{"id":130,"date":"2017-12-09T16:39:40","date_gmt":"2017-12-09T15:39:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/?page_id=130"},"modified":"2019-10-19T13:11:40","modified_gmt":"2019-10-19T11:11:40","slug":"e-landtags-und-gemeinderatswahlen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/startseite\/e-landtags-und-gemeinderatswahlen\/","title":{"rendered":"E. Landtags- und Gemeinderatswahlen"},"content":{"rendered":"<p><strong>ZWAR WIRD DURCH DAS NEUE GESETZ DER ZUSAMMENSETZUNG DER BEIDEN KAMMERN UND WAHLEN ZUM LANDTAG DIE BEVORRECHTUNG DES HOHEN ADELS UND DER H\u00d6CHSTEN AMTSTR\u00c4GER NUR WENIG EINGESCHR\u00c4NKT UND ERFOLGT DIE WAHL ZUR ZWEITEN KAMMER IMMER NOCH INDIREKT \u00dcBER WAHLM\u00c4NNER; AUCH SIND NACH DER NEUEN LANDGEMEINDEORDNUNG DIE WAHLEN ZUM GEMEINDERAT DURCH DIE TEILUNG DER W\u00c4HLBAREN IN ZWEI EINKOMMENSKLASSEN IMMER NOCH VOM KLASSENWAHLRECHT BEEINFLIUSST; ABER WENIGSTENS WIRD DER NACH WIE VOR EHRENAMTLICHE B\u00dcRGERMEISTER &#8211; WIE SCHON FR\u00dcHER ZU ZEITEN DER ALTEN VERFASSUNG &#8211; \u00a0VON DER B\u00dcRGERSCHAFT UNMITTELBAR &#8211; UND ZWAR JETZT NACH ALLGEMEINEM FREIEM UND GLEICHEM WAHLRECHT &#8211; GEW\u00c4HLT, WOBEI NACH DEM R\u00dcCKTRITT DES DIESES AMT FAST DREI JAHRZEHNTE INNEHABENDEN B\u00dcRGERMEISTERS FRIEDRICH ERNST DIE WAHL IN EINEN STREIT DER KONFESSIONEN AUSARTET, DER SICH DANACH TROTZ DER BEENDIGUNG DES SOG. KULTURKAMPFES IN FORM FORTW\u00c4HRENDER AUSEINANDERSETZUNGEN ZWISCHEM DEM KATHOLISCHEN PFARRER UND DEN PROTESTANTISCHEN GEISTLICHEN \u00dcBER JAHRZEHNTE FORTSETZT.<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong> W\u00e4hrend bei den Wahlen zum Landtag einerseits bez\u00fcglich des Wahlrechts keine Einschr\u00e4nkungen mehr bestehen, bleibt andererseits die Indirektheit der Wahl sowie das Bevorrechtungen erhaltende Zweikammer-System und die Abh\u00e4ngigkeit der W\u00e4hlbarkeit zum Wahlmann von der H\u00f6he des Steueraufkommens bestehen.<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Hinsichtlich der Neubestimmung des Wahlrechts der Landes- und Gemeindegremien ist zun\u00e4chst das Gesetz vom 8. November 1872 zu nennen, das die Wahl und Zusammensetzung der beiden Landst\u00e4ndischen Kammern zwar modifizierte, jedoch das Zweikammer-System aufrecht erhielt. Nach wie vor (dar\u00fcber siehe in Band 2, S. 543 \u2013 545) blieb die Mitgliedschaft in der <u>Ersten Kamme<\/u>r von der allgemeinen W\u00e4hlbarkeit ausgeschlossen und dem hohen Adel sowie den hohen Amtstr\u00e4gern vorbehalten:<br \/>\n&#8211; den Prinzen des Gro\u00dfherzoglichen Hauses,<br \/>\n&#8211; den H\u00e4uptern der standesherrlichen Familien,<br \/>\n&#8211; dem katholischen Landesbischof oder Stellvertreter,<br \/>\n&#8211; einem vom Gro\u00dfherzog bestimmten evangelischen Geistlichen, &#8211; &#8211; &#8211; dem Kanzler der Landesuniversit\u00e4t Gie\u00dfen,<br \/>\n&#8211; zwei aus der Mitte des eingesessenen Adels mit gro\u00dfem \u00a0Grundeigentum (mit mindestens 1.200 fl = 2.057 Mark gezahlter Grundsteuer) gew\u00e4hlten Abgeordneten,<br \/>\n&#8211; schlie\u00dflich vom Gro\u00dfherzog berufenen ausgezeichneten Staatsb\u00fcrgern.<\/p>\n<p>Was die <u>Zweite Kammer<\/u> betrifft, so blieben weiterhin acht der alten St\u00e4dte Hessens privilegiert, in diese 10 eigens von ihnen gew\u00e4hlte Abgeordnete zu schicken. Ein gewisser Fortschritt war es, dass in dieser die fr\u00fcheren 6 Sitze des Adels wegfielen und daf\u00fcr von den nicht \u201ebegabten\u201c St\u00e4dten und Landgemeinden statt fr\u00fcher 34 jetzt 40 Abgeordnete in sogenannten Einmann-Wahlbezirken gew\u00e4hlt werden konnten. Davon kamen &#8211; entsprechend diesen Wahlbezirken &#8211; 17 aus der Provinz Starkenburg, 13 aus der Provinz Oberhessen und 10 aus der Provinz Rheinhessen. Der Landgerichtsbezirk Wimpfen, bestehend aus den Gemarkungen Finkenhof, (dem hessischen Teil von) Helmhof mit Forstbezirk, Hohenstadt, (dem hessischen Teil von) K\u00fcrnbach, Wimpfen am Berg, Wimpfen im Tal und Zimmerh\u00f6fer Feld, bildete innerhalb der Provinz Starkenburg zusammen mit den Landgerichtsbezirken Beerfelden (mit Ausnahme von H\u00fcttenhal) und Hirschhorn den Ersten Wahlbezirk (1. Wahlbezirk: \u201eWimpfen-Neckarsteinach-Hirschhorn-Beerfelden\u201c). Dazu kam, dass die Abgeordneten in allgemeiner, freier und gleicher Wahl auf sechs Jahre gew\u00e4hlt wurden. Doch sollte die Zweite Kammer alle drei Jahre (g\u00fcltig allerdings nur bis 1875) in der Weise teilweise erneuert werden, dass, durch das Los bestimmt, die H\u00e4lfte auszutreten hatte und durch Neuwahl ersetzt wurde. Die Wahl der Abgeordneten der Zweiten Kammer erfolgte jedoch wie zuvor mittel- und nicht unmittelbar, n\u00e4mlich in zwei Stufen:<\/p>\n<p>&#8211; <u>1. Stufe = Urwahl<\/u>: Die mit dem allgemeinen und freien Walhlrecht begabten m\u00e4nnlichen Staatsb\u00fcrger ab 25 Jahren waren die sog. Urw\u00e4hler. Als solche w\u00e4hlten diese die aus ihrer Mitte genommenen Bevollm\u00e4chtigten, die sog. Wahlm\u00e4nner. Die Zahl der zu w\u00e4hlenden Wahlm\u00e4nner richtete sich nach der \u201eSeelenzahl\u201c der jeweiligen Gemeinde; ab 250 \u2013 500 Seelen ein Wahlmann, f\u00fcr jede weiteren 500 Seelen ein weiterer Wahlmann. Wimpfen mit seine Teilorten stellte bei seiner Einwohnerzahl von zwischen 3.000 und 2.500 (1871: 2.916, 1875: 2.940) zun\u00e4chst f\u00fcnf, sp\u00e4ter (1880: 3.178, 1885: 3.261, 1890: 3.165, 1895: 3.189, 1907: 3.195) sechs Wahlm\u00e4nner.<\/p>\n<p>&#8211; <u>2. Stufe = Wahlm\u00e4nnerwahl<\/u>: Die Wahlm\u00e4nner w\u00e4hlten die Abgeordneten. Gew\u00e4hlt war, wer mehr als die H\u00e4lfte der Zahl der Wahlm\u00e4nner (= absolute Mehrheit) erreichte. Im anderen Falle war eine Nachwahl n\u00f6tig, bei der die einfache Mehrheit entschied. Hinsichtlich der W\u00e4hlbarkeit war gegen das Gleichheitsprinzip insofern versto\u00dfen, als zum Wahlmann nur gew\u00e4hlt werden konnte, wer mindestens 40 fl (68,57 Mark) an direkter j\u00e4hrlicher Steuer entrichtete.<\/p>\n<p>Die erste nach dem neuen Gesetz durchgef\u00fchrte Wahlm\u00e4nnerwahl zum XXI. Landtag des Jahres 1872 erbrachte das folgende Ergebnis: Von den nur 122 \u00a0abgegebenen Stimmen, was bei rund 600 Stimmberechtigten nicht mehr als 20,3 % entspricht) fielen die meisten auf die folgenden Gew\u00e4hlten:<\/p>\n<p>PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0(\u00d6konom) 22,<br \/>\nWILHELM LUDWIG V\u00d6RG\u00a0(Fabrikant und Kaufmann) 19,<br \/>\nCHRISTOPH M\u00dcNCH\u00a0(B\u00e4cker) 16,<br \/>\nDR. EMIL M\u00d6RIKE\u00a0(Apotheker) 13 und<br \/>\nCARL LINK\u00a0(Kaufmann und Fabrikant) 9 Stimmen.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu den Reichstagswahlen des Vorjahres war demnach das Wahlinteresse und die Wahlbeteiligung bei dieser antiquierten Art der Wahl extrem gering. Weiteres, so vor allem das Ergebnis der sog. Wahlm\u00e4nner-Wahl (2. Stufe) im Wahlbezirk, sowie \u00fcber die nachgefolgten Wahlen zum XXII. (1875) und XXIII. Landtag (1878) usw. lie\u00df sich trotz der Nachfrage beim Stadtarchiv Bad Wimpfen nach evtl. vorhandenem Aktenmaterial nicht in Erfahrung bringen. Was sich diesbez\u00fcglich schlie\u00dflich erst im Jahr 1887 in der \u201eWimpfener Zeitung\u201c finden l\u00e4sst, das ist die f\u00fcr Wimpfen bedeutsame Tatsache, dass bei der am Mittag des 2. August des genannten Jahres stattgefundenen Wahl der Wahlm\u00e4nner zum XXVI. Hessischen Landtag der Wimpfener Rentner WILHELM LUDWIG V\u00d6RG zum Abgeordneten des 1. Wahlbezirks Wimpfen-Neckarsteinach-Hirschhorn-Beerfelden gew\u00e4hlt worden ist. Sein f\u00fcr seinen Heimatort denkw\u00fcrdiger Einzug in das St\u00e4ndehaus als Abgeordneter der Zweiten Kammer der durch das gesamte Kaiserreich ununterbrochen die Spitze einnehmenden Nationalliberalen war leider nur von kurzer Dauer. Denn er starb bereits am 9. Januar des Folgejahres 1888 im Alter von erst 55 Jahren. Hier sei zur W\u00fcrdigung dessen in herausragender Weise in und f\u00fcr Wimpfen t\u00e4tig gewesenen Pers\u00f6nlichkeit der Text des von der \u201eWimpfener Zeitung\u201c am 12. Januar 1888 unter der Rubrik \u201eLokales\u201c zu dessen pl\u00f6tzlichem Tod erfolgten Berichts gegeben:<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee001.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee001-1024x443.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus der Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde erfahren wir noch, dass V\u00f6rg bei der im vorgenannten Bericht erw\u00e4hnten Heilbronner Freimaurer-Loge die Funktion des Almonseniers (Verwalter der Almosen) innegehabt hat und der Vorstand derselben bei der am 11. Januar 1888 erfolgten Beerdigung unter Worten der Anerkennung seiner Verdienste ihm einen Palmzweig, das Symbol der Freimaurer, auf das Grab gelegt habe. \u00dcber die im obigen Zeitungsbericht erw\u00e4hnten herausragenden beruflichen und ehrenamtlichen T\u00e4tigkeiten sowie Mitgliedschaften bei Vereinen der 1870er und 1880er Jahre hinaus hatte V\u00f6rg in Wimpfen sich als zeitweiliger Gemeinderat (siehe unten) und zuvor schon in den 1860er Jahren als Gastwirt im \u201eRitter\u201c einen Namen gemacht und war wegen seines nachhaltigen Eintretens f\u00fcr den Eisenbahnbau resp. der Platzierung des Bahnhofs in n\u00e4chster N\u00e4he seines Gasthofes ins Gerede gekommen (siehe Band 2, S. 610\/611). Knapp zwei Jahre vor seinem Tod waren anl\u00e4sslich seines bevorstehenden Abschieds nach Heilbronn wegen \u00dcbernahme des dortigen vielger\u00fchmten Gasthofs \u201eHarmonie\u201c als P\u00e4chter am 21. Februar 1878 die Feuerwehr und der Gesangverein, gefolgt von einen gro\u00dfen Menschenmenge, mit Musik, Lampions, Fackeln zu seinem Wohnhaus gezogen und hatten ihm mit Gesang, Ansprachen und Hochrufen einen w\u00fcrdigen Abschied bereitet. Und im Saale des \u201eRitter\u201c hatten ihm danach die versammelten Beamten, b\u00fcrgerlichen Kollegien und Einwohner einen mit weiteren Ansprachen, Ges\u00e4ngen, Hochs sowie Tanzunterhaltung bis in die Morgenstunde hinein gegangenen\u00a0Abschiedsabend bereitet. An sp\u00e4terer Stelle werden wir ihn auch noch anl\u00e4sslich der Schilderung seiner Festrede bei der Fahnenweihe des 1874 gegr\u00fcndeten Kriegervereins u. a. m. als gl\u00fchenden Verehrer von Kaiser, Reich und Vaterland sehen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Die Wahlen zum Gemeinderat geben durch die Teilung der W\u00e4hlbaren in zwei (nicht mehr drei) Steuerzahlungs-Klassen den Stimmen der Verm\u00f6genderen immer noch mehr Gewicht als den Weniger- oder Nicht-Verm\u00f6genden.