R. Französischer Nebenzweig

Wie aus dem in den französischen Wasserbaudienst tretenden zweitältesten Sohn des Franz Ludwig namens FRANÇOIS CHARLES EUGÈNE DE WIMPFFEN bzw. FRANZ KARL EUGEN VON WIMPFFEN (1762 – 1835) der Generation 12 über seine mit dem französischen Diplomaten deutscher Herkunft und späteren Pair von Frankreich KARL FRIEDRICH GRAF REINHARD (1761 – 1831) verheiratete Tochter VIRGINIE (1801 – 1886) und deren wie ihr Gatte JOHANN BAPTISTE STEPHAN FRANÇOIS (1796 – 1847) früh gestorbene ältere Schwester IRENE (1807 – 1846) der französische Nebenzweig der Wimpffen herauswächst.

Was den in der langen Bruderreihe hinsichtlich der Berufswahl eine Ausnahme bildenden zweitältesten Sohn des Franz Ludwig von Wimpffen namens FRANÇOIS CHARLES EUGÈNE DE WIMPFFEN bzw. (wie Wurzbach schreibt) FRANZ KARL EUGEN VON WIMPFFEN (1762 – 1835) betrifft, so ergriff dieser den Beruf eines kaiserlich französischen Wasserbauinspektors. Über dessen Leben ist aus dem Gotha des Jahres 1866 Folgendes überliefert:

KARL FRANZ EUGEN, wie dort im Gegensatz zu Wurzbach geschrieben ist, wurde am 21. Februar 1762, wie schon gesagt, entweder in Stuttgart oder in Ludwigsburg geboren und ist am 19. Dezember 1835 in Boussonville (auch: Bouzonville, Lothringen, Département Moselle) gestorben. Er hat am 10. März 1798 die am 10. April 1774 zu Gantenweiler geborene und am 15. März 1837 zu Saarburg gestorbene AMALIE, Tochter des CHRISTIAN RITTER LAATRES DE FEIGNIS (bei Wurzbach: LATRÉ DE FEIGNIS) und der FRIEDERIKE GEB. REICHSFREIIN VON GEMMINGEN ZU MASSENBACH geheiratet. Was die aus dieser Ehe laut der Stammtafel II von Wurzbach (siehe dort in der Generation XVc bzw. 13c) hervorgegangenen sieben Kinder, drei Söhne und vier Töchter, betrifft, so sind vier, zwei Söhne und zwei Töchter, früh gestorben, nämlich:
– NECTORINE, geb. 1799, gest. 1819;
– DAMAS, geb. 1804, gest. 1820;
– FRIDOLINE, geb. 1809, gest. 1824;
– LUDWIG, geb. und gest. 1810.
Über die  beiden anderen Töchter
– VIRGINIE und IRENE
wird an späterer Stelle ausführlich zu berichten sein. Der jüngste Sohn
– SIGISMUND GEORG FELIX, geb. am 02. Mai 1812 zu Cleve, gest. 06. März 1877, der laut Wurzbach in französischen Zivil-Diensten stand und, genauer gesagt, laut der Deutschen Biographie kaiserlich französischer Forst- und Wasserbauinspektor wie der Vater wurde, heiratete am 10. Juli 1848
ANAĩS DE LATTERIÈRE, geb. 10. Juli 1816 zu Angoulême.
Deren zwei Töchter sowie auch der Sohn namens
– MARIE CONSTANZE JOHANNA FRIDOLINE, geb. 17. oder 12. Oktober 1842 zu Joigny,
– MARIE HENRICA MARCELLINE ERNESTINE, geb. 31. Januar 1844 zu Haguenau,
– VICTOR MARIA KARL HEINRICH, geb. 08. November 1848 zu Compiègne,
erscheinen in der II. Stammtafel von Wurzbach mit angefügtem Kreuz, d. h., dass diese beim Entstehen dessen Veröffentlichung in den ausgehenden 1880er Jahren bereits verstorben gewesen sind. Bei der weiteren Tochter
– MARIE IRENE AMALIE, geb. 04. März 1845 zu Compiègne, vermählt mit
SIMON DE BRUCHARD, fehlt dieses Kreuz-Zeichen.

