Betrachtungen zum Sinngedicht

An Stelle eines Vorwortes:

Zurück- und vorausblickende Betrachtungen zum dem Titel beigegebenen Sinngedicht

Es mag dem in diesen dritten – statt in einen neuen Folgeband ins Internet gebrachten – Teil der Reihe „Die Geschichte der Exklave Wimpfen (1870 – 1918)“ eintretenden Leser merkwürdig erscheinen, dass diesem statt des üblichen Vorwortes Überlegungen zu dem an den Titel gefügten „Sinngedicht“ vorangestellt werden. Auch könnte dieses Kopfschütteln erzeugen, weil es dem Verdacht ausgesetzt erscheint, nach „Blut und Boden“ zu riechen. Die Tatsache jedoch, dass dessen acht Reimzeilen von ihrem Schöpfer HANS HEINRICH EHRLER (geb. am 7. Juli 1872 in Mergentheim – gest. am 14. Juni 1951 in Waldenbuch) bereits im Jahr 1911 und somit in der hier zu betrachtenden Ära des neuen Deutschen Kaiserreiches den Menschen insbesondere des südwestdeutschen Raumes gegeben worden ist, lässt diesbezüglich jedoch auf Entlastung hoffen. Entscheidend ist es, Folgendes zu wissen: Dieser der so gut wie totalen Vergessenheit anheimgefallene Autor von über 30 Büchern – darunter sind Romane, Erzählbände, Lyrik, auch mehrere Dramen und Hörspiele sowie Herausgaben – , der 1928 für seinen Gedichtband „Gesicht und Antlitz“ den Goethepreis und 1938 für sein Gesamtschaffen den Schwäbischen Literaturpreis erhielt, ist ein Enkel des Wimpfener vielgerühmten Türmers des Blauen Turmes der Jahre 1839 bis 1848 CHRISTOPH (LUDWIG) HEUERLING (geb. 1795 oder 1796 in Bieber bei Offenbach am Main – gest. am 13. Februar 1867 in Wimpfen) gewesen. Dieser ehemalige Teilnehmer des Feldzuges gegen das Frankreich Napoleons von 1814/15 im Infanterieregiment unter Oberst von Steinling hatte die Stelle des sog. Wimpfener Blautürmers als Person mit guten musikalischen Kenntnissen sowie in Erwägung, dass dieser als Hautboist (Oboist) und Hofchorist zu Darmstadt ganz vorzügliche Zeugnisse vorweisen konnte und deshalb auch von Seiner Hoheit dem Erbgroßherzog Ludwig (dem späteren Großherzog Ludwig III.) noch ganz besonders empfohlen worden war, laut Beschluss des Gemeinderates vom 5. April 1838 bekommen. Die besondere Auswahl und erbgoßherzogliche Empfehlung ist damit zu erklären, dass der Inhaber dieser Stelle gleichzeitig auch Leiter der damals teilweise bis zu acht Musikanten (so z. B. bei der vom Turmumgang aus gebotenen traditionellen Weihnachts- und Neujahrsmusik) zählenden Turmmusik gewesen ist. Darüber hinaus betätigte er sich nach seiner Dienstübernahme im Jahr 1839 auch als Gründer und hochbemühter Dirigent des ersten sog. „Singvereins“, der sowohl den Kirchengesang (in der Evangelischen Stadtkirche, obgleich katholisch) verbessern half, als auch bei anderen Gelegenheiten Genüge leistete. Aus diesem wuchs in den beginnenden 1860er Jahren der von Heuerling geleitete Gesangverein „Cäcilia“.

Er ist auch jener Blautürmer gewesen, der mit Ehefrau (ROSINA) MARGARETHA, GEB. KRUG, und Kinderschar den furchtbaren Brand im nordwestlichen Burgviertel der eisigen Nacht des 11./12. Januar 1848 durchleiden musste, der auf den Blauen Turm übergriff und mit dem Verlust von großen Teilen seiner Habe wie auch seines kostbaren in drei Jahrzehnten gesammelten Bestandes an Musikalien (Instrumenten und Notenmaterial) endete. 1852 ist Christoph Heuerling auf den nunmehr wiederhergestellten und mit einem überschweren steinernen Haupt versehenen Blauen Turm nicht mehr zurückgekehrt; sondern er hatte sich in den Jahren der zwangsläufigen Abwesenheit zunächst als Domänenbote, dann Steuerbote, schließlich Steueraufseher betätigt und schließlich zum erfolgreichen Kaufmann entwickelt, der ein Ladengeschäft am untersten Marktrain unterhalb vom Brunnengässle wie auch später sein jüngster und letzter vierter Sohn und sechstes Kind HEINRICH (EUGEN) HEUERLING (geb. am 4. Juni 1847 in Wimpfen auf dem Blauen Turm – gest. am 2. Januar 1908 in Wimpfen im Alter von 60 ½ Jahren) in den ihm eigenen stattlichen aneinandergebauten Gebäuden Nr. (ab 1895) 132/133 betrieb. Demgegenüber hatte Christoph Heuerling das Amt des Stadtmusikus (unter vorübergehender Trennung vom Amt des Stadttürmers) bis 1864 inne. Bevor er dieses mit 68 Jahren nach 25 Jahren gewissenhaft versehenem Dienst abgab, trug er um die angemessene Fortführung der, wie er sagte, „Choralmusik“ in der Weise Sorge, dass er dem Gemeinderat die Namen von sechs Musikanten in Vorschlag brachte, die in der Lage waren, die folgende wechselnde Instrumentierung zu bieten: erste Trompete, erstes Flügelhorn, erstes und zweites Althorn, zweite Trompete, Tenor-Posaune und Bombardon (Bass-Trompete). Das Dirigentenamt des Gesangvereins „Cäcilia“ übte er dagegen weiter aus, bis im Jahr 1867 ein plötzlicher Tod durch einen Hirnschlag seinem Leben im Alter von 71 Jahren ein Ende bereitete.

