X. Robert alias Roman

Wie die in Wimpfen 1880 geschlossene Ehe der SOPHIE  VON WIMPFFEN (1861 – 1907) mit BARON THEODOR VON UNGERN-STERNBERG (1857 – 1918/23) zerbricht, diese eine zweite Ehe mit dem Baron OSKAR VON HOYNINGEN-HUENE (1860 – 1918) eingeht und deren älterer schwieriger Sohn aus erster Ehe namens ROBERT VON UNGERN-STERNBERG (1885 – 1921) nach einem unsteten Leben als russischer Militär, nachdem er während den der Revolution folgenden Kämpfen zwischen den Weiß- und Rotarmisten die (Äußere) Mongolei von der chinesischen Vorherrschaft befreit und dann unter dem Namen ROMAN UNGERN VON STERNBERG dort als „Blut(durst)iger weißer Baron” eine schreckliche Gewalt- und Mordherrschaft ausgeübt hat, schließlich unter den Kugeln der ihn hinrichtenden Bolschewiki stirbt.

Wie bereits angedeutet, war die in Wimpfen eingegangene und von den Glückwünschen einer solch illustren Adelsgesellschaft geleitete Ehe der BARONESSE SOPHIE VON WIMPFFEN mit BARON THEODOR LEONHARD VON UNGERN-STERNBERG alles andere als glücklich und dieser viel Unglück beschieden. Das beginnt damit, dass zwei zuerst geborene Mädchen aus dieser Ehe, nämlich die 1881 in Wien geborene FLORENCE NATALIE und die 1883 in Valtu/Estland geborene CONSTANCE SOFIE, das Säulingsalter nicht überlebt haben. Und der laut Gregorianischem (russischem) Kalender am 29. Dezember 1885, laut Julianischem (deutschem) Kalender am 10. Januar 1886 in Graz (sicherlich unter der Obsorge der Großmutter Amalie von Wimpffen) unter dem Namen NIKOLAUS (oder auch NIKOLAI) ROBERT MAXIMILIAN VON UNGERN-STERNBERG geborene erste Sohn entwickelte sich, wie später ausführlich dargestellt, zum ausgesprochenen Sorgenkind, dessen unheilbegleitetes Leben unter dem Namen NIKOLAI ROMAN FJODOROWITSCH UNGERN VON STERNBERG, wie er sich selbst umbenannt hatte, am 17. September 1921 in Nowosibirsk unter den Kugeln der Hinrichtung durch die Bolschewiki im Alter von nur 35 Jahren geendet hat.

Sehr viel besser verlief das Leben des knapp drei Jahre nach diesem am 12. Oktober (nach dem russischen = Gregorianischen Kalender am 30. September) 1888 ebenfalls in Graz geborenen zweiten Sohnes des Namens CONSTANTIN ROBERT FREIHERR VON UNGERN-STERNBERG. Dieser heiratete am 30. Januar 1917 in Riga LÉONIE JENNY BERTHA ZENAIDE (auch SINAIDE) Gräfin KEYSERLING (aus der Herrschaft Rayküll), geb. am 18. 12. 1887 in Konnö (Livland), Schwester des ebenso gerühmten wie umstrittenen deutschbaltischen Philosophen HERMANN GRAF KEYSERLING (1880 – 1946). Nachdem es dem als vermögender Grundbesitzer und Adliger in den Wirren der russischen Revolution verfolgten Constantin gelungen war, den Bolschewiki zu entrinnnen und nach allerlei romanhaft anmutenden Abenteuern sich von Asien nach Europa durchzuschlagen, finden wir diesen in den 1820/30er Jahren als Diplomingenieur bei der Siemens-China Co. in Shanghai tätig. Am Ende des Zweiten Weltkrieges bei der Besetzung von Wien erlitt er am 10. April 1945 im Alter von 56 Jahren zusammen mit seiner Gattin einen schlimmen Tod: Beide wurden tragischerweise von einem geistig umnachteten Pförtner getötet. Glücklicherweise hat sich von diesem die nachstehend gezeigte Fotografie erhalten:

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  • Abb. X 1: Constantin Freiherr von Ungern-Sternberg (1888 – 1945), der jüngere der beiden Söhne der Sophie von Ungern-Sternberg aus erster Ehe.

Demgegenüber wurde die 1880 in Wimpfen geschlossene Ehe der SOPHIE VON WIMPFFEN und des THEODOR VON UNGERN-STERNBERG 1891 – die Söhne ROBERT und CONSTANTIN waren sechs bzw. noch keine drei Jahre alt – geschieden, und zwar höchstwahrscheinlich deshalb, weil die Persönlichkeit und das Leben ihres Mannes von viel Unruhe und Unstetigkeit (sicherlich nicht zuletzt infolge gewisser pathologischer Züge) geprägt gewesen ist. Über diesen erfahren wir aus dem uns als Hauptquelle dessen ungewöhnlichen Lebensganges dienenden und erst an späterer Stelle umschriebenen Buchwerkes von James Palmer des Titels „The Bloody white Baron” (2008) Folgendes: „Ursache der Scheidung war wahrscheinlich der allmählich fortschreitende geistige Zusammenbruch, der wahrscheinlich notwendigerweise zu einer Zwangseinweisung in ein Sanatorium in Hupfal (Hapsal) führte und dies für fünf Jahre. Die Protokolle über die genaue Beschaffenheit seiner Krankheit beschreiben ihn als ‚geistig ungesund’. Der frühe Tod der beiden ersten Kinder dieser Ehe, beides Mädchen, konnte nicht die Ursache sein. Er hat wahrscheinlich an einer Art Schizophrenie gelitten, obwohl er sich im späteren Leben anscheinend wieder gut erholte. Wir können nur spekulieren, ob sein kleiner Sohn je Zeuge seiner psychotischen Episoden wurde und welche Wirkung sie auf ihn gehabt hätten. Seine Mutter gibt – überraschenderweise – kaum ihre eigene Erfahrung der Ehe wieder. Es scheint so, dass sie verhütet hat, dass er viel Kontakt mit seinem Vater hatte, sogar auch nicht nach dessen späterer Entlassung aus dem Sanatorium.” Von außen gesehen, stand im Jahr nach der Eheschließung von 1881 bis 1885 zunächst der Besitz (und wohl auch die Bewirtschaftung) des Rittergutes Waldau (estnisch Valtu) im Vordergrund, dann aber von 1885 bis 1888 (d. h. im Zeitraum der Geburt der beiden Söhne) war der Aufenthalt im Ausland (in Südrussland und auf der Krim) wohl als (wie er im Biographischen Lexikon geführt ist) Geologe, schließlich ab 1888 als Beamter für besondere Aufträge beim russischen Statthalter der Kaukasus-Region gefolgt. Dann unternimmt er mehrere wissenschaftliche Reisen nach Transkaukasien, Persien und in die asiatische Türkei, besteigt sogar, wie es heißt, zweimal den Elbrus, den höchsten Berg des Kaukasus und Russlands mit Doppelgipfel von 5642 m bzw. 5621 m Höhe (gemeint ist mit „zweimal” wohl, dass er beide Gipfel bestiegen hat), und ist wirkliches Mitglied der Kaiserlich Russischen Geografischen Gesellschaft und anderer solcher Gesellschaften. Im Januar 1896 heiratet er zum zweiten Male – und zwar in London – MARIA PEARCE. 1897 wird er in Wiesbaden in einen Aufsehen erregenden Prozess verwickelt, aber freigesprochen, dem genauer nachzugehen, ich mir versagen muss. Ab 1899 lebt er in einer Privatheilanstalt des westestnischen Ostsee- und Moorbades Hapsal (estnisch Haapsalu). In Dunkel gehüllt ist sein Tod: Es heißt nur, er sei ca. zwischen 1918 und 1923, demnach in den wirren blutigen Jahren der russischen Revolution, in Sankt Petersburg gestorben bzw. verschollen.

SOPHIE VON UNGERN-STERNBERG, GEB. VON WIMPFFEN, heiratet wenige Jahre nach ihrer Scheidung mit nunmehr 32 Jahren am 30. April 1894 einen anderen deutschbaltischen Adligen, den Gutsbesitzer in der ungefähr 40 Meilen von der Hauptstadt Estlands Reval entfernten Landgemeinde Jerwakant (estnisch Järvakandi) namens OSKAR (ANSELM HERMANN) BARON VON HOYNINGEN-HUENE (auch: OSKAR HEININGEN genannt HUENE). Dessen aus Hönningen an der Ahr im Rheinland bei Ahrweiler stammendes Geschlecht war auch in Russland und Deutschland (Preußen, Kurhessen, Baden) zu Besitz und Ansehen als hohe Militärs und Beamte, Politiker und Wissenschaftler gekommen. Das Ehepaar zieht mit den beiden Kindern auf dessen vorgenannten ab 1820 errichteten estnischen Landsitz Järvakandi , in dessen Zentrum ein zweigeschossiges Gutshaus steht und wo es auch eine 1879 gegründete und bekannt gewordene Glasfabrik gibt. Aus dieser zweiten Ehe gehen noch drei Kinder hervor: 1895 HELENE WILHELMINE, 1897 ISABELLA MARGARETHA, 1899 MAX HERMANN.