<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Elementarer als von der Modifikation der Zusammensetzung sowie des Wahlmodus der Landst\u00e4nde des Gro\u00dfherzogtums Hessen nach der Reichsgr\u00fcndung sowie der Landtagswahlen als solchen f\u00fchlte sich Wimpfen von der 1874 verabschiedeten neuen St\u00e4dte- und der Landgemeinde-Ordnung ber\u00fchrt. Zwar galt die St\u00e4dteordnung erstrangig nur f\u00fcr die Gemeinden ab 10.000 Einwohnern. Doch konnte diese auch f\u00fcr solche ab 3.000 Einwohnern auf Antrag des Ortsvorstandes und gutachtlicher Anh\u00f6rung des Kreistages G\u00fcltigkeit erlangen. Da die Einwohnerzahl Wimpfens und seiner Teilorte zur Zeit der Verabschiedung derselben knapp unter dieser Grenze (siehe die obigen Einwohnerahlen) lag, war abzusehen, dass binnen kurz oder lang diese Zahl erreicht und somit evtl. die M\u00f6glichkeit der Einf\u00fchrung der St\u00e4dteordnung gegeben sein w\u00fcrde. Zun\u00e4chst stellte sich jedoch die Frage einer Umstellung nicht und galt, was die Zusammensetzung des Gemeinderates betrifft, die landgemeindliche Bestimmung, dass Gemeinden unter 3.000 Seelen neun Gemeinder\u00e4te zustehen, was aber bald durch Wiederansteigen der Einwohnerzahl \u00fcber 3.000 die Zahl von zw\u00f6lf solchen nach sich zog. Das diesbez\u00fcgliche Wahlrecht stand nach wie vor allen grund-, gewerb- oder, seit 1870, einkommensteuerpflichtigen Ortsb\u00fcrgern zu, au\u00dferdem allen m\u00e4nnlichen weiteren seit zwei Jahren Unterst\u00fctzungswohnsitz in der Gemeinde gew\u00e4hrten Einkommensteuerpflichtigen (und zwar ohne Einschr\u00e4nkung im Gegensatz zu vorher, wo wenigstens 40 fl j\u00e4hrliches direktes Steueraufkommen verlangt war).<\/p>\n<p>Somit gab es hinsichtlich des Wahlrechts f\u00fcr den Gemeinderat keinerlei Einschr\u00e4nkungen mehr, es sei denn, es bestanden R\u00fcckst\u00e4nde bei der Zahlung der Staats- oder Kommunalsteuer. Deshalb wurden die W\u00e4hler vor einer Gemeinderats-Wahl \u00fcber die Zeitung ersucht, der Wahlkommission ihre Steuerquittung vorzuzeigen. Was die W\u00e4hlbarkeit betraf, kam jetzt die bisherige Anwendung des reinen Dreiklassenwahlrechts (siehe dazu in Band 2 die S. 362 \u2013 375) zu Fall. Allerdings musste die H\u00e4lfte des Gemeinderates bzw. mussten im Wimpfener Fall von den neun Gemeinder\u00e4ten f\u00fcnf aus dem h\u00f6chstbesteuerten Drittteil der W\u00e4hlbaren gew\u00e4hlt werden, d. h. es bestand bez\u00fcglich der W\u00e4hlbarkeit immer noch ein gewichtiger Rest Ungleichheit, wodurch die Zusammensetzung der Gemeindevertretung zugunsten der verm\u00f6genderen Klassen verschoben blieb (Zensuswahlrecht). Bei der ersten Wahl nach Inkrafttreten der neuen Landgemeindeordnung im September 1874 geh\u00f6rte zum h\u00f6chstbesteuerten Drittel der Wahlberechtigten, wer monatlich 46 kr (j\u00e4hrlich 552 kr = 9 fl 12 kr = 15,77 Mark) und mehr direkte Steuer zahlte. Die Wahl des Gemeinderats erfolgte auf neun Jahre. Jedoch hatte (\u00e4hnlich wie zuvor) bei der ersten auf Grund des Gesetzes stattfindenden Wahl sowie bei einer infolge einer Aufl\u00f6sung eintretenden Neuwahl alle drei Jahre, bestimmt durch Los, ein Drittteil aus dem Gemeinderat auszuscheiden und wurde durch neue Wahlen ersetzt, wobei jedoch abtretende Gemeinderatsmitglieder wieder gew\u00e4hlt werden konnten.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Mitte September 1874 fand die erste Gemeinderatswahl auf der Basis dieser neuen Wahlbestimmungen statt.<\/p>\n<p>Der bisherige Gemeinderat war zusammengesetzt aus:<\/p>\n<p>DR. EMIL M\u00d6RICKE\u00a0(Apotheker),<br \/>\nCARL LINK\u00a0(Kaufmann und Fabrikant),<br \/>\nFRIEDRICH EHEBALDT\u00a0(Spengler),<br \/>\nCHRISTIAN MAYER (Ochsenwirt),<br \/>\nFRIEDRICH KLENCK\u00a0(\u00d6konom, Rosenwirt),<br \/>\nCHRISTOPH M\u00dcNCH\u00a0(B\u00e4cker),<br \/>\nWILHELM V\u00d6RG\u00a0(Fabrikant),<br \/>\nPHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0(\u00d6konom),<br \/>\nFRIEDRICH R\u00dcBLING\u00a0(Ackersmann, Hospitalgutp\u00e4chter),<br \/>\nFRIEDRICH MISSELBECK\u00a0(Sattler),<br \/>\nFRIEDRICH MUCKH\u00a0(Kaufmann),<br \/>\nMATHEUS K\u00dcNTZEL\u00a0(Privatier).<\/p>\n<p>Als neue Gemeinder\u00e4te wurden gew\u00e4hlt:<\/p>\n<p>DR. EMIL M\u00d6RICKE\u00a0(Apotheker), 158 Stimmen,<br \/>\nFRIEDRICH KLENCK\u00a0(\u00d6konom), 157 Stimmen,<br \/>\nCARL LINK\u00a0(Fabrikant), 153 Stimmen,<br \/>\nPHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0(\u00d6konom), 145 Stimmen,<br \/>\nWILHELM V\u00d6RG\u00a0(Fabrikant), 128 Stimmen,<br \/>\nJAKOB KLENK\u00a0(Ackersmann), 96 Stimmen,<br \/>\nLUDWIG DIERUFF (Schmied), 92 Stimmen.<br \/>\nCHRISTOPH M\u00dcNCH\u00a0(B\u00e4cker), 90 Stimmen,<br \/>\nWILHELM METZGER\u00a0(Privatier), 77 Stimmen.<\/p>\n<p>Sechs der gew\u00e4hlten neun Gemeinder\u00e4te waren demnach bereits im vorhergehenden Gemeinderat zu finden. Und die f\u00fcnf gew\u00e4hlten Wahlm\u00e4nner der Landtagswahl von 1872 sind auch hier alle vertreten.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter, ausgangs Oktober 1877, findet die notwendige dreij\u00e4hrige Gemeinderats-Ersatzwahl f\u00fcr die jetzt durch Los ausscheidenden drei Gemeinder\u00e4te, dazu f\u00fcr den durch Wegzug ausgeschiedenen Gemeinderat WILHELM V\u00d6RG\u00a0statt. Es werden gew\u00e4hlt:<\/p>\n<p>FRIEDRICH KLENK\u00a0(Rosenwirt), der dem 1871 abgel\u00f6sten Gemeinderat angeh\u00f6rt hat;<br \/>\nKARL LINK\u00a0(Kaufmann und Fabrikant), der nach Ausscheiden wiedergew\u00e4hlt wird;<br \/>\nJAKOB MAISENH\u00c4LDER\u00a0(B\u00e4cker), Neuling;<br \/>\nCHRISTOPH M\u00dcNCH\u00a0(B\u00e4cker), ebenfalls nach dem Ausscheiden wiedergew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Vor dieser Wahl findet sich in der Zeitung eine mit dem 22. April datierte Leserzuschrift, in der Klage \u00fcber die \u00f6rtliche Praxis der Festlegung der Steuerzahlung gef\u00fchrt wird, die &#8211; abgesehen von der finanziellen Belastung &#8211; vom Wahlverfahren des Gemeinderats her besondere Bedeutung besa\u00df:<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist eine eigent\u00fcmliche Art und Weise, wie von der Stadt die Einsch\u00e4tzung der Steuer vorgenommen wird: Frischweg durch Taxation, ohne zu fragen. &#8230; Der deutsche Reichsb\u00fcrger erfreut sich gegenw\u00e4rtig einer fortw\u00e4hrend fortschreitenden Steuerbelastung, w\u00e4hrend leider t\u00e4glich die Gesch\u00e4fte schlechter gehen. Da ist es doch nicht unbescheiden, wenn der oder Jener auch wissen m\u00f6chte , warum er diese oder jene Summe zahlen mu\u00df und die Beh\u00f6rde w\u00fcrde sich nichts vergeben, wenn sie eine befriedigende Erkl\u00e4rung g\u00e4be.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im Herbst 1880 vor der Gemeinderats-Ersatzwahl finden sich viele Wahlaufrufe und -vorschl\u00e4ge in der Zeitung. Von den 601 Wahlberechtigten stimmen dennoch nur 192 W\u00e4hler ab. Es werden bei der Mitte November stattfindenden Wahl gew\u00e4hlt:<\/p>\n<p>EMIL GRO\u00df (Geometer),<br \/>\nHEINRICH BECK (Rentner, ehem. \u00d6konom) und<br \/>\nJAKOB BETSCH\u00a0(M\u00fcller Hohenstadt).<\/p>\n<p>Von verschiedenen W\u00e4hlern werden wegen angeblicher Formfehler beim Kreisausschuss Reklamationen vorgebracht. Somit kommt es im M\u00e4rz 1881 zu einer erneuten Wahl, der eine W\u00e4hlerversammlung vorausgeht und bei der von 626 Stimmberechtigten immerhin 473 abstimmen. Es scheiden aus: CHRISTOPH M\u00dcNCH, JAKOB KLENK\u00a0und PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0und es werden gew\u00e4hlt und damit der Letztgenannte wiedergew\u00e4hlt und wird die Wahl der obig beiden Erstgenannten best\u00e4tigt :<\/p>\n<p>PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER,<br \/>\nEMIL GROSS,<br \/>\nHEINRICH BECK.<\/p>\n<p>Dass bei den Gemeinderatswahlen es auch Unmuts\u00e4u\u00dferungen seitens der durch den weiten Weg zum Wahllokal auf dem Rathaus benachteiligten Einwohner der Teilorte, Standesgepl\u00e4nkel, Rivalit\u00e4ten etc. gab, zeigt die Zuschrift an die Zeitung vom 13. M\u00e4rz 1881:<br \/>\n<em>\u201eWimpfen im Tal. Danksagung und Erwiderung. Dem verehrten Herrn Neckarm\u00fcller Goos sprechen wir hierdurch f\u00fcr seine G\u00fcte, mit der er uns bei der letzten Gemeinderatswahl sein Fuhrwerk zur Verf\u00fcgung stellte, unseren herzlichen Dank aus. Dagegen k\u00f6nnen wir unseren Unwillen und unsere Entr\u00fcstung \u00fcber jenen Mann nicht unterdr\u00fccken, welcher \u00fcber uns sagte: \u201aFr\u00fcher fuhren die Edelleute sechssp\u00e4nnig und jetzt die Bettelleute!\u2019 Wenn wir auch in Bezug auf unsere Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse uns nicht mit ihm vergleichen k\u00f6nnen, so glauben wir gerade, ihn deshalb auf das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus verweisen zu d\u00fcrfen, wo der reiche Schlemmer, der im guten Essen und Trinken und wohl auch als erster Liebhaber Au\u00dfergew\u00f6hnliches geleistet hat, doch zuletzt beim armen Lazarus um einen Wassertropfen bettelte. S\u00e4mtliche Bettelleute vom Tal, die gew\u00e4hlt haben.\u201c<br \/>\n<\/em>Am 16. November 1881 kommt es wegen Austritts von WERKMEISTER DEPREZ\u00a0und des Todes des KAUFMANNES UND GEMEINDERATES SEIT 1849 FRIEDRICH MUCKH\u00a0zu einer notwendigen Ersatzwahl. Dieser geht eine lebhafte Wahlpropaganda voraus, bei der die W\u00e4hler aufgefordert werden, <em>\u201eihre Stimme auch f\u00fcr solche M\u00e4nner abzugeben, die f\u00fcr den mittleren und geringeren Stand ein warmes Verst\u00e4ndnis zeigen &#8230; wir machen bei dieser ernsten Angelegenheit auf M\u00e4nner aufmerksam, die auch f\u00fcr die arbeitende Klasse zu sorgen sich bem\u00fchen und schlagen deshalb vor &#8230; J. Angelberger, Maurermeister, Albert M\u00fcnch, Gerber. &#8230; Gebt eure Stimme nur solchen M\u00e4nnern, denen ihre Wahl auch h\u00f6heren Orts best\u00e4tigt werden kann.