Dieses alles hier noch einmal so genau – und sogar über das bereits in Band 2[1] Festgestellte hinaus – darzulegen, ist damit zu begründen, dass des Vorbeschriebenen Enkel Hans Heinrich Ehrler, obgleich in der ehemaligen Deutschordensstadt Mergentheim aufgewachsen, sich mit Wimpfens Blauem Turm elementar verbunden fühlte. Um dies zu illustrieren, bedarf es der Darlegung einer Kette von das Leben vor allem seiner Mutter wie auch das seinige begleitenden Fakten: Die Mutter MARGARETHA EHRLER, GEB. HEUERLING, ist am 15. September 1830 in Darmstadt geboren[2], wenngleich Hans Heinrich Ehrler selbst in dem seiner Vaterstadt Mergentheim gewidmeten Büchlein der Erinnerung „Die Reise in die Heimat“ (1926)[3] – vielleicht irrtümlich oder aber dichterisch verbrämt – ganz anders schreibt: „Meine Mutter ist auf dem blauen Turm in Wimpfen geboren. So machte mich das dorther gelaufene Blut zum Erbfreund auch des hiesigen steinernen Vetters.“ Gestorben ist sie, so stellt dieser im vorgenannten Werk fest, als er noch nicht fünf war, in Mergentheim. Wie vom Stadtarchiv Bad Mergentheim zu erfahren, geschah das am 7. November 1877 und somit schon im Alter von noch nicht ganz 47 Jahren, und zwar vier Tage nach der Entbindung einer Tochter per Kaiserschnitt. Daraus ergibt sich, dass sie von 1839 bis zu Anfang 1848, d. h. ab etwa dem ca. 8. bis zum 17. Lebensjahr, und damit in einer prägenden Periode ihres Lebens, in der väterlichen Türmerwohnung auf dem Blauen Turm in Wimpfen groß geworden ist. Bei der Suche nach ihren Geschwistern stoßen wir im Register der Geburten und Taufen sowie dem Sterbebuch der Katholischen Kirchengemeinde Bad Wimpfen über die Geburt des vorgenannten Ältesten des Jahres 1847 hinaus auf den als fünftes Kind und dritter Sohn am 28. Februar 1840 in Wimpfen geborenen Bruder PHILIPP WILHELM, der mit noch nicht fünf Jahren schon am 2. Januar 1845 gestorben ist. Über die daraus zu schließenden noch vorhanden gewesenen zwei weiteren älteren Brüder und eine weitere ältere Schwester, die alle wie Margaretha Heuerling vor dem Dienstantritt ihres Vaters des Jahres 1839 und damit nicht in Wimpfen geboren sind, wissen wir kaum mehr, als dass diese alle beim Tode des Vaters 1867 nicht mehr gelebt haben; denn zum einen ist im Sterbeverzeichnis angegeben, dass von seinen ehedem sechs vorhandenen Kindern nur noch zwei am Leben seien, anderseits in der Geburtsurkunde von Heinrich, dem letzten Kind, des Jahres 1847 gesagt, dieser sei „das sechste Kind … , ein Knabe, der vierte Knabe“, woraus zu schließen ist, dass die anderern zwei Kinder Mädchen gewesen sind. Bringt man die Tatsache hinzu, dass die 1830 in Darmstadt geborene Tochter Margaretha und der 1847 in Wimpfen geborene Heinrich diejenigen gewesen sind, die als die Einzigen den Tod des Vaters überlebten, so wird klar, dass die anderen vier Geschwister, davon drei männlichen und eines weiblichen Geschlechts, 1867 nicht mehr gelebt haben. Von diesen sind allein der Vorname und die Lebensdaten des vorgenannten Philipp Wilhelm (1840 – 1845) bekannt. Dass von den zwei nicht identifizierbaren älteren der vier Brüder jedoch einer nicht, wie in Anbetracht der damaligen noch sehr hohen Kindersterblichkeit häufigst, eines frühen natürlichen Todes durch Krankheit, sondern im Erwachsenenalter durch Selbstmord gestorben ist, darüber wird an späterer Stelle genauer zu berichten sein.

Zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern, in deren Reihe der als letztes sechstes Kind geborene Bruder Heinrich damals gerade ein halbes Jahr alt geworden war, hatte Margaretha Heuerling, um wieder zu dieser zurückzukommen, als 16 ½-Jährige die Brandkatastrophe miterlitten, welche die Familie wohnmäßig sowie den Vater auch erwerbsmäßig „in die Niedere“ und zunächst fast in die Mittellosigkeit trieb. Dieses und alles andere Erleben in Kindheit und Jugend auf Wimpfens Blauem Turm ist ihr, wie an späterer Stelle klar werden wird, ein Leben lang nachgegangen und hat sich in tiefer Weise auch in die Seele ihres Jüngsten Hans Heinrich eingegraben. Der Mergentheim entwachsene Schriftsteller CARLHEINZ GRÄTER hat diese Tatsache in seinem Hans Heinz Ehrler gewidmeten ergreifenden Part seines kleinen Werkes „Im grünen Licht Hohenlohes“ (1984) so ausgedrückt: „Die Mutter war eine Tochter des Wächters auf dem Blauen Turm der Stauferstadt Bad Wimpfen. Als Mutterkind dieser Welt blieb Ehrler zeitlebens geborgen im Blauen Turm, der Zitadelle seiner Phantasie.“[4]

Entscheidend im Blick auf das Werden von HANS HEINRICH EHRLER ist der Umstand, dass dessen Mutter MARGARETHA, geb. HEUERLING, wie die nachstehend gezeigte Kirchenbuch-Eintragung zeigt, am 1. September 1863 (dort angeblich im Alter von 31 Jahren und elf Monaten, in Wirklicheit jedoch mit 32 Jahren und 11 ½ Monaten) mit dem 31 Jahre und 10 Monate alten neu angehenden Bürger und Wachszieher aus der im Königreich Württemberg gelegenen Oberamtsstadt Mergentheim namens JOHANN MICHAEL EHRLER, Sohn des Bürgers und Privatmannes BALTHASAR EHRLER und der MARIA ANNA EHRLER, GEB. GÄRTLE, in der Katholischen Stadtpfarrkirche zu Wimpfen von Stadtpfarrer Georg Wagner getraut und ehelich eingesegnet worden ist. Siehe hierzu

  • Abb. 1: Eintragung der am 1. September 1863 erfolgten Trauung von Margaretha Heuerling aus Wimpfen und dem Wachszieher Johann Michael Ehrler aus Mergentheim im Königreich Württemberg.