Ihr in die zweite Ehe mitgebrachter älterer Sohn ROBERT, um nunmehr dessen äußerst bunten und tragisch geendeten Lebensgang zu schildern, wuchs unter seinem Stiefvater und unter Mitwirkung ihrer Mutter AMALIE VON WIMPFFEN auf. Von James Palmer erfahren wir darüber Folgendes: Sie besaßen ein namhaftes Herrschaftshaus weit hinten in den Wäldern und im Winter tief im Schnee liegend, wie aus Märchenerzählungen. Hoyningen-Huene hatte das Land in Besitz und beaufsichtigte dessen Pächter im Umkreis von Meilen wie ein guter deutscher Gutsbesitzer. Die meisten der Belegschaft auf dem Gut waren Deutsche, die Arbeiter und Bauern Esten. Die Einwirkung der Scheidung auf den jungen Robert müsste infolge der nunmehr gegebenen Ruhe günstig gewesen sein, doch das Gegenteil war der Fall. Zwar erfolgt darüber seitens des Stiefvaters etwa in Briefen oder in späteren Gesprächen keinerlei Erwähnung. Nur aus dem Hinweis der Schulprotokolle ist zu entnehmen, dass Robert gegenüber dem Stiefvater eine ungute Haltung einnahm. Wie die Mehrheit der baltischen Deutschen waren die Ungern-Sternberg wie auch die Hoyningen-Huene protestantisch-lutherischen Glaubens. Doch engagierten sich die russischen Behörden stark, diesen den russisch-orthodoxen Glauben aufzuzwingen. Und zu diesem fühlte sich der junge Roman hingezogen. Auch war dessen Umwelt ebenso vielsprachig wie multikulturell geprägt. Zwar sprachen seine Eltern zu Hause Deutsch und wurde Robert bis zum Ende des 14. Lebensjahrs zu Hause privat in Deutsch unterrichtet. Doch wurde er mit dem 15. Lebensjahr auf das von der Oberschicht besuchte Nikolaus-Gymnasium in Reval gegeben, wo zwar eine Menge Deutsche waren, doch die Mehrheit der Schulkameraden aus Russen bestand; dazu kamen, wenngleich weniger, Esten und Juden. Auch sonst von vielen russisch sprechenden Menschen umgeben, sprach er Russisch bald ebenso fließend wie Deutsch. Hinzu kam das bei der Aristokratie beider Kulturkreise verbreitete Französisch und mehr oder minder auch Englisch, dazuhin das vermutlich von Dienern und Zofen gelernte Estnisch. Da letzteres entfernt verwandt mit den mongolischen Sprachen ist, dürfte ihm dieses zusammen mit dem vielsprachigen Aufwachsen beim späteren Erwerb des Mongolischen geholfen haben. Wenn er auch auf den erhaltenen Fotos seiner frühen Jugend mit seinem lockigen blonden Haaren und den klaren blauen Augen den Eindruck eines liebenswerten unschuldigen Geschöpfs mache, so sei er dennoch, von den wenigen erhaltenen Bruchstücken her, ein äußerst ungestümes und impulsives Kind gewesen. Einer der Nachbarn habe z. B. eine zahme Eule gehabt, die der Zwölfjährige grundlos zu erwürgen versucht habe. In diesem Zusammenhang weist James Palmer darauf hin, dass auf der schönen Insel Hiimaa (Dagö), wo der junge Robert mit seinen Verwandten Urlaub gemacht habe und die Ungern damals schon 200 Jahre Besitz gehabt hätten, noch die Erinnerung an dessen Ururgroßvater Otto umgehe, der als gemeiner See- und Strandräuber einen schrecklichen Handel betrieben und mit gewalttätiger Lebensart täglich seine Bediensteten aufgestellt und ihnen je zehn Rutenhiebe, im Falle sie etwas getan hätten, womit sie es verdient hätten, verabreicht habe.

Wie Robert denn sich auch im häuslichen Bereich benommen haben mag, jedenfalls weiß James Palmer über dessen Verhalten im Nikolausgymnasium Schlimmes zu berichten: Ungern gefiel es gar nicht, unterrichtet zu werden. In der Zeit, als er dort zur Schule ging, war er ein starkwilliger heranwachsender Mann, groß und athletisch, nicht gewillt, sich an Schulregeln zu halten oder Lehrern zu gehorchen, die er als niedrig (untergeordnet) betrachtete. Er war natürlich intelligent, aber seine Noten waren miserabel. In seiner Klasse war er eigensinnig und gewalttätig. Zwar denke er nicht, dass er ein brutaler Kerl (Tyrann) als solcher gewesen ist, aber wie sein späteres Benehmen vermuten lässt, eher einer von jenen Schülern, vor denen sich sogar andere Brutale fürchteten, der Art und Weise, dass ungeschriebene Regeln der Kindheitsauseinandersetzungen verletzt werden, neben dem niemand sitzen wollte und dem nicht getraut werden konnte wegen Zirkeln und Scheren. Laut Freunden seiner Eltern, die im Exil in Paris interviewt wurden, war Robert für seine Mitschüler und Lehrer ein Gewalttätiger. Verschiedene Mütter von Schülern verboten ihren Söhnen, mit ihm zu sprechen. Er nahm Rache und machte es sich zur Gewohnheit, Schulbücher mitten in der Schulstunde aus dem Fenster zu werfen, ihnen nachzurennen und niemals zurückzukommen. Seine Lehrer wagten es zwar nicht, sich direkt zu beschweren, aber sie taten es diskret und Ungerns Mutter wurde somit gebeten, ihn von der Schule zu nehmen. Trotzdem stand seine Familie zu ihm. Denn sein Stiefvater Baron Hoyningen-Huene schrieb einen Brief an die Leitung der Marineakademie in St. Petersburg und bat, ihn dort aufzunehmen. Und er gab im Blick auf dessen zu erwartende Widersetzlichkeit auch die früheren Schulklassen-Protokolle bei. Resigniert fügte er hinzu, dass er sich verpflichte, wenn sie es für notwendig hielten, ihn wieder auszuweisen, diesen wieder unter seine Obhut zu nehmen. Es war klar, dass die Familie weiteren Ärger fürchtete. Die Akademie war mehr eine Schule für die höheren Klassen, voll mit Kindern des Adels des Landes. Aber Ungern vertrug sich nicht gut mit der militärischen Routine. Sein disziplinarisches Zeugnis zeigt beständige Scharmützel mit den Oberen. Zu seinen Verstößen gehörte z. B., von den Ferien mit langen Haaren zurückzukommen, im Bett und bei der Arbeit zu rauchen, mit seinen Klassenkameraden zu streiten, den Lehrern zu widersprechen, in der Kirche herumzustehen und die Gymnastik zu schwänzen. Als ihm gesagt wurde, dass seine Antwort in einer Prüfung der Marinearchitektur unklar sei, erwiderte er: „Oh, was für eine Schande!” Das war typisch für seine Humorauffassung im Erwachsenenalter, die auf brutalen Sarkasmus beschränkt blieb. Seiner Vergehen wegen in Arrest gesperrt, entzog er sich durch Flucht und stahl er sich aus der Küche sein Abendessen. Waren im ersten Jahr seine Noten noch passabel, so sanken sie im zweiten Jahr in ungeahnte Tiefen. Das Einzige, worin er sich immer auszeichnete, waren besondere körperliche Geschicklichkeitsübungen wie z. B. um Masten herumzumanöverieren oder oben am Mast zu stehen. Schließlich musste er erniedrigenderweise an der Seite von jüngeren Knaben lernen. Da er weiterhin lernmäßige Fortschritte wie Disziplin vermissen ließ, wurden seine Eltern schließlich von der St. Petersburger Marineakademie ersucht, ihn im Februar des Jahres 1905 herauszunehmen.