\u201c <\/em>Es wurden bei 630 Wahlberechtigten 326 Stimmen abgegeben. Doch bleibt der Aufruf \u00a0letztlich erfolglos; denn die zwei Gew\u00e4hlten, n\u00e4mlich<\/p>\n<p>EMIL M\u00dcLLER\u00a0(Gr\u00fcnebaumwirt) und<br \/>\nJAKOB KLENK\u00a0(Landwirt),<br \/>\nsind ziemlich verm\u00f6gende Leute.<\/p>\n<p>Doch wird diese Wahl ausgangs Mai 1882, weil Bestechungen vorgekommen sind, in einer Sitzung des Kreisausschuses f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt. Sicherlich stellte auch die Trennung der Bewerber in zwei Verm\u00f6gensgruppen und die dem h\u00f6chstbesteuerten Drittteil zugestandenen f\u00fcnf Sitze gegen\u00fcber den vier Sitzen der Minderbesteuerten sowohl ein Hemmnis f\u00fcr die Realisierung obiger Forderung als auch eine st\u00e4ndige Quelle f\u00fcr Wahleinspr\u00fcche und beh\u00f6rdliche Ung\u00fcltigkeitserkl\u00e4rungen dar. Der B\u00fcrgermeister hatte jederzeit die n\u00f6tigen Bestimmungen zur Erg\u00e4nzung der geforderten Zahl von H\u00f6chstbesteuerten zu treffen. So ergab sich ausgangs November 1883 wieder die folgende Situation: Es sind sieben Gemeinderatsmitglieder zu w\u00e4hlen, wovon f\u00fcnf aus dem h\u00f6chstbesteuerten Drittel der Einwohner sein m\u00fcssen. In einem Wahlaufruf in der Zeitung wird ohne Namensnennung daf\u00fcr geworben, als W\u00e4hler der Verantwortung der Wahl von mehr als der H\u00e4lfte des Gemeinderates nachzukommen, unparteische und unabh\u00e4ngige M\u00e4nner mit eigener Meinung und selbst\u00e4ndiger Handlungsbereitschaft zu w\u00e4hlen, nichts auf Versprechungen, Wirtshauspolitik und blinden Gehorsam zu geben. <em>\u201eWir brauchen M\u00e4nner, die recht sind und diese M\u00e4nner kennt Ihr. La\u00dft Euch nicht von solchen leiten, die im Siegestaumel einst gesagt haben: \u201aUnd wenn wir Runkel und Hartwick aufstellen w\u00fcrden, sie gingen durch.\u2019\u201c <\/em>(Bei den Vorgenannten namens Runkel und Hartwick handelte es sich um zwei legends\u00e4r gewordene Tunichtgute!).\u00a0Von 604 Stimmberechtigten geben jedoch nur 282 ihre Stimme ab. Gew\u00e4hlt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>GOTTLIEB BETSCH\u00a0(Landwirt in Hohenstadt) 209 Stimmen,<\/li>\n<li>LUDWIG DIERUFF\u00a0(Schmiedemeister)190 Stimmen,<\/li>\n<li>EMIL M\u00dcLLER\u00a0(Baumwirt) 160 Stimmen,<\/li>\n<li>HEINRICH HEUERLING\u00a0(Kaufmann) 141 Stimmen,<\/li>\n<li>WILHELM BECK\u00a0(Landwirt im Tal) 129 Stimmen,<\/li>\n<li>JEAN GOOS\u00a0(Neckarm\u00fcller) 125 Stimmen,<\/li>\n<li>JAKOB KLENK\u00a0(Landwirt) 120 Stimmen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es kann davon ausgegangen werden, dass die Wahlbeteiligung der gering- und unverm\u00f6genden Einwohner in der Regel entschieden geringer gewesen ist als die der Einkommens- und Verm\u00f6gensstarken, wozu die vom \u201eZweiklassen-Wahlrecht\u201c her gegebene Bevorrechtung der Letztgenannten wesentlich dazu beigetragen haben d\u00fcrfte. Aus einer Besteuerungsliste des Jahres 1888 geht z. B. hervor, dass die unterste Grenze der Zugeh\u00f6rigkeit zum h\u00f6chstbesteuerten Drittel, zu dem rd. 200 der rd. 600 Steuerzahlenden geh\u00f6rten, jetzt bei einer Steuersumme von rd. 50 Mark pro Jahr lag. Salinearbeiter und Tagl\u00f6hner, die mit nur um die 15 Mark oder weniger eingesch\u00e4tzt waren, lagen weit darunter.<\/p>\n<p>Dass die in der Regel geringe Wahlbeteiligung allerdings nicht allein den Wahlberechtigten und dem Wahlverfahren, sondern z. T. auch den Mitgliedern des Gemeinderates bzw. den Kandidaten anzulasten war, zeigt diejenige vom 22. November 1886, in der vier Mitglieder, davon zwei aus dem h\u00f6chstbesteuerten Drittel, zu w\u00e4hlen waren. Eine im Gasthaus \u201eAnker\u201c im Tal auf 19. November, abends 8 Uhr, ausgeschriebene W\u00e4hlerversammlung war, wie die Zeitung berichtet, gut besucht, doch erschien aber niemand zur Mitteilung eines Wahlprogramms oder dergleichen, wor\u00fcber man sich ungehalten \u00e4u\u00dferte. Zur Wahl erschienen nur 165 W\u00e4hler, obgleich in der Zeitung, wie die hier angeschlossenen Wahlvorschl\u00e4ge etc. zeigen, t\u00fcchtig geworben worden war:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee002.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee002-663x1024.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es erhielten die meisten Stimmen, wovon die vier Erstgenannten gew\u00e4hlt waren:<\/p>\n<p>KAUFMANN CARL LINK\u00a0(wiedergew\u00e4hlt mit 147 Stimmen),<br \/>\nKAMMMACHER FRIEDRICH FEYERABEND\u00a0(130 Stimmen),<br \/>\nLANDWIRT WILHELM ANGELBERGER\u00a0(94 Stimmen),<br \/>\nB\u00c4CKER UND WIRT PHILIPP SCHMITT\u00a0(90 Stimmen),<br \/>\nMETZGER JOHANN KAUFMANN\u00a0(65 Stimmen),<br \/>\nRENTNER WILHELM V\u00d6RG\u00a0(41 Stimmen).<\/p>\n<p>Eine <em>\u201esehr lebhafte Beteiligung\u201c <\/em>mit 424 W\u00e4hlern von 624 Wahlberechtigten weist die am 26. Juli 1889 durchgef\u00fchrte n\u00e4chste Gemeinderats-Erg\u00e4nzungswahl auf. Es sind f\u00fcnf R\u00e4te zu w\u00e4hlen und es bildet sich nach angeblichen Schm\u00e4hungen und Beleidigungen sowie Wahlagitation per Flugbl\u00e4tter im b\u00fcrgerlichen Stammlager eine Front, welche die Wiederwahl der aus dem Gemeinderat ausscheidenden Nicht-B\u00fcrger, n\u00e4mlich GEOMETER EMIL GRO\u00df, Parteig\u00e4nger der als zu liberal verschrieenen Deutsch-Freisinnigen, und NECKARM\u00dcLLER JEAN GOOS, zu verhindern sucht. Wie der angef\u00fcgte Zeitungstext \u00fcber das Wahlergebnis zeigt, erreichen die beiden Vorgenannten mit 154 bzw. 112 Stimmen in der Tat nur den 6. und 7. Rang und wird ihr Wiedereinr\u00fccken somit verhindert:<\/p>\n<p>Es sind also gew\u00e4hlt :<\/p>\n<p>RENTNER (EHEMALIGER \u00d6KONOM) HEINRICH BECK\u00a0mit 360,<br \/>\nKAUFMANN JULIUS ERNST\u00a0mit 287,<br \/>\nSEIFENSIEDER CARL SCHWENZER\u00a0mit 253,<br \/>\nKAUFMANN WILHELM K\u00dcNTZEL\u00a0mit 210 und<br \/>\nOCHSENWIRT HEINRICH MAYER\u00a0mit 158 Stimmen.<\/p>\n<p>Was die von der Zeitung aufgef\u00fchrte erhebliche Zahl weiterer Einwohner anbelangt, die sehr viel weniger Stimmen von 38 bis hin von nur zwei oder gar nur einer erhielten, so zeigt sich hier die Realit\u00e4t der in der Regel weiten Stimmenstreuung, die bei all den anderen zuvor vorgestellten Wahlergebnissen der Einfachheit halber nicht aufgef\u00fchrt ist. Am 23. September 1890, also zwei knappe Monate nach dieser Wahl, wird gemeldet, dass die gestrige auf 4 Uhr anberaumte Gemeinderatssitzung beschlussunf\u00e4hig war, weil die Gemeinder\u00e4te nicht in hinreichender Zahl erschienen seien!<\/p>\n<p>Laut der in der Spitze des Blauen Turmes aufgefundenen Urkunde vom 20. August 1891 bestand der Gemeinderat damals aus folgenden Personen:<\/p>\n<p>KARL LINK, Wimpfen am Berg,<br \/>\nLUDWIG DIERUFF, Wimpfen am Berg;<br \/>\nHEINRICH BECK, Wimpfen am Berg;<br \/>\nEMIL M\u00dcLLER, Wimpfen am Berg;<br \/>\nHEINRICH HEUERLING, Wimpfen am Berg;<br \/>\nPHILIPP SCHMITT, Wimpfen am Berg;<br \/>\nJULIUS ERNST, Wimpfen am Berg<br \/>\nKARL SCHWENZER, Wimpfen am Berg;<br \/>\nHEINRICH MAYER, Wimpfen am Berg;<br \/>\nWILHELM ANGELBERGER, Wimpfen im Thal;<br \/>\nGOTTLIEB BETSCH, Hohenstadt.<\/p>\n<p>Am 22. September 1892 ist die Wahl von f\u00fcnf Gemeinderatsmitgliedern f\u00e4llig. Es geht keine besondere Agitation voraus. Von den 560 eingeschriebenen W\u00e4hlern haben bis 12 Uhr nur 75 abgestimmt, aber im Laufe des Nachmittags wird es lebhafter, doch kommen nur 213 Abstimmende (42,6 %) zusammen, die eine gro\u00dfe Stimmenzersplitterung erbringen.<\/p>\n<p>Wiedergew\u00e4hlt werden:<\/p>\n<p>KAUFMANN HEINRICH HEUERLING,<br \/>\nSCHMIED LUDWIG DIERUFF,<br \/>\nBAUMWIRT EMIL M\u00dcLLER.<\/p>\n<p>Neu gew\u00e4hlt werden:<\/p>\n<p>NECKARM\u00dcLLER JEAN (JOHANN HEINRICH) GOOS\u00a0und<br \/>\nLANDWIRT CHRISTOPH STAUDT, Hohenstadt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich f\u00e4llt die Wahlbeteiligung bei den Erg\u00e4nzungswahl vom 20. August 1895 aus, wo von den 550 Wahlberechtigten 234 (42,5 %) abstimmen;<\/p>\n<p>wiedergew\u00e4hlt werden:<\/p>\n<p>LANDWIRT WILHELM ANGELBERGER\u00a0sowie<br \/>\nGEOMETER EMIL GRO\u00df und<\/p>\n<p>neu gew\u00e4hlt werden:<\/p>\n<p>KAUFMANN OTTO MUCKH\u00a0sowie<br \/>\nKAUFMANN UND FABRIKANT OSKAR LINK.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong><strong> Das jetzt nicht mehr beh\u00f6rdlicherseits bestimmte, sondern wieder durch Wahl besetzte Amt des B\u00fcrgermeisters bleibt laut neuer Landgemeindeordnung ein unbesoldetes Ehrenamt, in dem sich der seit mehr als einem Dutzend Jahren amtierende Kaufmann Friedrich Ernst weiterhin anderthalb Jahrzehnte lang behaupten kann und nach dessen Abtreten aus Gesundheitsr\u00fccksichten der verm\u00f6gende \u00d6konom Philipp Bornh\u00e4u\u00dfer sich gegen den katholischen Gegenkandidaten Kaufmann Heinrich Heuerling durchsetzt.<\/strong><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>a. Bei der nach der neuen Landgemeindeordnung 1874 durchgef\u00fchrten Wahl des B\u00fcrgermeisters wird <\/strong><strong>der bislang beh\u00f6rdlicherseits bestimmte und seit 1861 im Amt befindiche Kaufmann Friedrich Ernst unangefochten, ohne einen Gegenkadidaten zu haben, best\u00e4tigt.<\/strong><\/p>\n<p>Der Umstand, dass, wie bereits beschrieben, f\u00fcr Wimpfen als kleine Gemeinde mit unter bzw. wenig \u00fcber 3.000 Einwohnern zun\u00e4chst unabdingbar die Landgemeindeordnung g\u00fcltig war, brachte es mit sich, dass das Amt des nunmehr durch Wahl f\u00fcr die Dauer von neun Jahren und nicht mehr durch die hessischen Beh\u00f6rden bestimmten B\u00fcrgermeisters nach wie vor laut Artikel 33 ein Ehrenamt blieb. Danach hatte dieser und hatten auch die zu w\u00e4hlenden Beigeordneten, die den B\u00fcrgermeister bei seinen Amtsgesch\u00e4ften zu unterst\u00fctzen und zu vertreten hatten, <em>\u201eweder Befreiung von Lasten, die auf dem Verm\u00f6gen haften, zu genie\u00dfen, noch Besoldung zu beziehen, noch Di\u00e4ten f\u00fcr Gesch\u00e4fte der B\u00fcrgermeisterei &#8230; zu empfangen\u201c. <\/em>Erst ab einer Einwohnerzahl von 5.000 oder wo besonders verwickelte Verh\u00e4ltnisse des Gemeindeverm\u00f6gens die unausgesetzte T\u00e4tigkeit des B\u00fcrgermeisters in Anspruch nahmen, wurde es dem Gemeinderat erlaubt, diesem im Budget \u201eRepr\u00e4sentationskosten\u201c zum pers\u00f6nlichen Gebrauch zur Verf\u00fcgung zu stellen. Stimmberechtigt waren alle unbescholtenen und ihren Steuerverpflichtungen nachkommenden m\u00e4nnlichen Einwohner ab 25 Jahren. Das Wahlergebnis bedurfte der Best\u00e4tigung der Aufsichtsbeh\u00f6rde.