, le jeune homme soit apte au métier des armes et déjà façonne au maniement du fusil, à la marche, et avant tout: ROMPU A LA DISCIPLINE.         FIN.“ Zu Deutsch: „5. In den staatlichen (Schul-)Einrichtungen, in den beruflichen Schulen, in den Privatschulen theoretische Schulausbildung mit Entwicklung der körperlichen Fähigkeiten in der Art und Weise, dass der junge Mensch mit 20 oder spätestens 21 Jahren fähig ist für den Waffendienst und geformt für die Handhabung des Gewehrs, das Marschieren und vor allem: bewandert in der Disziplin.       Ende.

Mit diesem Vorschlag begibt er sich genau in jene Spur, welche die Menschenerziehung nach preußischen Muster im neugegründeten Deutschen Reich verstärkt einschlägt und die EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN im Vorwort seiner Betrachtungen folgendermaßen umschreibt: „Dans l’Allemagne, et surtout dans la partie nord, toute institution, même civile, a pour objectiv l’instruction militaire. Former des généraux capables, des officiers instruits, des soldats disciplinés et robustes, tel est le but.“ (In Deutschland, und besonders im nördlichen Teil, hat jede, selbst zivile, Einrichtung, wirkliche militärische Schulung, um allgemeine Befähigungen, geschulte Offiziere, disziplinierte und robuste Soldaten zu formen, solches ist der Zweck.) Man gewinnt den Eindruck, dass der „Sedangeneral“ von seines Volkes und seiner eigenen Niederlage traumatisiert und somit wie besessen nach den Gründen derselben wie auch nach Abhilfe sucht. Darüber hinaus beginnt er jedoch schon von Stuttgart aus mit der gleichen Leidenschaft, die Rechtfertigung seines Handelns zum Ende des Schlachtengeschehens von Sedan zu betreiben.

Und so schreibt er im Vorwort seiner später noch genauer vorzustellenden und nicht weniger als 382 Seiten umfassenden weiteren Schrift des Titels „Sedan. Par le Général de Wimpffen“, Paris Libraire Internationale 1871, Folgendes: „Schon in den ersten Augenblicken meiner Gefangenschaft in Stuttgart entschloss ich mich, meine Freizeit mit der Zusammenstellung des notwendigen Materials für eine wahrheitsgetreue Geschichte der ersten unglücklichen Ereignisse des Krieges mit Preußen zu nutzen. Diese Ordnungsarbeit ließ mich einer Masse sehenswerter Dokumente gegenüberstehen.“ So kommt es zunächst dazu, dass er in Stuttgart Briefe sowie Berichte zur Thematik „Schlacht bei Sedan“ schreibt und verschickt. Und in der Tagespresse versucht er nachzuweisen, dass er in dieser das Ziel verfolgt habe, sich durch den Ausbruch Richtung Südost über Bazailles-Carignan durchzuschlagen. Und er erhebt den Vorwurf, dass es vor allem Kaiser Napoleon gewesen sei, der durch sein Nein zu seiner Bitte, er möge in die Mitte seiner Truppen kommen und diese würden es sich zur Ehre anrechnen, den Durchweg zu öffnen, dazuhin dessen Befehl, die weiße Fahne auf den Wällen aufzuziehen, sein Vorhaben verhindert habe. Demgegenüber wird Wimpffens diesbezügliches Billet an den Kaiser von 1 ¼ Uhr des 1. September in der Presse „mit mehr oder weniger Recht“, wie Fontane meint, ins Lächerliche gezogen. Und der seines Landes verwiesene Kaiser Napoleon wehrt sich in einem Schreiben vom 3. Oktober 1870 vom Platz seiner Gefangenschaft Wilhelmshöhe bei Kassel aus wie folgt:

„J’ai lu votre rapport officiel sur la bataille de Sedan. Il contient deux assertions que je dois relever.

-Si je n’ai pas répondu à votre appel pour faire une trouée vers Carignan, c’est qu’elle était impraticable, comme l’expérience vous l’a prouvé, et la tentative, je le prévoyais, ne pouvait avoir d’autre résultat que de coûter la vie à un grand nombre de soldats.

-Je n’ai consenti á faire arborer le drapeau blanc, que lorsque, de l’avis de tous les chefs de corps d’armée, toute résistance était devenue imposible. Je n’ai donc pas pu contrarier vos moyens d’action.

Croyez, général, à mes sentiments.                                                    NAPOLEON“

Zu Deutsch: „Ich habe ihren amtlichen Bericht über die Schlacht von Sedan gelesen. Er enthält zwei Behauptungen, die ich richtigstellen muss:

-Ich habe auf Ihre Aufforderung, einen Durchbruch nach Carignan zu machen, nicht geantwortet, weil es mir undurchführbar erschien, wie die Erfahrung es Ihnen bewiesen hat, und der Versuch, wie ich es vorausgesehe hatte, kein anderes Resultat haben konnte, als einer großen Anzahl von Soldaten das Leben zu kosten.“

-Ich habe nicht zugestimmt, die weiße Fahne zu hissen, als nach der Meinung aller Korpschefs jeder Widerstand unmöglich geworden war. Folglich habe ich Ihre Pläne nicht durchkreuzen können.-

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung, mein General         NAPOLEON“

Wimpffen will nach seinen Aussagen im Vorwort des erwähnten Buches ursprünglich nur an die Sammlung der mit der Schlacht bei Sedan zusammenhängenden zahlreichen Schriftunterlagen gedacht haben. Doch sieht er sich, nachdem er nach fünfmonatiger Gefangenschaft in Stuttgart etwa Mitte Februar wieder heimkehren kann, aus zwei Gründen veranlasst, nun doch mit einem Buch an die Öffentlichkeit zu treten:

Grund 1: Sein großer erster Bericht über die Schlacht von Sedan vom 5. September 1870 an den Kriegsminister hat – entgegen seiner Erwartung – offiziell keine Veröffentlichung gefunden und er findet diesen wichtigen Schriftsatz bei seiner Vorbeikunft in Versailles im Ministerium am 19. März 1871 nicht oder nicht mehr vor. Am Verschwinden desselben soll, wie Wimpffen erfahren haben will, der von ihm aus dem Oberbefehl der Sedanarmee verdrängte General Ducrot die Hand im Spiel gehabt haben. Hierzu muss man wissen, dass dieser nach der Schlacht bei Sedan sein Ehrenwort gegeben hat, sich in Pont-à-Mousson zu stellen und dieses auch eingehalten hat, aber dort danach in der Verwirrung auf dem überfüllten Bahnhof geflohen und dann Oberkommandierender einer neugebildeten französischen Armee und im Februar 1871 Mitglied der Nationalversammlung mit großem Einfluss geworden ist.

Grund 2: Seit seiner etwa Ende Januar erfolgten Entlassung als Kriegsgefangener und Rückkehr nach Frankreich bzw. bald darauf wieder nach Algerien (Wohnsitz Mustapha bei Algier) habe er vergeblich versucht, Gunstbezeigungen durch den Kriegsrat zu erfahren, die seine Führung (in der Schlacht bei Sedan) hätten anerkennen können. Er habe keinerlei Antwort auf seine berechtigte Bitte bekommen. Der Regierungschef habe vor der Kammer und damit vor dem Land die Kommandanten und Chefs der Armee von Metz und von Châlons glorifiziert. Aber niemand habe ein Wort zu seiner Rechtfertigung hören lassen. Er findet, dass diese Situation nicht mehr erlaube, Schweigen zu bewahren und er glaubt, einfach und wahrhaftig die Ursachen, die das unvermeidliche Desaster von Sedan herbeigeführt haben, darlegen zu müssen.

Und so fertigt er eine Art Rechtfertigungsschrift, die 1871 in Paris erscheint und deren Titel oben bereits aufgeführt worden ist. Unter dem Titel fügt er drei Zeilen bei, die seine auf den Zweck des Buches zielende Devise präsentieren: „Quorum pars magna fui.- VIRG. Énéide. – Suum cuique“, übersetzt aus dem Lateinischen (Anfangs- und Endteil) und dem Französischen (Mittelteil): „Worin ich eine große Rolle spielte (oder auch: ‚Wozu ich zu bedeutendem bzw. wesentlichem Teil mittrug’ bzw. ‚Wovon mir großer Anteil zukommt’) Vergil. Aeneis – Jedem das Seine“. Siehe dazu die

  • Abb. A 30: Das Titelblatt von Emmanuel Félix de Wimpffens Rechtfertigungsschrift.

Der erste Teil ist, wie er konstatiert, der Aeneis, dem zwölfteiligen Heldenepos des römischen Dichters Vergil, entnommen, und zwar der 6. Zeile des 2. Buches (Aeneis 2.6), die zum „Gefügelten Wort“ geworden und dann zu verwenden ist, wenn es gilt, seine Mitwirkung bzw. seine Verdienste an einer Sache zu reklamieren. Dieses wird durch den aus den antiken philosophischen Theorien der Moral und Politik hergeleiteten Endteil „Suum cuique“ bekräftigt. Letzteres ist im Doppelsinn gemeint, d. h. im Sinne sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft: Jeder soll das Seine (ihm Mögliche) tun, aber Jedem soll auch das Seine (Verdiente) zukommen. Zweifellos fühlt sich der Sedangeneral bezüglich seines Handelns in der Schlacht bei Sedan gegenüber den Mitgenerälen unverdient kritisiert und zurückgesetzt und will dies konkret durch seine Veröffentlichung anmahnen.

Auf den nicht weniger als 377 Seiten des Kerntextes holt er zum Zecke seiner Rechtfertigung weit aus, bezieht auch eröffnend die rühmlichen Erinnerungen und Urkunden aus seiner Zeit davor als Gouverneur in Oran sowie so vollständig wie möglich die Vorgeschichte der Schlacht von Sedan mit ein, dazu eine große Anzahl von mit dieser zusammenhängenden Brief- und Urkundentexten, worauf sich Theodor Fontane zwei Jahre später bei der Abfassung seines Buchtextes vielfach beziehen wird. Der Text gipfelt in dem von den Militärs beider Seiten und ganz besonders von General Ducrot beanstandeten und sich auf die Sinnhaftigkeit seiner viel bestrittenen und umstrittenen Durchbruchsthese beziehendes Satzpaar: „Meine Angreifer und Verleumder, wie sie besonders in der Umgebung des Kaisers waren, haben ein nobles Unternehmen, wie ich es vorhatte, zu einer Thorheit stempeln wollen. Nichtsdestoweniger bin ich auch jetzt noch überzeugt, daß ein mit 15- oder 20,000 Mann unternommener Angriff auf die feindliche Linie von Erfolg gekrönt gewesen wäre.“ Indem er darüber hinaus aber insbesondere Beschuldigungen gegenüber General Ducrot und den Kaiser erhebt, fällt das erwartete Echo negativ aus und beschwört er heftige Kritik herauf.

Der sich beschuldigt und in seiner Ehre schwer angegriffene General Ducrot veröffentlicht umgehend noch 1871 eine Verteidigungsschrift von 169 Seiten, deren gleichartig gehaltene Titelfassung „La journée de Sedan, par Le Général Ducrot“ die Bezugsetzung auf Wimpffens Werk von vorneherein deutlich zu machen versteht. Dieser sieht sich durch Wimpffen, wie er im Vorwort vom 18. September 1871 darlegt, in fünffacher Hinsicht ungerechtfertigt beschuldigt:

  1. Er habe einen Mangel an Ehrenhaftigkeit dadurch gezeigt, dass er seinen Einfluss bei Kriegsminister General Trochu dahingehend geltend gemacht habe, die Veröffentlichung seines Berichts über die Schlacht von Sedan zu vereiteln.
  2. Er habe durch falsche Manöver das Tagesgeschick gefährdet und so das verhängnivolle Desaster von Sedan vorbereitet.
  3. Er habe das Schlachtfeld vor der Zeit verlassen.
  4. Er habe sich geweigert, den Anordnungen des Chefgenerals zu gehorchen, alsdann habe er Hilfe abgelehnt.
  5. Er habe den Kaiser aufgefordert, die Parlamentärfahne zu hissen und zu kapitulieren.

Abschließend drückt Ducrot in seiner Vorbetrachtung die Erwartung aus, dass die Verantwortung dieser bedauerlichen Polemik auf jenen zurückfällt, der diese wachgerufen hat…., „comme l’a dit le général de Wimpffen (so wie es General von Wimpffen gesagt hat): suum cuique“ (Jedem das Seine).