Wichtig erscheint es, noch einmal hervorzuheben, dass der Vater der Braut Christoph Heuerling und zwar im Gegensatz zu seiner, wie aus der Eintragung seines Todes im Sterbebuch der katholischen Kirche Wimpfen hervorgeht, evangelischen Gattin Margaretha – katholisch und die Kinder alle katholisch getauft und offenbar in frommer Weise erzogen gewesen sind. So erklärt es sich, dass Margaretha ihren Mann in der ehemaligen und somit ausgeprägt katholischen Deutschordensstadt Mergentheim fand. Dementsprechend tritt neben dem Vater der Braut als Zeuge der Verwalter in der Saline Wimpfen JAKOB WEYLAND auf, der ein Sohn des einer strengstens katholischen Familie angehörenden ehemaligen Wimpfener hessischen Landrichters der Jahre 1821 – 1832 FRANZ JOSEF WEYLAND gewesen ist. Der den Handwerksberuf des Wachsziehers und Lebzelters in Mergentheim am Oberen Markt (heute: Hans-Heinrich-Ehrler-Platz 18) neben dem Ratskeller sowie auch des Bienenzüchters ausübende Vater des Bräutigams sah das Kleinststädtchen Jagstberg über Mulfingen an der mittleren Jagst als seine Heimat an, wo sein Vater und Urgroßvater Bauern gewesen seien und der Familienname bereits 1384 im nahegelegenen längst abgegangenen Niedermulfingen bestanden habe. Auf welche Weise die Familienangehörigen und Freunde der beiden nunmehr verbundenen Familien Heuerling, Wimpfen, und Ehrler, Mergentheim, das Hochzeitsereignis gefeiert haben, wissen wir leider nicht. Vom Heiratsjahr des Paares 1863 und vom Geburtsjahr 1872 des Sohnes Hans Heinrich her, ist zu schließen, dass dieser zu einer Zeit zur Welt gekommen ist, da der Wimpfener Großvater Christoph Heuerling bereits fast 5 ½ Jahre zuvor gestorben war und somit dessen Geburt nicht mehr erlebt hat. Aus den vielen Stellen, die in dessen oben bereits zitiertem Büchlein „Reise in die Heimat“ sein Erleben und Werden als Kind wiedergeben, erfahren wir, dass sein jüngerer Wimpfener Onkel Heinrich Heuerling die Patenpflicht übernommen hat und dieser offenbar insbesondere als ihm wohlgesonnener Schenker einer silbernen Taschenuhr zur Erstkommunion sowie regelmäßiger weihnachtlicher Goldmünzenspender des Patensohnes tiefe dankbare Bewunderung und nachhaltiges Angedenken erworben hat. Und zwar stoßen wir dort sukzessive auf die folgenden Stellen, die sowohl Ehrlers tiefsinniges frommes Empfinden als auch bannendes Erzähl- und die Dinge des Erlebens passendst in subtiler Sprache zusammenholendes Gestaltungstalent ausweisen:

– Seite 24/25: „Jetzt ist die Turmtüre (der Mergentheimer Stadtkirche) geschlossen. Es wohnt kein Wächter mehr droben.- So gehe ich unten in die Stadtkirche, mit dem Taschentuch vorher die Schuhe abstaubend.- Tausendmal bin ich darin gekniet … Allein kniee ich mich wieder an die Stufen und lasse mich von den heiligen Bildern anschauen und prüfen, was in mir draußen verloren und verdorben sei.- In der Tasche höre ich die silberne Uhr gehen, vom Paten Oheim geschenkt zum Fest der ersten Kommunion, welche ich an dieser Bank empfing. Die Uhr ging mit mir durch bald vierzig Jahr und ging hierher mit mir zurück an die Bank der Wegesweihe.- Wie war ich inwendig weiträumig und glänzend zu jenen Stunden der frommen Beseeligung, ein Lichtgefäß reinen Wesens, die weiße, gezierte Kerze aus der Hand meines Vaters brennend in meiner weißbehandschuhten Hand und von der Herabkunft des Himmels begnadet.“

– Seite 126: „Ich gehe ins Willinger Tal (südwärtig von Mergentheim), wo das ‚Talfraale’ den Sonntagsmenschen Gutes tut, wohin auch Eduard Mörike gern lustwandelte.- Als Zehnjähriger erzählte ich einer Freundin Anna, dort sei im Wald meine Brunnenstube und das Fraale habe mir einmal ein Goldstück in das Wasser gelegt.- … Ich zeigte Ihr ein goldenes Fünfmarkstück, welches sie kaum in die Hand zu nehmen wagte. Aber der Wunderfitz führte das Mädchen dann doch eines frühen Morgens weit hinaus.- Die Türe der Brunnenstube hing nur angelehnt in dem Steinrahmen, die Mauern des kleinen Gemaches saßen voll Schwamm und troffen.- … Ich finde die Brunnenstube nicht mehr, trotzdem ich mich vermessen hätte, blind dahin zu kommen.- Ich hätte auch nur einen schmierigen Papiergeldschein, um ihn vom Talfraale ins Becken legen zu lassen. Es gibt kein Goldstück mehr in Deutschland und keinen Wimpfener Onkel Heinrich, welcher solche Kostbarkeit je zum Christkind schenkte.“

Wir werden in späteren Kapiteln eine Menge Stellen finden, an denen das evident wird, was man zum besseren Verständnis der Rolle des Patenonkels Heinrich im Leben von Hans Heinrich Ehrler gespielt hat, jetzt schon wissen sollte und in späteren Kapiteln dieses Teiles 3 genau auszubreiten sein wird: Heinrich Heuerling hat neben seiner bereits berichteten Tätigkeit als Kaufmann in der Nachfolge seines Vaters das Leben des Kleinstädtchens Wimpfen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in herausragender Weise durch die folgenden Stationen seiner Tätigkeit im öffentlichen Leben befruchtet:

  • Im Frühjahr 1871, mit noch nicht ganz 24 Jahren, sowie auch 1873 finden wir ihn als (nebenberuflichen) Ortseinnehmer.
  • 1876 übernimmt er das Rechneramt vom damals wiedergegründeten „Verschönerungsverein“, das er bis über die Jahrhundertwende hinaus innehat. Und er wird in diesem Jahr auch Rechner der Katholischen Kirchengemeinde und versieht laut Eintragung des katholischen Pfarrers Klein des Jahres 1908 dieses Amt bis zu seinem Tode.
  • 1879 wird er Mitgründer der damals ins Leben gerufenen „Landwirtschaftlichen Kreditkasse“ und Stellvertreter des Vorsitzenden derselben; 1881 tauscht er diese Funktion mit dem Rechneramt dieser Kasse, das er bis zu seinem Tod und damit 27 Jahre innehat.
  • 1883 wird er in den Gemeinderat gewählt.
  • 1897 ist er Mitgründer der ins Leben gerufenen Ortsgruppe Wimpfen vom „Odenwaldclub“ und übernimmt das Amt deren Schriftführers.
  • 1898 wird er zum Beigeordneten von Wimpfen am Berg gewählt, wodurch er den Bürgermeister bei seiner Arbeit zu unterstützen hat.

Am 20. Oktober 1873 im Alter von 26 Jahren und 4 Monaten heiratet er, der Kaufmannn und Ortseinnehmer sowie neu angehende Bürger, KATHARINA (auch: KATHINKA) FRANK, die evangelische 19 Jahre und 3 Monate alte Tochter des verstorbenen Großherzoglich-hessischen Distriktseinnehmers EDUARD FRANK dahier und JOSEPHA FRANK GEB. ZIPP. Der Ehe entspringen, wie die flüchtige Nachschau ergab, mindestens fünf Kinder, vier Töchter und ein Sohn namens GUSTAV RICHARD, der wie die zweitälteste Schwester ANTONIA MARIA im Kindesalter stirbt. Nach seinem am 2. Januar 1908 in Wimpfen im Alter von 60 ½ Jahren erfolgten Tod führt Heinrich Heuerlings Gattin das am untersten Marktrain liegende Geschäft unter dem Namen des verstorbenen Mannes weiter, eröffnet dort im beginnenden Februar 1913 sogar eine sog. Medizinaldrogerie-Abteilung und bietet somit u. a. auch Kindermehle, Nährpräparate, Drogen, Medizinaltees und Verbandstoffe an. Dieses Geschäft geht spätestens 1920 an Kaufmann ADOLF LAUNER, im Mai 1922 an FRIEDRICH SCHUCH UND GATTIN über, die das untere der beiden Gebäude als Lebensmittelgeschäft mit dem Anerbieten auch von Spezereien, Cigarren, Tabak führen. Demgegenüber bleibt der untere Bereich des oberen Gebäudes bis 1937 mit der „Kreditkasse“ belegt.

Das Schöpfen aus Hans Heinrich Ehrlers „Reise in die Heimat“ hätte eigentlich besser mit der Wiedergabe jener häufigsten und ergreifendsten Passagen begonnen werden sollen, die von der diesem so früh genommenen Mutter und vor allem von deren Tod erzählen und spüren lassen, welche gegenseitiges tiefes Empfinden bestand und wie der sein frühes Erleben und Fühlen Niederschreibende sich lebensbestimmend vom Geist und Seele derselben getragen und geführt fühlte. Hierzu muss man wissen, dass die relativ spät in die Ehe getretene Margaretha Ehrler in den 14 Jahren ihrer Ehe 8 Kinder entbunden hat, von denen die zwei Jüngsten nach dem als 6. Kind geborenen Hans Heinrich bald nach der Geburt verstorben sind und, so ist aus dessen Angaben zu schließen, ein älterer Bruder namens Valentin mit neun Jahren verstorben ist. So ist es zu erklären, dass Hans Heinrich Ehrler von sich als dem Jüngsten unter seinen Geschwistern spricht. Sukzessiv steht, bezogen auf die Mutter, in seiner „Reise in die Heimat“ Folgendes Aufschlussreiche zu lesen:

– Seite 13/14: „Ich schlief in der gemalten Bettlade oben in meiner Stube, wo meine frühen Reime entstanden sind.- Das war ein Morgen wie heute, ich hatte die Läden eingeschlagen und durch den Spalt fiel die Sonne herein an die Birnbaumkommode meiner gestorbenen Mutter und an die darauf stehende Muttergottes.- … In der mächtigen Stube sind einst die Kerzen über den gelesenen Büchern niedergebrannt, und ich las wieder im Schein der Kerze in Walter Scotts Ivanhoe, der, auch noch aus dem Besitz der Frau Margarete Ehrler stammend, mich von neuem fabelreich entzückte. Das darin gebliebene stramingestickte Buchzeichen legte ich schläfrig geworden in die abgebrochene Seite.“

– Seite 38: „Nicht um eines eitlen Gelüstes willen darf ich von dieser Stelle aus (d. h. am Grab des Vaters und der Mutter in Mergentheim) vom Tod meiner Mutter den Frauen dieser Zeit erzählen. Sie starb an einer schwersten Operation, die Narkose verweigernd, auf daß der Kelch des Leidens nicht an ihr vorüber gehe. Der Arzt als greiser Mann erzählte mir es später, noch ergriffen von der beispiellosen Erinnerung.“