<\/p>\n<p>F\u00fcr den im September 1874 gew\u00e4hlten neuen Gemeinderat (siehe oben) sowie auch die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Einwohnerschaft war es unbestritten, dass das seit 1861 von KAUFMANN <u>FRIEDRICH<\/u> ADOLPH ERNST versehene und jetzt durch Wahl zu besetzende Amt des B\u00fcrgermeisters in dessen H\u00e4nden bleiben sollte. Siehe dazu die<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ea001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ea001-772x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"395\" height=\"524\" \/><\/a><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Abb. E 1: Fotografie des B\u00fcrgermeisters Friedrich Ernst (1813 &#8211; 1890)<\/strong>.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Unter dessen Regie hatte Wimpfen insbesondere 1869 den Anschluss an das Eisenbahnnetz erlangt. Und so gab es keinerlei sichtbare Regungen, einen Gegenkandidaten aufzustellen und somit auch keinen Wahlkampf. Der auf einen Dienstag (10. September 1874) gelegte Wahltag und die Wahl als solche, die auch f\u00fcr die Wahlberechtigten der Teilgemeinden, alter Gewohnheit folgend, im Rathaus als einzigem Ort der Wahl stattfand, verlief laut Bericht der Zeitung wie folgt (Einschiebungen in Klammer = Anmerkungen des Verfassers):<\/p>\n<p><strong><em>\u201e<\/em><\/strong><em>B\u00fcrgermeisterwahl. Gestern fand unter ziemlich reger Betheiligung die Wahl des B\u00fcrgermeisters statt, denn nicht nur die hiesigen W\u00e4hler, sondern auch diejenigen aus Hohenstadt und Helmhof hatten sich zahlreich eingefunden; die B\u00fcrger unseres Bezirks haben bewiesen, da\u00df sie Verdienst zu sch\u00e4tzen wissen. Unser seitheriger B\u00fcrgermeister, der seit 1861 dieses Amt in Treue und Gewissenhaftigkeit begleitete, ist wieder aus der Wahlurne hervorgegangen. Von 176 Abstimmenden <\/em>(das waren noch keine 30 % der Wahlberechtigten; mit der Wahlbeteiligung war es also keineswegs so gut bestellt!) <em>erhielt er 174 Stimmen, zwei vertheilten sich auf zwei Gemeinderathsmitglieder. Nach Bekanntwerden der Wahl setzte sich Abends 7 Uhr ein Zug in Bereitschaft, voraus die Tamboure der Feuerwehr, dann die Feuerwehr selbst mit Fackeln, der Gesangverein Cornelia und der Kriegerverein; au\u00dferdem schlo\u00df sich noch ein gro\u00dfer Theil der \u00fcbrigen B\u00fcrgerschaft an, denn Jedermann wollte zeigen, da\u00df er unsern Herrn B\u00fcrgermeister hochsch\u00e4tzte. Bei Ankunft des Zuges am Hause des Herrn B\u00fcrgermeisters <\/em>(Geb\u00e4ude Obere Hauptstra\u00dfe Nr. 58, ab 1895 Nr. 65, heute Nr. 78 , dessen Hausinschrift \u201e18 J Fr E 22\u201c auf dessen Vater, den F\u00e4rber Johann Friedrich Ernst, hindeutet)<em> hielt der Hauptmann der Feuerwehr eine kurze Ansprache und brachte ein Hoch, begleitet von Ehrensalven, auf den wiedergew\u00e4hlten B\u00fcrgermeister aus, worauf der Gesangverein einige Lieder vortrug. Damit schlo\u00df der Tag, der jedem Wimpfener noch lange in Erinnerung sein wird<\/em>.\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>B\u00fcrgermeister Ernst standen zur Seite:\u00a0der seit 1851 t\u00e4tige GEMEINDE-EINNEHMER\u00a0(auch: GEMEINDERECHNER\u00a0genannt) LUDWIG WELDE (59 Jahre) und RATSSCHREIBER\u00a0(auch: B\u00dcRGERMEISTEREIGEHILFE gehei\u00dfen)\u00a0HEINRICH WIDMANN\u00a0(48 Jahre) sowie AKTGEHILFE\u00a0JOHANN FRIEDRICH SCHMIDT (42 Jahre). Am 7. Juni 1873 tritt LUDWIG HIMMELREICH\u00a0als Gemeindediener in den Dienst der Stadt, der nach \u00fcber 50-j\u00e4hriger T\u00e4tigkeit erst 1924 ausscheidet.<\/p>\n<p>Was die wie fr\u00fcher zu w\u00e4hlenden Beigeordneten anbelangt, die den B\u00fcrgermeister bei seinen Amtsgesch\u00e4ften zu unterst\u00fctzen hatten, so musste in jeder der zur B\u00fcrgermeisterei geh\u00f6renden Gemeinde, in welcher der B\u00fcrgermeister nicht wohnte, mindestens ein solcher vorhanden sein. Ihre durch Ortsstatut zu bestimmende Zahl wurde wieder auf vier festgelegt, d. h. dass neben Wimpfen im Tal, Hohenstadt und Helmhof auch Wimpfen am Berg, dem Wohnort des B\u00fcrgermeisters, ein Beigeordneter zugesprochen war. Als solche sind (Angaben nur sporadisch) z. B. zu ermitteln:<br \/>\n1874: Kaufmann FRIEDRICH MUCKH (f\u00fcr Wimpfen am Berg), JOHANN CHRISTOPH MAIER (f\u00fcr Hohenstadt); 1875 gew\u00e4hlt AUGUST M\u00dc\u00dfIG\u00a0(f\u00fcr Wimpfen im Tal), 1976: wieder FRIEDRICH MUCKH (f\u00fcr Wimpfen am Berg) und Landwirt WILHELM BECK (f\u00fcr Wimpfen im Tal), wieder JOHANN MAIER (f\u00fcr Hohenstadt) und FRIEDRICH HAFFELDER I. (f\u00fcr Helmhof). Im Januar 1881 stirbt KAUFMANN FRIEDRICH MUCKH, der sich als Gemeinderat (seit 1849), Beigeordneter (f\u00fcr Wimpfen am Berg) und im Vereinsleben der Stadt sowie als Stellverteter des B\u00fcrgermeisters ganz besonders verdient gemacht hat, als ein hochgeachteter Mann. Sein Nachfolger im Beigeordneten-Amt wird der ehemalige APOTHEKER DR. EMIL M\u00d6RICKE. In Helmhof stirbt am 23. Januar 1881 der BEIGEORDNETE\u00a0FRIEDRICH HAFFELDER. An seiner Stelle tritt durch Wahl PHILIPP R\u00dcGLER.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Laut der in der Spitze des Blauen Turmes aufgefundenen Urkunde vom 20. August 1891 \u00fcbten damals dieses Amt aus:<\/p>\n<p>BEIGEORDNETER DR. MOERIKE\u00a0hier<br \/>\n(d. h.: Wimpfen am Berg),<br \/>\nBEIGEORDNETER ROHSBACH\u00a0im\u00a0\u201eThal&#8220;,<br \/>\nBEIGEORDNETER SCHMIDT, Hohenstadt,<br \/>\nBEIGEORDNETER R\u00dcGLER, Helmhof.<\/p>\n<p><strong>b. B\u00fcrgermeister Friedrich Ernst gewinnt 1884 die angestrebte Wiederwahl \u00fcberlegen gegen den vom \u201eProletariat\u201c unterst\u00fctzten Geometer Gro\u00df, muss aber nach f\u00fcnf weiteren Jahren altershalber vorzeitig von seinem Amt zur\u00fccktreten.<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem durch die Einf\u00fchrung des Standesamtes die Belastung des B\u00fcrgermeisters zugenommen hatte, wurde vom Gemeinderat die Zahlung ab 1. Januar 1876 von j\u00e4hrlich 2.000 Mark sog. B\u00fcrokosten an diesen festgelegt. Als nach 9 Jahren 1883 erneut die Wahl ansteht und B\u00fcrgermeister Ernst die Wiederwahl anstrebt, ist er nicht mehr alleiniger Kandidat. Aus der B\u00fcrgerschaft heraus werden verschiedene andere Wahlkandidaten vorgeschlagen, so die Gemeinder\u00e4te LANDWIRT WILHELM BECK (Wimpfen im Tal) und KAUFMANN HEINRICH HEUERLING, au\u00dferdem \u00d6KONOM PHILIIPP BORNH\u00c4U\u00dfER und GEOMETER EMIL GRO\u00df. Die drei Erstgenannten ersuchen die W\u00e4hler, ihre Stimmen auf Friedrich Ernst zu \u00fcbertragen. EMIL GRO\u00df jedoch,\u00a0<em>\u201ewelcher<\/em> <em>das Proletariat durch Versprechungen auf seiner Seite hatte\u201c, <\/em>wie es in der Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde hei\u00dft, h\u00e4lt seine Bewerbung aufrecht und es kommt zu einem lebhaften Wahlkampf, der seitens der verm\u00f6genden Klasse teilweise mit Freibier gef\u00fchrt wird und z. B. dazu f\u00fchrt, dass aus der Wirtschaft des Bierbrauers Sinn \u201eDeutschen Kaiser\u201c (an der Stra\u00dfe nach Rappenau Nr. 14, ab 1895 Nr. 27, ehemals und sp\u00e4ter der \u201eHirsch\u201c) ein Anh\u00e4nger des Kandidaten Gro\u00df hinaus- und die Treppe hinuntergeworfen wird.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> Die Wahlaufrufe und das sonstige Werben beider Lager bewirkt, dass von den stark 600 Wahlberechtigten dieses Mal 443, d. h. weit \u00fcber das Doppelte der ersten Wahl von 1874, ihre Stimme abgegeben. Zwar erringt B\u00dcRGERMEISTER FRIEDRICH ERNST\u00a0in der Wahl vom 15. Januar 1884 mit 299 Stimmen, wie die Zeitung schreibt, die <em>\u201egl\u00e4nzende Mehrheit von 161 Stimmen<\/em>\u201c<em>.<\/em> Doch immerhin erzielt GEOMETER EMIL GRO\u00df mit 138 erhaltenern Stimmen einen Achtungserfolg und zeigt sich zum ersten Male in der Wahlgeschichte Wimpfens auch eine gewisse Aktivierung der Nicht- oder Geringerbeg\u00fcterten. Ein kleiner Rest von 6 Stimmen verteilt sich folgenderma\u00dfen: DR. E. M\u00d6RIKE\u00a0und BERNHARD STRAIB\u00a0(je 1 Stimme), PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0(2 Stimmen), 2 ung\u00fcltige Stimmen.<\/p>\n<p>Dem Wiedergew\u00e4hlten wird um \u00be 9 Uhr abends von der Stadtkapelle und der W\u00e4hlerschaft ein St\u00e4ndchen dargebracht, worauf \u201e<em>Herr B\u00fcrgermeister Ernst in warmen Worten dankte\u201c.<\/em> Nachdem sich B\u00fcrgermeisterr Ernst jetzt fast 25 Jahre im Dienst befindet, verleiht ihm der Gro\u00dfherzog am 12. September 1885 das Silberne Kreuz des Verdienst-Ordens Philipps des Gro\u00dfm\u00fctigen, das ihm KREISRAT GR\u00c4FF bei einem aus diesem Anlass im \u201eRitter\u201c am 27. September veranstalteten Festessen \u00fcberreicht. Dieses f\u00fchrt zu der folgenden kritischen \u00c4u\u00dferung in der Zeitung:<em> \u201eDas Fest am Sonntag im Ritter war zu Ehren und aus Veranlassung der Decoration des Herrn B\u00fcrgermeister Ernst, aber nicht um Parteireden zu halten. Es ist nicht jedermanns Sache hinzugehen, wo gewisse Herren gew\u00f6hnlich das gro\u00dfe Wort f\u00fchren.- Einige bessere B\u00fcrger, worunter ein widerspenstiger Gemeinderat.