Weiterhin hauptsächlich James Palmer folgend, soll nunmehr der höchst abenteuerliche und bunte weitere Lebensgang kurzgefasst geschildert und schließlich zu Ende gebracht werden: Jetzt 19 Jahre alt und ohne Beschäftigung und Perspektive, fand er einen Ausweg, indem er sich freiwillig zur russischen Armee meldete und nach der Eroberung von Port Arthur durch die Japaner zunächst als einfacher Soldat im fernen Osten noch an den letzten Kampfhandlungen des Russisch-Japanischen Krieges teilnahm. Bis zum Ende dieses für Japan siegreichen Krieges mit Gewinnung der Vorherrschaft in der Mandschurei und in Korea im Herbst 1905 stieg Ungern dort zum Korporal auf. Jetzt gelang es ihm sogar, in die Pawlowsk-Militärakademie in Sankt Petersburg einzutreten, wo er erstmals mit dem Buddhismus und okkult-esoterischen Praktiken in Berührung gekommen sein soll, was sein Denken und Handeln entscheidend geprägt und letztlich zu seinem Untergang geführt haben dürfte. Obgleich protestantisch getauft und in diesem Geist aufzuziehen versucht, identifizierte sich Ungern voll und ganz mit dem russischen Zarenstaat, nahm somit zunächst den orthodoxen Glauben an und schloss jetzt sogar an der Militärakademie eine Kavallerie-Ausbildung mit mittelmäßigem Erfolg ab. Seinen anschließend erlangten Posten im 1. Argunregiment der Kosakenarmee Transbaikal in Daurien musste er jedoch aus ungeklärten Gründen (Duell in Trunkenheit mit einem anderen Offizier?) wieder verlassen. Und die nun folgende Verwendung im 1. Regiment der Kosakenarmee Amur gab er wegen Unzufriedenheit mit der Tatenlosigkeit Russlands im fernen Osten auf und erreichte seine Entlassung und Verlegung in die Reserve. Nach einer Reise zu Pferd durch die Mongolei gelang es ihm, in die Schutztruppe des russischen Konsulats im dortigen Kobdo als außerordentlicher Hauptmann aufgenommen zu werden. Da er als solcher wenige Pflichten hatte, nutzte er die Zeit, um u. a. die mongolische Sprache zu erlernen. Anfang 1914 verließ er die Mongolei jedoch, kehrte nach Reval zurück und lebte dort erwerbslos bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Durch diesen im Juli 1914 reaktiviert und einem Regiment aus Nerchinsk in Transbaikalien zugewiesen, war er am russischen Einmarsch in Ostpreußen und nach dem Stillstand der Fronten als Leiter von Erkundungsmisssionen vor und hinter der Front beteiligt und mit dem Georgskreuz der 4. Stufe ausgezeichnet worden. Bis zum Oktober 1916 kämpfte er dann in Polen und Galizien und wurde währenddem fünfmal verwundet. Trotz seiner draufgängerischen Tapferkeit und seines Mutes wurde er hauptsächlich seiner Unberechenbarkeit und seiner Disziplinlosigkeit wegen kaum befördert. Der zuständige General Wrangel notierte in seinen Memoiren, dass er davor zurückschrecke, von Ungern-Sternberg zu befördern. Schließlich bekam er wegen Beleidigung eines Adjudanten des russischen Gouverneurs von Czernowitz und gar Tätlichkeit zwei Monate Arrest. Nach Entlassung und kurzzeitiger Versetzung in die Reserve im Januar 1917 kehrte er bald darauf in den aktiven Dienst zurück und diente an der Kaukasusfront, wo er ohne Erfolg ein Regiment aus Einheimischen (Assyrern) aufzubauen suchte. Dort traf er den ihm schon vom Einsatz in Polen her bekannten jungen Kosakenoffizier GRIGORI MICHAILOWITSCH SEMJONOW, den er im März 1917 in den Osten begleitete, um unter den einheimischen Burjaten Freiwillige für den Krieg im Westen zu rekrutieren und dort eine lokale Militärpräsenz aufzubauen. Im Anschluss an die Oktoberrevolution 1817 bewies er sich zusammen mit Semjonow als unerbittlich-gnadenloser Gegner der Bolschewiki und Unterstützer der diese im nunmehrigen Bürgerkrieg bekämpfenden Weißen Armee in Sibirien unter Admiral Koltschak. Die fixe Idee der Weißarmisten war, in der südostsibirischen Stadt Tschita eine „Regierung der großen Mongolei” sowie im dortigen Umfeld eine Militärmacht aufzubauen, die den Bolschewismus beseitigen und aus der eine Mongolisch-Tibetisch-Burjatische Monarchie für ganz Asien erwachsen solle. Es gelang Ungern, sich in Richtung Osten bis hin bis zur Bahnstation Dauria in der nach dem Russisch-Japanischen Krieg seit dem Friedensschluss in einen nördlichen russischen und einen südlichen japanischen Einflussbereich unter chinesichen Hoheitsrechten geteilt gewesenen Mandschurei durchzuschlagen. Dort hatte Semjonow Stellung bezogen, um mit einer kleinen Freiwilligentruppe die 1.500 Mann starke russische Garnison Manjur zu entwaffnen, die sich gegen ihre Offiziere gestellt hatte. Dadurch verstärkt und zur „Speziellen Mandschurischen Division” erklärt, die den Anfang der angestrebten Militärmacht bilden sollte, konnten von diesem Stützpunkt aus größere russische Gebiete entlang der russisch-chinesischen Grenze besetzt werden, doch wegen der geringen Mannstärke zunächst nur vorübergehend. Somit beschränkte sich Ungern vorläufig darauf, mit Truppen mongolischer Barguten die restlichen russischen aufständischen Truppen in der Mandschurei zu entwaffnen und per Transsibirischer Eisenbahn nach dem Westen zu schicken. Da die Chinesen die Barguten aber als Aufständische betrachteten und Ungerns Machtzuwachs fürchteten, nahmen diese ihn und seine Truppen bei einem fingierten Festessen gefangen. Doch konnte Semjonow diese freipressen, indem er einen Panzerzug in chinesisches Territorium entsandte. Von März bis Juli 1918 versuchte die Spezielle Mandschurische Division erneut, russisches Gebiet zu besetzen, musste sich aber nach einer schweren durch die Rotarmisten zugefügten Niederlage bis tief in mandschurisches Gebiet zurückziehen. Jetzt unterstützt durch japanisches Geld und Waffen sowie durch die zarenfreundliche sog. Tschechoslowakische Legion, gelang es jedoch, ab August 1918 ganz Transbaikalien zu besetzen. Da die Japaner das Ziel hatten, einen fernöstlichen Vasallenstaat unter der Führung Semjonows zu etablieren, betrachteten die Führer der Weißen Armee die Kollaboration mit den Japanern als Hochverrat. Semjonow errichtete dort eine Schreckensherrschaft und ernannte sich im Frühjahr 1919 selbst zum Ataman (Obersten der Kosaken). Ungern-Sternberg erhielt das Kommando über den Ort Dauria und wurde von Semjonow darüber hinaus zum Generalmajor ernannt. In dieser Funktion ließ er eigenständig neue Truppen rekrutieren und ausbilden und parallel dazu ging eine Verrohung desselben und seiner Männer einher. Denn es kam häufig zum Schaden der Weißen Armee zur Plünderung umliegender Ortschaften und durchfahrender Züge der Transsibirischen Eisenbahn sowie zur Folterung und Ermordung von Zivilisten, insbesondere von Juden. Die Letztgenannten machte Ungern für die Oktoberrevolution und die Abdankung des Zaren sowie für den Bürgerkrieg verantwortlich. Seine irre Lehre war, dass die Rote Partei eine geheime Partei der Juden und schon vor 3.000 Jahren entstanden sei, um die Macht in allen Ländern zu erobern. Sein Judenhass hatte ihn sogar veranlasst, in seinem Namen das Adelsprädikat „von” zurück vor den jüdisch erscheinenden Zweitnamen „Sternberg” zu setzen, um so den Anschein jüdischer Abkunft zu entkräften. Obwohl zwischen den beiden Schreckensherren sich ein fortschreitendes Zerwürfnis entwickelte, insbesonders da Ungern sich zunehmend über Korruption, Verschwendungssucht und Judenfreundlichkeit Semjonows ärgerte, zeichnete der Letztgenannte ihn im März 1919 mit dem (bereits früher schon empfangenen) Georgskreuz 4. Klasse aus. Dies geschah vermutlich deshalb, weil Ungern sich um die vielen Kriegsgefangenen „kümmerte”. Denn mit der weiteren Eskalation des Bürgerkrieges nahmen beide Seiten von der bisherigen Gepflogenheit Abstand, entwaffnete Gefangene zurück ins Feindesland zu schicken. „Da Semjonows Truppen oft nicht wussten, was sie mit gefangenen Bolschewiken machen sollten, wurden diese oft in Züge gepfercht und in das Gebiet Ungerns gebracht. Dieser ließ den Großteil der Gefangenen beinahe unmittelbar darauf in der Umgebung Dauriens ermorden und häufig unbestattet liegen. Auch mit seinen eigenen Leuten ging er nicht besser um. Während der Jahre 1919 und 1920 zogen mehrere Typhus- und Choleraepidemien durch Sibirien. Ungern ließ Kranke, bei denen eine Genesung unwahrscheinlich erschien, augenblicklich erschießen, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.” Am 30. Juli 1919 (laut russischem Kalender) bzw. 12. August 1919 (laut deutschem Kalender) heiratete er überraschend in Harbin (Mandschurei/Amur-Provinz) die 1900 in Peking (China) geborene neunzehnjährige chinesische Adlige namens (so vor der Trauung russisch getauft) HELENE PAWLOWNA ZSI, die ihn jedoch nicht nach Daurien begleitete, sondern in Harbin blieb und von ihm regelmäßige Geldzuwendungen empfing. Als im Verlauf des Jahres 1920 die Lage der Weißen Truppen sich immer weiter verschlechterte und nach dem Tod von Admiral Koltschak Transbaikalien das letzte größere unter weißer Kontrolle stehende Gebiet darstellte, begann Ungern, sich nach einem Rückzugsort für sich und seine Truppen umzusehen. Dabei kam ihm zu Hilfe, dass im November 1919 chinesische Truppen unter dem Befehl von XU SHUZHENG unter dem Vorwand, diese vor den revolutionären russischen Truppen der Roten Armee schützen zu wollen, in die seit der Xinhai-Revolution von 1911 unter der Theokratie des mongolischen BOGDO GEGEN KHAN (kurz: BOGD KHAN) stehende und seit Sommer 1915 bereits unter Chinesischer Vorherrschaft befindliche Mongolei einmarschiert waren und somit der Vorgenannte Ungern und seine Truppen in einem Brief – wie natürlich auch alle Fürsten der Mongolei – um Hilfe bat. Da Xu Shuzheng die Theokratie abschaffte und die Macht der religiösen Eliten möglichst zu beschneiden versuchte, war dem Bogd Khan daran gelegen, Unterstützer für einen erneuten Umsturz zu seiner Rückkehr zu finden. Einen solchen fand er in Ungern, der sich jetzt vollends von Semjonow trennte, sich, neue Truppen aushebend, als selbständiger Kriegsherr (heute würde man sagen als „Warlord”) etablierte und am 15. August 1920 mit an die 1.500 Mann die mongolische Grenze überschritt und zunächst den kleinen Ort Aksha besetzte, bevor er weiter in die Mongolei zog und sein Gebiet in Transbaikalien aufgab. Seine Truppen wurden bald durch einige hundert Reiter verstärkt, die der 13. DALAI LAMA aus Tibet zur Unterstützung der Befreiung der Mongolei gesandt hatte. Ungerns Plan, den nahe bei der Hauptstadt Urga (heute Ulan Bator) gelegenen Ort mit dem meisten chinesischen Garnisonstruppen Maimaicheng einzunehmen, scheitere an der Unterzahl seiner aus einer bunten Mischung von Russen, Mongolen, Tataren, Burjaten, Koreanern und Japanern zusammengewürfelten Truppen und der guten Befestigung des Ortes. Sowohl der Angriff in der Nacht vom 26. Oktober als derjenige 5 Tage später wurde zurückgeschlagen. Da der Winter sich bereits ankündigte, beschloss Ungern, vor dem neuen Jahr keine Aktionen mehr zu wagen und zog seine Truppen in das etwa 250 Kilometer östlich von Urga gelegene Zam Kuren zurück. „Dort versorgten er und seine Truppe sich dadurch, dass sie umliegende Siedlungen und Klöster plünderten. Um die Disziplin aufrechtzuerhalten, führte Ungern einen strengen Strafkatalog ein, der für die kleinsten Vergehen harte körperliche Züchtigung oder Folter vorsah. Deserteure ließ er verfolgen und zu Tode hetzen.” An anderer Stelle ist das folgende Beispiel einer damals ersonnenen Strafe grausamster Form beschrieben, die Ungern als Sadist schlimmster Art erscheinen lässt: „Außer an Auspeitschen vergnügte sich der Adlige gern … an Folterungen, die mit Bäumen zu tun hatten. Eine solche Strafe bestand zum Beispiel darin, den Missetäter zu zwingen, auf einen hohen Baum zu steigen und dort die ganze Nacht zu bleiben. Diejenigen, die diese ‚akrobatische Farce’ nicht durchhielten und herunterfielen, brachen sich Arme und Beine und wurden erschossen, da sie nun nur noch überflüssige Esser wären.” Im Januar 1921 befahl er mehrere Angriffe auf die Hauptstadt Urga, die aber unter hohen Verlusten scheiterten. Im Februar gelang es ihm denn doch, diese Stadt einzunehmen. „ … Ungern-Sternberg … glaubte, dass die Monarchie das einzige Regierungssystem sei, welches die westliche Zivilisation vor Korruption und Selbstzerstörung schützen könne. Er wollte die Qing-Dynastie in China wieder etablieren und die fernöstlichen Nationen unter ihrer Herrschaft vereinen. Als fanatischer Antisemit proklamierte er in einem Manifest von 1918 seine Absicht, ‚alle Juden und Volkskommissare in Russland auszulöschen’ und Großfürst Michail Romanow, den jüngeren Bruder von Nikolaus II., auf den russischen Thron zu setzen. Wegen der Wirren des Ersten Weltkriegs flohen viele Juden aus dem Westen Russlands, wo sie vor dem Krieg gezwungen worden waren, sich niederzulassen, nach Osten. Die Truppen von Ungern-Sternberg jedoch ermordeten alle Juden, derer sie habhaft werden konnten, häufig auf grausame Weise.” Ungern selbst lässt sich diesbezüglich folgendermaßen aus: „Im Land fernöstlich des Baikalsees versuchte ich, den Orden des militanten Buddhismus zu gründen, um einen gnadenlosen Kampf gegen die Verderbtheit der Revolution zu führen … Wozu? Zum Schutz der Entwicklung der Humanität … , denn ich bin überzeugt, dass diese Entwicklung zur Göttlichkeit führt und die Revolution zur Bestialität.” Und bei solch irrsinnig klingenden Zielsetzungen, wundert es nicht, was nach der Eroberung von Urga vor sich ging: „Am 13. März 1921 wurde in der Mongolei eine unabhängige Monarchie ausgerufen, mit von Ungern-Sternberg als alleinigem Herrscher. Der achte Jebtsundamba Khutukhtu (+ 1924), geistliches Oberhaupt der Mongolei, bekannt als Bogd Khan, wurde durch Ungern-Sternberg nominell auf den Thron gebracht.” Siehe dazu die nachstehende