– Seite 104/105: „Ich trete in meine Stube und erinnere mich an den Tod der Mutter.- Ich war ihr Jüngster und Liebling, sie fütterte mich in ihrem Siechenbett mit den ihr verschriebenen gebratenen Tauben, und auf dem Lager wurde mir ein gewaltiges farbiges schottisches Kleidchen anprobiert. Die gleich der Kranken fromme Freifrau von Berlichingen, ihre Freundin, saß davor. Ich habe in mir das auserwählt stolze Gefühl des noch nicht Fünfjährigen aufgehoben.- Und mich als den schutzlosen Nestling empfahl sie zuletzt dem Schutz Gottes.- Beim Tod war die Großmutter von Wimpfen da. Die keineswegs phantastische Frau schlief damals in der mir später eignenden Stube und erzählte: während der argen Nacht sei die Türe aufgegangen, sie habe die Türe zugemacht, die Türe sei wieder aufgegangen, sie habe die Türe wieder zugemacht, die Türe sei zum dritten Male aufgegangen, sie habe die Türe zum dritten Male zugemacht.- Wir getrauten uns ein paar Tage nicht in das Gemach dieser Ankündigung. Als wir endlich doch hinein mußten, ging meine ältere Schwester voraus, nahm aber die Schürze und drückte damit die von dem Geiste der Toten berührte Klinke behutsam auf.- Über meinem Bett in der Stadtwohnung hängt eine Photographie, das schon vom langjährigen Leiden angegriffene Bild der Mutter, mich, unsichtbar, in dem leichtgewölbten Schoß, bergend. Über mir auf der Brust hängt ein kleines goldenes Kreuz.- Der schwere Geist jener Nacht ist mein Lichtgeist geworden.“

– Seite 173: „Ich finde noch selbst verfasste Mädchengebete meiner Mutter.- Darin ist ohne ihn zu nennen, viel von einem ihrer beiden Brüder die fürbittende Rede. Dieser war Musiker und Leiter der Kurkapelle eines großen Bades. Frauen umschwärmten ihn und um der Frauen willen nahm er sich das Leben.- Meine Großmutter sagte mir später einmal in einer ernsten Stunde, viel meiner Arbeit gleiche dem in den Abgrund Geratenen. Diese Aufklärung schlug tief in mich hinein bis zur Grundschicht.- Jetzt habe ich die alten vergilbten Blätter in der Hand, darin sich die fromme Frau zum Opfer anbot; und plötzlich weiß, ich, die Mutter betete damals im voraus für den noch ungeborenen Sohn, um die Reinigung seines verworrenen Wesens.“

Bei der genannten älteren Schwester handelt es sich um die am 6. November 1864 als ältestes der acht Kinder geborene ANNA MARIA, die am 1. Juli 1948 in Bad Mergentheim verstorben ist. Nachdem der Vater JOHANN MICHAEL am 18. Februar 1879 ein zweites Mal geheiratet hatte, kamen noch fünf Halbgeschwister hinzu. Leider erfahren wir aus der letztgenannten Stelle weder den Namen des im Selbstmord geendeten Bruders seines Patenonkels noch den Ort dessen Tätigkeit als Kapellmeister, womit dieser seinem Vater auf höherer Ebene der Musik gefolgt ist. Und leider bleiben auch die Lebensumstände des anderen der zwei vor der Wimpfener Zeit geborenen Söhne der Heuerling-Familie, wie auch so Vieles um deren Leben auf dem Blauen Turm und später unten in der Stadt, ungeklärt.

In Anbetracht der starken Bindung an die fromme Mutter sowie der gleich frommen Gesinnung des sommers wie winters zur Morgenmesse gehenden und den katholischen Kirchen Mergentheims die benötigten vielen Kerzen liefernden Vaters, die überdies im Gleichklang mit dem im Mergentheim der 1870/80er Jahre noch voll und ganz herrschenden Geiste der dort 1809 zu Ende gegangenen vielhundertjährigen Herrschaft des Deutschen Ritterordens stand, liegt es nahe, dass in dem Kind Hans Heinrich früh der Gedanke keimte, in den geistlichen Stand einzutreten. Seine aus seiner obigen Niederschrift zu erfahrenden frühen lyrischen Versuche störten diese Vorstellung offenbar nicht. Jetzt nur kurz zu reden[5] über den bizarren Weg der über viele Stationen gegangenen Schulblidung: Volksschule Mergentheim; Internat des Franziskanerordens Ingolstadt; dann für Realschüler (Ottonianeum) Landshut; jedoch, da es in ihm mit 18 Jahren gegen die Absicht, Geistlicher zu werden, rebellierte, Zurückholung nach Mergentheim und Aufnahme in die dortige Lateinschule; schließlich Gymnasium Ellwangen mit bald 20 Jahren erreichtem Abitur. Nur anzudeuten auch der Weg des zwar sein ihm vorgeschossenes Erbteil aufbrauchenden, doch weder einen Abschluss oder gar den Doktorgrad erreichenden Studiums von 1892 – 1895, zuerst der Rechtswissenschaft, dann der Philologie an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg und danach an der Ludwig-Maximilian-Universität München, mit wenigstens dem Ergebnis einer tiefergreifenden humanistischen Bildung als Grundlage für sein jetzt dichterisches Streben. Nicht mehr als nur knapp gestreift seien die 1898 beginnenden und 1911 endenden dreizehn Jahre wechselnder zahlreicher als Fron empfundener und somit unkonventionell ausgeübter Posten als Zeitungsredakteur in Köln, Stuttgart und Heilbronn mit zwischendurch mehrfach Unterbrechungen der Tätigkeit als freier Schriftsteller mit ersten im Druck erschienenen Arbeiten. Auf etwa halben Weg heiratet er im Jahr 1904 MELANIE FROMMHERZ. Die Ehe bleibt kinderlos.

Dieses alles bringt Carlheinz Gräter in wenigen Sätzen treffend auf den Punkt: „Der Bub sollte Geistlicher werden. Aber da gab es Mädchen. Nach ziellosem Studium, journalistischen Lehr- und Wanderjahren wagte er 1911 die Existenz eines freischaffenden Schriftstellers. … Zusammen mit seiner tapferen Frau Mel mußte sich Ehrler – und das ist kein Klischee vom poète allemand – zeitweise regelrecht durchhungern.“

Jetzt schon fast vierzigjährig und seit 1908 den Patenonkel Heinrich aus Wimpfen nicht mehr hinter sich, zieht er mit seiner Frau an den vielgeliebten Bodensee nach Friedrichshafen und veröffentlicht den Erstlingsroman „Briefe vom Land“. Dessen, allerdings bescheidener, Erfolg spiegelt sich darin wider, dass dieser im September 1918, in einer ein drittes bis fünftes Tausend umfassenden neuen Auflage erscheint. Siehe dazu die

  • Abb. 2: Die Vordere Umschlagseite des Romans von Hans Heinrich Ehrler „Briefe vom Land“, September 1918.