\u201c <\/em>Der im 71. Lebensjahr Stehende ist nat\u00fcrlich nicht mehr in der Lage, die ganze Wahlperiode durchzustehen. Er legt im Fr\u00fchjahr 1888 zun\u00e4chst sein Amt als Ortsgerichtsvorsteher nieder, das sein Stellvertreter, der APOTHEKER I. R. DR. EMIL M\u00d6RICKE,\u00a0\u00fcbernimmt. Und im beginnenden Februar des Folgejahres 1889 bitttet Ernst wegen seines hohen Alters die vorgesetzte Beh\u00f6rde um Entlassung, die ihm gew\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p>Dass es f\u00fcr diesen Zeit zum Abtreten gewesen ist, zeigt das folgende seinen Abgang begleitende und f\u00fcr ihn peinliche sowie seine T\u00e4tigkeit als B\u00fcrgermeister zweifellos belastende Vorkommnis: Der 37 Jahre t\u00e4tig gewesene STADTRECHNER LUDWIG WELDE bitttet zur selben Zeit wegen Altersschw\u00e4che ebenfalls um seine Entlassung. Nach der Meinung des Kreisrates war dieser bislang ungen\u00fcgend honoriert gewesen und sein Gehalt erst ab 1880 erh\u00f6ht worden. Durch die Zunahme seiner Arbeit war er jedoch gen\u00f6tigt gewesen, fremde Hilfe anzunehmen, was wiederum sein Einkommen verminderte. Der Vorschlag des Kreisamtes, ihm ein Ruhegehalt von 500 Mark zu gew\u00e4hren, wird vom Gemeinderat trotz wiederholter Vorlage des B\u00fcrgermeisters nicht bewilligt. Bei der seinem Antrag erwachsenen Kassenrevision durch den OBER-RECHUNGS-REVISOR BR\u00dcCHER\u00a0aus Darmstadt in der ersten H\u00e4lfte des November ergibt sich ein hoher, 32.000 Mark betragender, Fehlbetrag. Anfang Dezember 1889 wird deshalb eine Untersuchung durch eine aus Darmstadt eintreffende dreik\u00f6pfige Kommission eingeleitet: LANDRICHTER WERLE, OBERREVISOR PETRY\u00a0und GERICHTSSCHREIBER B\u00dcCHNER. Am 13. Dezember trifft dazuhin noch aus Darmstadt der Gro\u00dfherzogliche Untersuchungsrichter ein, um am folgenden Tag den Beschuldigten sowie eine gro\u00dfe Anzahl Personen zu vernehmen. Provisorischer Verwalter der Stadtkasse wird bis zur Einsetzung eines neuen Rechners der POSTVERWALTER A. D. WILHELM SCHMEHL. <em>\u201eSeitdem Herr Schmehl unsere Stadtkasse provisorisch verwaltet\u201c, <\/em>so vermeldet am 9. Januar 1890 die Zeitung lobend und tadelnd zugleich<em>, \u201eist eine so erfreuliche Besserung in allen Verh\u00e4ltnissen derselben eingetreten, da\u00df es einer \u00f6ffentlichen Erw\u00e4hnung wert erscheint. Bekanntlich wurde einem bisher auf der Stadtkasse die stehende Redensart entgegengehalten:\u00a0<\/em><em>\u201aEs ist kein Geld da, es geht nichts ein usw. usw.\u2019 Der provisorische Rechner hat es aber in der kurzen Zeit zu Wege gebracht, da\u00df die Stadt jetzt nicht nur allen an sie herangetretenen Verpflichtungen nachzukommen in der Lage ist, sondern da\u00df er noch auch dieser Tage die stattliche Summe von 2.700 Mark auf der Kreditkasse zinsbar anlegen konnte. Nun mu\u00df man aber nicht denken, da\u00df der provisorische Rechner verm\u00f6ge eines Hexeneinmaleins derartige Resultate erzielt h\u00e4tte. Lediglich seiner prompten gewissenhaften und redlichen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung wegen &#8211; und das h\u00e4tte auch schon in viel fr\u00fcheren Jahren der Fall sein k\u00f6nnen, wenn &#8211; ja wenn &#8211; hier kommt eben das Fragezeichen, das noch immer seiner L\u00f6sung wartet, die aber hoffentlich nicht ausbleiben wird.\u201c<br \/>\n<\/em>Dekan Scriba vermeldet in der Chronik der evangelischen Kirchengemeinde f\u00fcr 1889 diese besch\u00e4mende Kassenangelegenheit wie folgt:<br \/>\n<em>\u201eAm 13. <\/em>(Dezember)<em> wurde gegen Stadtrechner Welde (katholisch) wegen Eingriff in die Kasse (Deficit 36.000 Mark), eine Untersuchung eingeleitet und derselbe vom Amte suspendiert.\u201c<br \/>\n<\/em>Zum neuen Stadtrecher wird im beginnenden Januar 1890 durch den Gemeinderat der 29-j\u00e4hrige unverheiratete und bestens bezeugniste Stadtkassengehilfe PETER GILLMANN aus Gie\u00dfen unter Stellung einer Kaution von 10.000 Mark mit einem j\u00e4hrlichen Gehalt von 1.800 Mark bestellt.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Als Nachwehen der Veruntreuungsaff\u00e4re sind au\u00dferdem aufzuf\u00fchren:<\/p>\n<p>&#8211; M\u00e4rz 1890: Beim Abschluss der Rechnung der Stadtverwaltung f\u00fcr das Etatjahr 1888\/89 betragen die Einnahmen 148.808 Mark, die Ausgaben 107.310 Mark, und so ergibt sich ein \u00dcberschuss von 41.498 Mark; der vorhandene Barvorrat m\u00fcsste 34.362 Mark betragen. Doch steht dieser nur auf dem Papier, weil er unter dem Stadtrechner Welde verschwunden ist.<em> \u201eDie Untersuchung\u201c, <\/em>so blickt die Zeitung tadelnd auf das immer noch ausstehende Ergebnis derselben zur\u00fcck, <em>\u201emu\u00df eine recht gr\u00fcndliche sein, denn seitdem sind wieder volle drei Monate verstrichen. Wie weit die Sache bis heute gediehen ist, konnten wir trotz eifriger Erkundigungen nicht in Erfahrung bringen.&#8220;<br \/>\n<\/em>&#8211; 09. April 1890: Mit der Durchf\u00fchrung der Zwangsvollstreckung gegen Ludwig Welde wird versucht, die sich aus der Unterschlagung ergebenden Anspr\u00fcche der Gemeinde Wimpfen zu befriedigen.<br \/>\n&#8211; 04. Oktober 1890: Nachdem die gerichtliche Untersuchung gegen den fr\u00fcheren Gemeinderechner Welde abgeschlossen ist, wurde die Sache zur Verhandlung an das Schwurgericht gewiesen. \u00dcber das ergangene Urteil lie\u00dfen sich leider keine Angaben finden.<\/p>\n<p>FRIEDRICH ERNST\u00a0konnte seinen Ruhestand nicht mehr lange genie\u00dfen. Er starb bereits Anfang April des Folgejahres 1890 im 77. Lebensjahr: Dazu berichtet die Zeitung:<br \/>\n<em>\u201eAm Sonntag Nachmittag wurde die irdische H\u00fclle unseres verstorbenen fr\u00fcheren B\u00fcrgermeisters Herrn Adolf Friedrich Ernst zu Grabe geleitet. Ein \u00fcberaus zahlreiches Gefolge, darunter die beiden Feuerwehren in Uniform, der Gesangverein Concordia mit Fahne, bildete einen imposanten Leichenzug. Ein gro\u00dfartiger Blumenschmuck zierte den Sarg und deckte das Grab. Die Leichenrede hielt Herr Dekan Wilhelm Scriba, in welcher er ein Lebensbild des Dahingeschiedenen als Gatte, Vater, B\u00fcrgermeister und Mitglied des Kirchenrates zeichnete und seine feste Opferwilligkeit, seinen milden Sinn und die hingebende Th\u00e4tigkeit in seinem Amte r\u00fchmte. Ein ergreifender M\u00e4nnerchor, welchen die Concordia vortrug, bildete den Schlu\u00df der Leichenfeierlichkeit.\u201c<\/em><a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p><strong>c. Nach dem R\u00fccktritt von B\u00fcrgermeister Ernst im Jahr 1887 kann sich im zum Zwist der Konfessionen ausartenden Wahlkampf um die Nachfolge zwischem dem evangelischen \u00d6konomen Philipp Bornh\u00e4u\u00dfer und dem katholischen Kaufmann Heinrich Heuerling der Erstgenannte nur durch die zahlenm\u00e4\u00dfig hohe \u00dcberlegenheit der Evangelischen durchsetzen.<\/strong><\/p>\n<p>L\u00e4sst die im obengenannten Bericht \u00fcber die Unterschlagungssache Welde des evangelischen Dekans Wilhelm Scriba das in Klammer beigegebene Wort \u201ekatholisch\u201c ahnen, dass es um das Verh\u00e4ltnis der beiden Konfessionen Wimpfens seit der Wiederbesetzung der katholischen Pfarrstelle mit PFARRER JAKOB KLEIN\u00a0im Jahre 1887 nicht gut bestellt ist, so wird das durch die nunmehr geschilderten Geschehnisse um die Wiederbesetzung des B\u00fcrgermeisteramtes im Fr\u00fchjahr 1889 best\u00e4tigt. Offenbar fanden seitens der Evangelischen die Aktivit\u00e4ten des neuen resoluten katholischen Geistlichen in Gestalt der vom Vorg\u00e4nger PFARRER WAGNER\u00a0vergeblich versuchten Wiedergr\u00fcndung der Jakobs-Bruderschaft am 14. April 1888 und danach im Juli 1888 vom Apostolat des Gebetes alles andere als Gefallen. Dazuhin waren zuvor zu den vorhandenen zehn Kreuzwegstationen noch die fehlenden f\u00fcnf angeschafft und am 10. Juni 1888 der Kreuzweg bei der Katholischen Kirche durch den KAPUZINERPATER PETRUS AUS DIEBURG\u00a0eingeweiht worden. Und in Erscheinung trat die Katholische Gemeinde verst\u00e4rkt jedes Jahr bei den j\u00e4hrlichen beiden Kreuzfesten am 5. Mai und 14. September, wo die Katholische Pfarrkirche zunehmend sehr besetzt und der Zuspruch Ausw\u00e4rtiger aus den benachbarten ehemaligen Deutschordensgebieten rechts und links des Neckars im Wachsen war.<\/p>\n<p>Was nun die auf den 2. April 1889 festgesetzte Wahl eines neuen B\u00fcrgermeisters betrifft, so ergab es sich, dass sich zwei Kandidaten gegen\u00fcberstanden:<\/p>\n<p>&#8211; \u00a0\u00d6KONOM PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER, evangelisch, Gemeinderat seit 1858, und<br \/>\n&#8211; KAUFMANN HEINRICH HEUERLING, katholisch, Gemeinderat seit 1883, Rechner der 1879 gegr\u00fcndeten Kreditkasse sowie der Katholischen Kirchengemeinde, Sohn des fr\u00fcheren T\u00fcrmers und Leiters der Stadtmusik CHRISTOPH HEUERLING.<\/p>\n<p>Sicherlich ist es zun\u00e4chst so, dass der katholische Bewerber, unterst\u00fctzt von Glaubensgenossen, aber auch von einer Anzahl evangelischer B\u00fcrger, die in ihm den Bef\u00e4higteren und in Bornh\u00e4u\u00dfer einen eher von seinem Verm\u00f6gen und der Klasse der Besitzb\u00fcrger her gest\u00fctzten Bewerber sehen und die Meinung vertreten, dass die Bef\u00e4higung f\u00fcr das Amt und nicht der Besitzstand entscheidend f\u00fcr die Besetzung des Amtes sein m\u00fcsste. Doch ger\u00e4t der sich entwickelnde heftige Wahlkampf mehr und mehr zur Sache der Konfessionen und, wenn auch weniger, der Besitzst\u00e4nde, wie dies \u00a01884 der Fall gewesen ist. Die Auseinandersetzung spielt sich au\u00dfer in den Wirtschaften einen Monat lang in der \u201eWimpfener Zeitung\u201c durch Artikel und andere Zuschriften ab, zumal von deren Schriftleitung erkl\u00e4rt wird, dass alle solche, wenn sie nicht anonym sind, aufgenommen w\u00fcrden. Das f\u00fchrt zu gegenseitigen Beschimpfungen en masse. Ein evangelischer W\u00e4hler ist \u00fcber den Charakter des Wahlkampfes entsetzt und ruft die W\u00e4hler auf, im Geiste religi\u00f6ser Duldsamkeit nach der Devise \u201eLiebet einander!\u201c zu handeln. Doch Pfarrer Scriba verklagt den Schreiber wegen Beleidigung im Amt. Die evangelischen Anh\u00e4nger Heuerlings werden als \u201eGlaubensverleugner\u201c ausgeschimpft. In der nachstehend wiedergegebenen \u201eErkl\u00e4rung\u201c versuchen die Katholiken vergeblich, zum konfessionellen Frieden aufzurufen:<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-370\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004-1024x382.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004-1024x382.jpg 1024w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004-150x56.jpg 150w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004-300x112.jpg 300w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee004-768x286.