Es ist hier leider weder der Platz noch der Ort, die aus der Sicht des Autors zu seiner Entlastung dargestellten Vorgänge sowie zahlreichen Schriftsätze um die Schlacht bei Sedan hier weiter auszubreiten. Eine Haltungsänderung Wimpffens hat Ducrots Schrift nicht erreicht, im Gegenteil. Noch 1871 und 1872 in durchgesehener und korrigierter 2. Auflage erscheint eine 75-seitige Erwiderungsschrift unter dem Titel „Le Général de Wimpffen. Réponse au Général Ducrot par un officier supérieur“, Paris. Libraire Internationale, aus der Feder eines nicht mit Namen genannten „Camarade d’école“ (Schulkameraden). Die knappe Hälfte (S. 3 – 32) derselben nimmt eine als biographisch wertvoll anzusehende Lebensbeschreibung ein (Première partie: La vie militaire du Général de Wimpffen), die oben im eröffnenden Lebensgang natürlich nur ansatzweise ausgeschöpft werden konnte. Dann folgt eine weitere knappe Hälfte mit Bemerkungen zur Veröffentlichung desselben (Seconde partie: Observations sur l’opuscule du Général de Wimpffen, S. 33 – 64), welche auf die fünf Beschuldigungen und die Entgegnungen hierzu ausgerichtet ist. Den Rest bilden einige Briefe Wimpfens an den Freund (S. 65 – 75). 1875 folgt eine Neuflage von Ducrots „La Journée …“ und 1887 aus den nachgelassenen Papieren Wimpffens eine weitere Rechtfertigungs-Schrift unter dem Titel „La bataille de Sedan, les véritables coupables“ („Die Schlacht bei Sedan, die wahrhaft Schuldigen“). Diese erscheint 1889 in Augsburg auch in einer deutschen Ausgabe. Also, und die Beifügung „wahrhaft“ belegt dies schlagend, eine Kette gegenseitiger Beschuldigungen ohne versöhnliches Ende.

g. Wie Theodor Fontane in seinem Werk über den Deutsch-Französischen Krieg den „Sedangeneral“ rückblickend zwar als guten und tapferen Divisiongeneral einschätzt, ihm aber die Fähigkeit der Lenkung einer großen Schlacht abspricht.

Um abschließend die „wahrhafte“ Einschätzung der Persönlichkeit des Emmanuel Félix de Wimpffen und seiner Handlungsweise in den letzten beiden Tagen der Schlacht bei Sedan als Befehlshaber des 5. Korps (an der Stelle von General Failly) sowie Oberbefehlshaber der Armee von Sedan (an der Stelle von Marschall Mac-Mahon bzw. von General Ducrot) zu finden, kehren wir zu Theodor Fontanes Buch zurück. Wichtig erscheint, dass dieser Wimpffens Rechtfertigungs- und Ducrots Verteidigungsschrift und des Erstgenannten Erwiderungsschrift gekannt und die maßgeblichen Inhalte derselben bei der Abfassung seiner Betrachtungen über die Schlacht bei Sedan und über den Sedangeneral eingearbeitet hat. Ergebnis einerseits seiner akribischen Kenntnis der Fakten, andererseits seiner in seinen späteren Romanschöpfungen evident gewordenen herausragenden Begabung, den Handlungs- und Zeithintergrund von Menschen zu erspüren und in unnachahmlicher Sprache zu schildern, schließt er seine Betrachtungen zu den Ereignissen um Emmanuel Félix de Wimpffen auf den Seiten 578 bis 581 des Bandes 1 seines Werkes mit einer meisterlichen umfänglichen Einschätzung von dessen Persönlichkeit (man könnte sagen mit einem Psychogramm) auf dem Handlungshintergrund des 28. August bis 2. September 1870 folgendermaßen ab (die von Fontane zum Zwecke der Hervorhebung gesperrt wiedergegebenen Partien sind hier der Einfachheit halber unterstrichen):

„General v. Wimpffen war ein tapferer Soldat. Mehr denn das, er war ein guter Repräsentant militairischer Ehre und untadeliger Gesinnung. Seine Widersacher haben ihm auch das bestreiten wollen; gewiß mit Unrecht. Ducrot – persönlich erbittert und von jener Leidenschaftlichkeit des Charakters, der ein gerechtes Urtheil überhaupt schwer fällt – hat ihn unbedingt zu hart behandelt, als er ihm vorwarf, um 9 Uhr Vormittags, wo die Dinge in Bazeilles eher gut als schlecht standen, aus Eitelkeit und Großmannssucht das Commando an sich gerissen zu haben. Er glaubte momentan an die Möglichkeit eines Sieges; gewiß. Aber es lag ihm an diesem, nicht an der Indentificirung seiner Person mit diesem Siege. Folgen wir ihm durch die letzten Augusttage.- Von dem Momente seines Eintreffens in Sedan, ja schon vorher, von der Stunde seiner Pariser Abreise an … , gab er die mannigfachsten Beweise psychischen und moralischen Muthes, rascher Entschlußkraft, lebhaften Geistes, starken Vaterlandsgefühls. Im Fluge orientirte er sich, griff im Großen und Kleinen energisch ein, ermuthigte die Schwachen und bestärkte die Starken in ihrem Widerstande. Die Art, wie er sich in Reims … des Husarendetachements versicherte, wie er den Maire von Signy-L’Abbaye belobte und persönlich erfahrene Unbequemlichkeit vergaß, wie er am 30. die Beaumont-Flüchtlinge sammelte, am 31. bei seinem Corps sich einführte, und die Nacht darauf, auf platter Erde schlafend, das Loos des einfachen Soldaten theilte, die Energie, mit der er im entscheidenden Moment das Commando ergriff, gegebene Befehle annullirte, Bedenken beschwichtigte, Widerspruch bekämpfte, um dann, in verzweifelten Kämpfen, erst mit Vielen, dann mit Wenigen den Durchbruch und dadurch die Rettung der Armee zu versuchen, endlich die Entsagung, die er übte, als er seinen Namen unter die Unterwerfungsurkunde setzte, – all das hat in unsern Augen Anspruch auf Achtung bei Freund und Feind. Er war charaktervoll, soldatisch feurig, so lange es noch zu kämpfen gab, ehrenvoll und opferbereit, als das Unglück hereingebrochen, das Unvermeidliche an ihn herangetreten war; in diesem Sinne hat er Anspruch auf die Worte, die General v. Moltke und Graf Bismarck brieflich an ihn gerichtet haben: ‚Im Augenblick, wo Ew. Exzellenz den Oberbefehl übernahmen, wurde die Armee von Sedan, welche sich bis zum Schlusse tapfer geschlagen hat, von uns als eine vollständig verzweifelte betrachtet.*) Ew. Exzellenz kann sich das Zeugniß ablegen, daß kein Oberbefehlshaber für seine Armee bessere Bedingungen erhalten hätte, als die, welche aus persönlichen Rücksichten für Ihre Person bewilligt wurden. Ich würdige mit Erkenntlicheit die wohlwollenden Ausdrücke, mit denen sich Ew. Exzellenz betreffs meiner in Ihrer Veröffentlichung ausgedrückt haben.’ – Aehnlich schrieb Graf Bismarck.“

*) Anmerkung des Theodor Fontane: Die Frage, ob ein Entschlüpfungsversuch über Illy nicht besser gewesen wäre, als ein Durchbruchsversuch über Bazeilles, wird hier seitens Generals v. M. nicht berührt. Die Lage war um 8 Uhr verzweifelt, gewiß; aber der eine kommt aus verzweifelten Lagen besser heraus als der andere.

Hier sei die Wiedergabe von Fontanes Text unterbrochen und darauf hingewiesen, dass Bismarck an Emmanuel Félix von Wimpffen einen Dankesbrief geschrieben hat, nachdem dieser ihm ein Exemplar seines Werkes „Sedan par le Général de Wimpffen“ geschickt hatte. Dieses wertvolle in französischer Sprache gehaltene und nachfolgend gezeigte Dokument ist vor kurzem von seinem jetzigen Besitzer, Dr. Hans H. von Wimpffen, im Rahmen seiner großen Dokumentation im Internet über das Adelsgeschlecht derer Von Wimpffen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Dieser Brief Bismarcks an Emmanuel Félix de Wimpffen wurde nach der Auffindung im Nachlass des 2009 verstorbenen großen Politikers der Nachkriegszeit Otto Graf Lambsdorff der Familie von Wimpffen von dessen Gattin Gräfin Alexandra Lambsdorff, geb. von Quistorp, geschenkt. Laut Wurzbach befand sich dieser Brief wie auch der in Fontanes Text (siehe oben) teilweise wiedergegebene Brief Moltkes früher im Archiv der gräflichen Linie derer Von Wimpffen auf Schloss Kainberg in der Steiermark, wohin diese wohl deshalb gelangen konnten, weil Emmanuel Félix de Wimpffen keine Nachkommen hatte.

Hier sei zunächst die Kopie des original in französischer Sprache verfassten Bismarck-Briefes wiedergegeben:

  • Abb. A 31: Dankesbrief des Grafen Bismarck an General Emmanuel Félix de Wimpffen für die Zusendung seines Buches über die Schlacht von Sedan vom 9. Januar 1872.

Es folgt zunächst die Transkription des Brieftextes, anschließend die Übersetzung:

„Son Excellence Monsieur le Général Comte de Wimpffen.- Berlin, le 9 Janvier 1872.- Monsieur le Comte, J’ai reçu la lettre que vous m’avez fait l’honneur de m’adresser en date du 20 dernier de même que votre livre sur les événements de Sedan. Je vous remerçie, mon Général, du souvenir bienveillant que vous gardez de nos entretiens et je me suis réjouie, en lisant votre relation de cet esprit de justice qu’elle respire. Mes sympathies resteront toujours requises à un général qui, ayant fait des preuves ailleurs, ne fut appelé sur le terrain qu’au moment où le sort des armes se trouvait déjà jeté de manière à ne plus laisser de chance à sa bravour et à son genie. Veuillez agréer Monsieur le Général, l’assurance de ma haute considération    v. Bismarck“

„Seiner Exzellenz Herrn General Graf von Wimpffen. – Berlin, am 9.  Januar 1872 – Herr Graf, Ich habe den Brief, den Sie mir zu schicken die Ehre gegeben haben, unter dem 20. letzten Monats, ebenso Ihr Buch über die Ereignisse von Sedan erhalten. Ich danke Ihnen, Herr General, für die wohlwollende Erinnerung, die Sie an unsere Zusammenkünfte bewahrt haben, und es ist mir eine Freude, Ihren einen solchen Geist der Gerechtigkeit atmenden Bericht zu lesen. Meine Sympathien verbleiben immer einem General, der, nachdem er anderwärts seine Proben abgelegt, auf das Terrain erst im Augenblick berufen wurde, wo das Los der Waffen bereits entschieden hatte. Empfangen Sie, Herr General, die Versicherung meiner großen Hochachtung         v. Bismarck.“

Jetzt sei Fontanes Text fortgesetzt:

„So viel über Wimpffen den tapferen Soldaten, den Mann von Ehre und Gesinnung.- Anders freilich stellt sich das Urtheil, wenn wir den Feldherrn Wimpffen ins Auge fassen und nach der Einsicht fragen, die er am Tage von Sedan zu erkennen gab. Hier erschienen uns alle gegen ihn erhobenen Angriffe als berechtigt, und der Verurtheilung zustimmend, die er durch die verschiedensten Stimmen erfahren hat, finden wir es unbegreiflich, daß er sich bei Bazeilles durchkämpfen wollte, während bei Illy noch ein freier Abzug in der Möglichkeit lag. Dies letztere hat Wimpfen freilich bestreiten wollen und sein mehr citirtes Buch ist vorwiegend zu dem Zwecke geschrieben worden, die Unmöglichkeit dieses Abzuges zu beweisen. Aber er ist mit dieser Beweisführung völlig gescheitert. Seine Zeitangaben sind sämmtlich falsch.“

Siehe dazu die nachfolgende Kartenskizze des Schlachtfeldes von Sedan, in der Emmanuel Félix de Wimpffen den Namen und den jeweiligen Standorten der verschiedenen preußischen, bayrischen und württembergischen bzw. französischen Korps und sonstigen Einheiten sowie dem Datum (31. August bzw. 1. September) noch die Uhrzeit hinzugibt:

  • Abb. A 32: Kartenskizze „Champ de Bataille de Sedan“ aus dem Werk „Sedan par le Général de Wimpffen“ (Paris 1871).