„Die verhaltene Liebesgeschichte“, so die inhaltsumschreibende Wertung des Schriftstellers MANFRED BOSCH in seinem tiefgründigen Essay des Jahres 1997 in der Zeitschrift „Schwäbische Heimat“ des Titels „Leihweise von dem Drüben ins Herüben … Über den Dichter Hans Heinrich Ehrler“[6], „die Ehrler sein alter ego Nikolaus Köstlin nach dem Wegzug aus der Stadt an eine zurückgebliebene Freundin schicken läßt, markiert den Durchbruch des Autors zu sich selbst. Die verhaltenen Liebesgeschichte – zugleich Ehrlers wirklicher erster Erfolg als Dichter – ist nach Rudolf Krauß der ,feinste und reinste Ehebruchroman, der sich denken läßt’: Die Trennung von der Frau, die Köstlin durch seinen Wegzug hatte endgültig machen wollen, bringt sie ihm recht eigentlich nahe, so daß er sie schließlich ganz an sich zu binden und zum Verlassen ihres gesellschaftlich und beruflich erfolgreichen Mannes zu bewegen sucht. Wie für den stadtmüden Nikolaus Köstlin blieb des Land fortan auch für seinen Erfinder Nähr- und Resonanzboden seines Wesens.“ Dort findet sich auf Seite 43 jener Siebenzeiler „O Heimat, wir sind alle dein …“, der zwar an des Dichters Heimatstadt Mergentheim festgemacht ist, jedoch im Blick auf die Herkunft der Mutter des Dichters von Wimpfen sowie dessen Fühlen für Wimpfen dem hier anstehenden Teil 3 der Reihe „Die Geschichte der hessischen Exklave Wimpfen“ als Leitwort vorangestellt worden ist.

Unmöglich und auch unnötig, nunmehr in Einzelheiten aufzuzeigen, welchen Weiterweg als freischaffender Schriftsteller Hans Heinrich Ehrler gegangen und welch innere Entwicklung dieser fortan in den vom politischen Wechsel bestimmten Zeitabschnitten des durch den Ersten Weltkrieg untergegangenen Deutschen Kaiserreiches, der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und der ihm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch gebliebenen wenigen Jahre genommen hat. Doch seien wenigstens hierzu die dem vorgenannten Essay von Manfred Bosch entnommenen richtungweisenden vier Unterüberschriften vorgezeigt:

  • Im Sinne der Romantik gegen die Rationalität
  • Deutschnationale Einstellung läßt Ehrler zur leichten Beute völkisch-nazistischer Ideologie werden
  • Kein Parteigänger der Nationalsozialisten, doch Trennung von seinem jüdischen Freund Jakob Picard
  • Nach Kriegsende bedingtes Schuldeingeständnis – Der Autor von mehr als 30 Büchern isoliert und vergessen

Diese lassen das spüren, was Carlheinz Gräter, anknüpfend an der für Ehrler zum Trauma gewordenen Niederlage im Ersten Weltkrieg, mit wenigen Sätzen so umreißt: „Heil für das zerrissene Vaterland erhoffte er sich von einem ‚metaphysisch durchstrahlten Volkstum’. So erlag Ehrler, arglos, den Verführungen des Dritten Reiches. Allzu leichtfertig hatte er mit seiner Verachtung der ‚materia imperatrix’ auch Rationalismus und Liberalismus als dem deutschen Wesen nicht gemäße Größen beiseite geschoben. Im Alter wurde es vollends still um ihn. 1951 starb Hans Heinrich Ehrler. Ein Jahr darauf wurde er auf dem Friedhof seiner Vaterstadt Mergentheim heimgeholt.“ Und anschließend die Werke von Hans Heinrich Ehrler wertend, schreibt Gräter weiter: „Wer sich heute in Ehrlers Werk einlesen will, hat es schwer. Die überhöhte Sprache, die anspruchsvolle Demut, nur ein ‚Diener der deutschen Frau Muttersprache’ zu sein, der Dichter als ‚Kamerad der Gottheit’, das klingt den Leuten von heute fremd. Was wird von Hans Heinrich Ehrler bleiben? Ein paar melodische, ein paar unausschöpfbare Gedichte, eine Handvoll anschauungsgesättigter Prosa, der Erstlingsroman ‚Briefe vom Land’ und ganz gewiß sein Buch der Erinnerungen ‚Die Reise in die Heimat’. Das ist, gemessen an Ehrlers eigenem hochgespannten Anspruch nicht viel, für uns, die Nachgeborenen, an Gewicht und Verpflichtung genug. Ein Herzwort Ehrlers heißt Heimat. Zwei bis heute immer wieder zitierte Gedichte führen das Wort im Titel.

Es kann nicht verwundern, dass das letztzitierte Gedicht, mit dem wir auf das dem nachfolgenden Teil 3 gewidmeten und hier mit „Heimat“ überschriebenen sowie jetzt sieben Reimzeilen umfassende sog. Sinngedicht stoßen, sich in dem oben als krönendes Werk dieses Dichters gesehenen sog. Buch der Erinnerungen „Die Reise in die Heimat“ wiederfindet. Denn dieser 1926 erschienene unvergessene Herzenserguss hat Hans Heinrich Ehrler seiner Heimatstadt Mergentheim aus dem doppelten Anlasss der in diesem Jahr hundertjährigen Wiederkehr ihres wiedergefundenen Heilbrunnens sowie ihrer Erhebung zum Badeort gewidmet. Beides lässt sich lesen aus der nachfolgend gezeigten

  • Abb. 3: Das in zwei Widmungstexte und den Vierzeiler „Der Mütter Stimme spricht …“ eingebettete Titelblatt der 1926 erschienenen Jubiläumsschrift von Hans Heinrich Ehrler „Die Reise in die Heimat“.