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Schreiber versucht dasselbe mit Hilfe eines vom ihm verfassten trefflichen Gedichts, wobei dieses auf das Beispiel W\u00fcrttembergs der Wahl des B\u00fcrgermeisters auf Lebensdauer und die w\u00fcrttembergische Nachbarstadt Heilbronn abhebt, die allerdings mit ihrem auf Lebenszeit angestellten OBERB\u00dcRGERMEISTER PAUL HEGELMAIER\u00a0immer wieder ihre liebe Not hat:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-371\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005.jpg\" alt=\"\" width=\"437\" height=\"752\" srcset=\"https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005.jpg 2907w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005-87x150.jpg 87w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005-174x300.jpg 174w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005-768x1321.jpg 768w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee005-595x1024.jpg 595w\" sizes=\"(max-width: 437px) 100vw, 437px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Man versucht, gegen Heuerling dessen Verg\u00fctung von 600 Mark f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit als Rechner der Kreditkasse ins Feld zu f\u00fchren sowie die als seine Freunde bezeichneten (gemeindefremden) Reallehrer. Zu seiner Wahl rufen aber auch Arbeiter auf. In seinem eigenen Zeitungsaufruf vor der Wahl spricht HEINRICH\u00a0HEUERLING\u00a0sich f\u00fcr die Hebung der Landwirtschaft, die Unterst\u00fctzung des Standes der kleinen Bauern, die Hebung des Arbeiterstandes, die Nutzung der Lage Wimpfens f\u00fcr den Fremdenverkehr, Sparsamkeit im st\u00e4dtischen Haushalt, die Erhaltung der Realschule, die Hebung der Volksschulen sowie die Einigkeit unter den Bev\u00f6lkerungsklassen und den Konfessionen aus. Am Wahltag selbst stirbt, Fluch der unseligen Auseinandersetzung der sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehenden Parteig\u00e4nger, LANDWIRT GEORG WAIDLER\u00a0an den Folgen eines Falles von der Treppe der am Beginn der Alten Heilbronner Stra\u00dfe Nr. 215, ab 1895 Nr. 252, gelegenen Bierwirtschaft Wacker, wo (wie auch fr\u00fcher schon \u00fcblich) wegen der B\u00fcrgermeisterwahl Freibier ausgeschenkt worden ist.<\/p>\n<p>Der EVANGELISCHE DEKAN SCRIBA\u00a0schildert den Wahlkampf und das im Hinblick auf das damalige Verh\u00e4ltnis von Protestanten zu Katholiken von 2.819 : 280 = 10 : 1 in der Gesamtgemeinde voraussehbare Ergebnis der Wahl so:<\/p>\n<p><em>\u201eIn diesem Jahr war die Gemeinde in gro\u00dfe Aufregung durch die Wahl eines neuen B\u00fcrgermeisters versetzt. Nachdem B\u00fcrgermeister Ernst wegen hohen Alters und Krankheit seine Stelle im Februar niedergelegt hatte, fand am 2. April eine Neuwahl statt, in welcher nach hartem Wahlkampf der evangelische Candidat, Landwirth Philipp Bornh\u00e4user mit 389 Stimmen als Sieger aus der Wahlurne hervorging, w\u00e4hrend sein Gegenkandidat der katholische Kaufmann Heinrich Heuerling nur 158 Stimmen erhielt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber sieht die Chronikeintragung des KATHOLISCHEN STADTPFARRERS KLEIN\u00a0hinsichtlich dieser denkw\u00fcrdigen Wahl folgenderma\u00dfen aus:<\/p>\n<p><em>\u201eEs war von Seiten des intelligenteren Theiles der Bev\u00f6lkerung Kaufmann Heinrich Heuerling, Rechner der landwirtschaftlichen Creditkasse und kath. Kirchenrechner, als Candidat aufgestellt worden, dessen Aussichten wegen seiner hervorragenden Bef\u00e4higung auch sehr g\u00fcnstig waren. Als aber in letzter Stunde noch die Parole ausgegeben wurde: In Wimpfen darf kein Katholik B\u00fcrgermeister werden, siegte der Furor protestanticus.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das Stimmenverh\u00e4ltnis BORNH\u00c4USSER\u00a0: HEUERLING\u00a0von 389 : 158 bzw. ca. 2,5 : 1 weist klar aus, dass ein nicht unerheblicher Teil der Evangelischen trotz der Gegenagitation den katholischen Bewerber gew\u00e4hlt hat . Gewiss spielte \u00fcber das Vorherrschen der evangelischen Konfession in Wimpfen hinaus auch noch die Herkunft und damit der finanzielle und ansehensm\u00e4\u00dfige Hintergrund des Wahlsiegers \u00d6KONOM JOHANN PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER\u00a0eine Rolle, der von vom nahen F\u00fcrfeld im Kraichgau stammte und durch die Eheschlie\u00dfung mit der verm\u00f6genden Lammwirts-Tochter JOHANNE KATHARINE PAULINE DENNER in eine der f\u00fchrenden einflussreichen \u00d6konomen- und Wirte-Familie Wimpfens eingeheiratet hatte.<\/p>\n<p>Am 7. Mai 1889 wird der scheidende B\u00dcRGERMEISTER\u00a0FRIEDRICH ERNST von KREISRAT FRIEDRICH GR\u00c4FF verabschiedet und der neue B\u00dcRGERMEISTER\u00a0PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER in einer feierlichen Gemeinderatssitzung verpflichtet.<\/p>\n<p>Knapp 3 Monate sp\u00e4ter ausgangs Juli 1889 ist wieder eine Ersatzwahl zum Gemeinderat f\u00e4llig. Es werden unter <em>\u201esehr lebhafter Beteiligung\u201c <\/em>von den 424 (bei 624 Wahlberechtigten) von ihrem Wahlrecht Gebrauch Machenden gew\u00e4hlt:<\/p>\n<p>HEINRICH BECK\u00a0(Rentner) mit 360 Stimmen,<\/p>\n<p>JULIUS ERNST\u00a0(Sohn des fr\u00fcheren B\u00fcrgermeisters, Inhaber eines im Herbst 1880 er\u00f6ffneten Farb- und Eisenwaren-Gesch\u00e4fts), mit 287 Stimmen,<\/p>\n<p>CARL SCHWENZER\u00a0(Seifensieder) mit 253 Stimmen,<\/p>\n<p>WILHELM K\u00dcNTZEL\u00a0(Kaufmann) mit 210 Stimmen,<\/p>\n<p>HEINRICH MAYER\u00a0(Ochsenwirt) mit 158 Stimmen.<\/p>\n<p>Anfang Oktober wird GEMEINDERAT HEINRICH BECK, dem die meisten Stimmen zugefallen sind, zum Mitglied des Kreistages gew\u00e4hlt. Im Dezember ist wieder die Wahl des Beigeordneten f\u00fcr Wimpfen am Berg f\u00e4llig, bei der nur 30 von 458 Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben. DR. EMIL M\u00d6RICKE\u00a0wird wiedergew\u00e4hlt. Er legt ausgangs Oktober sein Amt als Ortsgerichtsvorsteher nieder; sein Nachfolger wird B\u00dcRGERMEISTER PHILIPP BORNH\u00c4U\u00dfER. Jetzt sollen die Gemeinderatssitzungen nach dem Beschluss des Gemeinderats k\u00fcnftig \u00f6ffentlich sein und als solche in der Zeitung ausgeschrieben werden. Doch sind im Fortgang in dieser dergleichen Mitteilungen nicht zu finden.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Trotz des abklingenden Kulturkampfes setzt sich in Wimpfen die insbesondere nach der Wiederbesetzung der Katholischen Pfarrei eingetretene Konfrontation der beiden Konfessionen, ausgel\u00f6st durch den Antrag auf die Wiederzulassung des Jesuitenordens, verst\u00e4rkt fort.<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Knapp vier Wochen nach der den Frieden zwischen den beiden Konfessionen und dar\u00fcber hinaus der Einwohnerschaft in ihrer Gesamtheit erheblich sch\u00e4digenden B\u00fcrgermeisterwahl kann STADTPFARRER KLEIN\u00a0die wachsende Bedeutung und Akltivit\u00e4t seiner katholischen Diasporagemeinde innerhalb des protestantisch gepr\u00e4gten Wimpfen wieder dadurch demonstrieren, dass &#8211; wie er in der Chronik der Katholischen Kirchengemeinde berichtet &#8211; vom 28. April bis 5. Mai 1889 einer achtt\u00e4gige Volksmission von KAPUZINERPATER ALPHONS,\u00a0Provinzial in Mainz, und den beiden FRANZISKANERPATRES JOSEPH, Vikar in Mainz, und JOSEPH MARIA\u00a0aus Sigolsheim abgehalten wird, die aus der n\u00e4heren und weiteren Umgebung au\u00dferordentlich stark besucht ist. Die Standeslehren h\u00e4lt der HOCHW\u00dcRDIGSTE BISCHOF DR. PAULUS LEOPOLD HAFFNER, der vom 30. April bis zum 3. Mai abermals in Wimpfen weilt und auch am 2. Mai 137 Firmlingen das heilige Sakrament der Firmung spendet, darunter 20 solchen aus Wimpfen, die anderen aus badischen und w\u00fcrttembergischen Orten der Umgebung. Die Zahl der Kommunionen bei dieser Mission wird mit 2.720 angegeben. Es gibt dieses Mal keinen gro\u00dfen Empfang wie 1886, um die bereits begonnene Mission nicht zu st\u00f6ren. Trotzdem sind wieder viele H\u00e4user beflaggt.<\/p>\n<p>Ob dieser mehrt\u00e4gige Aufenthalt des Mainzer Bischofs und diese gleichzeitigen Aktivit\u00e4ten dreier katholischer Ordensleute die Evangelischen Geistlichen und Gemeindeangeh\u00f6rigen gest\u00f6rt hat oder nicht, Tatsache ist, dass die Konfrontation der Konfessionen sich nach der Beendigung des vom Hader zwischen protestantischen und katholischen W\u00e4hlern beherrschten B\u00fcrgermeister-Wahlkampfes fortgesetzt hat. Die Empfindsamkeit der evangelischen Mehrheit gegen\u00fcber der wachsenden Aktivit\u00e4t und \u00f6ffentlichen Bedeutsamkeit der katholischen Minderheit erkl\u00e4rt sich nicht zuletzt auch aus dem Umstand, dass der Anteil der Letztgenannten in der Gesamtgemeinde nur knappe 9 % betrug. Hierzu sei das Ergebnis der unter dem 1. Dezember 1890 in der \u201eWimpfener Zeitung\u201c bekanntgemachten Volksz\u00e4hlung aufgef\u00fchrt:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-372\" src=\"http:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006-1024x189.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"122\" srcset=\"https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006-1024x189.jpg 1024w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006-150x28.jpg 150w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006-300x55.jpg 300w, https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ee006-768x141.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Damit betrug der Anteil der Evangelischen 1890 gegen\u00fcber dem der Katholiken in der Gesamtgemeinde 88,5 % geg. 8,8 %, in Wimpfen am Berg 87,4 % geg. 9,8 %, in Wimpfen im Tal 90,1 % geg. 9,5 %, in Hohenstadt 95,3 % geg. nur 0,47 %.