Nunmehr sei die von Theodor Fontane getroffene Wertung der Handlungsweise des Emmanuel Félix de Wimpffen in der Schlacht bei Sedan zu Ende gebracht:

„Er läßt bereits um 5 Uhr früh unser XI. Corps bei Fleigneux und St. Menges, unser V. Corps bei Vrigne aux Bois stehen, was entweder eine große Unkenntniß verräth oder einen nicht statuirbaren Hang bekundet, die Tathsachen nach persönlichem Bedürfniß zu modeln. Um 5 Uhr früh standen beide Corps bei Donchery noch am linken Ufer der Maas; erst um 6 Uhr waren die Brücken passirt; erst um 8 standen sie in Höhe von Vrigne aux Bois, erst um 10 zwischen St. Menges und Fleigneux. Und zwar höchstens in Stärke von zwei Divisionen. Das ergiebt eine Differenz von fünf Stunden. Mit Recht schreibt Oberst Borbstädt: ‚Wäre der Feind zwischen 9 und 10 Uhr energisch vorgegangen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, die preußischen Têten in das Défilée von St. Albert zurückzuwerfen und das Abfahren der Artillerie-Linie zu erzwingen, was auf den Gang der ganzen Schlacht und die Entwicklung der auf einer Straße marschirenden preußischen Marschkolonnen von entschiedenem Einfluß gewesen sein würde.- Es ist nachträglich für jeden, der sehen will, – also für jeden mit alleiniger Ausnahme des Generals v. Wimpffen – ein unbestreitbares Factum, daß um 9 Uhr ein Entkommen der Armee mindestens noch innerhalb der Möglichkeit lag, daß aber unter allen Umständen ein Abzugsversuch über Illy hinaus besser gewesen wäre, als ein Durchbruchsversuch bei Bazeilles; – es fragt sich nur, ob General Wimpffen verpflichtet war, schon damals am Schlachttage selbst, eine Einsicht zu besitzen, über die wir nachträglich Alle verfügen. Wir müssen auf diese Frage antworten: ja, er war dazu verpflichtet. Er hatte sich am 30. mit eigenen Augen davon überzeugt, daß von Süden und Südosten her unsererseits ganze Armeen heranrückten, die stark genug gewesen wären das französische V. und VII. Corps vor sich her zu treiben und unterstützende Brigaden des I. und XII. Corps zu werfen. Meldungen hatten ihm inzwischen bestätigt, daß bei mannigfachen von Mouzon und Carrignan her auf Sedan führenden Straßen von den Unseren überdeckt seien, er mußte also, nach Allem was er gehört und gesehen, mit Sicherheit wissen, daß an seiner Front (nach Osten zu) feindliche Massen vor sich habe. Und trotz alledem hielt er an der Vorstellung fest, daß Alles damit gethan sein würde, die Baiern in die Maas zu werfen. Diese Redewendung kehrt in seinen eigenen Aufzeichnungen beständig wieder. Er sah nicht über das Nächstliegende hinaus; sein geistiges Auge reichte nicht weiter als sein physisches. Er sah immer nur die Baiern und betrachtete die ganze Schlacht als eine Art Zweikampf zwischen dem französischen Corps Lebrun und dem bairischen Corps v. d. Tann. Er schlug nicht eine Schlacht bei Sedan, er schlug nur eine Schlacht bei Bazeilles und hielt, bis es zu spät war, die Vorstellung aufrecht, daß ein Sieg an letztgenanntem Orte (Bazeilles) überhaupt den Sieg bedeuten werde. Er wollte nicht den Abzug über Illy; die Frage ob ‚ausführbar oder nicht’ lag damals seiner Seele noch völlig fern; er wollte einfach siegen, und dieser Sieg, so vermeinte er, war da, wenn die Baiern in die Maas geworfen würden. In diesem Allem sprach sich eine Beschränktheit aus, seine Unfähigkeit, Großes zu umfassen; – die Schlacht war für ihn jedesmal an der Stelle wo er persönlich stand. Er sah sich plötzlich in Verhältnisse hineingestellt, die erheblich über sein geistiges Vermögen hinauslagen; er war ein Divisionsgeneral, kein Feldherr, der Riesenschlachten schlägt. Kleine Anschauungen übertrug er auf große Dinge, afrikanische Erfahrungen auf europäische Verhältnisse. Zu verlangen war von ihm die Einsicht, daß mit dem ‚in die Maas werfen’ des I. bairischen Corps ein Entkommen auf Montmedy auch noch nicht annähernd gesichert war, zu verlangen war die Einsicht, daß hinter und neben den Baiern andere und immer wieder andere standen, die, in Front und Flanke zufassend, von seinen Durchbruchskolonnen nicht viel übrig gelassen haben würden. Aber von diesen Erwägungen scheint ihm bis zu dem Momente, wo er die Dinge leibhaftig sah, auch nicht eine gekommen zu sein. Er tappte hinein, guten Glaubens, daß er ein Auserwählter sei und mußte sich 12 Stunden später davon überzeugen, daß er nur auserwählt worden sei, eine ungeheure Niederlage zu unterzeichnen. Mit gutem Willen und Feuereifer werden keine modernen Schlachten gewonnen. Sein Fehler war gewesen, daß er geglaubt hatte, mit Gaben zweiten Ranges da auskommen zu können, wo Gaben ersten Ranges nöthig waren. Er war energisch und decidirt; zwei militärische Tugenden, wie nicht bestritten werden soll. Aber ununterstützt durch entsprechende Erkenntniß, können sie verhängnißvoll werden. An Warnungen hatte es nicht gefehlt. Um 9 Uhr ritt Ducrot an ihn heran: ‚Ich komme nicht, General, um Ihnen das Commando zu bestreiten; … aber lassen Sie mich Ihnen bemerklich machen, daß ich mich seit fast anderthalb Monaten den Preußen gegenüber befinde, daß ich ihre Operationsart besser kenne, daß ich die Situation und das Terrain studirt habe und daß es mir nach Allem unzweifelhaft ist, daß der Feind Miene macht, uns einzuschließen.’ So Ducrot. Jeder empfand ein Gleiches, nur Wimpffen nicht.- So brach es denn herein.- Tapfer, patriotisch und ehrenhaft, und im Unglück sogar würdevoll und edel geartet, ist General Wimpffen nicht frei zu sprechen von dem Vorwurf, dies Unglück selbst zum größeren Theil herbeigeführt zu haben. Ein überraschender Mangel an Einsicht und ein eigensinniges Verharren im Irrthum, die beide seine Haltung am Tage von Sedan charakterisiren, haben die Katastrophe verschuldet oder doch wenigstens erst perfekt gemacht.“

Ein verständlicherweise milderes Urteil trifft vier Jahrzehnte nach dem unglücklichen Geschehen MAX FREIHERR VON WIMPFFEN (1863 – 1917), der Sohn des oben bereits mehrfach erwähnten Vetters des Sedangenerals WILHELM VON WIMPFEN, der in einem in der „Wimpfener Zeitung“ veröffentlichten Brief an die Redaktion aus Wien vom 18. September 1911 u. a. Folgendes schreibt: „Obwohl in Frankreich geboren und mit Leib und Seele Franzose hatte Felix Wimpffen seine deutsche Abstammung nicht vergessen. Er gehörte zu jener kleinen Gruppe französischer Patrioten, die von freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen die gedeihlichsten Rückwirkungen auf die Entwicklung beider Völker erhoffte. Als gebildeter und tüchtiger Offizier kannte er die Kraft der deutschen Wehrmacht, wußte, daß die Franzosen militärisch den Siegern von Königgrätz nicht gewachsen waren, und sah den schlimmen Ausgang des Krieges voraus. Darin eben liegt das Tragische seines Schicksals, daß er, der Gegner dieses Krieges, im letzten Akte des Sedandramas zu einer Zeit, da die französische Armee rings umstellt und die Entscheidung bereits gefallen war, die führende Rolle übernehmen mußte. Allerdings wäre es klüger gewesen, die Vollmacht, die ihm den Oberbefehl nach Mac-Mahon übertrug, nicht geltend zu machen; ehrenvoller aber war es – wie er es tat – die Klugheit, d. h. die Rücksicht auf die eigenen Person in der verzweifelten Lage beiseite zu setzen und den Versuch einer Rettung mit der Waffe zu wagen. Als Wimpfen das Kommando übernahm, bot ein Durchbruch nach Paris dieselben Schwierigkeiten wie ein Durchbruch nach Metz. Der Durchbruch nach Metz war die dem General von der Pariser Regierung gesetzte Aufgabe und ein Vormarsch daher dem französischen Temperament mit seinem Elan gelegener als ein Rückzug nach Paris. Deshalb entschied sich Wimpffen für den Durchbruch nach Metz. Glückliche Zufälle hätten vielleicht sein Unternehmen zu einem teilweisen Erfolg führen können, die Disziplinlosigkeit höherer Offiziere ließ es aber nicht einmal zu einem durchgreifenden Versuche kommen.General von Wimpffen hat seine Pflicht erfüllt, das war auch Moltkes Urteil. Moltke, der mit der Familie Wimpffen verwandt war, hatte mit seinem Gegner besonderes Mitgefühl.“

Max von Wimpffen stellt sich also eindeutig auf die Seite seines Großvetters und somit gegen die konträre Einschätzung dessen Hauptgegners Ducrot.

Bei allem Fehler Wimpffens, sich auf den Durchbruch im Südwesten Richtung Carignan zu versteifen, ist denn doch Folgendes zu seiner teilweisen Entlastung zu sagen: Der Kardinalfehler, der die Einkreisung und Gefangennahme der Armee von Chalons bei und in Sedan provoziert hatte, war zuvor von Marschall Mac-Mahon begangen worden. Dieser hatte den dort versammelten Truppen am Nachmittag des 31. August Halt geboten mit dem Ziel, diese durch ein oder zwei Tage der Rast sich erholen und reorganisieren zu lassen, anstatt diesen den Weitermarsch in Richtung Mézières nach Nordwesten zu befehlen. Hinzu kommt, dass der als „Sedangeneral“ abschätzig in die Geschichte eingegangene EMMANUEL FÉLIX DE WIMPFFEN große kluge politische Weitsicht dadurch bewiesen hat, indem er bei den nächtlichen Kapituationsverhandlungen zu Donchery seinen beiden deutschen Widersachern OTTO VON BISMARCK und HELMUTH VON MOLTKE die schlimmen Folgen einer Annexion von Elsass-Lothringen in Gestalt der Erzeugung neuer Feindschaft und eines neuen Krieges zum Zwecke der Rückgewinnung desselben durch Frankreich eindringlich vor Augen zu führen gesucht hat. „Nie davon reden, immer daran denken!“ hieß es fortab in Frankreich, bis dann 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und der erzeugte Hass sich Bahn brach und nach seinem für Frankreich siegreichen Ende im Versailler Vertrag sich Befriedigung verschaffte.

h. Wie Emmanuel Félix de Wimpffen in den Jahren seines Ruhestandes in mehreren militärischen Schriften seiner Nation die von ihm nach der Niederlage dringendst für notwendig befundene Armeereform im Sinne der Schaffung optimaler Waffen- und Wehrstärke vergeblich vor Augen zu führen sucht.

Emmanuel Félix de Wimpffen wird im April 1872 aus seiner Militärtätigkeit als Divisionsgeneral mit einer Pension von 9.000 Francs verabschiedet und zieht sich nach Mustapha bei Algier zurück. Als Grand-Officier de la Légion d’honneur steht ihm jährlich noch der zusätzliche Genuss von 2.000 Francs zu. Über die schon genannten mit der Schlacht bei Sedan zusammenhängenden Veröffentlichungen hinaus erscheinen von ihm in der Zeit des Ruhestandes noch die folgenden weiteren militärischen Schriftwerke, die alle auf die ihm nach dem verlorenen Krieg notwendig erscheinenden Armeereformen gerichtet sind:

  • La situation de la France et les réformes nécessaires, Paris 1873 (108 S.)
  • La Nation armée par le Général de Division de Wimpffen, Paris 1876 (273 S.)
  • L’État-major, son rôle dans l’armée, Paris 1879

Die zweitgenannte Schrift wird einige Jahre nach ihrem Erscheinen Hauptgegenstand der nachfolgend gezeigten Farb- Karikatur des „Sedangenerals“, an die des Vergleichs dessen Gesichts wegen eine in der Bibliothéque nationale de France verwahrte Fotografie desselben angeschlossen wird:

  • Abb. A 33: Le Général de Wimpffen, Zeichnung von André Gill auf der Titelseite der literarisch-satirischen Pariser Zeitschrift „Les Hommes d’aujourd’hui“ (Die Menschen von heute) Nr. 40 (des Jahres 1879), die erstrangig auf die von diesem 1876 veröffentlichte Schrift „La Nation armée par le Général de Division de Wimpffen“ abhebt und eine Beischrift des Autors aufweist (veröffentlicht im Internet durch das „Centre de recherche et d’ Histoire de XIXe siècle“).