Dort steht in obigem Sinn eröffnend, freilich in seiner oft gestelzten Sprache, folgendes Offenbarende zu lesen: „ … In diesen Tagen will ich dich preisen, kleine Stadt an der Tauber, muß ich zu dir kommen, meine Heimat. Als überreifer Mann bittet dich dein Sohn um eine Herberge der erinnernden Betrachtung.- Ich liebte dich immer und bin doch nicht zu dir gekommen seit fünfzehn Jahren.- Warum? Das Menschenherz ist ein gar ‚trutzig und verzagt Ding’. Vielleicht bist du mir zu kostbar gewesen, gefährdeter Schatz der Erinnerung; oder eine unsichtbare Hand sperrte die Rückkehr und hob dich dieser Stunde auf, da auch ich deine Quelle brauche, schwerer bedürftig als jene, welche für ihren Leib Heilung suchen.“ Und kurz danach, auf den Seiten 10 und 11, lässt er bei seinem Herannahen in der besonnten Eisenbahn ein in Ellwangen, der Stadt seiner Gymnasialzeit, zugestiegenes schönes Fräulein in einem seiner Bücher lesen und an die liebreiche Stelle der Seite 43, gemeint auf sein Gedicht „O Heimat wir sind alle dein“ seines Erstlings-Romans „Briefe vom Land“ des Jahres 1911, stoßen. Und auf der Seite 140 ist dieses Gedichtes ein zweites Mal gedacht, indem ihm dieses auf einer Reise in Italien am Tyrrhenischen Meer im Angesicht des Torre Astura, worin der Hohenstaufer Konradin gefangen saß, von einem ihm begegnenden italienischen Mädchen begeistert vorgelesen wird. Und jetzt wird dieses sogar noch einmal wiedergegeben. Und er fügt noch Folgendes bei: „Solches wird nun gegenwärtig. Das italienische Mädchen haben mein Herz und Blut schicksalsgrausam, schuldlos Schmerz bringend preisgeben müssen. Es hat mich mit der Lesung des Reimes selber in die Heimat gewiesen“. Schießlich fügt er noch an: „Morgen wird aus der Stadt das Frauenwesen kommen, von meiner toten Muttter mir ins Leben geschickt, der Heimgegangenen Statt zu behüten.- Ich werde das Glück haben, die Treue zu diesen Gassen und Wegen umherzuführen und, mich wieder erkennend, zu entdecken, wie meines Wesens Brunnen sich in ihren gütigen Augen spiegeln.“

Carlheinz Gräter vergisst nicht, nach der Darbringung der beiden Heimat-Gedichte noch Folgendes ergänzend herauszustellen: „In Ehrlers Buch der Erinnerung findet sich dazu der prosaische Kontext: ‚Heimat ist kein Idyll, kein Nest, es ist ein letzter erhabener Austritt auf den Hochrand der Erlebnisse, wo das Gleichnis steht.’“ Diesem dort auf Seite 118 seiner „Reise in die Heimat“ unten zu findenden Satz ist oben auf der Folgeseite 119 noch angefügt: „Seht es ist das große, größte Wort der Worte, zwillighaft geschwistert dem andern heilig gesprochenen Wort: Liebe.- Die gebliebene Perle.“ Gräter schließt seine Hans Heinz Ehrler, dem Spross des Wimpfener Blauürmers Christoph Heuerling, geltende fesselnde Charakterstudie in der Weise ab, dass er dessen aus den beiden Heimat-Gedichten herausleuchtende Verständnis von Heimat anerkenntnisheischend in prosaischen Worten zu definieren sucht: „Also keine dumpfe Autarkie der Gefühle, kein fragloses Sichbergen im Daheimsein, kein Ausspielen des Drinnen gegen das Draußen: Nähe und Dichte des Erlebens, wie sie der Kindheit und Jugend eigen sind, schaffen Heimat, und wer gereift, gealtert, sich noch einmal zu einer Reise in diese Heimat aufmacht, steht plötzlich staunend an einem Hochrand, an einer Grenze, wo nicht mehr das Erleben, die Erinnerung des Erlebten, sondern nur noch das Gleichnis der eigenen Existenz steht.“

Hans Heinrich Ehrler hat mit seiner „Reise in die Heimat“ seiner Heimatstadt Bad Mergentheim einen sicherlich immer seinen Wert behaltenden einmaligen Schatz hinterlassen. Deshalb hat diese im Nachjahr seines Todes 1952 seine sterblichen Überreste von seinem zum bleibenden Wohnort Waldenbuch im Schönbuch, wo er 1926 ein Haus in der Liebenau gekauft hatte, nach dorthin auf den Friedhof Sankt Michael umbetten lassen. Auch wird dort die Erinnerung an ihn durch die damals auch erfolgte Namengebung „Hans-Heinrich-Ehrler-Platz“ sowie durch dessen dortiges Geburtshaus Nr. 18 wachgehalten, in dem heute von einer Nachkommin aus der zweiten Ehe des Johann Michael Ehrler in dritter Generation unter dem Firmennamen Wachszieherei Carl Ehrler, angepasst an unsere Zeit, gekaufte glatte Kerzen in Handarbeit zu Unikaten für Anlässe wie Taufen und Kommunion, Konfirmation und Ehejubiläum verziert werden. Da es dem Dichter ein Herzensbedürfnis gewesen ist, in seiner „Reise in die Heimat“ auch die Erinnerungen an seine auf Wimpfens Blauen Turm groß gewordene und ihm allzufrüh genommene Mutter Margaretha, geborene Heuerling, zusammen mit zweien ihrer Geschwister festzuhalten, erschien es mir unabdingbar, diesem und dem seiner Heimatstadt gewidmeten Büchlein „Die Reise in die Heimat“ hier Raum zu geben. Mit dem Abbild seines Hauptes, das nach dem Einschätzung von Manfred Bosch „seinem Hirn einen übermäßigen Raum zur Verfügung stellen zu wollen schien“[7], sowie darunter seiner Unterschrift soll das Nachspüren dessen Person und Werk ein Ende finden:

  • Abb. 4: Ausschnitt einer Fotografie des Dichters Hans Heinrich Ehrler (1871 – 1951) und den hinzugefügtem Namenszügen aus seiner Hand.