<\/p>\n<p>Ausgerechnet in den Weihnachtstagen des Folgejahres 1890 wird der Zwist evident durch eine von DEKAN SCRIBA\u00a0und PFARRER PETERSEN\u00a0auf Sonntag nach Weihnachten einberufene Versammlung evangelischer M\u00e4nner in den Wacker\u2019schen Saal. Dieser ist so \u00fcberf\u00fcllt, dass viele der Gekommenen umkehren m\u00fcssen. Der Zweck besteht darin, dass eine Petition an den Reichstag geschickt und in dieser gebeten werden soll, dem von der Zentrumsfraktion gestellten Antrag auf Wiederzulassung des im Zuge des Kulturkampfes verbotenen Jesuitenordens <em>\u201eim Interesse des konfessionellen Friedens nicht stattzugeben\u201c. <\/em>Die lebhaften Beifall findende Argumentation lautet: Das Ziel der Jesuiten ist die Vernichtung des Protestantismus. Es droht die Wiederkehr des Unfriedens und die Gef\u00e4hrung des Werks der Reformation. Selbst in Bayern, so hei\u00dft es, werden Petitionen dagegen abgesandt. Am Schluss der Versammlung gedenkt PFARRASSISTENT HEINRICH HAHN, der seit 1. Oktober dem gesundheitlich angeschlagenen DEKAN WILHELM SCRIBA\u00a0zur Entlastung beigegeben ist, des Gro\u00dfherzogs und des Kaisers, auf dessen Gerechtigkeit die Protestanten fest vertrauten. Die Petition wird von 425 Mitgliedern der &#8211; wie es ausdr\u00fccklich in der Zeitung hei\u00dft &#8211; <em>\u201ehiesigen evangelischen und katholischen Gemeinde\u201c<\/em>, dazu 54 Unterschriften aus Hohenstadt, unterzeichnet. Der Wortlaut der im ausgehenden Jahr 1890 abgeschickten Petition lautet:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Unterzeichneten, verschiedenen Religionsbekenntnissen angeh\u00f6rend, f\u00fchlen sich gedrungen, gegen die von einer r\u00fchrigen Agitation und neuerdings auch durch einen Antrag im Reichstag geforderte Aufhebung des Jesuitengesetzes und die damit erm\u00f6glichte Wiederkehr des Jesuitenordens in unser deutsches Vaterland den nachdr\u00fccklichsten Einspruch zu erheben.- Wir wollen nicht die Wiederkehr eines Ordens, dessen Glieder einem ausw\u00e4rtigen Oberen in bedingungslosem Gehorsam unterworfen sind, dessen Hauptzweck die Bek\u00e4mpfung jedes anderen Religionsbekenntnisses ist, der in fr\u00fcheren Zeiten durch Entflammung inneren Haders uns\u00e4gliches Unheil \u00fcber Deutschland gebracht hat, dessen verderbliche Wirksamkeit die Geschichte und den Zustand der L\u00e4nder, in denen er heute noch th\u00e4tig ist, nur allzu deutlich bezeugen.- Seine Wiederzulassung w\u00fcrde in weiten Kreisen des deutschen Volkes als eine Guthei\u00dfung seiner Bestrebungen aufgefa\u00dft werden und dadurch heillose Verwirrung der Gem\u00fcter herbeif\u00fchren.- Im Interesse des religi\u00f6sen und b\u00fcrgerlichen Friedens erheben wir die ehrfurchtsvole Bitte: \u201aDen Petitionen, welche die Aufhebung des Reichsgesetzes vom Juli 1872, betr. den Orden der Gesellschaft Jesu, fordern, sowie dem in gleicher Richtung erfolgten Antrage der Centrumsfraktion keine Folge zu geben\u2019<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Ein am Jahresschluss in der Zeitung abgedrucktes \u201eEingesandt\u201c gibt einen Bericht \u00fcber die am selbigen Sonntag von STADTPFARRER KLEIN\u00a0und dem VERWALTER DES KAPLANEI-BENEFEFIZIUMS PFARRER K\u00d6STERUS in das Gasthaus \u201eSonne\u201c (Ecke Obere Hauptstra\u00dfe \u2013 Langgasse) gelegte <em>\u201eBesprechung katholischer M\u00e4nner \u00fcber die Jesuitenfrage\u201c<\/em> wieder, die hier, im Schlussteil etwas gek\u00fcrzt, zitiert werden soll:<\/p>\n<p><em>\u201eHerr Pfarrer Klein gab der Hoffnung Ausdruck, da\u00df die jetzt erregten Gem\u00fcter sich bald beruhigen und man sich allseits wieder des Gebotes des Herrn erinnern werde: Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten. Es habe ihn gefreut zu h\u00f6ren, da\u00df evangelische M\u00e4nner sich ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten: \u201aIch habe noch keinen Jesuiten gesehen, es hat mir noch keiner etwas zuleide getan, wie soll ich da etwas gegen sie unterschreiben?\u2019 Gerecht urteilen \u00fcber die Jesuiten k\u00f6nnen wohl diejenigen, welche mit ihnen verkehrten, ihre Werke studierten und vielfach mit ihnen zusammengewirkt h\u00e4tten, und das seien die katholischen Bisch\u00f6fe und Priester. Seien die Jesuiten Scheusale, so w\u00e4ren es die sie in Schutz nehmenden Geistlichen und Bisch\u00f6fe nicht weniger. Den allergr\u00f6\u00dften Vorwurf tr\u00e4fe dann die katholische Kirche. &#8230; Es handle sich um eine Rechtsfrage: Sollen die Deutschen alle gleich sein vor dem Gesetz? Soll Gewissensfreiheit herrschen oder nicht? So gut jedem deutschen B\u00fcrger, Sozialdemokraten Freiheit gew\u00e4hrt wird, so gut m\u00fc\u00dfte man sie Jesuiten gew\u00e4hren. Man habe Polizei und Gerichte genug. Lasse sich ein Jesuit etwas Strafbares zuschulden kommen, so m\u00fcsse er abgeurteilt werden. Er hoffe, da\u00df das Wort des preu\u00dfischen Finanzministers Miquel auch in religi\u00f6sen Fragen Anwendung f\u00e4nde: Wenn die Gerechtigkeit angerufen wird, dann gibt es Gott sei Dank keine Parteien mehr. Herr Pfarrer K\u00f6sterus habe es sich vornehmlich zur Aufgabe gemacht, zu widerlegen, da\u00df die T\u00e4tigkeit der Jesuiten \u201aausschlie\u00dflich auf Vernichtung des Protestantismus gerichtet sei\u2019. &#8230; Der Kampfesmut der Arbeiterbataillone wird erh\u00f6ht, wenn sie sehen, da\u00df sich Protestanten vor einer Handvoll Jesuiten f\u00fcrchteten &#8230; Schlu\u00df in vers\u00f6hnlichem Tone: Hoch auf Papst und Kaiser &#8230; .\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diesem langen \u201eEingesandt\u201c von katholischer Seite folgt zum Jahresbeginn 1891 ein weiteres solches, das mit \u201eMehrere Teilnehmer an der Versammlung der evangelischen M\u00e4nner\u201c (gemeint ist die Versammlung im Wacker\u2019schen Saal) unterzeichnet ist und zu dem in Wimpfen entbrannten heftigen Streit der Konfessionen um die Frage der Wiederzulassung des Jesuitenordens im Deutschen Reich in komplizierten und schwer verst\u00e4ndlichen Verklausulierungen die folgenden &#8211; hier gerafft wiedergegebenen &#8211; Gedanken \u00e4u\u00dfert: Die Urteile \u00fcber den Jesuitenorden seien von je her verschieden ausgefallen, wobei oft die einen f\u00fcr wahr halten, was den anderen falsch erscheint. Bei dem Vortrag im Wacker\u2019schen Saal war es keineswegs darauf abgesehen, alles zusammenzusuchen, was dem Orden zur Last gelegt werden kann. Dies gehe schon allein daraus hervor, dass die Bestrebungen dessen Stifters (gemeint: des Ignatius von Loyola) mit einer gewissen Anerkennung geschildert wurden. Ebenso ferne sei es darum dem Redner gelegen gewesen, die Mitglieder des Ordens als \u201esolche Scheusale\u201c darzustellen. Auch sei dessen T\u00e4tigkeit nicht so geschildert, als sei diese \u201eausschlie\u00dflich\u201c auf die Vernichtung des Protestantismus gerichtet gewesen. Dieses Wort stamme nicht aus dem Mund des Redners, sondern aus der Feder des Berichterstatters. Dem Zwecke und Text der evangelischen Eingabe entsprechend, h\u00e4tte es nicht darum gehen k\u00f6nnen, den Jesuitenorden nach allen Seiten hin zu durchleuchten, sondern dessen T\u00e4tigkeit zur Zeit der Gegenreformation sowie im vorigen Jahrhundert unter den vier katholischen Kurf\u00fcrsten zu kennzeichnen. Was zu Gunsten der Jesuiten h\u00e4tte gesagt werden k\u00f6nnen, sei aber nicht imstande gewesen, das vorhandene Misstrauen gegen die Jesuiten zu \u00fcberwinden und glauben machen zu k\u00f6nnen, dass diese sich \u201enur erlaubter Mittel\u201c bedient h\u00e4tten, genau wie man auch ihren Selbstzeugnissen nicht ohne Weiteres Glauben schenken k\u00f6nne. Was Kr\u00e4nken und Gekr\u00e4nktsein betreffe, so beruhe dies auf Gegenseitigkeit. Bei Wacker seien die Zuh\u00f6rer dringend gebeten worden, nicht blo\u00df alles Kr\u00e4nkende den katholischen Mitchristen gegen\u00fcber zu vermeiden, sondern auch deren Eintreten zugunsten der Jesuiten nicht als eine von ihnen und ihren Geistlichen den Protestanten zugedachte Kr\u00e4nkung anzusehen, damit der zwischen ihnen leider schon vorhandene Riss nicht noch gr\u00f6\u00dfer werde. Der Schluss:<em> \u201eAlle Teilnehmer werden bezeugen, da\u00df \u00fcberhaupt mit gr\u00f6\u00dfter Zur\u00fcckhaltung und Schonung gesprochen wurde und der ganze Vortrag vom Anfang bis zum Ende von vers\u00f6hnlichem Geiste durchdrungen war. Ein Zusammengehen in sozialer Hinsicht w\u00e4re allerdings sehr zu w\u00fcnschen; leider wird es uns aber oft unm\u00f6glich gemacht, selbst den gl\u00e4ubigen Elementen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bediente sich dieses \u201eEingesandt\u201c des Jahresbeginns 1890\/91 noch eines gewissen vers\u00f6hnlichen Tones, so entfachte nach dem Jahresanfang ein zweites solches, das wie alle diese keine Namen der Verfasser trug, die Weiterf\u00fchrung des Konflikts. Es ging in diesem den protestantischen Einsendern darum, die 1773 von Papst Clemens XIV. unter dem Druck der von den Bourbonen regierten Staaten in einer Bulle verf\u00fcgte Aufl\u00f6sung des Jesuitenordens ins Spiel zu bringen und damit quasi die Katholiken in dieser Frage mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ob dieser Papst damit nicht gegen das 8. Gebot (\u201eDu sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten\u201c) versto\u00dfen habe, so gaben diese vor, wissen zu wollen, und wiesen provozierend auf die \u201eUnfehlbarkeit des Papstes\u201c hin. Da die wieder \u00fcber ein \u201eEingesandt\u201c erfolgte knappe Antwort auf die Empfehlung auswich, \u00fcber das Dogma der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes sich durch das Studium des katholischen Katechismus\u2019 Aufkl\u00e4rung zu holen, reagieren die protestantischen Fragesteller prompt mit einem l\u00e4ngeren weiteren \u201eEingesandt\u201c, das am Schluss in den folgenden unfriedm\u00e4\u00dfigen Anwurf gegen\u00fcber dem katholischen Einsender m\u00fcndet:<\/p>\n<p><em>\u201eWir wollten und brauchen von ihm keine Belehrung \u00fcber die \u201aUnfehlbarkeit des Papstes\u2019, sondern verlangten eine runde Antwort, ob Clemens XIV. gegen das 8. Gebot sich vergangen hat. Dies ist unser letztes Wort. Es war uns nur darum zu tun, den Vorwurf einer S\u00fcnde gegen das 8. Gebot von uns zu weisen. Wir wollen den Frieden, aber bei ferneren Angriffen sei unser Trost: Matth\u00e4us 5,11.