  • Abb. A 34: Dreiviertel-Foto von Emmanuel Félix de Wimpffen in ordensgeschmückter und degenbewehrter Gala-Uniform in etwa der ersten Hälfte der 1870er Jahre, verwahrt in der Bibliothèque nationale de France.

Die Karikatur stellt dessen höchst realistisch wiedergegebenes bebartetes Haupt in durchaus wirklichkeitsentsprechender Manier groß heraus, während der mit einem schwarzen Frack und einer roten Hose bekleidete Körper sich nach unten wachsend minimiert, womit dem Dargestellten ein Anstrich der Respektlosigkeit bis Lächerlichkeit gegeben ist. Die überkreuzten Hände halten in der Rechten einen fast körperhohen Säbel (Anspielung auf seinen Status des Militär) und in der Linken einen ebensolchen Federkiel (Anspielung auf seine eifrige militärschriftstellerische Tätigkeit). Durch die sich ergebende Überkreuzung der groß zur Schau gestellten beiden Symbolgegenstände Säbel und Federkiel will der Zeichner wohl verschlüsselt andeuten, dass der Abgebildete als (über)eifrig schreibender Militär für seine nach dem Abzug der deutschen Besatzung des Jahres 1873 sich mit der notwendigen Neuorientierung und Neuordnung schwer tuenden Nation durch seine Intentionen insofern „zum Kreuz“ werden könnte, als dessen Appell zur Verstärkung der Waffenrüstung drohten, für Frankreich Ungemach bis Unglück heraufzubeschwören.- Die Beischrift der heutigen Herausgeber lautet bezeichnenderweise: „Général du Second Empire avec ses victoires et ses défaites, augmentées d’une œvre d’essayiste (La Nation armée, 1876). – Zu Deutsch: „General des Zweiten Kaiserreiches mit seinen Siegen und seinen Niederlagen, vergrößert durch ein Schriftwerk (Die waffengerüstete Nation, 1876).“ In der linken Mittelzone des Blattes ist die folgende aus der Hand des Abgebildeten stammende – sein Schriftwerk kommentierende – Anmerkung zu finden: „Vivre au milieu des Soldats et aller à la bataille a été ma plus grande passion. Je n’ai pris la plume que pour propager mon expérience acquise par une laborieuse carrière et consacrée par de nombreux combats. Mon but est de stimuler nos organisateurs militairs, afin qu’ils fassent de la France une nation armée. Le gal (Abkürzung für Général) de Wimpffen.“ – Frei übersetzt: „Leben in der Mitte der Soldaten und in die Schlacht gehen, das ist meine größte Leidenschaft gewesen. Ich habe die Feder nicht ergriffen, um meine durch eine mühevolle Karriere erworbenen und durch zahlreiche Gefechte geweckten Erfahrungen hervorzukehren. Mein Zweck ist es, unsere Militär-Organisateure anzuregen, aus Frankreich eine waffengerüstete Nation zu machen. General de Wimpffen.“ Man sieht, dass der auf diese herabsetzende Weise der Öffentlichkeit präsentierte betagte General dem Spott nicht besser als mit der in heiligem Ernst ausgebreiteten Bekräftigung der seiner Schrift zugrundegelegten Intention der Steigerung der Wehrhaftigkeit zu begegnen versteht.

Aus der Sicht des knapp dreieinhalb Jahrzehnte später ausgebrochenen Ersten Weltkriegs erscheint sein Appell der Erziehung seiner Nation zur Wehrhaftigkeit insofern gerechtfertigt, als es Frankreichs Soldaten damals gelingt, den Angriff der über Belgien in Frankreich einbrechenden und an einen raschen Sieg glaubenden deutschen Armeen dauerhaft aufzuhalten.

Er stirbt, ohne Kinder zu hinterlassen und nachdem seine Gattin ihm bereits 5 ½ Jahre vorausgegangen ist, in seinem Wohnsitz in Paris, Boulevard Poisonnière Nr. 28, am 25. Februar 1884 in Paris an einem Schlaganfall im Alter von 72 ½ Jahren und wird dort auf dem Friedhof Père Lachaise (division 47, angle chemin du Tertre) begraben. Die

  • Abb. 35: Die Büste des steinernen Grabmonuments von General Emmanuel Félix de Wimpffen

zeigt ihn, seinem Wirken und Wesen entsprechend, uniformbewehrt und ordendekoriert. Aus der Ordenspracht sticht wieder der doppelte Ordensstern des Grand Officier de la Légion d’honneur am Hals am Band und auf der Brust ins Auge. Hinter der auf einer kranzgeschmückten hohen Rundsäule stehenden Büste erhebt sich ein schmuckloser hoher Grabstein, auf dessen oberem Halbrund in großen Lettern die Inschrift „ AFRIQUE – ARMÈE – ITALIE“ eingelassen ist. Damit sind die Plätze seines ruhmreichen Tuns herausgestellt, nicht jedoch der Ort seiner Niederlage Sedan, die ihm besonders große, wenngleich traurige, Berühmtheit eingebracht hat. H. Galli hat 1892 von den nachgelassenen Papieren diejenigen, die sich auf seinen erfolgbringenden Einsatz im Krim- und Italienkrieg beziehen, unter dem Titel „Notes et correspondences de campagne: Crimée – Italie“ herausgegeben. Natürlich konnte die da und dort sporadisch in die vorliegenden Betrachtungen einbezogene jüngste 31-seitige Untersuchung des Jahres 2012 von Jean-Pierre Allart „Le génerál de Wimpffen (1811 – 1884). L’autre homme des Sedan“, die Dr. Hans H. von Wimpffen wohl mit Recht als „die beste Arbeit“ über diesen bezeichnet, hier nicht mehr als nur bruchstückhaft eingearbeitet werden.

Wenn nunmehr der Abschluss der Schilderung des Lebens des sog. Sedangenerals sich der Zitierung deren letzten Abschnittes bedient, so um mit des Autors dort ausgedrückter Wertung einherzugehen, die bereits im Titelschluss („L’autre homme de Sedan“) anklingt: „Wenn, auch heute noch, General Wimpffen als der Mann gilt, der 1870 die Kapitulation von Sedan unterzeichnet hat, so darf man sein Dasein nicht allein auf den Tag des 1. September einschränken. Denn dieser war einer jener Militairs, die zur Kolonisation Algeriens beitrugen und der auf den europäischen Schlachtfeldern der Krim und Italiens Ruhm erwarb. Seine republikanischen Empfindungen, die jene eines aufrichtigen Menschen sind, haben ihm manche Entäuschung bereitet, und wenn er auch ein Mensch seiner Zeit bleibt, so hat er es verdient, besser bekannt zu sein.“

  1. Die siegreiche Weiterführung des Kriegs mündet in die im Spiegelsaal von Versailles ausgerufene Gründung des Deutschen Kaiserreiches unter der Führung Preußens, die in Wimpfen wie überall in diesem im Frühjahr 1871 erstmalig die Wahl zum Reichstag bringt.

Mit der gewonnenen Schlacht bei Sedan und der Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III. sollte der Krieg noch lange nicht beendet sein. Zwar zog diese die Abdankung und den Sturz des nur noch auf schwachen Füßen gestandenen französischen Kaisertums und nach Unruhen in Paris am 4. September 1870 die Ausrufung der sog. Dritten Republik mit anschließender Flucht der Kaiser-Regentin Eugénie nach London nach sich. Doch führte die nun eingesetzte provisorische französische Regierung unter dem Staatspräsidenten Adolphe Thiers die Verteidigung des Landes gegen die auf die Hauptstadt Paris vorrückenden und diese einschließenden deutschen Truppen fort. Der Innenminister Léon Gambetta, dem es gelungen war, aus dem belagerten Paris mit dem Ballon zu entkommen, rief von Tours aus zur „Levée en masse“ (Mobilmachung aller Männer) auf. Und in den bereits besetzten Gebieten führten – Wirkung des aufgelebten Patriotismus – die gefürchteten sog. Franctireurs (Freischärler) gegen die deutschen Verbände einen verlustreichen Kleinkrieg. So brauchte es noch vieler über den gesamten Rest des Jahres 1870 und den Januar des Jahres 1871 hinweg gegangener harter und von Rückschlägen nicht verschonter Kämpfe und Schlachten etwa um Amiens und Rouen in Nordwest- sowie Dijon und Belfort in Nordostfrankreich und unzähliger anderer Plätze und Landschaften, bis schließlich die Kampfhandlungen um das belagerte Paris herum eingestellt und Ende Januar 1871 ein allgemeiner Waffenstillstand mit der Regierungsdelegation unter Gambetta vereinbart werden konnte. Die eingeschlossene Festung Belfort kapituliert aber erst Mitte Februar und am 01. März 1871, an dem schließlich die westlichen Stadtteile von Paris für nur diesen einen Tag besetzt werden, kann die Ratifizierung des sog. Vorfriedens von Paris durch die Französische Nationalversammlung vorgenommen werden.[50]

Wenngleich an diesen Kampfgeschehnissen immer wieder auch hessische Verbände und mit diesen auch Wimpfener, wie z. B. bei der Einschließung von Metz (Kapitulation nach mehreren gescheiterten Ausfallversuchen erst am 27. Oktober 1870) und in der Schlacht bei Orleans an der Loire (3. – 5. Dezember 1870), beteiligt waren, kam glücklicherweise keiner der aus Wimpfen stammenden Soldaten mehr zu Tode.

Wenn hier in der

  • Abb. A 36: Karl Albert von Schott (geb. 13. 5. 1840 in Wimpfen – gest. 21. 2. 1911 in Stuttgart), Kampf um Champigny (südöstlicher Vorort von Paris) am 2. 12. 1870 , Ölgemälde, entstanden 1895,[51]

noch aus der Flut der überkommenen Kampfesdarstellungen ein Beispiel gezeigt wird, so hat das viele Gründe: Nicht nur, dass dessen bereits in den Krieg von 1866 als Offizier der württembergischen Armee gezogener Schöpfer, der Schlachtenmaler ALBERT VON SCHOTT, in Wimpfen geboren worden und dessen Mutter eine der Töchter des in Wimpfen von 1821 – 1832 tätig gewesenen Landrichters Franz Josef Weyland gewesen ist. Hinzu kommt, dass wir in Band 2, Abb. G 17b (Seite 563) und Abb. H 2c (Seite 619) bereits zwei von diesem vermutlich in den frühen 1860er Jahren geschaffenen Darstellungen der beiden Wimpfen begegnet sind. Eine ausführliche Lebensbeschreibung des Malers ist der erstgenannten der beiden Abbildungen bereits beigegeben, in der schon darauf hingewiesen ist, dass dieser in seinen letzten Lebensjahren folgendes Werk herausgegeben hat: „Karl von Schott. Der Anteil der Württemberger am Feldzuge 1870/71. Mit 63 Abbildungen nach Original-Aquarellen des Verfassers“; Stuttgart: Union Deutsche Verlagsanstalt, o. J. (1908). Karl Albert von Schott war auch wieder Kombattant des Krieges von 1870/71 und seine vor Ort gemachten Skizzen und Zeichnungen bildeten später die Grundlage für seine großen den Kriegsereignissen geltenden Gemälde und Mappenwerke.[52] Dazuhin ist später in Kapitel L (siehe dort die Abb. L 11) noch eine aus der Hand desselben stammende große instruktive historische Darstellung des Jahres 1896 von Wimpfen am Berg, gesehen von den Öläckern her her, zu Gesicht zu bringen, deren Eindatierung wie auch gewisse Gebäude-Details allerdings dort kritischer Interpretation bedarf.