All die Vorgenannten lassen sich finden in der nachfolgenden

  • Abb. R 1: Ausschnitt der II. Stammtafel der Freiherren und Grafen von Wimpffen des Constantin von Wurzbach, bezogen auf die sieben Kinder des FRANZ KARL EUGEN VON WIMPFFEN (1762 – 1835) der Generation XVc bzw. 13c, worunter den Personalien der beiden Schwestern VIRGINIE (1801 – 1886) und IRENE (1807 – 1846) – wider die Regel der starken Textbeschränkung – eine das Werden des durch diese zustande gekommenen Französischen Nebenzweiges beschreibende Kurzdarstellung beigefügt ist.

Aus diesen beiden Kurzdarstellungen des C. von Wurzbach lässt sich unter Hinzunahme einiger anderweitiger Quellen folgendes ebenso interessante wie instruktive Gesamtbild gewinnen:

– Die ältere der beiden Schwestern JOHANNA ANTOINETTE VIRGINIE DE WIMPFFEN, geb. am 25. März 1801 zu Birkenfeld (Nahe), heiratete am 13. April 1825 mit knapp 24 Jahren zu Walldorf bei Meiningen (Thüringen) den damals 63 Jahre alten und damit um fast 40 Jahre älteren berühmten Literaten, französischen Diplomaten, Ritter seit 1809 und GRAFEN seit 1815 KARL FRIEDRICH VON REINHARD, geb. 02. Oktober 1761 in Schorndorf als Sohn des Diakons (Zweiten evangelischen Stadtpfarrers), gest. 25. Dezember 1837 in Paris. Dieser amtierte damals (von 1815 – 1829) als Gesandter Frankreichs beim in der Freien Stadt Frankfurt am Main niedergelassenen Deutschen Bundestag. Seine erste Ehefrau CHRISTINE, GEBORENE REIMARUS (1771 – 1815), Tochter des Hamburger Arztes ALBERT REIMARUS, war 1815 jung gestorben. Diese ungewöhnliche Eheverbindung kam dadurch zustande, dass Virginie von Wimpffen bei der Tochter der vorgenannten ersten Ehefrau des Karl Friedrich von Reinhard SOPHIE VON REINHARD Gesellschafterin gewesen war. Durch diese Verbindung, so schreiben dessen Biografen, sei Reinhards Lebensabend erhellt worden. Er habe mit seiner jungen Frau, so schreibt Karl Mörsch in seiner Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen des Titels „Sueben, Württemberger und Franzosen. Historische Spurensuche im Westen” (1991), mehrere große Reisen unternommen. Und 1826 führte Reinhard seine Frau nach der Schweiz und Oberitalien. Bei dem im Herbst 1827 stattgefundenen Hamburg-Besuch stellten die dortigen Freunde fest, dass der nie besonders umgänglich und kontaktfreudig gewesene gichtkranke Reinhard, dadurch, dass er nur noch in seiner jungen Frau zu leben schien, umgänglich und zutraulich geworden war; und die dortigen Verwandten seiner verstorbenen Frau Christine beglückwünschten ihn zu seiner zweiten liebenswürdigen Frau, nachdem die ästhetische Koketterie und Kränklichkeit der ersten Frau ihm das Leben schwer gemacht hatten. Als Reinhard 1829 von Frankfurt abberufen wurde, besuchte er mit Virginie vor der Rückkehr nach Paris wiederum Weimar, wo die mit GEORG VON DIEMAR verheiratete Tochter SOPHIE KAROLINE VON REINHARD lebte. Und nach der Rückkehr nach Frankreich mieteten sie sich in Paris in der Rue Saint-Lazaire eine Stadtwohnung. Die Julirevolution des Jahres 1830 erlebten sie auf des Mannes Gut Ardenne-Hof bei Caën in der Normandie. Danach als französischer Vertreter zum sächsischen Hof in Dresden und zum Großherzog von Weimar entsandt, folgten noch zwei Jahre aktiven Dienstes. Im Juli 1832 mit 71 Jahren endgültig in den Ruhestand versetzt, ehrte ihn im Oktober der Bürgerkönig Louis Philippe durch die Verleihung der Würde eines Pairs von Frankreich mit Sitz in der Pairs-Kammer. Jetzt wurde deren Paiser Domizil zum Vereinigungspunkt von Schriftstellern und Gelehrten. Im Jahr 1837 unternahmen sie noch eine große Reise durch England und Holland und an deren Ende stand die Teilnahme an der Jubelfeier der Universität Göttingen. Über Belgien nach Paris zurückgekehrt, starb KARL FRIEDRICH VON REINHARD an Weihnachten desselben Jahres im Alter von 76 Jahren und wurde auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt. Die erst 36 Jahre alte Gattin VIRGINIE hat als Witwe ihren Mann um fast fünf Jahrzehnte überlebt. Sie starb erst am 18. Dezember 1886 im Alter von 85 Jahren.