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dieser letzte Satz, der sich auf die zweitletzte der zehn Seligpreisungen der Bergpredigt Christi \u201eSelig seid ihr, wenn euch die Menschen meinetwillen schm\u00e4hen und verfolgen und reden allerlei \u00dcbles wider euch, so sie daran l\u00fcgen\u201c bezieht und damit das katholische Lager als l\u00fcgenhaft hinstellt, l\u00e4sst das Band zwischen den beiden Konfessionen weiterhin zerrissen sein. Zwar wird zu gleicher Zeit im Zuge der damaligen Gr\u00fcndung von einem \u201eVolksverein f\u00fcr das katholische Deutschland\u201c, der sich die Bek\u00e4mpfung der Sozialdemokratie zur Aufgabe stellt, innerhalb der katholischen Kirchengemeinde Wimpfen eine Vereinigung gegr\u00fcndet, die von Zeit zu Zeit Versammlungen abhalten und im angegeben Sinne wirken will. Auch wird im nachfolgenden harten Winter des Jahres 1891\/92 zur Bek\u00e4mpfung der gesteigerten Not der Armen in Wimpfen ein \u201eFrauenverein\u201c ins Leben gerufen, der unter der F\u00fchrung der beiden evangelischen Geistlichen <em>\u201eeine Besserung des Loses der Kinder <span style=\"text-decoration: underline;\">jeder<\/span> \u00a0Konfession, welche in notleidenden <span style=\"text-decoration: underline;\">hiesigen<\/span> Familien aufwachsen, inbesondere durch pers\u00f6nliches Nachgehen erstrebt\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Doch ist die Schaffung dieser beiden Vereinigungen letztlich als Ma\u00dfnahme des wachsenden Wettbewerbs der beiden Konfessionen untereinander zu sehen und gehen diese letztlich in der sozialen F\u00fcrsorge, wie in einem der obigen \u201eEingesandt\u201c gew\u00fcnscht, in der Abwehr der Sozialdemokratie denn doch getrennte Wege. Und den Protestanten wird die nach der Wiederbesetzung des Mainzer Bischofsstuhles sowie der katholischen Pfarrstelle Wimpfen am Berg und der Benefiziatenstelle Wimpfen im Tal stetig wachsenden Aktivit\u00e4ten der katholischen Seite immer mehr ein Dorn im Auge. Hierzu geh\u00f6rt ganz besonders das in den Aufwind gelangte j\u00e4hrliche Kreuzfest. Da es zweifelhaft erschien, ob die in der Pfarrchronik der Katholischen Kirchengemeinde f\u00fcr 1855 berichtete Wiedereinf\u00fchrung der Bruderschaft zu Ehren des Heiligen Kreuzes rite (d. h. auf rechte Weise) vollzogen worden war, wurde auf Antrag von PFARRER KLEIN eine neue Urkunde ausgestellt und wurden die dabei gew\u00e4hrten Abl\u00e4sse durch p\u00e4pstliches Breve vom 8. April 1892 neu bewilligt. Die Teilnahme der Katholiken an der Kreuzfestfeier des Fr\u00fchjahres des vorgenannten Jahres aus der w\u00fcrttembergischen und badischen Nachbarschaft, ja selbst gr\u00f6\u00dferer Ferne (insbesondere aus den katholischen Gemeinden der jenseits des Neckars gelegenen sog. Krummen, d. h. ehemals unter dem Krummstab der Deutschordens gestandenen, Ebene sowie der teilweise ebenfalls deutschherrisch gewesenen katholischen Orte links des Neckars) war laut Bericht der \u201eWimpfener Zeitung\u201c unter dem 5. Mai 1892 eine sehr gro\u00dfe. Es sollen 3.000 Menschen daran teilgenommen haben und die Kirche stets bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt gewesen sein. Hierzu soll der Umstand beigetragen haben, dass damit eine vom 1. bis 3. Mai gegangene Missionserneuerung verbunden worden war, die von den hochw\u00fcrdigen KAPUZINERPATRES LUDWIG UND JOSEF AUS MAINZ UND EHRENBREITSTEIN\u00a0vorgenommen wurde. Die Zahl der dabei erfolgten Kommunionen betrug 1.214. Dar\u00fcber ver\u00f6ffentlichte laut Erkl\u00e4rung in der \u201eWimpfener Zeitung\u201c unter dem 16. Mai 1892 der Stuttgarter \u201eSchw\u00e4bische Merkur\u201c in seiner Nr. 109 die folgende diesem aus Wimpfen zugegangene kritisch-tendenzi\u00f6se Zuschrift:<\/p>\n<p><em>\u201eZwei Kapuzinerpatres aus Mainz, feurige Redner f\u00fcr die allein selig machende katholische Kirche, entwickelten am 1., 2. und 3. Mai eine rastlose T\u00e4tigkeit in der hiesigen katholischen Kirche. Aus W\u00fcrttemberg war der Zulauf zu den Kapuzinerpredigten ein ganz reger. Viele katholische Geistliche aus W\u00fcrttemberg unterst\u00fctzten die Kapuziner im Beichth\u00f6ren. Obgleich unsere Stadt nur sehr wenige Katholiken z\u00e4hlt und die Herbeirufung der Kapuziner im Grunde das Machwerk ihres Landsmannes, des Bischoffs Haffner in Mainz, und der katholischen Geistlichkeit ist, so wurde die dreit\u00e4gige Kapuzinermission auch von der evangelischen Stadtbev\u00f6lkerung, namentlich von den Gewerbetreibenden, gern gesehen, weil in den Gesch\u00e4ften viel Geld liegen blieb. Die Kanzelreden der Kapuziner waren scharf zugespitzt und trugen keineswegs den Geist der N\u00e4chstenliebe gegen Nichtkatholiken. Geld f\u00fcr die Kapuziner ist viel eingegangen, namentlich vom weiblichen Geschlecht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dieses rief den katholischen Stadtpfarrer mit der folgenden &#8211; von Zynik keineswegs freien &#8211; Erwiderung auf den Plan:<\/p>\n<p><em>\u201eIch gebe hiermit die Versicherung, da\u00df nie mehr ein Kapuzinerpater die Kanzel der mir unterstellten Kirche besteigen soll, wenn der Korrespondent den Nachweis liefert, da\u00df in den 6 bei der Missionserneuerung hier gehaltenen Predigten irgendetwas vorkam, was die N\u00e4chstenliebe gegen Nichtkatholiken verletzte. Auch stellte ich ihm f\u00fcr diesen Fall das eingegangene angeblich \u201aviele\u2019 Geld zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr die Kapuziner ging allerdings nichts ein, da f\u00fcr sie gar nicht gesammelt wurde, sondern nur an den Kreuzfesten hier die von jeher \u00fcbliche Kollekte stattfand. Im \u00fcbrigen \u00fcberlasse ich die Beurteilung der ganzen obigen Herzensergie\u00dfung dem gesunden Sinne der Bev\u00f6lkerung Wimpfens.- Klein Pfarrer.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alle diese weiteren und steigenden Aktivit\u00e4ten der kleinen Katholischen Kirchengemeinde waren geeignet, weiteres Missfallen der gro\u00dfen evangelischen Mehrheit zu erzeugen. Stolz und bewegt &#8211; den Aktivit\u00e4ten der Katholiken zu begegnen suchend &#8211; begeht die Evangelische Kirchengemeinde am 28. August 1892, wie der I. PFARRER WILHELM SCRIBA in der Kirchenchronik berichtet, das 400-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um ihrer Pfarrkirche (gemeint die Grundsteinlegung des sp\u00e4tgotischen Teils derselben) in Anwesenheit des SUPERINTENDENTEN\u00a0DEKAN K\u00d6STLIN, der zuvor am 8. Mai eine ordentliche Kirchenvisitation in Verbindung mit einer Schulvisitation durchgef\u00fchrt hat. Die Stadt pr\u00e4sentiert sich in fahnengeschm\u00fccktem Festkleid. Die Festpredigt h\u00e4lt der 1. STADTPFARRER VON MAINZ LUDWIG FROHNH\u00c4USER, weiland (von Februar 1868 bis Juni 1869) Verwalter der 1. bzw. Vikar der 2. Pfarrstelle, Autor der \u201eGeschichte der Reichsstadt Wimpfen &#8230;\u201c (1870) und bis dahin der vielbeachteten heimatgeschichtlichen Erz\u00e4hlung \u201eDas Kr\u00e4uterweible von Wimpfen\u201c (Erstausgabe 1884\/85). Die Zeitung berichtet dar\u00fcber begeistert Folgendes:<\/p>\n<p><em>\u201eNachdem er in sinniger Weise auf seine alten Beziehungen zur hiesigen Gemeinde hingewiesen, entrollte er in ergreifenden Z\u00fcgen ein farbenreiches Bild unseres Gemeindelebens von der Gr\u00fcndung der Kirche bis auf die neueste Zeit und wies das Walten Gottes nach im kirchlichen wie in weltlichen Dingen. Mit atmenloser Spannung lauschte die Gemeinde den mit entflammender Begeisterung vorgetragenen Auslegungen des Predigtextes (87. Psalm, Vers 1 \u2013 3) und innerlich erbaut und gest\u00e4rkt verlie\u00df sie nach dem Schlu\u00dfgesang die Kirche.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit dem Jubil\u00e4um ist ein Kirchengesangfest verbunden, an dem sich die Vereine von Mosbach, Heilbronn und Weinsberg beteiligen. Solches Gegenhalten, dazuhin Missfallsbekundung und Widerstand von evangelischer Seite, regte sich umso mehr, als nach dem endg\u00fcltigen Abschied des ERSTEN EVANGELISCHEN PFARRERS WILHELM SCRIBA und Wegzug nach Darmstadt im Herbst 1892 die Konfrontation unter dessen Nachfolger DR. RICHARD WEITBRECHT und damit der Konfessionshader sich nicht nur fortsetzte, sondern \u00fcber die konfessionelle Ebene hinausgehenden und um die anderthalb Jahrzehnte dauernden Krieg der beiden f\u00fchrenden K\u00f6pfe ausartete. Somit findet der sog. Kulturkampf, obgleich die Reichspolitik Bismarcks diesen unter Beibehaltung der Zivilehe, des Kanzelparagraphen wie des Verbots des Jesuitenordens zum Zwecke der Bek\u00e4mpfung der sich mehr und mehr ausbreitenden \u201eSozialistenseuche\u201c l\u00e4ngst aufgegeben und im Gro\u00dfherzogtum Hessen nach der Einsetzung von BISCHOF HAFFNER\u00a0durch beiderseitiges Entgegenkommen zu entspannen begonnen hat,<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a> auf \u00f6rtlicher Ebene in Wimpfen in geradezu extremer Weise fort. Dar\u00fcber wird an sp\u00e4terer Stelle in den Rubriken J.4 und J.5 allerlei Weiteres zu berichten sein.<\/p>\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 66<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Diese und die nachfolgenden Angaben von Ergebnissen der Gemeinderatswahlen sind haupts\u00e4chlich entnommen:<br \/>\nHaberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 32, 39, 54, 56, 59, 65, au\u00dferdem der Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde der jeweiligen Jahrg\u00e4nge<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Aus: Haberhauer, G\u00fcnther, 2012, S. 270<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 32<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther 1999, S. 54<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> M\u00fcndliche Mitteilung von Friedrich Feyerabend (1871 \u2013 1959)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 72<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 73<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Haberhauer, G\u00fcnther, 1999, S. 71<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Demandt, Karl Ernst, 1972, S. 600<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZWAR WIRD DURCH DAS NEUE GESETZ DER ZUSAMMENSETZUNG DER BEIDEN KAMMERN UND WAHLEN ZUM LANDTAG DIE BEVORRECHTUNG DES HOHEN ADELS UND DER H\u00d6CHSTEN AMTSTR\u00c4GER NUR WENIG EINGESCHR\u00c4NKT UND ERFOLGT DIE WAHL ZUR ZWEITEN KAMMER IMMER NOCH INDIREKT \u00dcBER WAHLM\u00c4NNER; AUCH SIND NACH DER NEUEN LANDGEMEINDEORDNUNG DIE WAHLEN ZUM GEMEINDERAT DURCH DIE TEILUNG DER W\u00c4HLBAREN IN &hellip; <a href=\"https:\/\/wimpfen-geschichte.de\/band_3_1870-1918\/startseite\/e-landtags-und-gemeinderatswahlen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">E. 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