Der Krieg ist noch voll im Gange, als am 15. bzw. 23. und 25. November 1870 bereits unter den begeisternden Erfolgen der vereinigten deutschen Armeen vom Kanzler des nach dem Kriege von 1866 zustande gekommenen Norddeutschen Bundes Otto von Bismarck der erste Schritt zu der von diesem mit Vehemenz angestrebten Vereinigung aller deutschen Staaten getan wird: die Vereinbarung zwischen dem Norddeutschen Bund und den Großherzogtümern Baden und Hessen, letzteres jetzt in seiner Gesamtheit mit den bislang ausgeschlossen gewesenen Provinzen südlich des Mains Rheinhessen und Starkenburg, wozu auch die Exklave Wimpfen gehört, schließlich auch mit den zögerlichen Königreichen Bayern und Württemberg über die Gründung des Deutschen Bundes und die Annahme der Bundesverfassung. Bereits am 1. Januar 1871 ist mit dem Inkrafttreten der Reichsverfassung das Deutsche Reich offiziell begründet. Dieser Vorgang wird gekrönt durch die in das Prachtschloss Ludwigs XIV. Versailles im Südwesten von Paris gelegte großartig-feierliche Proklamation des Königs Wilhelm von Preußen zum Deutschen Kaiser, die am 18. Januar 1871 stattfindet und das französische Volk demütigt, die Deutschen aber in Jubelstimmung über den Vollzug der ersehnten Einigung und deren Sieg über Frankreich versetzt. Dieses Großereignis ist von dem bereits im Zusammenhang mit den nächtlichen Kapitulationsverhandlungen in Donchery bei Sedan vorgestellten Großen der vaterländischen Malkunst ANTON VON WERNER u. a. folgendermaßen dargestellt worden:

  • Abb. A 37: Gerahmte Darstellung der Kaiserproklamation im Schloss von Versailles am 18. Januar 1871 nach einer Bildschöpfung des Anton von Werner (1843 – 1915) von 1880.[53]

Diese Darstellung hat, wie auch derartige solche anderer Künstler, in viele der Hauswesen des nunmehrigen Deutschen Kaiserreiches als vaterländischer Bildschmuck Einzug gehalten.

Es folgt am 1. März 1871 die Ratifikation des sog. Vorfriedens von Paris durch die Französische Nationalversammlung und am 10. Mai 1871 schließlich der Friede zu Frankfurt, der die Festlegungen des Präliminarfriedens von Versailles und damit die Abtretung des Elsass (außer Belfort) und Lothringen sowie die stufenweise Zahlung einer Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Francs (in Gold) bestätigt. Was sich im Zuge der Begründung des Deutschen Kaiserreiches vor Ort“, d. h. in Wimpfen selbst, tut, das ist zunächst die bereits am 3. März 1871 durchgeführte Wahl zum Deutschen Reichstag. Nach dem Muster des Wahlgesetzes zum Deutschen Bund steht im neugegründeten Deutschen Reich, das einen 25 Staaten („Länder“) umfassenden Bundesstaat in der Staatsform einer Konstitutionellen Monarchie unter dem Deutschen Kaiser Wilhelm I. darstellt, jedem männlichen Einwohner ab dem 25. Lebensjahr (außer Militärangehörigen, Empfängern von Armenunterstützung und Menschen mit eingeschränkter Dispositionsfähigkeit oder aberkannten Ehrenrechten) das Recht der Beteiligung an der Wahl zum Reichstag des Deutschen Reiches als der Vertretung des Volkes zu. Anders als bislang und auch künftig bei den vom restriktiven Dreiklassenwahlrecht beeinflussten Wahlen zum hessischen Landtag sowie zum Gemeinderat, wird dieser – Zugeständnis des Erzkonservatinen Bismarck gegenüber den Liberalen mit dem Ziel, die revolutionären Krafte in Deutschland und deren demokratischen Grundsätze gleichsam von oben durch die Regierung in den Staat einzubauen – nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht gewählt. In Verbindung mit dem von den Ländern bestimmten Bundesrat steht dem Reichstag das Recht der Gesetzgebung und der Genehmigung des Reichshaushaltes zu, wenngleich dieser wenig Einfluss darauf hat, da der vom Kaiser ernannte Reichskanzler Otto von Bismarck diesem nicht verantwortlich ist.

Zur Vorbereitung dieser erstmaligen gesamtdeutschen Wahl werden im Reich 382 Reichstagswahlkreise mit einem ungefähr jeweils gleichgroßen Bevölkerungsanteil von je rund 100.000 gebildet, in denen je ein Reichstagsabgeordneter nach dem absoluten Mehrheitswahlrecht zu wählen ist. Gewählt ist also, wer 50 % der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen kann. Erreicht keiner der Kandidaten diesen Anteil, entscheidet eine Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten. Das Großherzogtum Hessen ist nach dem Muster der dort 1868 vorausgegangenen Wahlen zum Deutschen Zollparlament in 9 Wahlkreise eingeteilt. Der Exklavenkreis Wimpfen, bestehend aus den Teilorten Wimpfen am Berg, Wimpfen im Tal, Hohenstadt, Helmhof und Forsthaus sowie dem hessischen Teil von Kürnbach, gehört dem hessischen Reichsstagswahlkreis Nr. 7 an, der den Namen „Worms-Heppenheim-Wimpfen“ führt und aus den folgenden Kreisbereichen bzw. Gemeinden zusammengesetzt ist:

  • dem Kreis Worms;
  • 12 (südwärtigen) Gemarkungen des Kreises Bensheim: Bobstadt, Bürstadt, Boxheimer Hof, Groß-Hausen, Hofheim, Klein-Hausen, Lampertheim, Biedensand, Seehof, Wildbahn, Lorsch, Lorscher Wald;
  • 15 (südwärtigen) Gemarkungen des Kreises Heppenheim: Darsberg, Erbach, Grein, Heppenheim, Hirschhorn, Kirschhausen, Langenthal, Neckar-Hausen, Neckar-Steinach, Ober-Hambach, Ober-Laudenbach, Sonderbach, Unter-Hambach, Viernheim, Wald-Erlenbach;
  • dem Kreis Wimpfen.

Der Großherzogliche Kreisrat FRIEDRICH GRÄFF zu Heppenheim wird zum Wahlkommissär bestimmt. Der genannte Wahlkreis wird in sog. Wahlbezirke unterteilt. Der Kreis Wimpfen mit den o. g. Teilorten bildet einen einzigen Wahlbezirk mit Ausnahme von hessisch Kürnbach, das einen eigenen Wahlbezirk umfasst. BÜRGERMEISTER FRIEDRICH ERNST wird im Wimpfener Bezirk zum Wahlvorsteher, zu seinem Stellvertreter der BEIGEORDNETE FRIERICH KLENK bestimmt. Die Wahlen finden „auf dem Gemeindehause“ am 3. März 1871 von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr nachmittags statt. Es sind Wählerlisten nach einem vorgedruckten Schema zu erstellen und diese auf dem Gemeindehause zu jedermanns Einsicht vom 19. bis 26. Januar 1871 auszulegen sowie bis zum 10. Februar 1871 mit der Unterschriift des Bürgermeisters abzuschließen. Glücklicherweise ist diese Wählerliste und sind auch diejenigen bis zum Jahr 1887 erhalten geblieben. Diejenige der ersten Reichstagswahl soll hier in Gänze wiedergegeben werden, weil sie nicht nur Einblick in die Wahlbeteiligung (siehe in der zweitletzten Spalte „gew.“), sondern auch in die Namens-, Alters- und Berufsstrukturen der Zeit um den Beginn des Kaiserreiches bietet:

Unter Anrechnung der Einfügungen von Namen sowie der Auslassungen von Nummern sowie der Ausstreichung eines Namens beträgt die wirkliche Summe der Wahlberechtigten 607. Hinsichtlich der Wahlbeteiligung ergibt sich folgendes Bild:

Leider sind über diese Wahl zum Ersten Reichstags, was den Wahlbezirk Wimpfen betrifft, weitere direkte Fakten, so etwa solche, die auf einen vorangegangenen Wahlkampf der angetretenen Parteien hinweisen könnten, nicht mehr greifbar. Hauptkandidat und Gewinner der absoluten Mehrheit im Wahlkreis Worms-Heppenheim-Wimpfen mit 8.193 von insgesamt 13.477 abgegebenen Stimmen (60,9 %) war der Jurist und ehemalige Angehörige der I. Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen von 1851 bis 1866, damals Kreisrat in Worms sowie Mitglied des Deutschen Zollparlaments JOHANN PFANNEBECKER (1808 – 1882). Dieser gehörte der damals die Hauptstütze des Reichskanzlers Bismarck darstellenden Nationalliberalen Partei (NLP) an, die im Reichsgebiet mit 30,1 % die meisten Wählerstimmen erhielt und im Reichstag mit 119 Sitzen die meisten Abgeordneten vor der dem Kanzler gar nicht gewogenen (die Katholiken und den Katholizismus vertretenden) Zentrumspartei (ZP) mit 18,6% bzw. 60 Sitzen stellte. Der diesem „Zentrum“ angehörende wichtigste Mitkandidat war der katholische hessische Staatsrat und Opponent Bismarcks ARNOLD FREIHERR VON BIEGELEBEN, der seit 1868 Abgeordneter der Zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen war und dort den Wahlbezirk Heppenheim vertrat und dem nur 4.828 Stimmen, das sind 35,9 %, zufielen. Während die Wahlbeteiligung im Wahlkreis Worms-Heppenheim-Wimpfen in Höhe von 74 %, gemessen an der nur 50,7 % betragenen solchen im Gesamtgebiet des Deutschen Reiches, als ausnehmend hoch einzuschätzen ist, springt bei der Betrachtung der letzten Spalte der vorstehenden Übersicht „Anteil der abgegebenen Stimmen in %“ ins Auge, dass die Wahlbeteiligung im Wahlbezirk Wimpfen mit 48,76 % demgegenüber weit zurück lag und zudem innerhalb der Teilorte extrem differierte: In Wimpfen im Tal kamen zur Stimmabgabe nur 37,21 %, in Hohenstadt kam kein Einziger der 47 Wahlberechtigten, in Helmhof mit Forsthaus nur ein Einziger solcher. Allerdings lag die Gesamtgemeinde Wimpfen mit ihren knappen 49 % nur wenig hinter dem mageren Gesamtergebnis des Deutschen Reiches von nur 50,7 % zurück. Der Grund für das Zurückhinken von Wimpfen im Tal und erst recht von Hohenstadt und Helmhof liegt sicherlich hauptsächlich darin, dass es nur ein Wahllokal gab, das sich im Rathaus in Wimpfen am Berg befand. Somit hatten die Wahlberechtigten der Teilorte, wenn sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen wollten, weiteste Wege zurückzulegen. Dass allerdings auch bei dieser raschestens und unverhofft anberaumten ersten Reichstagswahl bei den Menschen darüber hinaus noch kein rechtes politisches Bewusstsein der Bedeutung dieser Wahl, der bereits am 21. März 1870 die Eröffnung des ersten (für 3 Jahre gewählten) Reichstages in der nunmehrigen Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches Berlin folgt, vorhanden ist, das zeigt der Vorausblick auf die nächste Reichstagswahl des Jahres 1874, die eine Wahlbeteiligung von sage und schreibe beinahe 85 Prozent erbringen wird! An späteren Stellen wird denn auch das Nötige über die im Reichstag vertretenen verschiedenen anderen Parteien und sowie ihre politischen Zielsetzungen gesagt werden.

Fehlendes Bewusstsein für die nunmehr für die Menschen angebrochene neue Zeit des Lebens in einem unter der Krone des DEUTSCHEN KAISERS und gleichzeitig KÖNIGS VON PREUßEN WILHELM I. stehenden vereinten neuen (zweiten) Deutschen Reich atmet auch die karg anmutende – allein auf den erlangten sieggekrönten Frieden gerichtete – Eintragung des PFARRERS WILHELM SCRIBA in die Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde für das abgelaufene Jahre 1871:

„Friede sei mit Euch! Diesen Segenswunsch des Herrn dürfen wir als Überschrift diesem Jahre geben, da der langersehnte und blutig erfochtene, aber auch für unser Volk ehrenvolle und gesegnete Friede in diesem Jahre geschlossen wurde. Die kirchliche Friedensfeier fand, wie im ganzen deutschen Vaterlande, auch bei uns am 18. Juni statt. Zu den Nachwehen des Krieges gehörte auch die, daß vom April bis zum Spätsommer die Pockenkrankheit dahier herrschte und von etwa 50 Erkrankten 5 der Krankheit erlagen, welche aus dem Sterbe-Protokoll zu ersehen sind. Es wurde eine Revaccination (A. d. V.: Wiederimpfung) angeordnet und hat sich herausgestellt, daß von den Wiedergeimpften Niemand von der Krankheit ergriffen wurde. – Den 17. und 18. Mai traten Nachtfröste ein, wodurch die Aussichten auf Obst und Wein beinahe vernichtet wurden. Die Ernte gab sonst den Ertrag eines guten Mitteljahres. Die wenigen Trauben wurden am 23. – 25. Okt. gelesen.“

Überhaupt ist uns über örtliche Vorkommnisse, die mit dem Krieg von 1870/71 zusammenhängen, wenig erhalten, zumal von der seit Ende März 1869 in Wimpfen bestehenden wöchentlich dreimal erscheinenden Ortszeitung, dem „Wimpfener Bote“ aus den ersten drei Jahren nur wenige Nummern erhalten geblieben sind. Aus den Gemeinderatsprotokollen erfahren wir immerhin Folgendes:

– Mitte Oktober 1870, nachdem nach vielwöchiger Belagerung mit Beschießung die Stadt und Feste Straßburg kapituliert hat, beschließt der Gemeinderat mit Rücksicht auf die gemeinsame Vergangenheit als ehemalige Reichsstadt des Schwäbischen Städtekreises zur Linderung des dort entstandenen großen Notstandes aus der Gemeindekasse 250 fl zu spenden.