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  • Abb. X 2: Der Bogdo Gegen Khan (1869 – 1924), das 1911 eingesetzte, doch nach der Beseitigung dessen Theokratie nach der Übernahme der Vorherrschaft 1915 und schließlich Besetzung 1917 durch China verdrängte und 1921 durch die Truppen von Roman Ungern von Sternberg wieder religiöse Oberhaupt der dem buddhistischen Lamaismus huldigenden (äußeren) Mongolei.

„Der Khutugthu identifizierte ihn im Gegenzug als Inkarnation der zornigen Schutzgottheit Jamsarang (tib. Begtse). Ungern-Sternberg war fasziniert von fernöstlichen Religionen wie dem Buddhismnus. Seine Philosophie war eine wirre Mischung von russischem Nationalismus mit chinesischen und mongolischen Glaubenssystemen. Im Alltag war seine kurze Regentschaft vor allem durch Morde und Plünderungen seiner Armee geprägt. Opfer waren neben Juden auch Russen, die nicht politisch mit ihm übereinstimmten. Die Terrorherrschaft seiner Armee, Requirierungen und Zwangsaushebungen kosteten ihn auch unter den Mongolen, die ihn zunächst als Befreier von den Chinesen angesehen hatten, schnell alle Sympathien.” Das zu erwartende rasche Ende dieses von seinen Gegnern während des russischen Bürgerkrieges treffend mit einer Palette von Beinamen wie „Roter Baron”, „Blut(durst)iger Baron” „Weißer Baron”, „Schwarzer Baron” belegten ideologischen an die Grenze der Geisteskrankheit gelangten Spintisierers bis paranoiden Narzisten nach noch nicht einem halben Jahr als Gewaltherrscher über die Mongolei ist in der mehrfach zitierten Abhandlung unter der Unterüberschrift „Niederlage und Tod” in Kurzform so beschrieben: „Der Baron versuchte im Mai, in Burjatien sowjetisches Territorium anzugreifen. Nach anfänglichen Erfolgen im Mai und Juni wurde er aber in einer Gegenoffensive geschlagen. In der Zwischenzeit hatten Anfang Juli Verbände der neuaufgestellten Mongolischen Revolutionären Volksarmee (unter Damdin Süchbaatar) und sowjetrussische Verbände Urga besetzt. Ungern-Sternbergs Leute lieferten ihn am 21. August 1921 an die Rote Armee aus. Ein militärisches Eiltribunal durch eine Tscheka-Troika verurteilte ihn zum Tode, und er wurde in Nowonikolajewsk (heute Nowosibirsk) erschossen. Angeblich soll er vor seinem Tod noch eine Medaille des St.-Georgs-Ordens heruntergeschluckt haben, um zu verhindern, dass sie in gotteslästerliche kommunistische Hände falle.”