– Die jüngere der beiden Schwestern IRENE DE WIMPFFEN, geb. am 25. März 1807, hat JOHANN BAPTIST STEPHAN FRANÇOIS, geb. am 12. September 1796, geheiratet. Aus dieser Ehe ging am 11. Januar 1835 der Sohn KARL FRANÇOIS hervor. Das Unglück wollte es, dass dessen Eltern hintereinander im Abstand von nur einem Jahr verstarben, die Mutter am 11. Februar 1846 im Alter von knapp 39 Jahren, der Vater, Schwager von Virginie, am 5. Februar 1847 im Alter von 50 ½ Jahren, den Sohn KARL FRANÇOIS mit 11 bzw. 12 Jahren zurücklassend. Dies veranlasste die kinderlose Tante VIRGINIE GRÄFIN REINHARD, geborene BARONNE DE WIMPFFEN, sich um diesen anzunehmen und diesen1856, d. h. in dessen Alter von 21 Jahren und damit der erreichten Volljährigkeit, zu adoptieren. Dieser nahm dann, den französischen Gesetzen entsprechend, den Geschlechtsnamen und Adel der Mutter DE WIMPFFEN an und somit bildete sich ein Nebenzweig der französischen WIMPFFEN. Dieser vermählte sich im Alter von 32 Jahren am 6. Mai 1857, wie es in der II. Stammtafel heißt, mit seiner BASE MARIE GRÄFIN REINHARD, deren genauer Name MARIE MAXIMILIENNE ANTOINETTE LOUISE REINHARD lautete. Diese war die Enkelin des KARL FRIEDRICH REINHARD aus seiner ersten Ehe mit CHRISTINE REINHARD, und zwar der Tochter deren Sohnes namens KARL FRIEDRICH ALBERT REINHARD (1802 – 1873) und seiner Ehefrau AMALIE, GEB. VON LERCHENFELD (1808 – 1886). Dieses ist ein Beispiel, wie im Adel Ehen oft im Bannkreise der Verwandtschaft (hier allerdings lag keine Blutsverwandtschaft vor) gestiftet wurden. KARL FRANÇOIS, jetzt BARON KARL DE WIMPFFEN, avancierte bis zum französischen Gesandten und bevollmächtigten Minister.