– Im Laufe der zweiten Hälfte des Jahres 1870 sowie in den Jahren 1871 und 1872 wird einer Reihe von städtischen Bediensteten mit Rücksicht auf die im Gefolge des Krieges eingetretetene Teurung eine Besoldungszulage gewährt, im Sommer des letztgenannten Jahre auch allen Lehrern der vier Volksschulen.

– Im Februar 1871 wird dem Ludwig Dengel, der sich mit seiner Familie mehrere Jahre in Frankreich aufgehalten hat, durch den Krieg dort ausgewiesen worden und über Köln jetzt vermögens- und arbeitslos in seinen Heimatort zurückgekehrt ist, ein Vorschuss in Höhe von 20 fl gewährt.

– Anfang März wird beschlossen, dass jeder nach Frankreich ausgezogene Soldat 5 fl 15 kr Unterstützung von der Bürgermeisterei erhalten soll.

– Im ausgehenden April erhält Lazarus Bär Vergütungen für geleistete Vorspanndienste (Kriegsfuhren) in Höhe von 7 fl pro Tag.

– Anfang Juli beschließt der Gemeinderat, dass „in Anbetracht des schweren Krieges und der tapferen Haltung unseres Militärs“ sämtliche hierher zurückgekehrten Soldaten zu einem Nachtessen eingeladen werden und weitere 5 fl erhalten. Den in Garnison Befindlichen soll das Geld zugeschickt werden.

– Ausgangs Juli soll die Gemeinde zum Eisenbahnbau 3.000 fl an die hessische Staatskasse beisteuern. Wegen des errichtet gewesenen Lazaretts und der geleisteten Vorspanndienste kann die Stadtkasse die Summe nicht aufbringen und so nimmt man zu diesem Zweck unüblicherweise bei Friedrich Klenk ein Kapital von 2.000 fl auf.

Nicht übersehen werden darf der Umstand, dass der Deutsch-Französische Krieg durch die Abwesenheit einer Vielzahl junger Männer im Jahre 1871 einen erheblichen Rückgang der Geburtenrate und somit statt des üblichen sog. Geburtenüberschusses einen Überhang der Sterberate gegenüber der Geburtenrate gebracht hat. Siehe hierzu die nachfolgende gezeigte Übersicht, die auf der Basis der Geburts- und Sterberegister der Evangelischen sowie Katholischen Kirchengemeinde erstellt worden ist:

Die letzten in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kriege stehenden örtlichen Ereignisse bilden im Sommer 1873 der Rücktransport der in Frankreich bis zur Erfüllung der Kriegkostenzahlungen verbliebenen deutschen Truppenverbände. Diese bringen laut den Berichten im „Wimpfener Bote“ von Ende Juli bis Anfang August 1873 laufend den Bahnhof passierende Extrazüge mit bayrischen Soldaten, zunächst Infanterie mit Munitionswagen, dann einige hundert Mann Chevauxlegers mit Pferden und Bagagewagen und eine Sanitätskompanie mit Sanitäts- und Doktorwagen, schließlich wieder Infanterie nebst 24 Musikanten und mehreren Sanitäts- und Munitionswagen sowie 500 Mann am 5. August.

4. Die Reichsgründung weckt die – allerdings unrealisiert bleibende – Idee der Beseitigung des als verantwortlich für das Stagnieren der Weiterentwicklung Wimpfens empfundenen Enklavendaseins durch die Abtretung an Württemberg unter Zuerkennung der Eigenschaft einer Bezirksstadt.

Die Vorstellung der mit dem Deutsch-Französischen Krieg zusammenhängenden örtlichen Ereignisse kann nicht abgeschlossen werden, ohne den Blick auf den Sektor der verwaltungspolitischen, d. h. die mit den hessischen Regierungs- und Verwaltungsbehörden zusammenhängenden, Geschehnisse dieses Zeitraums zu lenken. Da ist zunächst auf einige kurz vor dem Kriege eingetretene Ereignisse hinzuweisen, die sämtliche mit der Eigenschaft Wimpfens als Sitz eines ihm durch seine Exklaveneigenschaft zugestandenen Kreisamtes zusammenhängen:

  • Am 10. 04. 1869 wird nach 40-jähriger Dienstzeit der seit 1853 tätige LANDRICHTER DR. KONRAD HEYER auf sein Nachsuchen pensioniert und mit dem Ritterkreuz 1. Klasse des Philipps-Ordens ausgezeichnet.
  • Zu seinem Nachfolger wird mit Wirkung vom 10. 04. 1969 LANDRICHTER FRANZ CARL WILHELM CESSNER bestellt. Die persönlichen und dienstlichen Daten desselben sind:[54]
  • geboren in Gießen am 10. 01. 1813, katholisch;
  • am 31. 01. 1831 Heirat mit Maria Therese Hermine Wiegand, geb. 17. 04. 1897 in Fulda, Tochter von Medizinalrat Dr. Ignaz Wiegand u. Hermine Dittmar, beide zuletzt in Fulda; Eltern: Johann Matthias Cessner, Rechnungsrat und Maria Susanna Glaser, beide zuletzt Gießen;
    – zunächst Hofgerichts-Sekretariats-Akzessist,
    – ab 11. 07. 1845 Assessor mit Stimme beim Landgericht Altenschlirf,
    – ab 28. 04. 1849 an das Landgericht Schotten versetzt,
    – ab 06. 04. 1853 Assessor am Landgericht Großkarben und Vilbel,
    – 1862/63 Assessor in Hungen,
    – ab 02. 06. 1863 Landrichter in Ulrichstein.
  • Im März 1870 erlässt Ludwig III. von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein etc. ein von den Landständen beschlossenes Gesetz zur Errichtung von Kreiskassen zur Bestreitung (insbesondere im Falle einer Mobilmachung entstehender) kreisbezogener Kosten der verschiedensten Art, von dem der Kreis Wimpfen als einziger im Großherzogtum – durchaus vom Bürgermeister und Gemeinderat akzepziert – ausgenommen bleibt.
  • Am 5. April 1870 stirbt der seit Mai 1852 (also 18 Jahre) in Wimpfen tätig gewesene KREISRAT REGIERUNGSRAT DR. FRIEDRICH GUSTAV SPAMER im Alter von 67 Jahren. Dies verursacht in Wimpfen Besorgnis, weil in der Ständekammer bereits zuvor beantragt worden ist, das (kleinste) Kreisamt Wimpfen (des Großherzogtums Hessen) aufzuheben. So sieht sich BÜRGERMEISTER ERNST veranlasst, nach Darmstadt zu reisen „und Erkundigungen darüber einzuziehen“. Das Ergebnis ist, dass bereits durch Dekret des Großherzogs und des Innenministers Dalwigk vom 23. April 1870 zum Nachfolger der schon pensioniert gewesene REGIERUNGSRAT CARL FUHR mit einem jährlichen Gehalt von 1.600 Gulden (davon 1.200 fl zu Lasten des Budgets und 400 fl zu Lasten des Pensionsfonds) vom Tage des Dekrets an bestimmt ist. Durch diese Regelung behält Wimpfen zwar (mindestens vorläufig) seine Kreiseigenschaft. Doch wird die Stelle, wie dies bereits früher im Falle des LANDRATES HEINRICH BEECKE (1821 – 1832) und des KREISRATES FERDINAND FREIHERR VON STEIN (1836 – 1848) der Fall gewesen ist, mit einem bereits pensioniert gewesenen Nachfolger besetzt. Dieser Umstand geht aus den dienstlichen Daten hervor[55]. Hiernach war der neue KREISRAT CARL FUHR:
    – zunächst Hofgericht-Sekretariats-Akzessist, Landratsvikar zu Vöhl;
    – ab 30. 08. 1832 Kreissekretär des Kreises Friedberg,
    – ab 22. 10. 1842 Kreisrat des Kreises Alsfeld,
    – ab 01. 08. 1848 Dirigent der Regierungskommission zu Nidda,
    – ab 12. 05. 1852 Kreisrat des Kreises Vöhl,
    – ab 02. 01. 1867 pensioniert gewesen.

Der Ernannte tritt seinen Dienst am 23. Mai 1870 an und wohnt wie seine Vorgänger in der im Obersten Stockwerk des Rathauses befindlichen Dienstwohnung.

Auch wenn die Wiederbesetzung der Stelle des Kreisrates erfolgt war, so verhieß eine solche mit einem bereits pensioniert Gewesenen nichts Gutes; denn man musste damit rechnen, dass binnen kurz oder lang denn doch der Verlust der Kreiseigenschaft anstehen werde. Somit ist es verständlich, dass, beflügelt von der Vereinigung der Länder Deutschlands durch die Gründung des Deutschen Kaiserreiches, lange zurückgehaltene Regungen der Loslösung vom Großherzogtum Hessen und damit der Beendigung des (bezogen auf Baden und Württemberg) Enklaven- und (bezogen auf Hessen) Exklavendaseins wahrzumachen versucht wurden. Darauf weist jedenfalls ein im Wimpfener Stadtarchiv vermutlich von Stadtarchivar Oberreallehrer Heinrich Volz um 1930 aufgefundener und in Schreibmaschinenschrift übertragener Entwurf zweier Schreiben hin, deren weder Datum noch Unterschrift tragenden Originale leider verschollen sind. Die Texte seien zunächst ohne Vorkommentar in ihrer Gänze wiedergegeben:

  1. Text:

„E n t w u r f

An Großherzogliches Ministerium des Innern zu Darmstadt!

Die unterthänigst Unterzeichneten glauben sich keiner Verletzung ihrer Unterthanenpflicht schuldig zu machen, wenn sie angesichts der Veränderungen, welche durch den Krieg in unserem deutschen Vaterland hervorgerufen worden sind, und im Gefolge des Friedensschlusses möglicherweise noch eintreten werden, die Aufmerksamkeit Einer hohen Regierung auf die Zustände von Wimpfen zu lenken und die Frage aufzuwerfen sich gehorsamst erlauben, ob nicht im Wege der Unterhandlung mit den Nachbarstaaten Württemberg und Baden unter Vermittlung der Reichsregierung das so vielfach unzuträgliche Enclave-Verhältniß anderweitig geordnet werden könnte?

Hohe Staatsregierung wolle uns gestatten, in Kürze darzulegen, was uns diesen Gedanken aufdrängt und glauben läßt, daß auch Eine hohe Regierung, wenn nicht im Interesse an seiner Ausführung, so doch keinen Grund habe, ihn übel aufzunehmen.

Wie unsre alte Reichsstadt im Jahr 1803 in den Besitz des Großherzogthums gekommen, ist bekannt. In jener Zeit und bis zur Gründung des Zollvereins war die Zersplitterung, die Abgetrenntheit von unserer Umgebung, wenn auch mannigfach vom Uebel, so doch eine – vom Standpunkt abstracter Gesetzlichkeit freilich trüb fließende – Quelle der Prosperität, und dieser Umstand, in Verbindung mit der Entdeckung unserer Salzquelle machte den Besitz Wimpfens zu einem sehr werthvollen für das Großherzogthum. Durch das Fallen der Zollschranken, neuerdings durch die Aufhebung des Salzzehntens und die Eröffnung der Eisenbahn ist aber dieß Alles für uns wie für das Großherzogthum wesentlich anders geworden und die Folgen unseres Enclaveverhältnisses sind bloß noch nachtheiliger Art. In einer Zeit, wo Alles sich zusammenschließt, sind wir nur in äußerlichem Zusammenhang mit unserer unmittelbaren Nachbarschaft und das Mutterland hat wenig Interesse mehr an der Pflege der Beziehungen zu uns.

Tathsache ist, daß die Einwohnerzahl des Kreises (ca. 3.000), abgesehen von der Zählung von 1867, wo viele Eisenbahnarbeiter da waren, stationär bleibt, ja sogar abnimmt, wie denn seit vielen Jahren keine Neubauten vorkamen als etwa bei Brandfällen. Tathsache ist auch, daß die Steuerkraft, die Erwerbs- und Creditfähigkeit sinkt und das öffentliche Leben täglich mehr verkümmert.