Als Abschluss der Schilderung dieses außergewöhnlichen Lebens seien noch angefügt die

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  • Abb. X 3a, X 3b, X 3c, X 3d, X 3e: Robert von Ungern-Sternberg als Kind um ca. 1890, daneben 1907 als Offiziersanwärter der Pawlowsk-Militärakademie in Sankt Petersburg, darunter 1913 als außerordentlicher Hauptmann in der Schutztruppe des russischen Konsulats in Kobdo (Mongolei), daneben im Ersten Weltkrieg als mit dem Georgskreuz vierter Klasse ausgezeichneter russischer Offizier sowie unten 1921 als Generalmajor der Weißen Armee mit dem Georgskreuz auf der Brust in einer Uniform, die zaristische und mongolische Elemente vereint.

Es blieb nicht aus, dass das unter einem bösen Stern gestandene Leben von BARON NIKOLAUS ROBERT MAXIMILIAN UNGERN VON STERNBERG oder NIKOLAI ROMAN FJODOROWITSCH UNGERN VON STERNBERG, wie er sich später hieß, immer wieder deutsche und auch nichtdeutsche Schriftsteller zu schildern und Ideologen insbesondere rechter bis rechtester Couleur sein Ideengut zu interpretieren und zu übernehmen angeregt hat und offenbar in der Gegenwart im Gefolge der Globalisierung und Weltfinanz- sowie Eurokrise verstärkt beschäftigt. Dieses alles geht aus der nachstehenden chronologischen Zusammenstellung der Vielzahl der sich mit dem Leben und dem Gedankengut desselben sich befassenden Schriftgut hervor, dessen Entstehungszeit den gesamten Zeitraum ab den Jahren nach seinem Tod bis zur Gegenwart umfasst. Jedem einzelnen der angeführten Titel wird hier in der Regel eine kurze Interpretation beigegeben, woraus sich eine Art Wirkungsgeschichte des Ungern-Sternbergschen Indeengutes und Lebens ergibt:

  • 1922/23/24//2006/2008: Ferdynand Antoni Ossendowski (Ferdinand Ossendowski, 1876 – 1945): Beasts, Men and Gods (englischer Originaltitel) bzw. Tiere, Menschen und Götter, 1923 und 1924, Strange Verlag; neu aufgelegt 2006 bei Georg Langenbrink GmbH & Co. und 2008 bei Baker & Taylor.- Der polnische Autor und Globetrotter war Schriftsteller, Journalist und Universitätsprofessor im russischen Omsk gewesen. Es wird dessen Flucht aus dem revolutionären Russland vor den Bolschewiki der Jahre 1921/22 nach Tibet und in die Mongolei und dabei auch dessen Begegnung mit dem Baron Ungern von Sternberg und seinen politisch-weltanschaulichen Ideen beschrieben. Der Autor berichtet, was er von den Lamas und Herrschern Zentralasiens über die Existenz eines geheimnisvollen Kräftzentrums und mythologischen Ortes namens Agartha gehört haben will, bei dem es sich um den Sitz des „Königs der Welt” handeln sollte. Indem die Beschreibung der ungewöhnlichen Persönlichkeit des kurz zum Herrscher der Monogolei aufgestiegenen Barons, um den in Asien beinahe schon der Mythos eines Erretters rankte, diesem mythologischen Ort vorangestellt ist, wird dieser unwillkürlich in den Bannkreis dieser Lehre gerückt. Das Buch wurde in der Weimarer Republik unmittelbar nach seinem Erscheinen zu einem Weltbestseller. „In den Zwanzigerjahren beeinflusste diese baltische Reinkarnation des Dschingis Khan stark die deutsche Rechte … .”
  • 1938/1944/2011: Bernd Krauthoff: Ich befehle! Kampf und Tragödie des Barons Ungern-Sternberg, 1938, Bremen (Carl Schünemann); Zweitauflage 1944; Neuauflage in „Freikorps 02” Juni 2011.- Diese romantisierte Biographie soll auf Zeugenberichten des Jessaul (Kosaken-Hauptmanns) Mekejew, des Artilleriekommandanten Ungern-Sternbergs, basieren, die unter dem Titel „Bog vojni Baron Ungern” (Der Kriegsgott Baron Ungern) 1926 in Shanghai erschienen sein sollen. Das kritische Urteil von Eric von Grawert-May ist, dass Ungern-Sternberg in diesem Roman „sogar zum heldenhaften Vorläufer des Führers auserkoren … vor allem auch wegen seines Antisemitismus” worden sei.
  • 1958: Vladimir Pozner: Der weiße Baron; Verlag Volk und Welt Berlin (DDR), 1958. Der französische Schriftsteller und Journalist russischer Herkunft (1905 – 1992), der nach dem Zweiten Weltkrieg kurz auch mit Bertholt Brecht zusammenarbeitete und in seinen Werken gegen den Faschismus Stellung bezog, hat Ungern-Sternbergs Leben ebenfalls als romanhafte Biografie – und zwar aus der Sicht sozialistischen Ideengutes – dargestellt.
  • 1973/1987/1997: Jean Mabire: Ungern, le baron fou, Paris, Balland, 1973; Korrigierte Wiederauflage unter dem Titel: Ungern, le dieu de la guerre; Art de Histoire d’Europe, 1987; Wiederauflage unter dem Titel: Ungern, l’héritier blanc de Genghis Khan; Veilleur de proue, 1997.- Der Militärschriftsteller Jean Mabire (1927 – 2006) gehörte dem neofaschistischen Spektrum an.
  • 2001: Nick Middleton: The Bloody Baron: Wicked Dictator Of The East, London, Short Books, 2001.
  • 2007: Markus Fernbach (Herausgeber und Autor): Baron Ungern-Sternberg – der letzte Kriegsgott; Straelen, Regin-Verlag, Junges Forum, Die neue Ausgabe Nr. 7, 2007.- Es handelt sich um eine Folge von Beiträgen eines internationalen Autoren-Teams – und zwar:
    Julius Evola: Der blutrünstige Baron
    Alexander Dugin: Der Gott des Krieges
    Claudio Mutti: Der Eurasist zu Pferd
    W. Greiner: Unbeugsamer Wille und Unerschrockenheit
    Reinhold Konrad Mutschler: Der weiße Dschingis Khan
    Arsenij Nemeslow: Ballade über einen dragurischen Baron
    York Freitag: Eruption literarischer Freiheit
    Theophile von Bodisco: Ein Mensch der Zukunft
    Roman Ungern-Sternberg: Befehl Nr. 15
    Markus Fernbach: Der Baron zwischen Kommerz, Konsum und Kultur.
    Wie der neue Herausgeber der 2004 im jungen (in Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Freundeskreis Eurasien” stehenden) Regin-Verlag Markus Fernbach nach vierjähriger Pause wiedereröffneten Schriftenreihe „Junges Forum” betont, will er in dieser „weiterhin die Idee des Reiches Europa, das Europas der 100 Fahnen, der Regionen und Traditionen vertreten”. Damit bleibt er dem Denkkanon der früher hinter dieser gestandenen – von korporativistischen und volksgemeinschaftlichen Sozial- und Ordnungsvorstellungen beherrschten – „Neuen Rechten” treu. Nach Fernbach ist Ungern von Sternberg der erste Verfechter der sog. „eurasischen Idee” gewesen, die immer wieder als mutmaßlicher Lösungsansatz für gegenwärtige Probleme ins Spiel gebracht und die z. B., um nur auf einen der neun Coautoren des Heftes hinzuweisen, führend vom russischen Vordenker Putins, dem Politiker, Politologen, Traditionalisten und Publizisten sowie Vorsitzenden der sog. „Internationalen Eurasischen Bewegung” Alexander Dugin (geb. am 7. Januar 1962 in Moskau), vertreten wird und als „eine Bewegung, die sich einem geopolitischen Reich verpflichtet fühlt … , das im Gegensatz zur Europäischen Union, nicht der Religion, sondern dem Materialismus feindlich gegenübersteht, der heute am eklatantesten durch die materialistische Weltmacht, die USA verkörpert ist.” Auf gleichem Boden steht der in der obigen Autorenreihe an dritter Stelle zu findende Claudio Mutti (geb. 1946), der in Parma Geschichte, Geografie und alte Sprachen lehrt und als National Director von „Young Europe” fungiert. Zwar kommen in dieser Aufsatzfolge mancherlei interessante Fakten über Herkunft, Leben, Denken und Handeln des „verrückten Barons” zum Vorschein. Wenn jedoch mehrfach in den nicht wenigen Internet-Rezensionen von einer Truppe Ungerns in Höhe von 150.000 (statt in Wirklichkeit zunächst nur cirka 1.500, später etwas mehr als 5.000!) Mann die Rede ist oder auf einen Aufsatz des Geschichtsphilosophen und Kulturhistorikers Oswald Spengler des Jahres 1924 hingewiesen wird, der darüber spekuliert habe, „wie das ‚Bild Asiens aussehen könnte, wäre der Baron nicht einem Anschlag der Bolschewiken zum Opfer gefallen”, so wird die ungerechtfertigte Hochstilisierung und gar Verherrlichung Ungerns zum (um die Schlagzeile einer der Rezensionen zu gebrauchen) „ermordeten Hoffnungsträger” in diesem Heft deutlich. Und der in dieser Schriftenreihe an erster Stelle zu findende, aus der Versenkung hervorgeholte, italienische Kulturphilosoph, Kulturpessimist und Esoteriker Julius Evola (1898 – 1974) ist als ein metaphysischer Rassentheoretiker und „Ideengeber einerseits für den rechtextremen italienischen Untergrund, andererseits beginnend in den 1980er Jahren für die metapolitische gesamteuropäische Rechte” zu sehen. Auf weitere Besprechungen von zwei durch die Wortführer dieser Reihe in deren Gefolge aufgeführten Schriften, die auf Ungern-Sternberg bezogen sind, soll verzichtet werden, da diese ebenfalls extrem rechtslastig erscheinen:
  • 1940/2012: Mario Appelius: La cosacca del barone von Ungern (erstmals erschienen 1940, neu aufgelegt in der Erotik-Reihe Le librette di controra 2012), 60 Seiten;
  • 2006: Érik Sablé: „Qui suis-je?” Ungern (Pardès 2006), 128 Seiten.