Dieser und seine Frau MARIE hatten eine Tochter und einen Sohn: JOHANNA DE WIMPFFEN, geb. am 22. Juli 1858, vermählt mit RENÉ DE MONCLIN, und LUDWIG (LOUIS) DE WIMPFFEN, geb. am 30. September 1859. Laut der II. Stammtafel von Wurzbach wurde der Letztgenannte französischer Infanterie-Offizier. Weiterführende Recherchen in Günther Riederer, „Der letzte Österreicher Leopold von Andrian und sein Nachlass in Marbach” (Heft 4 der Reihe „Aus dem Archiv” 2011), sowie in Geni.com u. a. m. erbrachte die folgenden ergänzenden Fakten dessen Lebens: Dessen Betitelung und voller Name waren: BARON HENRI SIGISMOND LOUIS DE WIMPFFEN (geb. in Frankfurt am Main). Dieser heiratete HÉLÈNE ANDRÉE BOURÉE (ca. 1872 – März 1946), Tochter von ALBERT FRÉDÉRIC BOURÉE und SOPHIE ANNA HENRIETTE BOURÉE. Aus der Ehe ging am 19. März 1891 der Sohn CHARLES DE WIMPFFEN hervor. Der Vater LUDWIG (LOUIS) DE WIMPFFEN war um die Jahrhunderwende französischer Militär-Attaché in Athen, wo er und seine Frau ANDRÉE die besten Freunde des damaligen österreichischen Diplomaten und Legationssekretärs der Gesandtschaft Athen und gleichzeitig Mitglied des Dichterkreises um Stefan George und Hugo von Hofmannsthal LEOPOLD VON ANDRIAN (geb. am 9. Mai 1875 in Berlin) wurden. Zwischen diesem entstand nach seiner Abberufung im Sommer 1902 aus Athen mit de Wimpffens Gattin Andrée offenbar in stillschweigender Übereinkunft, dass diese Leopolds „platonische Affäre” war, ein reger Briefwechsel, was insofern bemerkenswert ist, als dieser mit einer verheirateten Frau wider die Tabus der damaligen wenig permissiven Gesellschaft geführt wurde. Nachdem Andrées mittlerweile zum Leutnant-Colonel (Oberstleutnant) beim 70. Régiment d’Infanterie avancierter Gatte Ludwig am 8. Mai 1912 tragisch bei einem Manöver in Guichen/Bretagne ums Leben gekommen ist (siehe die diesbezügliche Eintragung in der Zusammenstellung „Sie starben für” in Kapitel O. Johann Georg) und auf dem Friedhof in Vailly-sur-Aisne sein Grab gefunden hat, braucht es noch nach langem Zögern des inzwischen zum freien Schriftsteller gewordenen Leopold von Andrian mehr als eines Jahrzehnts, bis die beiden emotional so tief verbundenen nun bereits schon fast bzw. etwas über 50 Jahre alten Partner im November 1923 sich in Berchtesgaden standesamtlich trauen lassen und damit der gesellschaftlichen Konvention Genüge tun. Während Andrée in der Villa Mendiguren in Nizza wohnen bleibt, ist Leopold jedoch viel auf Reisen und oft wochenlang abwesend. Schließlich muss er, von der Gestapo vor allem wegen seiner den Anschluss Österreichs an das „Reich” kritisch sehenden Schrift des Jahres 1937 „Österreich im Prisma der Idee. Katechismus der Führenden” verfolgt, im Juni 1940, über Spanien und Portugal ins Exil nach Brasilien flüchten. Bald nach seiner ausgangs 1945 möglichen Rückkehr nach Nizza, im März 1946, stirbt ANDRÉE VON ANDRIAN, VERWITWETE DE WIMPFFEN, und LEOPOLD VON ANDRIAN 1951 in Fribourg/Schweiz.

Wir werden den vorbeschriebenen ersten männlichen Gliedern des Französischen Nebenzweiges der DE WIMPFFEN, Vater KARL und Sohn LUDWIG, in Kapitel W. Wilhelm von Wimpffen im Zusammenhang mit der bereits angesprochenen Hochzeit der SOPHIE VON WIMPFFEN und BARON THEODOR LEONHARD RUDOLPH VON UNGERN-STERNBERG des Jahres 1880 in Wimpfen wiederbegegnen.