Man sollte gewiß meinen, daß ein Ort von fast 2.400 Einwohner, in einer Gegend von seltener Schönheit, an einer lebhaften Wasserstraße und Eisenbahn, mit einem bedeutenden Gemeindevermögen wachsen und gedeihen müsse. Die umgekehrte Erscheinung kommt lediglich auf Rechnung unserer politisch isolirten Lage.

Während Wimpfen als Theil eines geschlossenen Ganzen naturgemäß der Sitz vieler Behörden sein müßte, Verwaltung und Rechtsprechung wenigstens leicht zugänglich und dabei so wohl gepflegt und beaufsichtigt sein müßten, wie sie es tathsächlich nicht sind, finden wir uns in den wichtigsten Dingen an entfernte Behörden gewiesen, die unsere Verhältnisse nicht kennen und die Aemter, welche man nicht vermeiden kann, hier zu halten, werden – der Kleinheit der Verhältnisse entsprechend besetzt und kontrollirt. Dabei ist es zu befürchten, daß die bevorstehende Organisation der Gerichte und des Verfahrens dieses Verhältniß noch schlimmer machen werden, sofern die Tendenz besteht, alle größeren Sachen an Collegialgerichte zu weisen, von denen natürlich in Wimpfen keines errichtet werden kann.

Fast noch wichtiger ist ein anderer Umstand. Während nämlich Wimpfen ein ausnehmend geeigneter Platz für Schulen höherer Gattung wäre, müssen wir, zumal auch die Volksschule Vieles zu wünschen übrig läßt, unsere Kinder in entfernte Orte schicken und es kann sich daher Niemand entschließen, in unserem Städtchen, das doch sonst so viel Anziehungskraft hätte, seinen Aufenthalt zu nehmen.

In politischen Dingen endlich, namentlich bei Wahlen, sind wir zusammengelegt mit Bezirken, die ganz verschiedene Interessen haben und, wie die neueste Reichstagswahl gezeigt hat, uns nahezu als nicht vorhanden betrachten. Theilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit ist die natürliche Folge.

Beim besten Willen kann das Mutterland das nicht ändern; unwillkürlich muß die nöthige Fürsorge für die Interessen des kleinen, für die Staatsverwaltung fast lästigen Bezirks fehlen, wie wir denn auch seit 1849 nicht das Glück gehabt haben, unsern allergnädigten Landesherrn zu sehen. Was Wunder daher, daß die Gewerbebank der Stadt Heilbronn, auf die wir doch angewiesen sind, in Folge der mit unserer Rechtspflege gemachten Erfahrungen förmlich Beschluß gefaßt haben, keinen Credit mehr nach Wimpfen zu geben.

Diese Gründe müssen in uns den Wunsch nach einer Aenderung unserer politischen Lage wach rufen, sind aber auch genügend, um dem Mutterlande die Trennung leicht zu machen.

Wenn wir uns nicht irren in der Annahme, daß jetzt Gelegenheit geboten ist, für das Großherzogthum Hessen einen wünschenswerthen Ersatz und für uns eine den geschilderten Interessen zusagende Stellung zu Einem der Nachbarstaaten zu erlangen, so dürfen wir gewiß hoffen, mit unserem Vortrag nicht mißverstanden zu werden.

Von den beiden uns umgebenden Staaten wäre es nun wohl Württemberg, das am leichtesten durch passende Gestaltung seiner Nachbarbezirke uns alle Vortheile einer Bezirksstadt zuwenden könnte, die wir bisher entbehren und wir zweifeln nicht, daß es der väterlichen Fürsorge einer erlauchten Regierung, deren Weisheit wir vertrauen, gelingen werde, diese Vortheile, in deren Aussicht hauptsächlich wir uns entschließen können, die sonst liebe Verbindung mit Hessen aufzugeben, bei der etwaigen Abtretung uns zu sichern, wie es gewiß auch Mittel gibt, im Weg des Staatsvertrags die etwa collidirenden Interessen der Saline wahrzunehmen und zu sichern.

In der zuversichtlichen Hoffnung, daß Großh. Ministerium unserer freimüthigen Bitte ein freundliches Gehör schenken werde, verharren wir unterthänigst“

  1. Text:

„Sr. Exzellenz dem Grafen v. Bismarck – Schönhausen, Kanzler des deutschen Reiches!

Euer Exzellenz

nahen sich die unterzeichneten Bewohner der großherzoglich Hessischen Gemeinde Wimpfen mit ebenso ehrerbietigen als herzlichen Glückwünschen dazu, daß es Euer Exzellenz vergönnt war, des deutschen Reiches Einheit und Macht in einer Fülle wieder herzustellen, wie sie das deutsche Volk und insbesondere die ehemalige Reichsstadt Wimpfen nicht gekannt haben. Welch’ großen Antheil an dem hohen Werk Euer Exzellenz gebührt: die Geschichte schreibt es mit ehernem Griffel in ihre Tafeln ein und ein dankbares Volk überliefert den Namen Euer Exzellenz untrennbar von denen des ruhmreichen Kaisers Majestät und der heldenmüthigen Führer unseres tapferen Heeres von Generation zu Generation.

Je kleiner aber, je zersplitterter das Staatswesen, desto größer war das Bedürfnis, desto fühlbarer der Mangel einer starken Reichsgewalt, und desto hoffnungsreicher wenden sich die Blicke der neu erstandenen Reichsregierung zu mit der Zuversicht, daß sie, so weit es an ihr liegt, die einzelnen Glieder des Reiches, die im Laufe der Zeit, gewaltsam oder zufällig, so vielfach ein- und ausgerenkt worden sind, zu einer gesunden Gestaltung bringen werden.

Unser Städtchen, welches im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 dem Großherzogthum Baden, dann im Weg des Tausches dem Großherzogthum Hessen zugewiesen wurde, befindet sich in der ganz unnatürlichen Lage einer Enclave zwischen Baden und Württemberg.

Welche Inconvenienzen ein solcher Zustand mit sich führt, ist zu bekannt, als daß wir viel darüber sagen dürften und wir halten daher auch mit speciellen Klagen hier zurück.

Euer Exzellenz belieben aus der beigelegten Abschrift einer Eingabe an unsere hohe Regierung zu ersehen, daß wir, in schuldiger Loyalität allerdings, aber doch unumwunden das Bedürfniß unseres Landstrichs und den Wunsch nach Anschluß an Einen der Nachbarstaaten, namentlich wenn gewisse Voraussetzungen für unser Besserbefinden von demselben erfüllt werden können, ausgesprochen haben.

Wenn Euer Exzellenz mitten unter den gewaltigsten Arbeiten einen Augenblick finden, um die Vermittlung der Reichsregierung für das Zustandekommen der angedeuteten Uebereinkunft der Nachbarstaaten eintreten zu lassen, so werden Euer Exzellenz das Wohl eines, wenn auch kleineren, aber doch wichtigen Theiles von Süddeutschland gesichert und die im Volke keimende Anhänglichkeit an Kaiser und Reich mächtig gefördert haben.

Wir verharren in tiefster Ehrerbietung.“

Der Transkriptor oder vielleicht auch ein späterer Entdecker dieses aus der Sicht der Behörden brisanten Schriftsatzes fügt diesem in Schreibmaschinenschrift auf der Rückseite Folgendes bei:

Anmerkung

Auf Grund einer Bleistiftnotiz ist zu vermuten, daß die Eingabe von Professor Eck verfasst worden ist. Es ist nicht bekannt und auch nicht aktenkundig, ob eine Neuregelung der Wimpfener Verhältnisse in dieser Form angestrebt worden ist. Es ist jedoch anzunehmen, dass die feststellbare Initiative des Hessischen Staates in Wimpfener Angelegenheiten (Gründung der Realschule usw.) – etwa um diese Zeit – auf die Stimmung in der Wimpfener Bevölkerung zurückgeht, die in der Denkschrift zum Ausdruck kommt.“

Was den ersten Satz der „Anmerkung“ betrifft, so kann PROFESSOR ECK, den wir in Wimpfen als Lehrer an der Realschule erst von 1885 ab finden, die undatierten Briefentwürfe nicht verfasst haben. Denn diese dürften ganz eindeutig in den Monaten nach der am 3. März 1871 stattgefundenen Reichstagswahl verfasst worden sein. Nachweise dafür ergeben sich vor allem durch die folgenden Textstellen, denen als Beleg hier in Klammer jeweils die Zudatierung beigefügt ist:

  • „durch den Krieg in unserem deutschen Vaterland“ (gemeint der Krieg von 1870/71);
  • „angesichts der Veränderungen, welche durch den Krieg (von 1870/71) … und im Gefolge des Friedensschlusses (vom 10. 05. 1871) möglicherweise noch eintreten werden“;
  • „neuerdings durch die (1867 erfolgte) Aufhebung des Salzzehnten“;
  • „die neueste Reichstagswahl“ (vom 3. 3. 1871);
  • ganz abgesehen von den im zweiten Schreiben dem „Kanzler des deutschen Reiches“ dargebrachten Glückwünsche für das Gelingen der Herstellung „des deutschen Reiches Einheit und Macht“.

Die Bezeichnung „Eingabe“ induziert irrtümlicherweise, dass die Schriftsätze an die beiden Adressaten, nämlich an das Großherzoglich-hessische Ministerium des Innern sowie Reichskanzler Bismarck [dann natürlich auch versehen mit den Unterschrift(en) des Bürgermeisters und Gemeinderates oder gar eines Teils oder aller Bürger], tatsächlich abgegangen sind. Das ist aber nicht anzunehmen und bleibt auch beim Schreiber der Anmerkung offen („Es ist nicht bekannt und auch nicht aktenkundig“); denn die Schriftsätze sind ja mit „Entwurf“ betitelt. Und in der Tat enthalten weder die Gemeinderatsprotokolle noch die Pfarrchroniken von 1871 ff. irgendwelche Spuren einer Initiative solch gewichtiger Art, die sicher ja auch amtliche Antwortschreiben etc. nach sich gezogen hätte. Somit erscheint es sicher, dass es bei dem Entwurf (ob eines Einzelnen oder einer kleineren oder gar größeren Gruppe, muss offen bleiben) geblieben ist.

Auch wenn die beabsichtigte Initiative, welche bei Absendung der Schreiben die erste dieser Art im 1802/03 begonnenen Zeitraum von Wimpfens Exklavenstatus gewesen wäre, in den Anfängen stecken geblieben ist, so spiegeln die vorgebrachten Argumente sowohl die Missgestimmtheit zumindest kritisch denkender Zeitgenossen als auch die Faktenlage, sprich den bereits in Band 2, Unterkapitel G 11, S. 539 – 551, sowie H 4, S. 610 – 610, dargelegten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Stillstand Wimpfens, wider:

  • völlige Stagnation der Bautätigkeit und der Einwohnerzahl;
  • unzureichend-schlechte Besetzung und Kontrolle der wenigen vorhandenen Kreisämter;
  • Sinken der Steuerkraft und der Erwerbs- und Kreditfähigkeit, Verkümmern des öffentlichen Leben;
  • fehlende höhere Schulen; Vereinigung in politischen Dingen mit desinteressierten entfernten Wahlkreisen;
  • mangelndes Interesse des Mutterlandes an der Pflege der Beziehungen;
  • Ausbleiben eines Herrscherbesuches seit 1849;
  • fehlende Kreditvergabe nach Wimpfen seitens der unentbehrlichen Gewerbebank Heilbronn infolge schlechter Erfahrungen mit der örtlichen Rechtspflege.

Eingeschoben in die Darlegung der Misshelligkeiten findet sich als Grundtenor der Ursachendarlegung der Hinweis auf:

  • „das unzuträgliche Enclave-Verhältnis“;
  • „das Mutterland hat wenig Interesse mehr an der Pflege der Beziehungen zu uns“;
  • „kommt lediglich auf Rechnung unserer politisch isolierten Lage“.