Genannt werden soll jedoch auch eine Verarbeitung des Lebens des Ungern-Sternberg (zusammen mit dem zweier anderer grausamer Gestalten des fernen Ostens, nämlich des Michailowitsch Semjonow und dessen sowie Ungern-Sternbergs roten Gegenspielers Sukhe Bator) der Science-Fiction-Literatur durch den italienischen Comiczeichner und Erfinder des Comic-Helden Corto Maltese:

  • 1984/2001/2002: Hugo Pratt: Corto Maltese in Sibirien (erschienen in der Comic-Art-Reihe Corto Maltese Nr. 6, 1984; Neuaufllage mit geändertem Titelbild 2001).- Dieses Album wurde 2002 von Pascal Morelli als 92-minütiger Zeichentrickfilm in englischer und deutscher Version unter dem nachgenannten Titel verfilmt: Corto Maltese: La cour secrète des Arcances.
  • Zeitpunkt des Ersterscheinens nicht ausmittelbar: Frank Westerfelder: Ungern-Sternberg. Der blutige Baron und sein Reich in der Mongolei, 4-seitiger Text aus der Internet-Reihe „kriegsreisende.de – Das e-zine mit der Sozialgeschichte der Söldner und Abenteurer”.- Dieser mit einigen dokumentarischen Fotos belebte und durchaus als fundiert zu betrachtende Text beginnt mit dem folgenden durch die Einordnung dessen untatenschwangerer Persönlichkeit in den Gang der russischen Revolution verständnisstützenden Satz: „Unter all den grausamen und perversen Gestalten, die der russische Bürgerkrieg in nicht geringer Zahl hervorbrachte, nimmt Baron Ungern-Sternberg sicher eine finstere Spitzenposition ein.”

Breiteres internationales Aufsehen verursachte das tragend für diese vorstehender Lebensbeschreibung verwendete Werk von:2008: James Palmer: The Bloody White Baron: The Extraordinary Story of the Russian Nobleman Who Became the Last Khan of Mongolia, London, Faber & Faber. Siehe dazu:

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  • Abb. X 4: Die vordere Umschlagseite der vorgenannten in London 2008 ersterschienenen Lebensbeschreibung des Robert von Ungern-Sternberg alias Roman Ungern von Sternberg von James Palmer.

Deren deutsche Ausgabe trägt den folgenden Titel: James Palmer: Der blutige weiße Baron: Die Geschichte eines Adligen, der zum letzten Khan der Mongolei wurde aus dem Englischen von Nora Matocza und Gerhard Falkner; Eichborn (Die andere Bibliothek), Frankfiurt a. M., 2010.- Diese Biografie des in Peking lebenden Reiseschriftstellers James Palmer, der den Handlungsträger mehrfach als „geistesgestört” bezeichnet und auf dessen Darstellung großteils auch die obige Lebensdarstellung Ungern-Sternbergs basiert, fand allgemeine Anerkennung. Dies spiegelt sich vor allem auch in den nachfolgend genannten drei gewichtigen Rezensionen wider:
-a. Telegraph Media Group Limited: Baron Ungern-Sternberg, meteoric nutter. Simon Sebac Montefiore reviews The Bloody White Baron by James Palmer, AM GMT 23. März 2008.- Obgleich der Autor kritisiert, dass bei Palmer oft der Reiseschriftsteller und nicht der Biograf spricht sowie wegen Materialmangels fragwürdige Interpretationen insbesondere bezüglich des jungen Ungern erfolgen, stellt er als besonders positiv die Erschließung neuer Quellen (so die Memoiren des Arztes von Ungern) heraus und schließt seine Betrachtungen folgendermaßen: „Dennoch liefert Palmer mit seinem speziellen Wissen über die Mongolei und die Begeisterung für Ungers Mischung aus Wahnsinn, Politik und Krieg eine spannende Biografie, welche die Verbrechen und Eroberungen dieses Monsters zwingend, bunt und mit filmischem Geschmack erzählt.”
-b. The New York Times/Sunday Book Review: Mongolia and the Madman. By Jason Goodwin, Published: February 20, 2009.- Dort heißt es: „ ‚Der blutige weiße Baron’ so außergewöhnlich ist Palmers hellsichtige Gelehrsamkeit, seine Fähigkeit, den Mahlstrom eines vergessenen Krieges vollendet sichtbar zu machen. Dies ist ein brillantes Buch … .”
-c. Deutschland-Radio Kultur: Der Diktator Ungern von Sternberg. James Palmer: „Der blutige weiße Baron”. Rezensiert von Erik von Grawert-May, Sendung am 03. 04. 2011.- Dazu wurden unter LESART Textteile wiedergegeben, von denen in der obigen Lebensdarstellung bereits zwei zitiert worden sind. Abschließend seien hier noch drei weitere vom Reszensenten bei Palmer entnommene aufschlussreiche kurze Passagen aufgeführt: „Er hatte gekämpft, das Reich zu retten, in dem er aufgewachsen war, aber das war fast unwiderruflich dahin. Russlands Seele war an die Bolschewiken verloren. Ein neues Reich musste gegründet werden und das Modell dafür sah er in dem Reich des Dschingis Khans, das sich einst ‚vom Amur bis ans Kaspische Meer’ erstreckt hatte.” (S. 169). – „Ein Staat könne ebenso wenig ohne König auskommen, wie ‚die Erde ohne Himmel’. Ohne Monarchen werde die apokalyptische Endzeit kommmen …” (S. 233). – „Ungern-Sternberg schrieb selten von ‚Gott’, wenn er sich über die Monarchie ausließ, sondern bevorzugte stattdessen den ökumenischen Ausdruck ‚Himmel’, der den ostasiatischen Vorstellungen einer mehr allgemeinen göttlichen Autorität sicherlich näher kam.” (S. 235).

  • ????/2001/2005: Leonid Abramowitch Jusefowitch: Der Baron Ungern, der Selbstherrscher der Wüste (in russischer Sprache), 2. Auflage; das Jahr des Erscheinens der russischen 1. Auflage ist nicht bekannt. Die 2001 erschienene französische Ausgabe trägt den folgenden etwas veränderten Titel „Léonid Youzéfovitch, Le baron Ungern Khan des steppes”. Die deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 2005 unter dem folgenden Titel: Leonid Jusefowitsch, Der mongolische Fürst: Iwan Putilin ermittelt; (Dokumentarischer) Roman; aus dem Russischen von Alfred Frank, München, Taschenbuch im Goldmann Verlag. Näheres über diese Buchschöpfung und ihren Autor, der sich in dieser sowohl als Kriminalschriftsteller wie auch als Geschichtsprofessor beweist, wird im Zusammenhang mit der im Fortgang erfolgenden Berichterstattung über eine ausgangs 2011 in Berlin Roman von Ungern-Sternberg, wie er dort genannt ist, gegoltenen Veranstaltung zu berichten sein.

Die Umschlagbilder mit Titel der deutschen und französischen Ausgabe des vorgenannten russischen Autors Leonid Abramowitch Jusefowitch erscheinen rechtsoben in der nunmehr abschließend gezeigten kleinen Auswahl aus der Menge der dem „Blutigen weißen Baron” geltenden und über nunmehr fast ein Jahrhundert hinweg reichenden Veröffentlichungen unterschiedlichster Wertschätzung:

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  • Abb. X 5: Eine Anzahl von Beispielen der in der Internetwerbung angebotenen Bücher bzw. Broschüren, die auf das ungewöhnliche Leben des Barons Robert von Ungern-Sternberg alias Roman Ungern von Sternberg (1885 – 1921) gerichtet sind und von denen jeweils die vordere Umschlagseite (mit dem dazugegebenen Erscheinungsjahr) dargeboten ist.