Was dessen Siebenzeiler „O Heimat wir sind alle dein“ betrifft, so mag die Beigabe desselben zu dieser Arbeit als Sinngedicht Kritik dahingehend erzeugen, dass dieses eine überholt-antiquierte Definition des Begriffes Heimat liefere, die das subjektive und dazuhin überlebte aus altem Erleben und überbordend-gefühlhaftem Empfinden seines Schöpfers gewachsene Bild derselben allzu verklärend darbringe. Diese Kritik mag zwar gerechtfertigt sein, zumal ja Hans Heinrich Ehrler nicht zuletzt über diese seine Definition von Heimat in der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust 1938 durch den damaligen württembergischen Ministerpräsidenten und Kultusminister schlimmen Angedenkens Christian Mergenthaler mit dem „Schwäbischen Dichterpreis“ bedacht worden ist und nicht darum herumkam, sich dabei als „Dichter deutscher Innerlichkeit, der in einer Sprache von starker Bildkraft, den letzten Urgründen nachspürend, die Heimat preist als das Sichtbare im Ewigen, als heiße Verpflichtung zum Reich, dem Land der Väter“[8] feiern zu lassen. Dennoch dem Titel dieses Teiles 3 jenes Heimatgedicht Hans Heinrich Ehrlers anzufügen, erscheint mir dann gerechtfertigt, wenn dieses als Ausweisung eines zu Namen und Ehre wie Unehre gekommenen heimatlichen Sprosses (in weiterem Sinne) gesehen wird, welcher als Kind der Ära des wiedergegründeten Deutschen Kaiserreiches und damit des wiedererwachenden und der Gefährdung der Übersteigerung ausgesetzten Nationalismus sowie der Fixierung auf die eigene enge volksmäßige und gar nur örtliche Welt entwachsen ist. Solche Sichtweise erscheint mir aber nur dann erreicht, wenn sich zur Erforschung des örtlichen Geschehens über das bloße Finden und Darstellen des „Wie“ hinaus auch das Bemühen um die Einsicht in das „Warum“ sowie dazuhin das Einbetten der Geschehnisse in die Allgemeingeschichte und damit das Erspüren deren „örtlichen Wellenschlages“ gesellen.

Nach solcher Prämisse wird es vielleicht auch verständlich, dass ich mich ungern mit der belasteten Bezeichnung „Heimatforscher“ apostrophiert sehe und, wenn dies denn doch geschieht, in Gefahr gerate, mit Ungehaltenheit zu reagieren. Auf solchem Wege der Ortsgeschichtsforschung ist der ewig diskutierte und immer wieder aufs Neue zu definieren gesuchte Begriff „Heimat“ durchaus zeitgemäß gesehen, nämlich so, wie er z. B. zeitgenau eben, d. h. am 9. Dezember 2016, sich in der Sonderbeilage „Heimat“ des Zeitungsverlags Waiblingen von Matthias Ellwanger auf der Basis eines Interviews mit dem Hochschullehrer an der PH Ludwigsburg und Leiter des Faches Geschichte an der Volkshochschule Schorndorf Holger Dietrich treffend umrissen findet: „Heimat ist eben nichts Festgelegtes, sie befindet sich im Fluss. Sie ist auch kein kollektiver Begriff, sondern eher ein individuelles Gefühl. Es gibt nicht die eine Heimat. Jeder hat seine eigene, das macht es ja so spannend.“ [9] Genau so sehe ich Hans Heinz Ehrlers 1911 geprägte Ausdeutung von Heimat als seine ureigene auf dem Fundament seiner Herkunft und seines Aufwachsens in der Epoche des neuen Deutschen Kaiserreiches gewachsene Sehweise, die man zwar nicht teilen muss, die m. E. aber Anspruch hat, im Rahmen der dieser Epoche geltenden Arbeit zusammen mit seiner Person Aufnahme zu finden.

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Anmerkung zu den hier sowie allen anderen Abschnitten dieser Arbeit angefügten Endnoten:

Es wird hier sowie in der Regel auch bei den an späterer Stelle aufgeführten Endnoten der Einfachheit halber verzichtet, die Titel herangezogener Druckwerke aufzuführen. Wiedergegeben sind nur der jeweilige Name des Verfassers und das Erscheinungsjahr sowie die Fundseiten. Die Titel der herangezogenen Quellenwerke erscheinen in der End-Rubrik „Verwendeten Quellen“. Diese lassen sich in der Weise bestimmen, dass man dort nach dem angegebenen Verfasser-Namen und dann dem beigegebenen Erscheinungsjahr sucht.

[1] Erich Scheible, 2008; dort findet sich über Christoph Heuerling auf den folgenden Seiten berichtet: 131, 165, 303, 306, 307, 308, 320, 328, 329, 397, 403, 471, 472, 479.

[2] Diese sowie eine ganze Reihe anderer Angaben über Angehörige der Ehrler-Familie verdanke ich den Recherchen von Frau Stadtarchivarin Christine Schmidt, Bad Mergentheim.

[3] Ehrler, Hans Heinrich, 1926, S. 21

[4] Gräter, Carlheinz, 1984, S. 21

[5] Hierzu sei verwiesen auf die verwendeten folgenden weiteren beiden Quellen:
– Wikipedia, die freie Enzyklopädie, entnommen: 17. 01. 2013, S. 1 u. 2
– Bosch, Manfred, 1997, S. 240 u. 241

[6] Bosch, Manfred, 1997, S. 241

[7] Bosch, Manfred, 1997, S. 240

[8] Bosch, Manfred, 1977, S. 244

[9] Siehe dort auf der Seite 89