Schlüsselsätze der Argumentation in Richtung Loslösung:

  • „Beim besten Willen kann das Mutterland das nicht ändern; unwillkürlich muß die nöthige Fürsorge für die Interessen des kleinen, für die Staatsverwaltung fast lästigen Bezirks fehlen.“
  • „Diese Gründe müssen in uns den Wunsch nach einer Aenderung unserer politischen Lage wach rufen, sind aber auch genügend, um dem Mutterland die Trennung leicht zu machen.“

Auslöser für diese Idee der Lösung von der „sonst lieben Verbindung mit Hessen“ durch die Abtretung an Württemberg als die wohl eheste Möglichkeit war die im Zuge des Krieges von 1870/71 erfolgte Gründung des Deutschen Reiches mit der daraus erwachsenen Hoffnung, dass die neue übergeordnete „starke Reichsgewalt“, verkörpert in Reichskanzler Bismarck, regelnd Einfluss nehmen könnte. Deshalb entwirft man auch das für sich sprechende lobhudelnde Parallelschreiben an denselben, in dem am Schluss „die im Volke keimende Anhänglichkeit an Kaiser und Reich“ ins Feld geführt wird. Doch war und blieb die Hoffnung auf des Reichskanzlers Hilfe ein Trugschluss, weil im Falle selbst einer mit allen erdenklichen Unterschriften ausgestatteten Absendung dem Ersuchen um ein Ausscheiden aus dem hessischen Staatsverband keinerlei Erfolg beschieden gewesen wäre. Denn der Wille der „Untertanen“ wog im deutschen Kaiserreich wenig. Und Kanzler und Reichsregierung konnten verfassungsmäßig in innenpolitische Angelegenheiten der Länder nicht eingreifen und mussten sich vor allem auch hüten, die auf Wahrung ihrer Eigen- und Sonderrechte pochenden Länder zu bevormunden. Überdies hätte die klar ausgesprochene Erwartung, bei einem Übergang an das Königreich Württemberg „alle Vortheile einer Bezirksstadt“ zugesprochen zu bekommen, selbst im Falle der Zustimmung des Mutterlandes Hessen, die Initiative mit Sicherheit zu Fall gebracht, weil dadurch elementare Interessen insbesondere der württembergischen Nachbar-Bezirksstädte Neckarsulm und Heilbronn beeinträchtigt worden wären. Möglicherweise wäre einer auf das Großherzogtum Baden gerichteten Eingliederung eher Chancen einer Realisierung gegeben gewesen; denn im angrenzenden badischen ostwärtigen Kraichgau um Rappenau dürften im Gegensatz zum württembergischen Umraum potente gemeindliche Gegenspieler nicht vorhanden gewesen sein. Wenn man nach einem Grund sucht, warum der Entwurf sang- und klanglos in den Akten verschwunden ist, dann dürfte dieser nicht zuletzt in diesem vorgenannten Umstand der zu erwartenden Widerstände seitens Heilbronn und Neckarsulm zu suchen sein.

Offenbar blieb in den Köpfen der Wimpfener in den der Reichsgründung gefolgten Jahren die Zugehörigkeit zum Großherzogtum Hessen unhinterfragt, zumal ja nunmehr die württembergischen, badischen und hessischen Bewohner des Neckarunterlandes und Kraichgaus unter dem Dach des Reiches vereint und so die Landesgrenzen wachsend als weniger trennend empfunden wurden. In diesem Zusammenhang sei noch auf ein grenzübergreifendes Ereignis hingewiesen, das Anfang Juni 1874 anlässlich der Generalversammlung der Saline Ludwigshalle sich im „Ritter“ abgespielt hat:

Während des dort aus diesem Anlass stattgefundenen mittäglichen Festessens war auch eine große Anzahl von Mitgliedern der Zweiten Württembergischen Kammer (Fraktion der Deutschen Partei) mit ihrem PRÄSIDENTEN WEBER anwesend, denen sich Gesinnungsgenossen aus Heilbronn, Neckarsulm, Jagstfeld usw. angeschlossen hatten. Trotz der betriebsgerichteten Anstrengungen des Morgens, der sommerlichen Hitze und des Essens wurden viele Reden gehalten und dabei menschen- und länderverbindende Hochs vielerlei Art dargebracht – und zwar: auf die deutsche Einigkeit, den Fürsten Bismarck, den hessischen resp. deutschen Schoppen, auf den nationalen Adel Deutschlands u. a. m. Auf eine Äußerung des OBERAMTSRICHTERS GANZHORN aus Neckarsulm über „die blinden Hessen“ hin kam es auch zu einem Hoch auf Hessen. „Präsident Weber“, so endet der Bericht, „machte den Schluß mit einer interessanten Auseinandersetzung über die Ursachen des dreißigjährigen Krieges und suchte nachzuweisen, daß an diesem und an der Schlacht bei Wimpfen die protestantische Theologie, speciell die Theologische Fakultät zu Tübingen, die Schuld trage. Er schloß mit einem zweiten Hoch auf Bismarck.“

Das hesssich-exklavierte Wimpfen der Gegenwart spielt bei dieser Feierstunde also keine Rolle, sondern das historische Wimpfen sowie das trotz all der beschworenen Momente der Einigkeit und Zusammengehörigkeit in den Worten zu dem von Präsident Weber ausgebrachten letzten Hoch sich abzeichnende Wiederaufleben der konfessionellen Spaltung in ein protestantisches und ein katholisches Lager, wovon im Fortgang der Jahre und Jahrzehnte nach der Reichsgründung immer wieder und oft vehement die Rede sein wird.

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[1] Pfarrchronik der Evangelischen Kirchengemeinde Wimpfen, 1870, S. 77
Siehe auch: Haberhauer, Günther, 2011, S. 31 – 32

Anmerkung: Der Einfachheit halber werden künftig Belege für Textteile, die der Pfarrchronik der Evangelischen Kirchengemeinde entnommen sind und seit Januar 2011 auch als Transkription auf CD und Ausdrucke vorliegen, hier nicht mehr angegeben.

[2] Jordan, Alexander u. a. m. , 2010, S. 10

[3] Entnommen: Jordan, Alexander u. a. m. , 2010, S. 8

[4] Meyers Großes Konversationslexikon 1907, Band 9; Stichwort: Großherzogthum Hessen/Geschichte, S. 272

[5] Fontane, Theodor, 1873, S. 339 und 340

[6] Aus: Wikipedia.org.wiki/Schlacht bei Gravelotte, 12. 12. 2011

[7] Fontane, Theodor, 1873, S. 305 – 313 (Zwischenüberschrift: Der Kampf im Zentrum. Unterüberschrift: Die 25. Division im Bois de la Cusse und nördlich des Wäldchens)

[8] Aus: Fontane, Theodor, 1887, zusammengesetzt aus den Darstellungen der S. 306, 308 und 299

[9] Bad Wimpfener Zeitung vom 28. April 1938
siehe auch: Haberhauer, Günther, 1999, S. 299

[10] Aus: Historische Uniformen.de/Gemaelde.htm – 06. 01. 2012

[11] Fontane, Theodor, 1873, S. 276, 277, 283

[12] Fontane, Theodor, 1873, S. 311 – 313

[13] Aus: Wikimedia Commons File: Sisters of Mercy at the Battle of Gravelotte.jpg am 22. 09. 2011

[14] Fontane, Theodor, 1873, S. 339, 340, 283

[15] Fontane, Theodor, 1873, S. 340

[16] Fontane, Theodor, 1873, S. 339

[17] Vorlage zur Verfügung gestellt von Otto Maisenhälder

[18] Vorlage zur Verfügung gestellt von Otto Maisenhälder

[19] Siehe dazu: Erich Scheible, 2013 – 2016; dort Kapitel P. Zweiggründer Franz Ludwig

[20] – Aubert (de la Chesnaye) des Bois, François-Alexandre:
Dictionaire de la noblesse, contenant les généalogies, l’histoire et la chronologie des familles nobles de France, l’explication des leurs armes et l’état des grandes terres du royaume; Band 12, (1770 –) 1778
– Cellarius, Christoph; Goldtbeeg, Julius Gerhard:
Genealogisches Taschenbuch der freiherrlichen Häuser auf das Jahr 1853; 1853 Gotha; dort: Wimpffen, S. 539 – 550
– Kneschke, Ernst Heinrich:
Deutsche Grafenhäuser der Gegenwart in heraldischer, historischer und genealogischer Hinsicht, Band 2, 1853 Leipzig
Neues allgemeines Deutsches Adelslexikon, Band IX, 1870 Leipzig
– Wurzbach, Constantin von (Herausgeber):
Die Freiherren und Grafen von Wimpfen. Separatdruck aus C. von Wurzbach’s biographischem Lexikon des Kaiserthums Oesterreich LVI. Band. Mit zwei Stammtafeln. 1888 Wien. Aus der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei

[21] Siehe darüber insbesondere in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel Z. Rück- und Weiterschau

[22] Siehe darüber ebenfalls in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel Z. Rück- und Weiterschau

[23] Siehe in Wikipedia, Liste der Hof- und Reichstage des Heiligen Römischen Reiches; dort taucht Worms als Ort eines sog. Hoftages, bezogen auf das 14. Jahrhundert, überhaupt nicht auf.

[24] Siehe darüber Genaueres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel B. Sagenahn sowie Kapitel Z. Rück- und Weiterschau

[25] Siehe darüber insbesondere wieder in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel Z. Rück- und Weiterschau

[26] Lore Sporhan-Krempel, Zur Geschichte der Familie Hermann von Wimpffen; Vortrag, gehalten am 3. 4. 1981 bei der Gesellschaft für Familienforschung in Franken e. V.; in: Blätter für Fränkische Familienkunde, 12. Band, Heft 2, Oktober 1984, S. 57 – 68 (im Fortgang ist die vorliegende Quelle in der folgenden Kurzform genannt: Erich Scheible, 2013 – 2016)

[27] Stör, J. W. (Johann Wilhelm) und Atanias (Stecher): Unbezeichneter, unbetitelter und undatierter Stammbaum der sog. Familie Hörmann von Wimpffen, Kupferstich von Johann Wilhelm Stör (Gestalter), geb. 1705 und gest. 1765 in Nürnberg, und Atanias (Stecher) von ca. 1750/60, signiert mit „Atanias sculpcit – J. W. Stör excudit”

[28] Näheres siehe bei: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel B. Sagenahn

[29] Siehe dazu in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel B. Sagenahn

[30] Näheres siehe in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel B. Sagenahn

[31] Siehe Näheres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel C. Leonhard und Heinrich

[32] Siehe Näheres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel D. Auswanderer Heinrich

[33] Siehe Genaueres darüber in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel E . Sybilla und Wilhelm; Kapitel F. Südfernhändler

[34] Nachzulesen in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel H. Kaufbeuren-Augsburger Hörmann

[35] Peter Fleischmann, Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert (3 Bände), 2008; hier: Band 2 (Ratsherren und Ratsgeschlechter), S. 346

[36] Wolfgang Reinard (Herausgeber), Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts. Prosopographie wirtschaftlicher und politischer Führungsgruppen 1500 – 1620, Band 1 und Band 2, 1996 Berlin; hier: Band 1, Nr. 397

[37] Siehe Näheres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel G. Wappenempfang

[38] Siehe diese in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel G. Wappenempfang, dort Abb. 21

[39] Siehe Näheres in: Erich Scheible 2013 – 2016, Kapitel J. Christoph und Niclas

[40] Siehe Näheres in: Erich Scheible 2013 – 2016, Kapitel K. Unterpfleger Christoph

[41] Siehe Näheres in: Erich Scheible 2013 – 2016, Kapitel L. Adelswerdung

[42] Siehe dort auf S. 372

[43] Siehe dort ab Mitte von S. 60 – S. 68 oben

[44] Wurzbach, Constantin von, 1888, S. 11

[45] Sporhan-Krempel, Lore, 1984, S. 68

[46] Siehe Näheres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, teilweise bereits in Kapitel L. Adelswerdung (dort insbesondere in „Genealogische Übersicht I“ und „Genealogische Übersicht II“; dann des Weiteren auch in Kapitel M. Dänischer Zweig und schließlich vollends in Kapitel H. Umorientierung

[47] Siehe Näheres in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel N. Umorientierung sowie Kapitel O. Johann Georg

[48] Siehe Näheres vor allem in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel O. Johann Georg sowie Kapitel P. Zweiggründer Franz Ludwig

[49] Siehe Näheres vor allem in: Erich Scheible, 2013 – 2016, Kapitel P. Zweiggründer Franz Ludwig sowie Kapitel O. Johann Georg, außerdem alle nachfolgenden Kapitel von Q bis Y

[50] Siehe: Jordan, Alexander, u. a. m., 2010, S. 30 – 34, S. 98 – 102

[51] Aus: Jordan, Alexander, u. a. m., 2010, S. 32

[52] Jordan, Alexander, u. a. m., 2010, S. 48, 49, 65, 76, 77, 90

[53] Vorlage erhalten von Otto Maisenhälder

[54] Schnitzer, Paul, 1977, S. 215

[55] Schnitzer, Paul, 1973, S. 48