Hauptsächlich auf dem in der vorgenannten Autoren-Reihe an letzter Stelle aufgeführten russischen großen dokumentarischen Roman des Leonid Abramowitsch Jusefowitsch, dazu auf den Moskauer Historiker Sergei Kuzmin, der sämtliche Archivdokumente zur Geschichte des Ungern-Sternberg veröffentlicht hat, sowie auf Memoiren von russischen Zeitgenossen desselben stützt sich das nachgenannte Hörspiel, auf intensiven Recherchen insbesondere durch die Erschließung der vorgenannten bislang unbekannten russischen Quellen fußt:

  • 2011: Deutschland-Radio Kultur – Hörspiel-Produktion zusammen mit dem Südwestfunk unter der Regie von Mario Bandi: Dschingis Khan für ein halbes Jahr. Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe (gesendet im Deutschlandfunk am 16. September 2011 sowie auch im Südwestfunk).- Die Recherchen zu dieser Sendung wurden durch das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung ermöglicht. Der im Internet zu findende 28-seitige Autorentext stammt von Bernd Reheuser. In diesen sind auch einige wenige Anmerkungen zur Familiengeschichte bzw. der Auslegung der Persönlichkeit Ungern-Sternbergs durch Oswald Spengler von Seiten eines Familiengliedes der Ungern-Sternberg der Gegenwart, nämlich des 2007 emeritierten Professors für alte Geschichte an der Universität Basel JÜRGEN VON UNGERN-STERNBERG VON PÜRKEL (geb. 1940 in Schneidemühl), eingebracht. Als Kostprobe sei hier das im Ausklang des Hörspiels konkret geschilderte tragische Ende der halbjährigen Terrorherrschaft des Barons in der (Äußeren) Mongolei wiedergegeben:

„Autor: Geschickt und punktuell erfolgreich begann Ungern im Gebiet um den Baikalsee einen Partisanenkrieg gegen die Rote Armee. Doch der führte nicht zu einem gesamtrussischern Volksaufstand. … Dann kam die Nachricht, dass die Rotarmisten und die mongolischen Kommunisten mit Sukhee-Baatar an der Spitze das ungeschützt gebliebene Urga eingenommen hatten. Roman Ungern zog sich zurück, schwieg und schmiedete neue Pläne. Seine Offiziere dagegen strebten nach Harbin, in die Mandschurei, sie hatten begriffen, dass sie nur Kanonenfutter für ihren Anführer waren, der mit der Zeit alles Menschliche verloren zu haben schien. Das Gerücht, dass der Baron nun nach Tibet gehen wollte, um seine Armee dem Dalai-Lama zur Verfügung zu stellen und von dort den asiatischen Staat aufzubauen, löste einen Aufstand unter seinen Leuten aus.- Ungern floh zu seinen geliebten treuen Mongolen, in das Regiment des Fürsten Sunduj-Gun und besiegelte damit am 21. August 1921 sein Schicksal.- Erzähler: Fürst Sunduj-Gun kam zum Baron und fragte nach Streichhölzern. Der Baron ließ die Zügel los und suchte in den Taschen seines Mantels. Der Mongole riss geschickt den Baron vom Pferd, es kamen andere angerannt und nahmen ihn fest, seine Hände und Beine waren mit Lederriemen gebunden. Dann stellten sie ein Zelt auf, brachten ihren Oberbefehlshaber hinein, vor dem sie immer noch unbändige Angst hatten, ließen ihn dort liegen und verschwanden.- Morgens stieß eine russische Partisanenstreife auf das einsame Zelt. Vorsichtig sahen sie hinein: ‚Wer sind Sie, Genosse?’ – Autor: Sie konnten erst nicht glauben, dass vor ihnen hilflos der Baron, der große Recke, der General-Heerführer Dschan-Dschin Roman Ungern von Sternberg liegt. Der gefürchtete Kriegsgott, eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen. Ein Offizier, dem es gelungen ist, in die Geschichte der Mongolen einzugehen … .“

Da Roman Ungern von Sternberg eine schicksalsbestimmende Rolle in der jüngeren Geschichte der (Äußeren) Mongolei und damit jenem Land gespielt hat, aus dem vor acht Jahrhunderten der legendäre Gründer und Beherrscher des gewaltigsten Imperiums der Geschichte Dschingis Khan in das christliche Abendland mit seinen Reiterhorden eingebrochen ist, findet dessen legendenumwobene dämonische Gestalt trotz der dort verursachten blutigen Exzesse in der heutigen demokratisch geführten Mongolischen Volksrepublik Beachtung und sogar eine partiell-positive Bewertung. Im Ausklang dieses Hörspiels kommt der letztgenannte Umstand in der Aussage des Mongolen Nergui zum Ausdruck: „Nur dank dem Baron Ungern ist die Mongolei zu einem europäisch gesinnten Land geworden. Wenn er uns nicht befreit hätte, wären wir China unterlegen und dessen Bestandteil geblieben, wie die Innere Mongolei.” Die Beschäftigung der Mongolei mit Roman Ungern von Sternberg lässt sich auch schließen aus der nachfolgend dokumentierten Veranstaltung im ausgehenden Jahr 2011 in Berlin:

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  • Abb. X 6: Einladung zu einer vor Weihnachten 2011 im Atelier ZURAG Galerie – Mongolei-Kultur-Kunstzentrum in Berlin in Kooperation zwischen der Botschaft der Mongolei in der Bundesrepublik Deutschland, der Robert-Bosch-Stiftung, dem Deutschlandfunk, AVINTHFILM BERLIN und dem vorgenannten Atelier unter dem Titel „Baron Roman von Ungern-Sternberg und die MONGOLEI” ausgerichteten Veranstaltung mit angeschlossenem fünfteiligem Programm.

Über den Ablauf des vorstehend entnehmbaren Programms berichtet ein im Internet unter dem Titel „Wahrheit und Mythos über den Baron Roman von Ungern-Sternberg” mit einer Reihe von Fotos versehener aufschlussreicher Bericht von Brit Beneke, der hier ungekürzt wiedergegeben und mit dem die diesem ungewöhnlich breiten Raum eingeräumte Thematik abgeschlossen werden soll: „Im Mongolei Kultur Kunst Zentrum ZURAG in Berlin trafen sich am Sonnabend, dem 17. 12. 11, Mongolei- und Geschichtsinteressierte, um über die umstrittene Person Baron Roman von Ungern-Sternberg zu diskutieren. Dass er eine wesentliche Rolle in der jüngeren Geschichte der Mongolei gespielt hatte, ist unverkennbar. Nur fällt eine genaue Bewertung seines Wirkens schwer, da die Quellenlage äußerst dünn und hingegen die Mythenbildung um ihn herum stark ausgeprägt ist.- 1921 gelang es mit seiner militärischen Hilfe, die chinesischen Besatzer aus der Stadt Urga zu vertreiben und den Bogd Khan wieder zu inthronisieren. Im Hintergrund behielt Roman von Ungern-Sternberg die Fäden in der Hand. Seine ‚Herrschaft’ zeichnete sich durch Brutalität, Verhaftungen und Erschießungen aus. Als Weißgardist in der Mongolei, zog er den innerrussischen Konflikt in dieses Land. Die Rote Armee marschierte im Juni 1921 in Urga ein. Ungern-Sternberg wurde von seinen eigenen mongolischen Leuten gefangen genommen und ausgeliefert, in Novosibirsk vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.- An dem Abend in der ZURAG Galerie stellte der Rundfunkautor Mario Bandi sein Radiofeature ‚Dschingis Khan für ein halbes Jahr. Baron Ungern von Sternberg, Herrscher der Großen Steppe’ vor. Bei seinen Recherchen fing Mario Bandi Erinnerungen an Ungern-Sternberg in der heutigen mongolischen Bevölkerung ein. Sein Feature vermittelt die komplexen Abläufe der damaligen Geschehnisse ohne ins Reißerische zu verfallen.- Dr. Veronika Kapisaovskà von der Universität Prag trug Passagen aus ihrer Forschungsarbeit vor. Sie untersucht Überlieferungen von Ungern-Sternberg. Dabei stieß sie neben Romanen auf Lieder, die in der mongolischen Bevölkerung Verbreitung fanden und Bezug auf das Wirken des Barons nahmen.- Ein entfernter Verwandter des Barons ist der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg aus Basel, der ebenfalls auf dem Podium saß. Er stellte den Anwesenden eine zusammengestellte Biobliografie zur Verfügung, in der er alles auflistete, was mit dem Baron in Zusammenhang gebracht wurde. Das führt von Science-Fiction-Literatur, über Comics bis hin zu einem Computerspiel. Diese Sammlung vergegenwärtigt, wie sich aus einer geringen Faktenlage ein großer Mythos entwickeln kann und immerzu wiederholt wird.- Der Schriftsteller Leonid Jusefowitch aus Moskau hat einen Dokumentarroman über Ungern-Sternberg mit dem Titel ‚Selbstherrscher der Wüste’ geschrieben. Zum Umgang mit dem Mythos Ungern-Sternberg sagte er auf der Veranstaltung: ‚In meinem Buch habe ich versucht die Mythen mit der Wahrheit zu verbinden, weil ich der Ansicht bin, dass der Mythos auch ein Teil der Geschichte ist.’ Der Roman liegt zurzeit nur in Russisch und Französisch vor.- Leonid Jusefowitch bezeichnete den Baron als einen ‚Ideologen der Brutalität’.- Über das Wirken von Roman von Ungern-Sternberg wurde an diesem Abend ausführlich diskutiert. Fakt ist, dass in der Mongolei ein Bewertungswandel stattfindet. Während der Zeit bis 1990 wurde der Baron als Monarchieanhänger und mordender Antikommunist gesehen und verabscheut. In heutiger Zeit wird mehr sein Zutun bei der Bekämpfung der chinesischen Herrschaft in den Mittelpunkt gerückt. Doch stellte Jürgen von Ungern-Sternberg am Ende des Abends fest, dass eine solche Veranstaltung nicht dazu dienen sollte, den Baron von seinen schrecklichen Taten reinzuwaschen. Auch der Kulturattaché der Botschaft Mongolei, Ch. Batbileg, bekräftigte, dass jetzt vielmehr die Wahrheit interessiere als der Mythos.- Die mongolische Botschaft unterstützte diese Veranstaltung ebenso wie die Robert-Bosch-Stiftung.”

Es mag vom Inhaltlichen wie vom bis hin zum Beginn der 1920er Jahre ausgedehnten Zeitraum her vielleicht unpassend erscheinen, dem Leben des BARONS ROBERT VON UNGERN-STERNBERG alias ROMAN UNGERN VON STERNBERG hier so viel oder überhaupt Raum gegeben zu haben. Doch ist zu bedenken, dass dieser zum einen einer der Enkel des mit der Stadt Wimpfen der 1870er Jahre so eng verbundenen BARONS WILHELM VON WIMPFFEN gewesen ist und zum andern dessen erst 1925 in hohem Alter von 88 Jahren in Graz verstorbene Gattin und Großmutter des Robert bzw. Roman AMALIE (AMELIE) VON WIMPFFEN im Gegensatz zu deren bereits 1907 im Alter von nur 46 Jahren in Reval verstorbenen Tochter und Mutter des Robert SOPHIE VON HOYNINGEN-HUENE den unseligen Untergang dieses Enkels noch hat erfahren und ertragen müssen. Aus dem in den Kapiteln V und W dargelegten Brief ihres Sohnes MAX(IMILIAN) VON WIMPFFEN von 1912 geht hervor, dass Amalie von Wimpffen damals mit ihren 75 Jahren in Reval noch die Kinder ihrer verstorbenen Tochter Sophie betreut hat, womit aber nicht die zu dieser Zeit bereits 27 und 25 Jahre alten Söhne aus der ersten Ehe ROBERT und NIKLOLAUS VON UNGERN-STERNBERG, sondern deren drei alle in Reval geborenen jüngeren Kinder aus der zweiten Ehe mit OSKAR VON HOYNINGEN-HUENE (gest. 1918) namens HELENE WILHELMINE (geb. am 8. März 1895), ISABELLA MAGARETHA (geb. am 27. August 1897) und MAX HERMANN VON HOYNINGEN-HUENE (geb. am 8. September 1899) gemeint sind. Der Letztgenannte, d. h. das jüngste der drei Kinder aus der zweiten Ehe, war beim Tod der Mutter erst 8 Jahre und dessen Schwestern waren damals nicht mehr als 10 und 12 Jahre alt! Somit setzten sich Amalie von Wimpffens Enkelsorgen und Belastungen offenbar bis ins hohe Alter fort.

Ob sich in Wimpfen, als ausgangs September des Jahres 1909 bei einem der damaligen Besuche des Großherzogs ERNST LUDWIG VON HESSEN mit Gemahlin ELEONORE als deren Begleiter u. a. HOFMARSCHALL VON UNGERN-STERNBERG eingefunden hat, noch jemand an die 1880 und damit vor fast drei Jahrzehnten in Wimpfen für das Geschlecht derer Von Wimpffen stattgefundene ebenso aufsehenerregende wie folgenschwere Hochzeit der BARONESSE SOPHIE VON WIMPFFEN mit dem FREIHERREN THEODOR VON UNGERN-STERNBERG erinnert und gar die zwischen dem Vorgenannten und dem Besucher Wimpfens als Begleiter des großherzoglichen Paares sicherlich bestehenden verwandtschaftlichen Bande gekannt hat?

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Mit der nunmehr beendeten langen Betrachtung des bunt-tragischen Lebens des BARONS ROBERT VON UNGERN-STERNBERG alias ROMAN UNGERN VON STERNBERG kann die in Kapitel Q. Russisch-preußische Seitenlinie mit der Lebensbeschreibung des GEORG VON WIMPFFEN (1760 – 1807) begonnene und bis zu derjenigen dessen Urenkels WALDEMAR alias BISCHOF LEONTIJ (1872 – 1919) reichende sukzessive Betrachtung der Angehörigen der ersten Generation des von FRANÇOIS LOUIS DE bzw. FRANZ LUDWIG VON WIMPFFEN (1732 – 1800) begründeten sog. Franzens-Zweiges (siehe diese verzeichnet in der II. Stammtafel des Constantin von Wurzbachs in der durchgängigen grünen Generationslinie XIVc bzw. 12c, die zwölf Nachkommen umfasst ) als beendet gelten. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass innerhalb der zu diesem Zweck vorgenommenen systematischen Darlegung der Lebensläufe der sechs Söhne unter Einschluss auch der sechs Töchter des vorgenannten Zweiggründers  dessen Fünftältester namens DAGOBERT SIGISMUND VON WIMPFFEN (1782 – 1862) und dessen Gattin ANATOLIE VON CAUVIGNY (geb. 1738) nur am Rande – und zwar in Kapitel P. Zweiggründer Franz Ludwig – Beachtung finden.

Somit sollen diese abschließend eine (allerdings nur kurze) Erwähnung hauptsächlich auf der Basis von Wurzbachs Lebensbeschreibung Nr. 8 finden:
Geb. am 7. Februar 1782 auf der Bornburg bei Frankfurt a. M., gest. widersprüchlich laut Lebensbeschreibung von Wurzbach 1852, laut II. Stammtafel von Wurzbach jedoch 1862, zu Caën, laut Dr. Hans H. von Wimpffen ebenfalls – wohl richtigerweise – 1862 in Bavent/Normandie im Alter von 80 Jahren; Vermählung am 18. Dezember 1828 mit ANATOLIE DE CAUVIGNIY, geb. 1788; Ehe kinderlos geblieben. Wie der Zweit- und der Viertälteste seiner Brüder FRANZ KARL EUGEN (1762 – 1835)) und FÉLIX (1778 – 1814, richtigerweise 1813) blieb dieser lebenslang in den Diensten seines Heimatlandes Frankreich. Wie fast alle seine Brüder trat er früh in dessen Armee ein, wurde Offizier und machte eine beachtliche Militärkarriere. An den Feldzügen Napoleons teilnehmend, erkämpfte er sich in jenem gegen die Preußen 1807 das Kreuz der Ehrenlegion, nahm dann an den Feldzügen 1809 gegen Österreich und 1812 gegen Russland teil und wurde 1814 zum Major ernannt. Später, 1820, erscheint er als Oberst und 1822 als solcher im 7. französischen Chasseur-Regiment. 1823 soll ihm die Ernennung zum Kommandeur der Ehrenlegion zuteil geworden sein. 1834 wurde er zum Marchéchal de Camp befördert und zum Militärbefehlshaber des Départements Hautes-Pyrenées, später des Départements de l’Orne ernannt. Dieser sollte nicht mit seinem in den Kapiteln T. Württembergische Nebenlinie und W. Wilhelm von Wimpffen behandelten gleichnamigen Neffen der Württembergischen Nebenlinie DAGOBERT VON WIMPFFEN (1842 – 1881) verwechselt werden. Weiteres über diesen lässt sich in der Webseite von DR. HANS H. VON WIMPFFEN „wimpffen.hu bzw. „wimpffen.de“, Rubrik biographien, unter dem Titel „Dagobert Sigismond Laurent de Wimpffen” nachlesen.